Montag, 30. November 2015

Herbergssuche - Räume im Advent



Das Leben kommt mir manchmal vor wie eine ständige Herbergssuche. Ich wurde gezeugt und richtete mich im Bauch meiner Mutter ein. Meine Seele fand eine erste Herberge. Leider musste ich diese verlassen, die Hütte wurde zu klein für mich. Ich wurde verstoßen und bekam eine Wiege. Diese stand in einem kalten und viel zu großen Zimmer. Mir kam die erste Erinnerung hoch: Der Bauch deiner Mutter war am Anfang doch auch zugleich fremd und viel zu groß.
Dieses Spiel setzte sich fort. Kindergarten, Schule, eigene Wohnung, Universität. Immer war ich nur vorübergehend dort. Mal für ein paar Minuten, mal für ein paar Tage und auch mal für ein paar Jahre. Da gibt es das ständige Schwanken in mir. Darf ich bleiben? Wenn ja, wie lange? Ist es sicher hier? Dann richtest du dich ein, fühlst dich wohl und dann? Dann musst du wieder gehen. Immer, wenn es am Schönsten ist. Du musst damit klarkommen, ob du willst oder nicht.
Da fällt mir meine Seele ein. Auch sie wohnt in einer Herberge. Diese „Herberge“, mein Körper kommt mir  auch oft sehr fragil vor. Immer verlangt er nach Aufmerksamkeit. Er möchte geschützt werden vor Wärme und Kälte, vor Nässe und Trockenheit. Manchmal fühlt er sich wohl in seiner Haut, in seiner „Umhüllung“ und manchmal möchte er da einfach nur raus.
Mein Körper, eine Herberge für die Seele. Mein Körper hat die Aufgabe, die Seele zu beherbergen. Da steckt doch das Wort bergen und Geborgenheit drin. Die Seele sucht Geborgenheit und bekommt sie auch. Aber es ist nie so ganz sicher! Da gibt es die Krankheiten, die Ängste und Sorgen. Da gibt es die lebensbedrohlichen Zustände, wenn die Geborgenheit aufhört und die Unsicherheit beginnt. Der Anfang einer möglichen Panikattacke.
Es lohnt sich also, einmal genau hinzuschauen. Die Herbergen zu betrachten. Ich möchte es gerne mit dem Wort „Raum“ bedenken. Ein neutrales Wort. Jede Herberge ist zunächst einmal ein Raum mit Länge mal Breite mal Höhe. Der einfachste Raum ist geometrisch gesehen ein Würfel. Und damit fängt jetzt der Advent an.

Der Advent hat als Ziel auch einen Raum: Den Stall von Bethlehem. Auf den ersten Blick erscheint er eher nebensächlich. Dennoch ist es das Ziel einer Reise. Maria und Josef waren unterwegs. Sie gingen ihren eigenen Adventsweg. Maria war schwanger. Im Bauchraum barg sie das Kind. Ihr Ziel war Bethlehem, übersetzt: „Hausraum des Brotes“. In der Konkretisierung ein Stall oder der Legende nach auch eine Höhle. Da tauchen die ersten Misstöne schon auf! Ein zugiger Stall im „Haus des Brotes“! Da gibt es die Begegnung meiner Fragilität mit der Fragilität des göttlichen Kindes. Da kommen mir die Räume in den Sinn, die ich schon durchwandert habe. Räume der Geburt, Räume des Lebens, Räume des Sterbens und Räume des Abschiedes. Aber im Advent taucht da dieser Raum in Bethlehem auf. Im Gedicht „Stufen“ von Hermann Hesse heißt es in einer Zeile:

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
an keinem wie an einer Heimat hängen,

Mir gefällt die Idee, mit Hermann Hesse Raum um Raum zu durchschreiten und nach der Qualität des jeweiligen Ortes zu forschen. Ich lade dich ein, in den Tagen des Adventes mit mir den einen oder anderen Raum zu besuchen. Wir werden keinen Raum zur Heimat machen. Aber in jedem Raum wird es Hinweise geben, die für den Adventsweg hilfreich sein können. Die Wegweiser dazu werden wir im eigenen Sprachraum finden. In welchem Raum dürfen wir bleiben? Selbst der Stall in Bethlehem lädt nur zum Rasten und Ausruhen ein für eine kleine Weile. Betreten wir also neugierig morgen den ersten Raum.

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Samstag, 28. November 2015

Die Weisheit des Seiltänzers!


Von einem Seiltänzer hörte ich die Worte, die er Kindern beibringt, wenn sie auf das Seil wollen. "Schau dahin wo du hin willst! Wenn du auf den Boden schaust - willst du da hin!"
Den Gedanken fand ich interessant. Wenn ich mich auf das Seil stelle, dann muss ich das Ziel vor mir ins Auge fassen und mich darauf konzentrieren. Dann schleicht die Angst hoch und der Gedanke kommt: "Ich könnte fallen!" Ich schaue nach unten. Ich sehe den Abgrund und  - ich falle. Ich lenke also meine Gedanken vom Ziel vor mir um hin zum Ziel unter mir.
Auch, wenn ich mir sage, dass ich zum Boden nicht hin will - das Unterbewusstsein kann "nicht" ja nicht denken. Es denkt immer positiv. Wenn ich zum Boden schaue und nicht fallen will, programmiere ich mich auf das Fallen. Automatisch!
Der Seiltänzer ist also mit seiner ganzen Aufmerksamkeit auf das Ziel ausgerichtet, das vor ihm liegt. Wie gehst du um mit deinen Zielen? Bist du auf dein Ziel auch ausgerichtet? Mit wie viel Prozent deiner Energie und deiner Achtsamkeit? Lässt du es zu, dass sich "Absturzgedanken" einschleichen? Wenn du das zulässt, hast du schon verloren. Du verkrampfst auf dem Seil deines Lebens und du hörst auf zu tanzen.
Dein Leben gleicht einem ständigen Tanz. Du tanzt und unter dir lauert der Abgrund. Der Abgrund ist da, auch wenn du kein professioneller Seiltänzer bist. Du setzt dich ins Auto und fährst los. Du bewegst dich unter den vielen Autos auf der Autobahn. Kommt dir der Gedanke, dass du sterben könntest? Dass Autofahren total gefährlich ist? Dass du ein unglaubliches Risiko eingehst?
Und wenn du dein Gemüse isst? Weißt du zu hundert Prozent, dass es keine Pestizide enthält? Und wenn du liebst oder in einer Beziehung lebst. Kannst du dich wirklich und total darauf verlassen, dass deine Liebe erwidert wird?
Du tanzt und unter deinen Füßen lauert der Abgrund der Angst. Die Angst sagt dir ständig, dass das Leben nicht sicher ist. Überhaupt nicht! Und? Gehst du mit meinen Gedanken mit oder hast du "STOPP!" gemacht! Bist du bei deinem Ziel geblieben? Der Abgrund ist da. Das Ziel auch. Und du, du tanzt!
Da taucht in mir das Bild auf von einem Menschen, der wie auf heißen Kohlen tanzt. Er möchte sich nicht verbrennen und springt ständig hin und her um sein Leben zu schonen. Du kannst auch so auf dem Seil des Lebens tanzen. Immer mit der Bedrohung im Herzen - da sind die glühenden Kohlen.
Oder du entspannst dich, wirst gelassen und gehst in die Freude des Tanzens. "Schau da hin, wo du hinwillst. Wenn du auf den Boden schaust - dann willst du da hin!"
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Freitag, 27. November 2015

Das letzte Teil vom Puzzle


Jetzt im November werden die Tage kürzer, die Nächte länger. Zeit für Spiele am Tisch bei Kerzenlicht am Kamin. Also stell dir jetzt ein Puzzle vor mit tausend Teilen. Du gestaltest ein Bild mit einer Szene im sonnigen Süden. Es handelt sich um ein andalusisches weißes Dorf an einem blauen und weiten Meer. Im Hintergrund siehst du einen wunderbaren Sonnenuntergang. Du hast Mühe, die weißen Häuser auseinanderzuhalten. Es ist knifflig. Die Wasserelemente sehen alle gleich aus. Du fängst mit dem Rand an, denn du arbeitest ja mit System. Du hast die Teile farblich sortiert, damit du du deine Arbeit überschaubar machst. Deine lange Aufmerksamkeit  und Konzentration kommt langsam dem Ende entgegen. Du stellst dir in Gedanken vor, wie du mit Stolz und Freude auf das Gesamtbild schauen wirst. Es entsteht in deinem Inneren eine Atmosphäre von Urlaub, Frieden und Wohlbehagen. Du siehst dich schon selbst im Sommer an einen ähnlichen Ort. Es sind nur noch wenige Teile übrig. Dann kannst du die übrigen Teile schon zählen. Es sind nur noch fünf Puzzleteile übrig. Den Ort dafür zu finden ist ganz leicht, es geht wie von allein. Während der letzten drei Teile siehst du es deutlich vor dir. Da wird eine Lücke bleiben. Es fehlt ein Teil. Das Bild wird unvollständig. Du schaust in den Kasten. Der ist leer. Du schaust unter dem Tisch nach. Da befinden sich nur ein paar Brotkrümel vom Morgen. Du schaust unter dem Sofa. Vielleicht ist ja beim Auspacken vor einigen Tagen das fehlende Teil dorthin gefallen. Du schaust im Keller nach und die Ahnung in dir steigert sich zur Gewissheit. Das fehlende Teil ist für immer verloren. Es lässt sich nicht finden. Das Hochgefühl von vor einer Stunde sinkt auf einmal in den Keller. Nichts ist mehr von der Freude da. Du wirst nie wieder puzzlen. Du siehst den Abgrund. Die ganze Arbeit war umsonst. 
Und jezt lade ich dich ein, von diesem Traum aufzuwachen. Es war ein Traum, mehr nicht. Es ist nur ein Stückchen Pappe, mehr nicht. Du hast eine tolle Arbeit geleistet. Du kannst im Geiste das Puzzle ergänzen. Du kannst auch angemessen damit umgehen. Ein kleiner Seufer. Ach, wie schade! Aber was solls. 
Im Leben ist es auch manchmal so. Das fehlende Puzzleteilchen hat manchmal so viel Macht. Es kann stärker werden als alles, was wir als gelungen ansehen. Es wird zum Haar in der Suppe, zum fehlenden Sahnehäubchen und zum nicht vorhandene Tüpfelchen auf dem I. 
Geh doch mit dem fehlenden Puzzleteilchen im Leben mal kreativer um! Schlüpfe in deiner Phantasie durch die Lückie im Bild und schau, was sich dahinter verbirgt. Schließe deine Augen und stell dir vor, du bist mitten in deiner Traumlandschaft und das fehlende Puzzleteilchen ist der Schlüssel oder der Türöffner. 
Und wenn du immer noch traurig um das fehlende Teilchen bist, hast du die Möglichkeit, dich in deiner Trauer einzuüben. Das ist auch ganz wichtig. Trauer spüren, hineinatmen und annehmen.

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Donnerstag, 26. November 2015

Novemberimpuls mit Hermann Hesse




Mit diesem Vers endet das Gedicht „Stufen“ von Hermann Hesse. Abschied nehmen und gesunden? Im  „Totenmonat“ November werden die Abschiede von unseren verstorbenen Angehörigen besonders präsent. Wir besuchen ihre Gräber und verbinden uns mit ihnen.
Im Gedenken wird uns zugleich unsere eigene Endlichkeit bewusst. Auch wir werden uns von dieser Welt eines Tages verabschieden. Eines Tages müssen wir hineingehen in den großen Abschied. Auch wenn wir alle Energie hineinsetzen, ihn durch ein gesundes Leben so weit wie möglich hinauszuschieben: Wir kommen nicht drum herum. Zum Glück können wir uns vorher einüben. Wir haben schon bei der Geburt den ersten Abschied genommen von der Bauchhöhle unserer Mutter. Wir haben uns von der Kindergartenzeit verabschiedet, von der Schule, vielleicht schon vom Berufsleben, von Freundinnen und Freunden, von der ersten großen Liebe. Manchmal fiel der Abschied leicht, oftmals aber auch schwer, vor allem, wenn wir den Abschied gar nicht wollten. Wie kann Hermann Hesse davon sprechen, dass wir gesunden, wenn wir Abschied nehmen?
Stell dir nur einmal vor, du wärest im Bauch deiner Mutter geblieben oder du wärest ein ewiges Kind im Kindergarten? Irgendwann ist es nicht mehr stimmig und deine Weiterentwicklung sagt dir, dass etwas Neues beginnen muss. Im Gedicht „Stufen“ sagt Hermann Hesse: „Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten. An keinem wie an einer Heimat hängen.“ Es geht um die immer wiederkehrende Gefahr, dass wir festhalten möchten. Wir möchten halten, was wir lieben. Aber indem wir festhalten, hören wir auf zu lieben und halten eben fest. Wir konservieren etwas, das nur im „Frischezustand“ vorhanden ist. Manche Traditionen wirken darum so sinnlos und leer, weil sie eher der Ausdruck von etwas längst Vergangenem sind. Die Liebe zu den Dingen und den Menschen muss frei sein. Sie „geschieht“ immer in der Gegenwart. Du erlebst die Liebe im Augenblick und im Hier und Jetzt, oder wie Hermann Hesse es ausdrückt, im heiteren Durchschreiten unserer Lebensräume.
Abschied nehmen und gesunden? Wenn wir festhalten, werden wir also krank. Das kann sowohl auf der körperlichen also auch auf der geistig- seelischen Ebene geschehen. Denke einfach mal nur an dein Verdauungssystem und deine verbrauchten Zellen. Sie müssen deinen Organismus verlassen, sonst vergiftest du dich. Oder ich denke an ein Ehepaar, das viele Jahrzehnte verheiratet war. Der Eine stirbt und der Andere hat manchmal das Gefühl, mit gestorben zu sein. Die Welt bleibt stehen und der Übriggebliebene wartet, bis auch er gehen darf. Es sei denn, er kann auch innerlich loslassen und so einen Neubeginn wagen.
Abschied nehmen ist leichter gesagt als getan. Wenn wir an den großen Abschied denken, den Tod, so wissen wir ja, dass es kein Zurück gibt. Die kleinen Abschiede mögen wir ja noch gut bewältigen, aber…
Ich glaube, da gibt es einen Denkfehler. Wir konstruieren da in unserem Kopf einen Gegensatz, den es so gar nicht gibt. Hier das Leben – da der Tod. Entweder lebst du oder du bist tot. Weichen wir doch einmal die Grenzen auf! Lebst du wirklich? Ja, dein Körper scheint zu funktionieren, zwar mit der einen oder anderen Einschränkung oder Blessur, aber immerhin. Aber, lebst du wirklich? Es ist wie mit der Liebe. Lieben kannst du nur, indem du liebst. Leben kannst du nur, indem du lebst. Wenn du sagst: „Erst im Urlaub lebe ich so richtig auf.“ Dann lebst du nicht, dann bist du so etwas wie „zwischentot“, wenn es das gibt. Jetzt, wo du diese Zeilen liest, wird dir bewusst, dass du freust oder dich ärgerst. Wenn du dich nicht mehr spürst und die Gegenwart verlässt dann wirkt das wie ein „Mini-Tod“ mit dem Festhalten am Vergangenen, mit deiner fehlenden Flexibilität, mit deinen starren Gewohnheiten.
Noch ein Gedanke für die Auflösung der Grenzen von Tod und Leben. Als du im Mutterleib warst, dachtest du vielleicht bei der Geburt: „Hilfe, ich sterbe!“ Du hattest wahrscheinlich keine Geburtsfreuden, sondern eher Todesangst. Aber, du lebst! Jetzt denkst du, aber wenn ich gestorben bin, bin ich wirklich tot. Da sagt Jesus im Lukasevangelium (Lk 20,38) „Er ist doch kein Gott von Toten, sondern von Lebenden; denn für ihn sind alle lebendig.“ Für Gott sind alle lebendig! Deine verstorbenen Eltern, deine Familie, die Freunde, alle Menschen aller Religionen und du selbst. Für Gott sind alle lebendig, meint Jesus. Wir verwechseln das körperliche Ende mit dem Tod. Ja, der  Körper ist begrenzt, aber du selbst mit deinem innersten Wesenskern wirst nicht sterben, du lebst. Aber ob du wirklich lebst und das Empfinden von Leben hast, entscheidest du einfach selber, indem du dich weiterentwickelst. Im Grunde ist es egal, ob du jetzt in diesem vorübergehenden Körper zuhause bist, oder nach diesem Leben in einen anderen Seinszustand übergehst, du kannst immer tot und/oder lebendig sein.
Noch einmal Hermann Hesse im Gedicht „Stufen“: „Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde uns neuen Räumen jung entgegen senden. Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden… Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!“ In diesen Versen verbergen sich noch ein paar gute Hinweise für das Leben.
  1. Die Todesstunde macht uns jünger und nicht älter. Die neuen Räume werden uns erfrischen und beleben wie das Erlebnis der großen Welt damals nach unserer Geburt. Der Tod ist nicht Tod, sondern die Öffnung der neuen Räume.
  2. Die Tür zu den neuen Räumen liegt nicht in der Region des Verstandes, sondern im Herzen.
  3. Da gibt es „des Lebens Ruf“. Von außen sagt die Stimme: „Mach dich auf!“ Ich glaube, dass Gott uns ruft. Werde aufmerksam für seine Stimme.  
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Mittwoch, 25. November 2015

Eine dieser fürchterlichen Mütter


Den Satz hörte ich im Radio: "Ich bin eine dieser fürchterlichen Mütter." Dieser Satz hat mich erschreckt. Solche oder ähnliche Aussagen höre ich öfter. Mütter, die sich als "fürchterlich" bezeichnen.
"Ich bin so eine Mutter, die immer hinterhertelefoniert. Ich bin so überfürsorglich! Ich kann mein Kind nicht in Ruhe lassen! Ich muss immer noch einen Rat mit auf den Weg geben. Ich kann es nicht lassen meinen Kommentar dazu zu geben. Ich will doch wissen, was mein Kind macht, tut und denkt. Ich bin eine dieser fürchterlichen Mütter!"
Mütter, die nicht loslassen können. Mütter, die ihr Leben lang Mutter bleiben. Das mag ja alles so sein wie es ist. Was mich erschreckt ist die Selbsteinschätzung und Abwertung. "Fürchterlich!" Ist das dann wirklich so Furcht erregend? Wenn eine Mutter schon so mütterlich ist und darunter leidet, dass sie so übermäßig mütterlich ist, muss sie sich nicht auch noch dafür verurteilen. Die Kinder werden schon dafür sorgen, dass die Mütter immer weniger zu tun bekommen. Die Kinder sorgen im besten Falle selbst für die Arbeitslosigkeit der Mutter.
Ein wenig nervig kann eine zu mütterliche Mutter schon einmal sein, ist doch auch verständlich, aber fürchterlich? Fürchterlich finde ich Anschläge auf unschuldige Menschen, Ausbeutung und Krieg! "Fürchterliche" Mütter brauchen ein wenig Verständnis. Sie wollen doch eigentlich nur das Beste für ihr Kind!
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Dienstag, 24. November 2015

Auch schwarze Schafe sind zum Kuscheln!


Es gibt Menschen, die signalisieren mir: "Ich bin für niemanden wichtig. Keiner wird mich vermissen, wenn ich nicht mehr da bin. Ich habe keinen richtigen Freund. In der Familie bin ich immer außen vor. Am Arbeitsplatz habe ich den Eindruck, dass die Kollegen mir aus dem Weg gehen."
So nach und nach entwickeln sie eine "schwarzes Schaf" - Identität. Sie empfinden sich so und werden auch von außen so betrachtet. Es ist müßig zu fragen, was war zuerst. Die Selbstwahrnehmung oder die Definition von außen. Nun, ein wenig schwarzes Schaf sind wir alle. Jeder gehört in einer Gruppe mal nicht so ganz dazu. Du weißt mal nichts zu dem Thema, das gerade läuft. Du fühlst dich im Moment nicht wohl. Dich plagen Sorgen, die du nicht teilen magst. Du hast gerade ein depressives Gefühl. Nicht alle Kollegen am Arbeitsplatz mögen dich immer und nicht alle Familienmitglieder lieben dich rund um die Uhr. Du magst ein noch so weißes Schaf sein - deine schwarzen Flecken sind dennoch vorhanden.
Es ist gut und entlastend, wenn du dich damit einverstanden erklärst. Du bist, wie du bist!
Zugleich kann es sein, dass du ein scharzes Schaf entdeckst. Solche schwarzen Schafe haben ja stets den Blick: "Niemand mag mich! Ich bin einfach nicht liebenswert!" Glaub diesem Blick nicht! Glaub nicht den Gesten und Worten! Ich habe einen Kartenspruch gelesen. Dort heißt es: "Auch schwarze Schafen sind zum Kuscheln!" So ist es! Die sogenannten schwarzen Schafe haben trotz des geringen Selbstwertgefühles eigentlich den Wunsch und die Sehnsucht danach, bekuschelt zu werden. Das ist leider nicht immer so leicht, wenn sie auch noch Stacheln besitzen und eher einem Igel gleichen als einem Schaf. Aber auch Igel wollen eigentlich bekuschelt werden. Sie wollen dich im ersten Moment abwehren nach dem Motto: "Ich brauche niemanden. So kann ich auch nicht enttäuscht werden!" Aber ganz tief in ihrem Herzen möchten sie auch ein paar Kuscheleinheiten. Bleib einfach dabei! Lass dich nicht sofort zurückweisen. Sei einfach verständnisvoll und was geht, geht. Was nicht geht - geht halt nicht. Und das ist auch in Ordnung!
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Montag, 23. November 2015

Liebeslänglich


"Liebeslänglich" - las ich auf einer Postkarte.

"Ich verurteile Sie zu einer lebenslänglichen Liebe und zu einem liebeslänglichen Leben."
Möge deine Fähigkeit zu lieben für ein langes Leben andauern.
Hoffentlich bis zu deinem Tod und darüber hinaus.
Möge deine Liebe "lang"- mütig und "kurz" - weilig sein!

"Liebeslänglich" mit und ohne Freispruch - sogar jenseits von Freisprüchen!
Wenn alle Menschen auf der Welt "liebeslänglich" hätten...
Wie sähe eine Zelle aus, wo die "Liebeslänglichen" säßen?
Freiraum statt Gefängnis, nicht wahr?

Liebeslänglich sage ich Ja zu mir und Ja zu dir.
Liebeslänglich halte ich das Licht in die Dunkelheit.
Liebeslänglich umgarne ich die Dornen mit Blütenblättern.
Liebeslänglich kitzle ich den Frust und locke das Lachen.
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Sonntag, 22. November 2015

Sei gut zu dir!


Sei gut zu dir!

Ob die anderen gut zu dir sind hast du nicht in der Hand.
Du kannst sie bitten. Aber ob sie deine Bitte erfüllen, weißt du nicht.
Aber du kannst gut zu dir sein.
Sei gut zu deinem Körper und frag ihn, was er sich wünscht.
Vielleicht ein Stück Brot oder eine Tasse Kaffee.
Oder einen Apfel oder eine warme Suppe.
Vieleicht mag er auch, dass du ihn ein wenig streichelst.
Sei gut zu deinem Körper.

Du kannst auch gut zu deinen Gefühlen sein.
Fühle einfach und sage Willkommen.
Willkommen dem Druck im Magen und dem Klopfen im Herzen.
Willkommen dem Schmerz im Zeh und der Spannung im Nacken.
Willkommen der Angst und Willkommen den Bedürfnissen jeder Art
Sei gut zu deinen Gefühlen.

Sei gut zu deiner Gedanken!
Du bist mehr als dein Körper und deine Emotionen.
Der Kopf strengt sich so an! Ständig bringt er Höchstleistungen.
Sei gut zu ihm und gönne ihm eine Pause.
Schenke ihm gutes Futter. Schöne Geschichten!
Tiefe Erkenntnisse. Lehre ihm die Kunst der Wahrnehmung.

Sei gut zu deiner Seele!
Sie kennt deine Bestimmung. Sie weiß um deine tieferen Bedürfnisse.
Sie weiß, wozu du auf dieser Welt bist.
Sei gut zu ihr und gib ihr den Raum und die Aufmerksamkeit, die sie braucht.
Sei gut zu dir!

Sei gut zu dir in deiner Gesamtheit!
Du bist ein Kunstwerk.
Du bist eine eigene Welt im großen Kosmos!
Und in dir selbst existiern Welten und Welten.
In deinen Kreisläufen von Blut und Nerven.
In deinen Körperzellen, die alle lebendig sind und dafür sorgen, dass du lebst.

Sei gut zu deinem Geist.
Er ist angebunden an das Göttliche.
Er ist das Göttliche in dir.
Sei gut zu dir!
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Freitag, 20. November 2015

Besucher der Nacht!


Da kriechen die kleinen und dem menschlichen Auge unsichtbaren Käfer nachts in unserem Bett herum. Sie leben von unseren Hautschuppen und dem Staub. Haustaubmilbe heißt eine von diesen nächtlichen Besuchern. Ein ganzer Kosmos bewegt sich in unserem Bett! Eine große bevölkerte Stadt, eine Metropole! Ich schlafe und bekomme nichts davon mit?

Eine andere Schar von Besuchern dringt ein bis in meinen Tiefschlaf. In meinen Träumen werde ich verfolgt und nehme ständig an Filmen teil, die ich mir nicht ausgesucht habe. Die Mitspieler zwingen mich zum Mitmachen. Manchmal habe ich den Eindruck, dass sie mich einfach nur ärgern wollen. Sie brauchen Mitspieler und ich kann mich nicht wehren.

Und dann gibt es noch die Besucher am frühen Morgen. Sie nutzen die Gelegenheit meines Dämmerzustandes aus. Die Milben im Außen und die Traumgesichter liefern die Vorlage dazu. Die Morgengeister gehören mit zu der Invasion der Besucher der Nacht. In dieser Zeit bin ich quasi wehrlos. Da kommen die unerledigten Geschäfte auf die Bettdecke. Die Störungen in meinen menschlichen Beziehungen. Die Kränkungen und Verletzungen! Längst erlebte und erledigte Geschichten werden wieder aufgearbeitet und durchgedacht. Hier schlägt die Stunde des inneren Kritikers. Er weiß, dass ich mich nicht wehren kann. Er breitet sich aus und bewirkt eine totale Lähmung! Nach dem Verklingen der letzten Träume schleicht er sich still und heimlich ein. Seine Art der Ausbreitung wird mit "grübeln" bezeichnet. So, wie der Zahnarzt deinen Kiefer betäubt, um sich an deinen Zähnen auszutoben, nutzt der innere Kritiker den Schlafzustand für sich aus.
Du hast doch noch Zeit bis der Wecker klingelt! Du möchtest diese Zeit zum Schlafen und Ruhen nutzen. Da vermasselt dir der innere Kritiker mit seinen Grübelattacken den erholsamen Frieden. Aus und vorbei! Die Besucher der Nacht hast du nicht eingeladen. Sie kommen einfach so!

Und jetzt lies meine philosophische Erkenntnis! In jeder Nacht übst du dich ins Sterben ein. Dein Körper mit deinem Gehirn und den Nervenzellen gehört dir nicht. Du bewohnst dein System nur zeitweise. In der Nacht musst du loslassen und dich den Momenten des Sterbens hingeben. Du übst schon mal für die letzte Stunde. Sich wehren ist zwecklos. Je mehr du dich wehrst, desto heftiger toben die Milben, die Traumspieler und die Grübelgedanken am frühen Morgen.
Wenn ich mit Kindern auf dem Teppich tobe, bin ich irgenwann erledigt und stöhne mit letzter Kraft: "Ich ergebe mich!" Dann hört der Kampf auf und Ruhe kehrt ein. Stell dir vor, du machst das auch mit allen deinen nächtlichen Besuchern. Du gibst einfach auf und ergibst dich! Sag deinem Kritiker ruhig, dass er sich ausbreiten mag. Dann schickt er dir dein erstes Defizit. Du fragst ihn, ob er noch mehr drauf hat und bittest ihn, noch eine Grübelei dazuzufügen. Dann fragst du ihn, ob das schon alles war, diese paar depressiven Attacken. Lade ihn ein, einmal zu zeigen, was er wirklich drauf hat. Vielleicht zeigt sich, dass er am Ende doch nur ein Gespenst ist. Seine Kraft verpufft irgendwann.
Du stehst auf, schüttelst den Spuk von dir ab und trinkst deine erste Tasse Kaffee. Die Besucher der Nacht verschwinden und erwarten dich in der nächsten Nacht leider wieder neu.

Machen wir einen Perspektivwechsel!
Wer bist eigentlich du selbst aus der Perspektive der Besucher der Nacht? Wer bist du für die Milben, für die Nachtgesichter und die inneren Kritiker? Ich verrate es dir. Du bist ihr Gott! Sie sind von dir abhängig. Ohne dich können sie nichts machen. Sie brauchen dich! Sie leben von dir! Und wenn du nicht mehr da bist sterben sie. Augenblicklich! Du bist ihr Gott! Sie mögen dich und sie hadern mit dir. Genauso wie du mit deinem Gott! Du bist einfach Teil eines Großen und Ganzen. Du hast dich entschieden, dieses Spiel mitzuspielen.
Heute Nacht gehst du schlafen und beim Einschlafen wirst du dir bewusst: In den nächsten Stunden bist du der Gott oder die Göttin einer großen Nacht- und Schattenwelt.
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Donnerstag, 19. November 2015

Wir sind ein gutes Team!


Betrachte heute doch einmal deine Teams. Da gibt es das Familienteam, Team am Arbeitsplatz, Teams in Vereinen und Gruppen. Du bist jeweils ein Teil dieser Teams. Verbinde dich doch einmal innerlich mit dem Familienteam. Welche Gedanken tauchen da auf? Welche Gefühle kommen dir? Kannst du aus vollem Herzen sagen: "Wir sind ein gutes Team!" Woran machst du das fest? Übernimmt jeder Verantwortung für eine Aufgabe? Gibt es einen Zusammenhalt, ein Zusammengehörigkeitsgefühl? Wird jemand vermisst, wenn er nicht da ist? Gibt es eine Stellvertreterregelung? Können alle ihre Stärken leben und werden Schwächen gut ausgeglichen? Wer ist eher Unterstützer und wer das Alpha Tier? Wer ist der Kreative und wer sorgt für die zuverlässige Erledigung aller Aufgaben? Wo kann dein Familienteam sich noch weiterentwickeln.

So, wie es ein Familienteam gibt, gibt es auch dein inneres Team. Familie im Außen und die Familie im Innen. Bekommen alle Anteile ihren Platz in dir? Darf Angst sein? Bekommt Ärger auch einen Platz? Wer schiebt sich immer in den Vordergrund und wer kommt nie auf die Bühne? Welchen Anteil verdrängst du und welche Anteile magst du besonders? Wenn du in dir hineinschaust, kannst du da sagen: "Wir sind ein gutes Team?"

Wenn du das bestätigen kannst: "Herzlichen Glückwunsch!" Ich kenne genug Menschen, die ständig hadern und nörgeln. Der nimmt seine Verantwortung nicht wahr! Immer diese Angst in mir. Irgendwie läuft es nicht so richtig gut. Ständig diese Baustellen!

Ich glaube, dass das zu unserem Leben dazugehört. Teams sind keine Roboter und keine Maschinen. Teams bestehen aus Menschen mit Stärken und Schwächen. Mit Phasen von Energie und mit Phasen von Lustlosigkeit. Ein gutes Team verträgt auch Veränderungen und Zeiten von Stillstand. Dann heißt es halt: Anschauen und korrigieren!

Wie schön aber ist es, wenn du dich satt zurücklegen kannst am Abend oder auch zwischendurch und dir sagst: "Wow, wir sind ein gutes Team - im Außen wie im Innen!" Du wirst vielleicht auch die interessante Feststellung machen, dass es da eine Resonanz oder Korrespondenz gibt. Wie außen, so auch innen.
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Mittwoch, 18. November 2015

Lieber Gott, mach, dass ich nicht immer gleich beleidigt bin.


Auf einer Spruchkarte las ich: "Lieber Gott, mach, dass ich nicht immer gleich beleidigt bin." Irgendwie trifft mich dieser Satz. Ich möchte doch so gerne großzügig sein. Den anderen vergeben! Nicht alles auf die Goldwaage legen! Ich schaffe das aber nicht. Leider!
Jetzt, wenn ich darüber nachdenke, dass ich nicht so schnell beleidigt sein möchte, kann ich das ganz gut. Gedanklich! Mich kann so schnell niemand beleidigen. Ich ruhe in mir. Ich bin ganz mit mir einverstanden. Und wenn ich mich innerlich auf eine mögliche Beleidigung einstelle, kann ich das gut durchtragen.
Wenn da nicht diese Sätze kommen, die so ins Schwarze treffen! Diese unvorhergesehenen Situationen! So plötzlich, so unerwartet! Da kommt jemand und sagt: "Du hättest aber ein klein wenig besser parken können!" Da macht sich schon etwas ganz Dicke in mir. "Ich bin ein toller Parker! Park du mal erst besser! Das war nicht anders möglich! Das liegt am Einschlagswinkel meines Autos!" Da kommt eine ganze Kaskade von Gefühlen und Sätzen. Schrecklich! Dass ich auch immer gleich beleidigt bin!
Rechne mal deinen wunden Punkte zusammen! Deine Vulkanthemen! Was kommt da zusammen, nicht wahr! Da kannst du manchmal einfach nur mit vollem Herzen Gott um Hilfe bitten: "Lieber Gott, mach, dass ich nicht immer gleich beleidigt bin!"
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Dienstag, 17. November 2015

Wir alle brauchen jemanden, der uns keine Vorwürfe macht


Stell dir vor, dass du am Morgen aufwachst. In der Nacht ist ein Wunder geschehen. Eine Fee kam und hat dieses Wunder bewirkt. Die Fee hat das Wunder bewirkt, dass niemand in deiner Familie dir mehr Vorwürfe macht. Es gibt keine Sätze wie: "Du hättest aber..." "Du solltest..." "Du müsstest..." "Hast du noch nicht..." Woran würdest du merken, dass dieses Wunder eingetreten ist? Was würden deine Familienmitglieder stattdessen sagen. Wie würden sie aussehen? Wie auf dich wirken?

Vielleicht kommt dir dein Heim freundlicher vor. Zugewandter? Wohlmeinender? Und wenn dir niemand einen Vorwurf mehr macht und alle sich gegenseitig ermutigen und bestätigen - wie würdest du dann reagieren? Was würde sich bei dir ändern? Welche Sätze würdest du sagen? Wie würdest du dich fühlen?

Jetzt stell dir vor: Du gehst morgen ins Bett und wachst am nächsten Morgen auf. Du stellst fest, dass die Fee tatsächlich in der Nacht dieses Wunder bewirkt. Du wirst am Morgen aufwachen und dieses Wunder an dir bemerken. Du wirst keine Vorwürfe mehr machen. Es ist geradezu unmöglich für dich, einen Vorwurf zu formulieren. Du bist voller Verständnis und Mitgefühl. "Wir alle brauchen jemanden, der uns keine Vorwürfe macht!" las ich auf einer Spruchkarte. Zunächst dachte ich an einen anderen Menschen, der uns so annimmt wie wir sind. Und einer, der uns keine Vorwürfe macht. Diesen Menschen zu finden ist nicht leicht. Ist eher ein Geschenk! Und wenn du keinen Menschen mit dieser Qualität hast? Gehst du in den Mangel?

Wenn die Fee kommt und das Wunder bewirkt, dass du morgen in dir keine Vorwürfe mehr hörst dann hast du einen Menschen gefunden, der dir keine Vorwürfe mehr macht. Du selbst! Du machst dir keine Vorwürfe mehr! Fängt nicht alles damit an, dass wir gnädig mit unserem inneren Kritiker umgehen? Wenn wir aufhören mit unseren Selbstvorwürfen wird das etwas verändern. Die anderen werden auch aufhören, uns Vorwürfe zu machen. Wir alle brauchen jemanden, der uns keine Vorwürfe macht! Fang doch einfach mit dir selber an!
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Wenn Hass dein Herz ergreift...


Bei einer Radtour kommt uns eine Familie entgegen. Ich schnappe den Satz eines Jungen auf, der zu seinem Bruder sagt: "Ich hasse dich!" Der Satz bleibt an mir kleben. Ich kann ihn nicht abschütteln. Der Satz verfolgt mich und ich frage mich, warum kann ich ihn nicht loslassen. Er gehört nicht mir, er gehört dem Jungen und seinem Bruder.
Würden wir Erwachsene das so sagen können, frage ich mich? Ich hasse dich! Wie viel muss bei einem Erwachsenen an Wut, Enttäuschung und Frust zusammenkommen, dass er zu einem anderen Menschen sagt: "Ich hasse dich!"
Dennoch. Ich bewundere den Jungen und alle Kinder. Sie schreien heraus, was gerade jetzt in diesem Augenblick da ist. Jetzt ist es raus und dem Jungen ist es egal, wer es hört und was andere jetzt über die zwei Brüder denken. Und - es ist ein uraltes Thema, dass Brüder sich hassen. Das war schon bei Kain und Abel so. Die beiden Brüder werden sich auch wieder vertragen.
Jetzt streife ich diesen Satz hier in diesem Text ab und hoffe, dass dieser Satz nicht an dir klebt. Falls doch, könntest du ein Thema damit haben.

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Montag, 16. November 2015

Jammern auf hohem Niveau


Ich weiß, ich jammer auf hohem Niveau. Schon mal gehört? Schon mal öfters gehört? Ich stutze manchmal, wenn ich diese oder eine andere Redewendung höre. Was zeigen solche Sätze und was verbergen sie? Zerpflücken wir mal diesen Satz: Jammern auf hohem Niveau.
Niemand liebt ewige Jammerer. Sie sorgen für schlechte Laune und ihre Lamentieren wirkt bisweilen ansteckend. Man geht ihnen nach gewisser Zeit lieber aus dem Weg. Jammern bedeutet laut Duden ein lautes Klagen oder unter Seufzen und Stöhnen seinen Kummer zeigen. Wer jammert, möchte gesehen und gehört werden und dabei vielleicht eine Portion Mitleid abholen. Jammern ist auf jeden Fall nicht an jedem Ort und zu jeder Zeit erwünscht.
Auf hohem Niveau begeben wir uns jedoch gerne. Ein Kinofilm mit hohem Niveau! Ein niveauvoller Mensch, ein niveauvolles Essen oder eine ebensolche Party zu erleben erfüllt uns mit Freude und lässt uns innerlich wachsen und größer werden. Ein Leben mit Niveau stärkt das Selbstwertgefühl.
"Jammern auf hohem Niveau" ist eine seltsame und ambivalente Kombination. Da paart sich ein eher negativer Selbstausdruck (Ich jammer) mit einer positiven Qualität (auf hohem Niveau). Und was ist beabsichtigt damit?
Meine Vermutung geht dahin, dass es darum geht, das Jammern hoffähig zu machen. Jemand der ständig jammert, weiß um seine Wirkung auf andere Menschen. Doch das Jammern auf hohem Niveau sorgt für eine Entschärfung und eine Abmilderung. Für mich ist jammern gleich jammern, egal welches Niveau man dabei anstrebt!


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Sonntag, 15. November 2015

Jede Wahrheit ist subjektiv!


Eine Freundin erzählt von einem Einkauf mit einer anderen Freundin. Die Freundin probiert eine Hose an. Sie passt nicht. Sie sagt zur Verkäuferin: "Die Hose ist verschnitten!" Sie nimmt sich eine andere Hose. Diese passt auch nicht. "Auch diese Hose ist verschnitten!" Die Freundin probiert lauter Hosen an und alle sind verschnitten. Die Freundin denkt nicht, dass es an ihrer Figur liegen könnte. Es lieg eindeutig an den Hosenmodellen, die angeboten werden. Ihre Interpretation der Wirklichkeit ist auf jeden Fall gesünder als die Sorge um die eigene Figur. Jeder andere würde sagen: "Du bist zu dick!" Auch diese Sichtweise ist sehr subjektiv!  

Ein anderes Beispiel: Ich treffe Frau Schubert auf der Straße. Sie klagt mir ihr Leid über ihren jetzt pensionierten Mann. "Seit er in Rente ist sitzt er nur auf dem Sofa herum und klagt, dass er nichts zu tun hat. Ständig sage ich ihm, er könnte doch mal all die Reparaturen machen, die er aufgeschoben hat. Außerdem kann er mir auch im Haushalt helfen. In meinem Alter bekomme ich die Sachen auch nicht mehr so gut hin. Jetzt konnte ich ihn gerade mal überreden, zweimal in der Woche für mich einzukaufen. Das ist immerhin ein Anfang."
Ein paar Tage später treffe ich Herrn Schubert auf der Straße. Er klagt mir sein Leid über seine Ehefrau. "Seit ich in Rente bin muss ich mir das ständige Jammern meiner Frau anhören. Da sitzte ich mal für einen Moment zum Ausruhen auf dem Sofa, da jagt sie mich schon wieder hoch. Ich kann ihre Klagen kaum noch ertragen. Da biete ich meine Mithilfe an und sie winkt nur ab. Jetzt habe ich sie endlich überredet, dass ich ihr zweimal in der Woche den Einkauf abnehmen darf. Das ist ja immerhin schon ein Anfang."
Die Moral von der Geschichte: Höre mindestens zwei Seiten an, bevor du dir eine Meinung bildest. Und besser noch, du bildest dir gar keine Meinung, weil die Wirklichkeit immer subjektiv ist. Jeder lebt seine eigene subjektive Wahrheit und Wirklichkeit.

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Freitag, 13. November 2015

Fremdelst du noch oder bist du schon angekommen?


Du kennst bestimmt die Erfahrung, die kleine Kinder machen. Sie fremdeln in bestimmten Lebensphasen. Sie fühlen sich nur wohl bei vertrauten Menschen. Wenn jemand Fremdes kommt suchen sie ganz schnell vor lauter Angst und Unsicherheit den Schutz und die Nähe von Mama und Papa. Irgendwann geht diese Phase vorbei und sie öffnen sich den fremden Welten. Die Neugier siegt!
Hast du gedacht, ist aber nicht so! Ich glaube, dass "Fremdeln" zu uns dazugehört. Wir müssen als kleine Kinder die Symbiose mit der Mutter verlassen und die "böse" Welt entdecken. Wir wenden uns von der Mutter ab und entdecken die vielen neuen Dinge. Sie faszinieren uns. Dann kommt der Schreck: "Halt Stopp! Wo ist denn Mama geblieben! Hilfe! Ich gehe verloren! Ich brauche dich! Wo bist du? Ich will zurück!" Wenn Mama dann in der Nähe ist wächst das Gefühl der Sicherheit. Wir gehen zurück zum Schoß und betrachten von da aus die unbekannte und fremde Welt.
Wenn wir erwachsen sind können wir uns den Besuch auf dem Mutterschoß nicht mehr leisten. Er ist uns entzogen bis in alle Ewigkeit. Wir müssen mit uns selber klarkommen. Wir kommen ja auch klar! Aber das Fremdeln bleibt! Nicht wahr?
Du bist eingeladen. Du kennst den einen oder anderen Gast. Aber du kennst nich alle Gäste. Wirst du sie mögen? Werden sie dich mögen? Wirst du überhaupt mit ihnen ins Gespräch kommen? Worüber sprichst du? Fängst du an oder wartest du erst einmal ab, wie es sich so entwickelt? Dann stehst du vor der Haustür und drückst den Klingeknopf. Da ist das Fremdeln schon voll entbrannt. Was vorher noch mögliche Gedanken waren, breitet sich mit dem Klingeln im ganzen Körper aus. Du atmest nicht mehr tief durch. Deine Augen irren unsicher hin und her. Du zupfst nervös an deiner Kleidung herum. Du musst vor allem erst einmal dringend auf die Toilette - Stress abbauen.
Du wirst im Leben ständig pendeln. Mal bist du Gast und mal bist du Fremder. Und manchmal gibt es in dir auch ein großes Selbstverständnis deiner selbst. Du bist weder Gast noch Fremder, sondern "Einwohner". Du wohnst in dir und im anderen ein. Ganz selbstverständlich, ganz natürlich, ganz ungezwungen - wie damals - bei Mama auf dem Schoß.
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Donnerstag, 12. November 2015

Ich liebe dein Rezept - auf meine Weise!


Auf einer Internetseite lese ich ein Rezept zu einem indischen Eintopf. Er enthält Gemüse, Hühnerfleisch, Kreuzkümmel, Kokosmilch und noch ein paar andere Zutaten.
Darunter lese ich dann die Kommentare der "Nachkocher".

"Dein Rezept war wunderbar. Ich habe nur die Kokosmilch durch Sahne ersetzt, als Vegetarier das Huhn durch Linsen und den Kreuzkümmel verträgt meine Familie nicht. Ich gebe volle fünf Sterne!"

"Ein tolles Rezept. Einfach wunderbar einfach zum Nachkochen. Ich habe ein ähnliches Rezept. Da kommt nur kein Kreuzkümmel rein. Schmeckt eigentlich noch besser!"

Mich beschleicht der Verdacht, dass niemand dieses Rezept im Original kocht. Jeder hat was dran auszusetzen. Sehr freundlich zwar, aber es muss verbessert werden.

Kaum ein Thema beflügelt Menschen so in ihrer Ego-Bestätigung wie die besten Rezepte, der beste Koch, die richtigsten Kochverfahren. Immer geht es dabei um richtig und falsch oder besser und schlechter.

Mir fällt dabei auf, dass wir oft bei allem unseren Senf dazu geben. Mache ich ja auch ständig in allen Posts. Ich gebe meinen Senf dazu! Zu allem, was mir über den Weg läuft. Zu allem, was ich sehe oder erlebe. Meine Senftube habe ich immer im Gepäck. Der Senf liebt die Wertung und die Beurteilung. Der Senf möchte überall mitsprechen. Er kann nie die Klappe halten. Das fällt ihm schwer.

Und wenn wir unseren Senf nicht dazutun sagen wir: "Das lasse ich jetzt mal so stehen!" Damit deuten wir an, dass wir unseren Senf dazutun könnten wenn wir denn wollten. Aber wir sind heute gnädig oder haben keine Lust oder schon genug Senf verteilt und die Tube ist leer.

Aber so ist das nun einmal. Wir benötigen den Senf, damit wir spüren, wer wir denn selber sind. Gehört Kokos auch zu meiner Existenz? Oder eher nicht? Überall, wo wir unseren Senf verteilen, sagen wir etwas zu unseren eigenen Glaubenssätzen, markieren unser Revier, entwickeln uns weiter. Wenn wir uns fertig entwicklet haben sinkt das Bedürfnis, Senf zu veteilen. Es gibt nichts mehr zu verteilen weil alles was ist so sein darf. Es geht so und es geht auch anders. Mit Kokos ist in Ordnung und ohne auch.

Ich liebe dein Rezept! Heute total auf deine Weise! Und morgen? Da gehe ich jetzt noch nicht hin. Ich bleibe bei dir und deinem Rezept.
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Mittwoch, 11. November 2015

Bist du Dorne oder Röschen?


Da gibt es doch dieses Märchen von Dornröschen. Das war doch diese Prinzessin, die von einem Prinzen wachgeküsst wurde. Dazu musste er eine dichte Hecke von Dornenrosen überwinden.
Der Name verleitet zum Nachdenken. Die Welt aus der Perspektive von Dornen und Rosen. Jeder Mensch besitzt doch diese zwei Seiten.
Mit deinen Dornen hältst du dir alles vom Leib, was dich kränken und verletzen könnte. Mit den Rosen öffnest du dich und lädst andere ein, an deinem Leben teilzunehmen.
Wenn du dich einmal anschaust: Was überwiegt bei dir gefühlsmäßig. Der Anteil der Dornen oder der Rosen? Wie schätzt du dich selber ein und wie sehen dich die anderen? Wie wirkst du? Eher vorsichtig und abweisend wie Dornen oder einladend offen wie die Rose?

Wende dich doch mal deinem Dornenanteil zu. Dorne ist nicht gleich Dorne. Da gibt es ganz verschiedene Typen.
Da gibt es die Menschen mit langen, spitzen und zahlreichen Dornen. Sie befinden sich immer in einer Abwehrhaltung. Ihre Dornen sind sichtbar und spürbar durch Blicke und Verbalattacken. Sie verletzen lieber selber bevor sie selbst verletzt werden.
Da gibt es auch diejenigen, die ihre Dornen unter einem Blätterkleid verbergen. Sie signalisieren: Ich bin ganz nett und völlig harmlos. Aber wehe, du kommst zu nahe, dann wirst du spüren, dass ich mich zu wehren weiß.
Dann gibt es noch die mit den Dornen, die hart und kräftig aussehen aber sich ganz weich anfühlen. Manche Menschen glauben, dass sie feindlich und abweisend wirken, dabei sind sie wirklich harmlos und liebenswert.
Es gibt auch Menschen, die glauben, dass sie keine Dornen haben. Sie lieben alle und alle lieben sie - glauben sie. Sie bekommen nicht mit, dass ihre Dornen lediglich unsichtbar sind. Und die sind am Eindrucksvollsten.
Zu welchem Dornentyp gehörst du? Es gibt bestimmt noch eine Menge zusätzlicher. Neben den Dornen sind wir aber alle auch Rosen. Die Rosenseite an uns mögen wir in der Regel eher. Das sind unsere farbigen, weichen und duftenden Seiten. Wir strengen uns, die zu zeigen und auch zum Blühen zu bringen. Und wir hoffen, dass unser Roseneindruck vom Dornenanteil ablenkt.
Leider gibt es den Winter für die Rosen und die Phasen, wo wir auch als Menschen diese Qualität nicht im Blick haben.
Mein Plädoyer heißt: Du bist Dorne und Rose. Du bist Dornröschen und Röschendorn. Akzeptiere beide Seiten an dir und gehe freundlich damit um. Beide Qualitäten haben ihre Existenzberechtigung, weil beide Seiten eh da sind. Geh einfach in dir und beobachte dich. Wer bist du, wenn du dornig bist und wer bist du, wenn du rosig bist?
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Dienstag, 10. November 2015

Das habe ich noch nie vorher versucht, also bin ich völlig sicher, dass ich es schaffe. (Pippi Langsrumpf)


Welch eine revolutionäre Logik. Ich habe es noch nie vorher versucht. Aber Pippi ist sich völlig sicher, dass sie es auch schafft. Die Logik der Normalos geht eher so:
Ich habe es noch nie vorher versucht. Das sieht gefährlich aus. Ich weiß nicht, ob ich die Fähigkeiten habe, das jetzt zu tun. Wahrscheinlich brauche ich dafür eine Ausbildung, oder zumindest eine Einführung, einen Schnellkurs. Außerdem müsste ich mich langsam herantasten, mich mental damit auseinandersetzen und vor allem - meine Angst überwinden. Wenn da nicht meine Angst wäre! Die verhindert, dass ich es einfach mache. Ich nehme Anlauf und dann stoppe ich plötzlich. Was mache ich da?
Aha, ich fange an zu denken. Ich stelle mir vor, wie ich scheitern werde. Ich werde mich blamieren. Die Leute werden mich auslachen. Ich werde ganz dumm dastehen und micht schämen. Alle werden meine Unfähigkeit sehen. Und das, wo es doch so einfach aussieht. Wo es doch so viele schon vor mir gemacht haben. Wenn ich jetzt ganz schnell gehe hat mich noch niemand gesehen. Noch kann ich mich verdrücken. ich habe noch nicht "Ja" gesagt. Immerhin - ich habe s noch nie vorher versucht. Wie kann ich da wissen, ob mir das gelingt. Vielleicht verletze ich ich ja auch! Ich komme ins Krankenhaus. Dann hat niemand etwas davon. Das sollen doch Leute machen, die sich damit auskennen! Ich habe es halt noch nie vorher versucht. Hat mir auch niemand beigebracht. Wenn ich andere Eltern gehabt hätte, dann... Und dann sind da noch meine Gene!

Stopp!!! Kennst du dieses Gedankenkarussell? Sind dir diese Verhinderungsmechanismen vertraut? Pippi setzt diesen Gedankenquatsch außer Gefecht. "Das habe ich noch nie vorher versucht, also bin ich völlig sicher, dass ich es schaffe." Logisch, das größte Hindernis sind meine Gedanken! Wenn mein tiefes inneres Ich hervorkommt, mein Gottvertrauen, mein Mut, meine Selbstverständlichkeit, meine Stärke, dann... Dann kann dich nichts hindern. Du machst einfach! Bevor du beginnst weißt du schon! Du weißt schon, dass du es geschafft hast! Du siehst dich als Sieger bevor du das Ziel überhaupt erreicht hast, ja - bevor du überhaupt angefangen hast.
Welche Aufgabe liegt vor dir, wo du keine Erfahrung mit hast? Wie schön! Dann kannst du ja ganz sicher sein und ohne Zweifel, dass du es schaffst!
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Montag, 9. November 2015

Absolut!


Ich habe an einer Weiterbildung teilgenommen. Der Referent hatte ein Lieblingswort: "Absolut!"
"Ist es in Ordnung, dass ich einem Klienten etwas so sagen kann?" - "Absolut!"
Jegliches "Ja" wurde zu einem "Absolut". Schade! Ich mag die Unterschiede. Auch bei einer Zustimmung.
Da gibt es doch die vielen "Ja" - Möglichkeiten wie vielleicht, ein wenig, richtig, genau, ich stimme zu, ganz gut, ja mit einer kleinen Einschränkung, jein, nein mit einer Ausnahme...
Wenn es nur ein "Absolut" gibt, gibt es auch keine Steigerung mehr. Alles und jedes ist "Absolut!"
"Liebst du mich?" - "Absolut!"
"Gefällt dir mein neuer Pullover?" - "Absolut!"
Das Absolute in der Philosophie meint die Loslösung von allen Einschränkungen. Ein völliges Ja ohne jeden Funken von Nein. Manche sehen darin eine göttliche Qualität. Nur Gott ist der "Absolute!" Alles Menschliche hat immer eine Einschränkung, wenigstens eine kleine!
Meine Freundin sitzt gerade neben mir und findet das "absolut" von dem Referenten ganz toll! Sie sieht es als wunderbare Wertschätzung und setzt ein breites Strahlen auf. Sie mag schon jetzt den Referenten - ohne dass sie ihn kennt. Er muss "absolut" nett sein. Die Westwestfalen und übrigens auch die Ostwestfalen sind eher sparsam mit "absoluten" Wertschätzungen. "War nicht schlecht!" ist die westfälische Art von "absolut toll."
Ich finde es übrigens absolut in Ordnung, wenn du meinen Gedanken nicht teilst! ;-)

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Samstag, 7. November 2015

Jetzt ist es rund!



Du liebst es, wenn etwas sich so richtig rund anfühlt, nicht wahr? Du hast zu deinem Geburtstag eingeladen. Die Gäste waren da und die Stimmung war prächtig. Das Essen hat geschmeckt und alle haben sich gut verstanden. Wenn die Gäste gegangen sind setzt du dich mit einem Glas Wein gemütlich auf das Sofa und blickst zurück mit der Erkenntnis: „Das war so richtig rund!“
Wenn ein neues Projekt anläuft dann gibt es zu Beginn häufig noch Ecken und Kanten. Wir sagen: „Es läuft noch nicht richtig rund. Wir müssen noch nachbessern.“ Beim Einkaufen wird schon einmal auf- oder abgerundet mit dem Ziel der Vereinfachung und dem Wunsch, es runder zu machen.
Braut und Bräutigam stecken sich beim Ja-Wort den Ring an den Finger. Der Ring ist rund, glatt, kostbar, glänzend. Als wollte der Ring das ausdrücken, was sich das Paar wünscht. Die Beziehung möge rund und glatt sein. Ohne Dellen und Blessuren. Ohne Kratzer und Verletzungen. Die Liebe möge glänzen und leuchten. Eben rund sein! Du stellst dir vor, dass du am Ende des Ehe-Weges voll und ganz „Ja“ sagen kannst wenn der Tod euch scheidet.
Im November blicken wir zum Einen auf die Ernte zurück.  Und zugleich sehen wir in der Natur, dass alles sich vorbereitet auf die Winterruhe. Nicht umsonst verorten wir hier die Totengedenktage. Bei Beerdigungen tragen Angehörige oft den Wunsch in sich, dass beim Abschied alles rund sein möge. Eine persönliche Feier. Eine positive Bilanz für den Verstorbenen, die rund ausfällt, damit die Familienmitglieder gut abschließen und beruhigt weiter gehen können. Keine Gespenster von unerledigten Geschäften und Gefühlen!
Meine Gedanken möchte ich gerne mit folgender Geschichte ins Wort bringen.
Jetzt ist es rund!
Der Großvater schlug in den Balken der Holzhütte den letzten Nagel ein und trat einen Schritt zurück. Dann schaute er stolz seinen Enkel Tim an und sagte zu ihm: „Jetzt ist es rund, nicht wahr Tim?“
Tim verstand aber nicht, was sein Großvater meinte. „Was meinst du damit, dass es rund ist. Die Hütte ist doch sehr gerade geworden. Die Balken sind gerade, das Dach ist gerade und die Fenster auch. Alles ist wunderschön gerade und genau richtig geworden.“ „Ja genau,“ sagte da der Großvater, „das meinte ich ja, es ist alles so richtig rund geworden.“ Dann erklärte er seinem Enkel, was er damit meinte. „Das sagt man halt so. Wenn du so richtig zufrieden bist mit deiner Arbeit und alles gut gelaufen ist. Wenn du dich freust und dein Werk dir anschaust, dann mag eine Hütte vielleicht eckig bleiben, aber es fühlt sich so rund an. Rund ist einfach nur ein gutes Gefühl.“
„Ich verstehe, was du meinst,“ sagte dann Tim nachdenklich zum Großvater. „Wenn ich in der Schule eine Arbeit habe und am Ende das Heft zumache und alles aufgeschrieben habe was ich wusste, dann fühlt es sich auch manchmal rund an, nicht wahr?“ Der Großvater nickte und gemeinsam standen sie vor der Hütte, die so exakt eckig aber zugleich auch so rund war.
Beim Betrachten der wundervollen Hütte sah Tim plötzlich einen langen Riss in einem der Balken. „Schau mal Großvater, es ist doch nicht so rund, wie du gedacht hast. Siehst du den Riss dort im Balken. Die Hütte ist nicht perfekt. Was sollen wir jetzt machen?“
Da schaute sich der Großvater den Riss genauer an und kam zu dem Urteil: „Der Riss macht nichts. Die Hütte steht und wird diesen kleinen Riss vertragen.“ Dann inspizierten sie noch einmal die Hütte und entdeckten beim genaueren Hinsehen hier eine Macke, dort einen Riss und hier und da eine Unebenheit.  Da wurde Tim sehr traurig. „Ach Großvater, es war doch alles so rund und jetzt fühlt es sich so eckig an. Die Hütte finde ich jetzt gar nicht mehr schön!“
Der Großvater ließ sich jedoch nicht beirren. „Nichts ist perfekt. Weder die Hütte noch deine Schularbeiten noch sonst etwas. Es kommt auf den Gesamteindruck an. Insgesamt bleibt unsere Hütte rund. Und wenn du genau hinschaust, dann machen die kleinen Risse und Macken doch erst unsere Hütte aus! Die Risse und Macken machen unsere Hütte unverwechselbar!“
Da wischte sich Tim die letzten Tränen aus seinem Gesicht und schaute zufrieden seinen Großvater an. „Ja“, sagte er, „du und ich. Wenn wir zusammen etwas machen, dann ist es rund, egal was dabei herauskommt. Du und ich, wir zwei zusammen, das ist so richtig rund. Viel runder als jede Hütte.“
Tief in uns Menschen gibt es den Wunsch nach einem absoluten „Ja“ zu einem gelingenden Leben. Die „Paradiessehnsucht“ begleitet uns und treibt uns voran. Am Ende des Lebens möge alles rund sein. Wenn es dann nicht die Einschränkungen gäbe! Wenn du stirbst hinterlässt du viele positive Werte. Aber auch deine Hypotheken, Verletzungen und Kränkungen gegenüber deinen Angehörigen. Die unvollendeten Aufgaben! Deine Fehler und Unzulänglichkeiten hinterlassen eine so deutliche Spur wie auch deine gelungenen Anteile. Wie du es drehst und wendest: Dein Lebensring ist zugleich rund und besitzt Scharten und Schrammen. Mit dieser „Hypothek“ muss deine Nachwelt weiterleben.
Neben deinem Leben wird die ganze Welt „eckig“ bleiben, bis sie in das Göttliche des Ganzen jenseits und am Ende der Zeiten zurückkehrt. Zugleich jedoch wird sie ebenfalls die runden Anteile haben – immer dann, wenn die Liebe zum Zuge kommt. Das Eckige und Kantige ist nicht immer leicht zu tragen und zu ertragen. „Ich hätte es so gerne rund!“ Da gibt es den Schönheitsfehler bei der Geburtstagsfeier, dass ein Gast sich daneben benommen hat. Da gibt es den Schmerz, dass du nicht das passende Geschenk gefunden hast für Weihnachten. Da hast du deinen Arbeitskollegen gekränkt und konntest es nicht wieder gut machen. Schau dir einmal in einer Mußestunde den Scherbenhaufen an, an dem du irgendwie mit beteiligt warst. Schau dir in dieser Mußestunde aber auch alle die vielen runden Dinge deines Lebensjahres an. Welche bunten Luftballons durften aufsteigen und den Himmel verschönern? Wie viele runde Smileys hast du Menschen geschenkt oder entgegengenommen? Mach nicht die Bilanz und wäge ab, ob es mehr Eckiges oder Rundes gab. Du landest dann zu schnell in eine Wertung, die dich unzufrieden macht.
Vielleicht kommst du ja zur Erkenntnis, dass das Raue und Eckige auch da sein darf. Dann kann wie in der Geschichte beides mit einem großen „Ja!“ nebeneinander und miteinander stehen bleiben. Rund und eckig ergibt? Mir fällt das Bild einer runden Kartoffel ein, die im Laufe der Zeit runzelig und schrumpelig wird. Das Runde ist noch deutlich erkennbar und wunderschöne Falten zeugen gleichzeitig von der langen Lebensgeschichte. So wie bei dir! Dein rundes Gesicht wird vielleicht auch ein wenig runzelig im November deines Lebens. Hoffentlich gehst du gnädig und liebevoll mit dir um, wenn du dann in den Spiegel schaust und bei dir das Runde und Eckige erkennst. 
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Freitag, 6. November 2015

No me como la cabeza - die spanische Art, sich nicht den Kopf zu zerbrechen!


In unserer deutschen Sprache reden wir davon, dass wir uns nicht den Kopf zerbrechen möchten. Ich habe ein Problem, das sich nur schwer lösen lässt. Ich verzichte auf das Nachdenken, weil mein Kopf zerbrechen könnte. Aus Fürsorge gegenüber meinem Kopf verzichte ich also auf das Lösen meines Problemes. Es würde mich überfordern.
Der Spanier drückt diese Erfahrung etwas anders aus: "No me como la cabeza" - "Ich esse mir nicht den Kopf". Bei manchen Problemen fühlst du dich beim Nachdenken darüber so, als würde dein Gehirn zu Brei werden. Du könntest also durch das Essen deines Kopfes deinen Verstand verlieren. Oder du würdest eben kopflos herumlaufen. Du hättest die Orientierung verloren. Durch zu viel Nachdenken verlierst du den Zugang zu dem, was dir jetzt weiterhelfen würde.
Wenn das Bild tatsächlich möglich wäre: Wie viele Spanier würden heute ohne Kopf herumlaufen und wie viele Deutsche hätten einen zerbrochenen Kopf? Die Empfehlung lautet: Denke nicht zu viel nach und mache irgendwann Schluss. Eine Pause! Auf Abstand gehen! Den Bauch fragen! Das Herz sprechen lassen! Zerbrich dir nicht den Kopf, du hast nur einen! Que no te comes la cabeza!
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Donnerstag, 5. November 2015

Kreative Lösungen finden!


In einer Seitenkapelle der Kathedrale von Santiago sieht man den Heiligen Jakobus mit erhobenem Schwert, das gleich auf eine Schar von Männern mit Turban niedersaust, um ihnen martialisch den Kopf abzusäbeln. Santiago, der Maurentöter. Ein beliebtes Motiv in der jahrhunderte dauernden kämpferischen Kirche gegen den islamischen Feind.
Vor ein paar Jahren nun beschloss das Domkapitel, diese Figur zu entfernen, weil sie nicht mehr zeitgemäß ist. Diese Entscheidung stieß auf den erbitterten Widerstand der Traditionalisten. Die Figur muss bleiben, sonst gibt es Ärger. Kein Wunder, dass ein schwertschwingender Jakobus den Ärger auch nach Jahrhunderten gut anstacheln kann.
So haben wir nun zwei Gruppen, die sich unversöhnlich gegenüberstehen. Die Verfechter eines sich mit dem Islam versöhnenden Klerus und die Gruppe der Traditionalisten, die um ihre schwindende Identität fürchten. Figur rein oder raus? Das Domkapitel hat zwar die Macht, aber den Proteststurm muss man erst einmal überstehen. Es kann doch nur einen Gewinner und einen Verlierer geben, oder?
Die Lösung, von der ich hörte, klingt schildbürgermäßig oder wie ein fauler Kompromiss. Doch manchmal liegt die Lösung eben auf einer höheren Ebene. Und wie machten das die einfallsreichen Spanier? Nun, die "Mauren" bilden den Sockel der Figur und befinden sich folglich unten. Jetzt wird diese Figur über und über ordentlich mit Blumen geschmückt. So ist nicht mehr erkennbar, was Jakobus dort mit dem Schwert macht. Er könnte jetzt also auch Blumen köpfen. Die Traditionalisten haben sich durchgesetzt: Die Figur bleibt. Der Domklerus hat sich auch durchgesetzt: Die Anstößigkeit verschwindet - zwar nicht aus der Kathedrale, aber hinter einem Berg von Blumen. Der nicht wissende Betrachter wird entzückt sein von der spanischen Frömmigkeit, die jederzeit ihren Heiligen in einem Blumenmeer versinken lässt.

Manchmal scheint es im Leben nur ein entweder/oder zu geben. Einer gewinnt und Einer verliert. Für eine Gemeinschaft ist das aber keine wirkliche Lösung, weil der Verlierer den Verlust auf die Dauer nicht so widerstandslos hinnimmt. Besser ist es, eine Lösung zu finden, wo beide Parteien gewinnen. Die Blumen des Heiligen Jakobus erweisen sich als klugen dritten Weg. Solltest du demnächst in eine Situation hineingeraten, in der es zu einer Entscheidung kommt mit möglichen Gewinnern und Verlierern erzähle doch die Geschichte von Santiago de Compostela und dem geschmückten Jakobus. Dann lade deine Gruppe dazu ein, nach einer Lösung auf ähnlicher Ebene zu suchen. Deine Kinder wollen auf den Abenteuerspielplatz und Vater möchte Ruhe haben. Aber die ganze Familie möchte auf jeden Fall den Tag gemeinsam verbringen. Entweder verlieren die Kinder und verzichten auf das Abenteuer oder der Vater verzichtet auf seine Ruhe. Na, fällt dir eine Lösung ein, wie man den Vater oder die Kinder "mit Blumen" schmücken kann?
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Mittwoch, 4. November 2015

Begegnung mit mir!



Wenn du am Morgen deine Beine aus dem Bett hebst bleib für einen Moment auf der Bettkante sitzen und besinne dich: Was wünsche ich mir für den heutigen Tag?

Wenn du beim Frühstück in dein Brot beißt, mach eine kurze Pause. Was esse ich hier eigentlich?
Wenn du unterwegs bist, mach eine kurze Pause. Lass die Welt für einen Augenblick still stehen. Wenn du die Zeitung liest, mache beim Lesen eine kurze Pause. "Was habe ich da gerade gelesen?" Wenn du mit jemanden sprichst unterbrich deine eigene Rede und mache eine kurze Pause.
Mit jeder Unterbrechung wirst du dir deiner selbst gewahr. Du steigst aus aus dem Alltagsgeschäft und spürst dich selbst.
Wenn du anfängst wahrzunehmen kommst du in den Genuss des Hier und Jetzt
Ich wünsche dir den Genuss des Augenblicks, wo du dich unterbrichst um dir zu begegnen.

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Dienstag, 3. November 2015

Ich halte Ausschau nach dir!

In einem Buch bleibe ich bei dem Satz hängen: "Ich halte Ausschau nach dir." Ich weiß gar nicht, warum mich der Satz so berührt.
Immer wieder einmal kommt es vor, dass ich mich verabrede. Vor allem, wenn der Treffpunkt unüberschaubar oder unvertraut ist und mich verwirrt, habe ich gerne eine kleine Sicherheit. "Wie finde ich dich?" heißt dann meine Frage. Natürlich kann ich schauen im Café auf dem Platz zwischen den vielen Fußgängern wo die Person ist, mit der ich mich treffen will. Wenn ich aber höre, dass mir jemand sagt: "Ich halte Ausschau nach dir!" Dann bin ich beruhigt. Ich muss das nicht alleine hinbekommen. Mein Gegenüber unterstützt mich. Er schaut nicht wahllos in der Gegend herum und wartet still vor sich hin, liest ein Buch oder schreibt SMS. Da wirft jemand seine Fäden oder sein Netz aus, so dass ich nicht verloren gehen kann.
Im Schreiben merke ich, was mich berührt. Ich könnte meine Verabredung verpassen. Er oder sie ist nicht da und ich bleibe allein. Ich gehe verloren! Ich bin hilflos! Da springen ganz alte Muster an aus meiner kindlichen Vergangenheit.
Ich kann mich nicht erinnern, dass meine Mutter Ausschau nach mir gehalten hat wenn ich draußen spielte. Andere Mütter sind am Abend auf die Straße gegangen und haben nach ihren Kindern geschaut und gerufen. "Thomas, komm rein, es gibt Abendessen!" Meine Mutter hat einfach erwartet, dass wir als gut erzogene Kinder die Regeln beachten. Wenn wir Kinder das Haus betraten war unsere Mutter immer beschäftigt mit irgendeiner Arbeit. Etwas war immer zu tun. Da hielt niemand "Ausschau". Da gab es kein Erwarten oder Ausdruck von Wiedersehensfreude.
"Ich halte Ausschau nach dir!" Da werde ich erwartet! Da kümmert sich jemand um mich! Da bin ich für jemanden wichtig! Ich gehe nicht verloren! Das fühlt sich wirklich gut an, nicht wahr?

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Montag, 2. November 2015

Die zehn Aspekte der Achtsamkeit von Papst Johannes XXIII: "Nur heute!"



Papst Johannes XXIII richtet seinen achtsamen Blick auf das Heute. Auf 10 Punkte möchte er sich und uns hinweisen. Beginnen wir mit dem ersten Punkt und sehen die wertvollen Hinweise für unseren eigenen Alltag.

1. Nur für heute werde ich mich bemühen, den Tag zu erleben, ohne das Problem meines Lebens auf einmal lösen zu wollen.

Bist du ein Morgen- oder eher ein Abendgrübler? Kannst du nicht einschlafen, weil die vielen unerledigten Dinge in deinem Kopf schwirren? Oder wachst du am Morgen auf und überlegst, was du alles in den kommenden Tagen erledigen musst. Dabei fallen dir besonders die Hürden und Hindernisse ein. Es kommen Druckgefühle und das schlechte Gewissen.
Oder es kommt ein Familienangehöriger zu dir und beginn: "Das war ganz schrecklich mit meinem Arbeitskollegen. Der müllt mich immer zu mit seinen Themen, dass ich mich gar nicht konzentrieren kann. Ach ja, die Auffahrt zur Garage müssen wir unbedingt reinigen, weil sich der Nachbar schon beschwert hat. Der macht mir auch echt Sorgen. Ständig nörgelt er an uns herum. Wir müssen unbedingt mal mit dem reden. Jetzt gehe ich eben in den Keller und wechsle eine Dichtung aus. Oder müssen wir noch einkaufen? Da habe ich gar keine Antenne für. Aber wenn ich sehe, wie du mich anschaust, dann denke ich, das müssen wir sofort tun."
Alles auf einmal! Das wäre die Lösung, nicht wahr? Dann hättest du es hinter dir! Aber wir Menschen leben in Raum und Zeit. Wir können nicht tausend Dinge gleichzeitig machen. Das "auf einmal" überfordert uns. Es kann schnell geschehen, dass du eine völlige Blockade bekommst. Da steigt so ein fetter Nebel in deinem Inneren auf. Der bewirkt Druck und Abwehr. Du verlierst den Zugang zu deinen Fähigkeiten. Du verlierst die innere Freiheit. Das Hamsterrad fängt an sich zu drehen und du weißt, es wird nicht aufhören.
Papst Johannes empfiehlt, den Tag zu erleben, ohne das Problem seines Lebens auf einmal lösen zu wollen. Man achte auf die Details.
Der Papst spricht von sich! "Ich werde..." Er beschränkt sich auf das "Heute!" Er spricht vom Bemühen und nicht von dem Anspruch, dass es perfekt gelingen müsste. Er erkennt, dass die vielen kleinen Probleme etwas mit meiner Persönlichkeit zu tun haben. Er entscheidet sich für Geduld, Beschränkung, Freiraum.
Was ist dein Zuviel? Was kannst du für heute streichen? Was müsstest du selber gar nicht tun, weil jemand anders die Verantwortung trägt? Wie geht es dir mit deiner Perfektion? Kinder wollen oft alles sofort. Geduld ist nicht leicht. Es kann aber sein, dass es Freude macht, die Aufgaben zu reduzieren und mehr Sorgfalt und Wohlwollen hineinzulegen.


2. Nur für heute werde ich große Sorgfalt in mein Auftreten legen: vornehm in meinem Verhalten; ich werde niemanden kritisieren, ja ich werde nicht danach streben, die anderen zu korrigieren oder zu verbessern - nur mich selbst.

Nur heute - vielleicht auch nur in diesem Augenblick! Wenn ich im Spiegel auf meine Stirn schauen könnte, dann würde da stehen: "Das finde ich nicht gut!" - "Das finde ich nicht richtig!" Hast du einmal beobachtet, wie oft am Tag du etwas an deinem Gegenüber auszusetzen hast? Ob es deine Kinder sind, deine Arbeitskollegen, die Nachbarn, die weite Verwandtschaft, die Politiker... Du könntest den ganzen Tag und den Rest deines Lebens Menschen für ihr Verhalten kritisieren. Wie leicht ist es, den anderen zu verbessern. "Mach doch mal so!" "Hast du das probiert?" "Das kannst du doch so nicht machen!" Wie geht es dir, wenn du selber kritisiert wirst?"
Wirst du dann kleinlaut und verkriechst dich in dein Schneckenhaus? Oder ruft das deinen Ärger hervor und du gehst in den Widerstand? In der Regel bekommst du irgendein scheußliches Gefühl. Es sei denn, du bist schon so erleuchtet, dass du gelassen mit jeder Form von Kritik umgehen kannst. Wenn du ein negatives Gefühl bekommst bei Kritik, wie wird deine Kritik ankommen beim Gegenüber? "Ich habe es ja nur gut gemeint!" "Ich wollte nur helfen!" Ich glaube, dass diese Form von Hilfe überflüssig ist. Bist du beauftragt worden? Hat dich jemand danach gefragt?
Papst Johannes schlägt vor, dass er große Sorgfalt in seinem Auftreten legt und vornehm sein wird in seinem Verhalten - wohlgemerkt nur heute! Mir gefällt es, dass ich zunächst einmal in eine Grundhaltung hineingehe. Ich bin sorgfältig und vornehm! Das klingt ein wenig altertümlich, hat aber einen ganz schönen Kern. Du entdeckst in dir einen aristokratischen Zug. Du gehst in deine Göttlichkeit und in deine Würde. Wenn du in dir selbst ruhst und dich wertschätzt, dann gibt es meistens gar keinen Grund zur Kritik. So großzügig, wie du dir selber gegenüber bist, wirst du auch deinem Gegenüber sein, vom Kind bis zum Greis, vom Bettler bist zum Millionär.
Ich werde nicht danach streben, die anderen zu korrigieren, nur mich selbst. Der Gedanke gefällt mir. Ich arbeite an mir selbst. Ich entwickle mich - heute. Ich bin sorgfältig in dem was ich sage und auch was ich denke.
Auch deine kritischen Gedanken erreichen dein Gegenüber. Auch deine negativen Gedanken haben ihre Auswirkungen. An sich selbst zu arbeiten ist ein Mammutunternehmen und eine Lebensaufgabe. Eigentlich hätte ich damit schon genug zu tun - heute! Wenn die anderen nur nicht immer so unmöglich wären...;-)

3. Nur für heute werde ich in der Gewissheit glücklich sein, dass ich für das Glück geschaffen bin - nicht für die anderen, sondern auch für diese Welt.

Es gibt Tage, die echte Unglückstage sind. Warum? Warum habe ich diese unheilbare Krankheit? Warum bin ich ein Mauerblümchen? Warum werde ich immer übersehen? Du könntest dich vor den Spiegel stellen und den Hut des Leides aufsetzen. Du bist der unglücklichste Mensch der Welt. Womit hast du das verdient? Das ist auch ungerecht! Ohne Abstriche! Du hast das Unglück nicht verdient!
Angesichts all deiner leidvollen Augenblicke wäre es ermessen zu denken, du könntest immer und überall glücklich sein, oder? Papst Johannes spricht wieder vom "Heute". Nur heute werde ich... Dann kommt ein interessanter Gedanke. Er spricht von der "Gewissheit". Er wartet nicht auf einen glücklichen Augenblick und hofft, dass er kommt. Er ruft die Gewissheit in sich wach. Gewissheit meint so etwas wie ein inneres Wissen. Das innere Wissen ist unerschütterlich in der Zuversicht, eigentlich für das Glück bestimmt zu sein. Es kann sein, dass in diesem Augenblick ich mich in einer Situation befinde, dich mich nicht glücklich macht. Zugleich trage ich die Gewissheit in mir, dass ich dennoch für das Glück bestimmt bin. Die Gewissheit macht dich stark und nicht so sehr das erlebte Glück!
Du könntest schnell zu einem "Glücksjunkie" werden. Du hechelst immer und ständig danach, dass du um jeden Preis glücklich sein musst. Allein das Hecheln danach verhindert dein Glück. Gehe einmal der inneren Gewissheit nach. Die Gewissheit, dass ich für das Glück bestimmt bin, macht mich glücklich.
Zugleich gibt es da auch noch den Punkt, dass ich nicht für die anderen erschaffen bin. Ich muss nicht die anderen glücklich machen. Wenn ich heute in der Lebensbejahung bin sorge ich dafür, dass der Freudepegel in der Welt steigt. Ich bin ein Teil des Großen und Ganzen.

4. Nur für heute werde ich mich an die Umstände anpassen, ohne zu verlangen, dass die Umstände sich an meine Wünsche anpassen.

In meinen Beratungen mache ich manchmal folgende Erfahrung. Ein Mitarbeiter hat Probleme mit seinem Vorgesetzten. Er findet auch, dass das Unternehmen keine so gute Firmenphilosophie hat. Es gibt Intrigen und Verfilzungen. Probleme werden auf die lange Bank geschoben und manche arbeiten nicht für ihr Geld oder nutzen andere aus. Das gibt es: Nicht so tolle Umstände!
Der Weg ist zu weit. Die Arbeit ist zu langweilig. Der Kollege ist zu umständlich! Wenn das alles nicht wäre, dann könnte ich ja so richtig loslegen. Wenn die Umstände anders wären, dann...
Leider sind die Umstände so wie sie sind. Manche Menschen versuchen als ständig, die Umstände zu verändern. Die Umstände sind leider so groß und mächtig, dass da oft nichts zu machen ist. Wenn der Chef netter wäre könnte ich eine viel bessere Arbeitsleistung bringen.
Nur für heute werde ich mich an die Umstände anpassen. Den Gedanken mag ich. Eigentlich wünschte ich mir eine bessere Welt. Für heute entscheide ich mich dafür, mit dieser Welt zu leben, so wie ich sie vorfinde. Morgen könnte ich mich auch anders entscheiden. Heute entscheide ich mich dafür, mich mit dem schrecklichen Chef zu arrangieren. Morgen könnte ich ihn vergiften! Aber heute nicht! Heute passe ich mich den Umständen an.
Wenn du erst loslegen kannst mit deinem Leben wenn die Umstände passen, befindest du dich in Abhängigkeit. Du bist der Sklave der Umstände. Du hast deine Freiheit verloren. Du wartest ab, was die Umstände machen und du bist ihnen ohnmächtig und hilflos ausgeliefert. Wenn du dich "anpasst", bist du handlungsfähig. Du musst nicht mit den Umständen einverstanden sein. Du musst nicht kuschen, das ist damit nicht gemeint. Die Umstände sind oft einfach wie sie sind. Verschwende daran nicht deine Energie. Nur heute machst du einfach das Beste daraus. Dann hast du für heute schon einmal etwas geschafft und deine Freiheit bewiesen.

5. Nur für heute werde ich zehn Minuten meiner Zeit einer guten Lektüre widmen; wie die Nahrung für das Leben des Leibes notwendig ist, ist eine gute Lektüre notwendig für das Leben der Seele.

Zehn Minuten für eine gute Lektüre! Das ist nicht viel Zeit! Wenn ein Mensch einen guten Gedanken hat und ich darf ihn lesen empfinde ich das als ein sehr kostbares Geschenk. Die Menschen im Mittelalter waren darauf angewiesen, dass ein kluger Mensch in ihrer Umgebung wohnte. Sie konnten keine tollen Bücher lesen. Als Kind hatte ich kein Geld dafür, mir Bücher zu kaufen. Aber es gab die Leihbücherei. Ich habe sie geliebt und im Laufe der Jahre Regal um Regal verschlungen.
Ich bin immer noch auf der Suche nach Büchern, die meinen Horizont erweitern. Und es gibt so viele Menschen, die so tolle Dinge geschrieben haben. Romane für das Herz, Sachbücher für die Weiterbildung, psychologische Bücher für die innere Weiterentwicklung.
Papst Johannes gibt einen wertvollen Impuls, warum die Lektüre so wichtig ist. Es geht um das Leben der Seele. Deine Seele benötigt also Nahrung. Wir denken an unseren Körper und geben ihm drei Mal am Tag, was er braucht. Doch die Seele? Was gibst du deiner Seele als Nahrung? Manchmal liest du Sätze und in dir schwingt etwas mit. Die Seele ruft laut: "Juhu!" Das liebe ich! Wenn die Seele keine Nahrung bekommt zieht sie sich zurück. Sie fühlt sich überflüssig und wird nicht gebraucht. Aber sie kommt sofort, wenn du sie ansprichst. Hast du Lust zu einem Experiment?
Geh einmal in einen Buchladen und überlasse der Intuition die Entscheidung, wo sie hinmöchte. Zu den Romanen oder Ratgebern? Einfach nach dem Bauch entscheiden. Dann stehst du vor einem Regal und greifst nach dem Buch, wo du spontan hingreifen möchtest. Das ist dann dein Seelenbuch! Der Kopf sucht das Bekannte und Vertraute. Die Seele sucht das Neue!

6. Nur für heute werde ich eine gute Tat verbringen, und ich werde es niemandem erzählen.
Ein Papst und nur eine gute Tat? Und nicht mal drüber sprechen. Tu Gutes und rede darüber heißt es doch in der Geschäftswelt.

Mir gefällt die Idee trotzdem. Nicht jeden Tag eine gute Tat, sondern wiederum nur heute! Es ist wichtig, diesen Gedanken immer zu wiederholen. Nur heute... Viele Menschen haben in sich den Gedanken: "Wenn ich dir einen Finger hinstrecke nimmst du die ganze Hand." Heute darfst du deinen Finger anbieten. Du bietest deinen Finger an und nicht deine Hand. Was morgen ist, wird erst morgen entschieden und nicht heute. Heute den Finger und eher heimlich und verborgen.
Wenn du über deine Taten sprichst, ist das bestimmt gut für deine Selbstbestätigung. Du bekommst Zuwendung und Anerkennung von deiner Umwelt. Wenn du es niemandem erzählst, wird es keiner so leicht bemerken und du verzichtest auf Lob und Wertschätzung. Was ist gut daran, es niemandem zu erzählen?
Zunächst einmal gibt es so etwas wie eine stille, heimliche und kindliche Freude. Das Kind, das heimlich der Mutter ein Bild auf den Tisch legt und sich darüber freut, wie sie reagieren wird. Wann erlebst du als Erwachsener die kindliche Freude des "Nikolauseffektes". Still, leise, heimlich, verborgen, tief...
Wenn du es niemandem erzählst bekommt dein Ego keinen Stoff. Du kannst dich beobachten ob es dir um die gute Tat geht oder doch eher um die gute Anerkennung für deine Tat? Eine gute Tat heute macht dir deutlich, dass du ein Tel des großen Ganzen bist. Du darfst mitgestalten, mitschöpfen und in der Freude sein. Welche gute Tat würde dich heute reizen?

7. Nur für heute werde ich etwas tun, für das ich keine Lust habe zu tun: sollte ich mich in meinen Gedanken beleidigt fühlen, werde ich dafür sorgen, dass es niemand merkt.

Kennst du das? Du stehst am Morgen auf und schaust auf die Arbeit, die vor dir liegt. Sie kommt dir eintönig vor. Jeden Tag kochen? Jeden Tag aufräumen? Jeden Tag spülen? Du hast keine Lust. Du findest das Leben in diesem Augenblick weder lustig noch lustvoll. Ja, du kannst dir einreden, dass du ja mal etwas anders machen kannst. Du probierst ein neues Rezept aus. Du verlängerst heimlich deine Pause am Arbeitsplatz um ein paar Minuten und schwätzt mit einem netten Kollegen.
Das wird aber wenig daran ändern, dass es immer wieder solche Augenblicke und Tage der Lustlosigkeit gibt. Wenn du wenigstens eine ordentliche Depression hättest! Du würdest eine Diagnose vom Arzt erhalten, das Mitgefühl deiner Familie, eine tolle Therapie und hilfreiche Tabletten. Aber Lustlosigkeit?
Ich erinnere mich an Ferienzeiten als Kind. Da gingen wir zu unserer Mutter und fragten sie: "Was sollen wir machen?" - "Spielt doch verstecken!" - "Nö, keine Lust!"  Gestehe es dir einfach ein: Es gibt Tage ohne Lust. Keine Depression. Einfach keine Lust. Ich habe manchmal auch keine Lust, etwas zu schreiben. Leider gibt es in mir eine Stimme die sagt: "Mache es trotzdem! Du kannst auch ohne Lust schreiben, ist nicht so schwer. Fang einfach an und es wird." Diese Stimme ist ziemlich mächtig.
Papst Johannes macht uns auf eine interessante Beobachtung aufmerksam. Du entscheidest dich also, trotz deiner Unlust etwas zu tun. Das beleidigt deine Gedanken! "Ich habe doch gesagt, dass ich keine Lust habe. Warum machst du trotzdem diese Aufgabe. Willst du, dass ich streike! Soll ich dir sagen, was ich jetzt mache! Ich zeige ein beleidigtes Gesicht. Ich werde so griesgrämig ausschauen, dass jeder Mensch zu dir auf Abstand geht. Hör also lieber auf zu arbeiten, sonst ziehe ich ein Gesicht." So ähnlich kommen die Gedanken, wenn du ohne Lust etwas tust. Der Papst macht daraus einfach einen Sport. Du darfst dich ruhig beleidigt fühlen. Das ist in Ordnung. Aber muss das jemand merken? Kannst du es nicht einfach erwachsen, stolz und selbstbewusst ganz für dich fühlen? Probiere doch einmal aus - nur heute - in einer Situation beleidigt zu sein und es niemanden merken lassen. Das Gefühl gehört dir. Du fühlst es und fertig!

8.  Nur für heute werde ich ein genaues Programm aufstellen. Vielleicht halte ich mich nicht genau daran, aber ich werde es aufsetzen - und ich werde mich vor zwei Übeln hüten: der Hetze und der Unentschlossenheit.

Nur für heute ein genaues Programm. Ich kenne Menschen, die vor lauter Arbeit nicht anfangen können. Ihnen fehlt ein Plan. Sie besitzen keine Struktur. Sie fangen etwas an und wenden sich ganz schnell dem nächsten zu. Oder sie fangen gar nicht erst an, nehmen aber alles in die Hand. Sie sind erfüllt von Gedanken wie: "Ich müsste...", "ich sollte...", "ich könnte..." ergänzt durch unbedingt, dringend und auf jeden Fall.

Nur heute machst du ein genaues Programm.
1. Du setzt dich hin und schreibst auf, was du erledigen möchtest.
2. Dann gibst du jeder Aufgabe Punkte. Drei Punkte bedeutet "total wichtig". Zwei Punkte ist wünschenswert und ein Punkt ist kann muss aber nicht.
3. Dann schreibst du die "Dreipunkteaufgaben" untereinander in der Reihenfolge der Dringlichkeit. Vergiss nicht die "Freudefaktoren" wie lustvolle Aufgaben oder Pausen oder kreative kleine Unterbrechungen. Dann folgen die Zweipunkter und dann die Einpunkter.
4. Dann schreibst du hinter jeder Aufgabe wie viel Zeit du dafür verwenden möchtest.
5. Du wirfst einen Blick darauf, ob deine Liste realistisch ist. Du kannst ja jetzt die Zeiten zusammenrechnen. Wenn dein Arbeitszeitpensum ausgeschöpft ist streichst du alles von deiner Liste, was darüber hinausgeht.

Der Papst gibt den Hinweis auf zwei Fallen. Achte darauf, dass du dich nicht abhetzt. Ein Programm bewirkt oft dies. Du fühlst dich wie ein Sklave und arbeitest das Programm ab. Du vergisst, dass das Programm lediglich eine Strukturhilfe ist und nicht dein Sklaventreiber. Wenn dein Zeitplan nicht gut berechnet ist oder Unvorhergesehenes geschieht, dann streiche wieder etwas vom Ende deiner Liste.
Der zweite Hinweis dreht sich um die Unentschlossenheit. Manchmal gehen deine Projekte deswegen nicht voran, weil du dich nicht entscheiden kannst. Mache ich A oder B oder lieber C oder rufe ich an und frage den oder die. Rechne einmal die Zeiten zusammen, in denen du unentschlossen bist. Deine Lebenszeit ist kostbar. Manchmal ist es besser, sich für das Falsche oder Zweitbeste zu entscheiden. Das ist besser als in der Unentschlossenheit zu verharren. Die Unentschlossenheit an sich ist ein unglaublicher Energieräuber. Sie führt dich in die Passivität und du bekommst nichts mehr von deiner Liste gebacken. Du gibst einfach auf!
Also, ein Programm. Nur für heute! In der Freude bleiben und es als Experiment sehen. Entscheide dich - ruhig auch einmal falsch - und vertraue, dass aus deiner falschen Entscheidung auch etwas Gutes wachsen kann. Aber die Gefahr wird geringer, wenn du dein Werk nicht in Hetze abarbeitest. Vergiss nicht, regelmäßig und tief dabei zu atmen.

9. Nur für heute werde ich keine Angst haben. Ganz besonders werde ich keine Angst haben, mich an allem zu freuen, was schön ist - und ich werde an die Güte glauben.

Nur für heute werde ich keine Angst haben? Wenn ich darüber mal Einfluss hätte! Bei mir kommt die Angst einfach. Ich rufe sie nicht herbei. Ich will sie nicht einmal haben. In bestimmten Situationen kommt sie. Es kann sein, dass heute nichts geschieht, was die Angst auf den Plan ruft. Aber in der Hand habe ich das nicht. Ich kann leider einfach nicht beschließen, heute keine Angst zu haben. Ich kann Papst Johannes auch nicht fragen, ob er das in seinem Leben konnte. Nach meiner Erfahrung gibt es keinen Menschen ohne Angst. Jeden Menschen treibt irgendeine Angst im Leben an. Es gibt einigermaßen angstfreie Tage oder Zeiten. Vielleicht kannst du die Angst ausblenden, kleinreden, verdrängen... Da gibt es viele erfolgreiche Wege.
Vielleicht geht es dem Papst auch nicht um die Angst an sich sondern um die Kehrseite. Ich kann das Positive sehen und bejahen und mich darüber freuen. Es gibt ja Menschen, die sich konsequent weigern, in die Güte zu gehen. Wer weiß, was danach kommt. Wenn ich mich jetzt freue, falle ich hinterher um so tiefer. Wenn ich jetzt Angst vor der Freude habe und sie verhindere, kann ich auch nicht mehr fallen. Ich bin ja schon am Boden. Eine fatale Logik.
Ich möchte nicht enttäuscht werden, darum verhindere ich die Freude. Du kannst dich auf die Angst fixieren oder die Entscheidung treffen dich zu freuen über alles, was schön ist. Wenn dich auch viele Ängste plagen kannst du dich zugleich über die Blumen auf deinem Tisch freuen, das Lächeln eines Menschen, ein süßer Vogel im Baum. Stoff zum Freuen findest du genug!

10. Nur für heute werde ich fest glauben - selbst wenn die Umstände das Gegenteil zeigen sollten  - ,dass die gütige Vorsehung Gottes sich um mich kümmert, als gäbe es sonst niemanden auf der Welt.

Erst in dem zehnten und letzten Gedanken spricht der Papst über Gott. Alle anderen "nur heute" Gedanken beinhalten das Wort Gott nicht. Nur für heute werde ich "glauben".
Die Idee ist, dass Gott sich so um mich kümmert als gäbe es sonst niemanden auf der Welt. Wenn ich mir all die Menschen anschaue, die das Gegenteil zeigen... Die Menschen auf der Flucht. Die arbeitslos sind. Die unglücklich Verheirateten. Diejenigen, die Gewalt erfahren sei es physisch oder psychisch. Ich könnte eine ganze Litanei aufzählen von Menschen die das Gegenteil erleben von der gütigen Vorsehung Gottes. Ein großer Teil der Menschheit lebt ein Leben, das so nicht sein müsste, wenn wir alle gerechter und liebender wären. Aber der Kern dieses Papstgedankens ist wohl ein anderer.
Es geht ja um mich und um meine Grundhaltung. Nur für heute! Ich!
Ich werde also nicht über die Ungerechtigkeit der Welt nachdenken sondern darüber, wie es mir geht, wenn ich unglückliche Situationen erlebe. Verliere ich dauerhaft den Boden unter den Füßen, wenn ich in meinem Leben Leid erfahre? Kratzt das mein Gottesbild an? Erwarte ich tatsächlich, dass Gott mir jeden Tag paradiesische Umstände schenkt? Dann wäre er ja mein Sklave oder Diener. Zugleich finde ich den Gedanken und die Idee hilfreich. Wenn ich mein ganzes Leben anschaue weiß ich, dass ich einem Lebens- oder Seelenplan folge. Ich entwickle mich. In Zeiten von Entwicklung geht es rauf und runter. In meiner Entwicklung gibt es die Erlaubnis und das Einverständnis, dass kommen kann was kommen will.
Ich bin nicht wie ein Kind, das ständig etwas von Gott einfordert und erwartet. Gott, tu dies und bewahre mich vor jenem! Gott ist in mir und ich bin in ihm! Wir kümmern uns gemeinsam. Vielleicht müssen wir uns bis an das Ende des Lebens kümmern und über den Tod hinaus, dass alles vollendet und gut wird. Der Satz des Papstes für mich in Kurzform: "Es ist wie es ist und ich sage Ja dazu!"
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