Dienstag, 31. März 2020

Die Angesteckten sind schneller als der Anstecker


In einem Bericht über die Hamsterkäufe der Menschen in diesen Corona Virus Tagen sagte ein Wirtschaftspsychologe: "Die Angesteckten sind schneller als der Anstecker." Der Virus ist also im Verhältnis zu unserer Angst sehr viel langsamer. Eine gute Beobachtung. Da kann der Virus noch ein paar Städte entfernt liegen. Ich habe den Gedanken, dass ich angesteckt werden könnte, und schon ist die Angst da und breitet sich aus. Die Angst kommt in Bruchteilen einer Sekunde und nimmt uns völlig in Beschlag. Der Puls und Herzschlag schnellen nach oben. Wir bekommen Schweißausbrüche und den Drang, dass wir uns schnell bewegen möchten. Weglaufen oder kompensieren durch den Kauf von Toilettenpapier. Wer Schiss hat, kauft Klopapier.
Da treffen sich in unserem Inneren zwei gegensätzliche Typen. Der Teil, der alles klug bedenkt und einen sinnvollen Plan macht. Und der andere Teil, der sich in irrationaler Angst auflöst. Wenn es um das pure Leben geht gewinnt die Angst. Ab einem gewissen Zeitpunkt ist sie der Vernunft nicht mehr zugänglich. Was tun?
In einem kleinen ruhigen Moment wirst du dir deiner beiden Anteile in deinem Inneren bewusst. Beide Teile gehören zu dir und beide Teile kannst du gut gebrauchen. Wer jedoch macht aus beiden Teilen ein Team, das zusammenarbeitet?
Der Teil, der diesen Text jetzt liest und dem vielleicht zustimmt, was ich schreibe.
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Montag, 30. März 2020

Die inneren Werte!

In der Fußgängerzone fand ich dieses Plakat mit einer Kosmetikwerbung und dem Hinweis auf die inneren Werte. Ich kenne diese Firma bislang nicht. Sie wirbt mit Nachhaltigkeit, Fairness, Natürlichkeit. Wenn es einen Trend von billig, Chemie und wegwerfen gibt, entsteht auch ein Gegentrend.
Es kommt auf die inneren Werte an. Damit wirbt diese Firma. Ein alter Slogan. Wer spricht heute denn schon noch über innere Werte! Dabei ist doch das Äußere heute überall wichtig! Trendy sein! Spaß haben! Das Leben genießen!
Kann es sein, dass diese lockere Lebenseinstellung dem Ende entgegengeht? Wer sich ständig in den Äußerlichkeiten aufhält wird irgendwann leer werden. Die inneren Werte sind eben doch "Werte". Wertvoll! Doch über welche inneren Werte sprechen wir hier?
Gerechtigkeit? Nachhaltigkeit? Fairness? Menschlichkeit? Tierliebe? Verlässlichkeit? Hat das etwas mit Moral zu tun? Die moralischen Werte? Was findest du wertvoll, wenn du in dir selbst hineinschaust? Was findest du beschützenswert? Was möchtest du hegen und pflegen, weil es für dich wertvoll ist? Für mich ist der innere Wert keine Konserve! Alles, was ich fühle und denke! Alles, was ich erlebe und erfahre! Alles, was ich geschenkt bekomme und in mich hineinfließt sind Teile meiner inneren Werte. Ich stelle es mir eher vor wie die Schatzkammer meines Herzens. Jenseits von Moral! Aber nicht ohne! Tiefer und lebendiger.
Der Blick auf meine inneren Werte macht mir deutlich, dass ich reich gesegnet bin. Ich bin nicht arm und ich muss nichts von außen hinzufügen um reicher zu werden! Wenn du dir deines inneren Reichtums bewusst wirst, brauchst du nur noch wenig von außen. Vor allem machst du dich unabhängig von all den Produkten, die dir das Glück versprechen.
Was immer auch diese Firma an guten Produkten dir verkaufen möchte - auf einer bestimmten Ebene hast du es schon!
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Samstag, 28. März 2020

Du bist meine Lieblingsfreundin

Kann ich als Mann etwas zu diesem Thema sagen? "Du bist meine Lieblingsfreundin". Ich habe weder eine Lieblingsfreundin noch einen Liebelingsfreund. Ich habe Freundinnen und Freunde. Das ja!
Ich erinnere mich aber noch an meine Kinder- und Jugendzeit und habe da meine Schwestern erlebt. Da ging es häufig um die Frage, wer ist denn jetzt mit wem lieblingsbefreundet. Für den familiären Frieden war es gut, wenn meine Schwestern in einer Lieblingsfreundschaft geborgen waren. Und wehe, wenn nicht. Drama, Krise, Weltuntergang, Schmerzen!
Sowohl als Junge als auch als Mann war und bin ich da eher ein Zuschauer. Das ist zugleich wohl die Crux. Für das "Lieblingsfreundeln" musst du dich leidenschaftlich verbinden können. Dich ganz einlassen mit Haut und Haar und allen Gefühlen. Dich förmlich verlieren können. Hoffentlich ohne dich aufzugeben.
Vielleicht lebe ich schwerpunktmäßig auch nur an einem anderen Pol. Der eine Pol heißt: "Ich bin gut bei mir und mit mir und ruhe in mir." Der andere Pol heißt: "Ich gebe mich hin mit allem was ich bin und habe." In der Hingabe kann ich mich selbst verlieren und im bei mir selbst bleiben kann ich einsam werden. Zwei unterschiedliche Gefahren. Wo ist dein Lieblingspol? Ich glaube, dass jeder so einen hat. Gibt es einen tendentiellen Unterschied zwischen Mann und Frau?
Mir hilft die Vorstellung, dass ich mich zwischen den Polen bewege. Ich gebe mich hin und nehme mich so mit, dass ich mich nicht verliere. Ich bin gut bei mir und lade ein, wer bei mir sein mag.
Kann ich als Mann etwas zum Thema Lieblingsfreundin sagen? Nichts aus eigener Erfahrung. Aber ich freue mich für dich, wenn du da so jemanden an deiner Seite hast!
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Freitag, 27. März 2020

Hilfe, ich ertrinke!

Bei der Wanderung kommen wir an einen kleinen Fluss wo man gut baden könnte. Aber ein Schild warnt uns. "Vorsicht, hier kannst ertrinken!" Ich weiß nicht warum, aber das Schild wirkt ein wenig wie ein Comic und löst bei uns Heiterkeit aus. Da lauert eine Gefahr, wir könnten ertrinken, und wir stehen da, lachen und fotografieren. Verbinde ich das Comic mit meiner angstbesetzten Phantasie bleibt mir das Lachen im Hals stecken.

Das erinnert mich an so manche Beratungssituation. Wenn ein Mensch noch schwimmen kann, dann bekommt er sein Leben selbst geregelt. Wenn jemand droht zu ertrinken, kommt er zu mir. Krisen sind wirklich bedrohlich. Wenn ich den Überblick verliere. Handlungsunfähig werde. Meine Ohnmacht spüre. Nicht mehr weiter weiß. Einen solchen Zustand kann ich nur schwer ertragen.

Und was, wenn ich auch keine Lösung weiß? Wenn ich keinen Rettungsring zur Hand habe? Wenn mir auch nichts mehr einfällt, weil man es irgendwie nur aushalten muss? Manchmal hilft dann doch ein wenig Galgenhumor. Aber nicht zu früh! Erst nach der Ohnmacht! Erst dann, wenn klar ist, dass es keinen Ausweg gibt. Wenn es ein Einverständnis gibt, ertrinken zu dürfen.
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Donnerstag, 26. März 2020

Jede Krise birgt auch eine Chance!

                                                                                              
Das Kind bekommt ein schlechtes Zeugnis und wird nicht versetzt in die nächste Klasse. Da kann man nichts machen!
Das Paar hat sich heillos zerstritten und reicht die Scheidung ein. Da kann man nichts machen.
Der Kranke liegt im Sterben und der Tod wartet vor der Tür. Da kann man nichts machen.

Klingt wie Resignation, nicht wahr. Manchmal müssen wir uns dem "Schicksal" ergeben. Das Kind hat sich alle Mühe gegeben und dennoch die erforderlichen Noten nicht geschafft. Das Ehepaar war sogar in einer Beratung und der Kranke hat lange gekämpft. Da kann man nichts machen. Es mag sein, dass das Kind nicht versetzt wird, das Paar sich trennt und der Kranke stirbt. In jeder Situation "kann man dann dennoch etwas machen".
Das Kind kann daraus eine Lektion für die Zukunft lernen und andere Wege gehen. Das Paar findet in der Krise vielleicht einen neuen Anfang. Der Kranke kann noch vor dem Tod seinen Angehörigen seine Liebe zeigen.
Die Situationen können wir manchmal nicht verändern, aber unsere innere Einstellungen. Jedes Ereignis, das uns herausfordert, gibt uns die Gelegenheit zum inneren Wachsen.

Du kannst dein Leben bejahen mit allen Facetten. Es gibt nichts zu tun.
Du kannst Ja sagen auch  zu deinen Fehlern. Dann gibt es nichts zu tun.
Du kannst dich mit dir selber aussöhnen. Dann gibt es nichts zu tun.

Da kann man nichts machen - Resignation.
Es gibt nichts zu tun - einfach im Sein sein!

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Mittwoch, 25. März 2020

Es gibt keinen Weg, der nicht irgendwann nach Hause führt.

Ein afrikanischer Spruch aus meinem Kalender.
Ich kenne viele Menschen, die das Gefühl haben, nicht bei sich angekommen zu sein. Immer gibt es einen Mangel. Nie ist etwas so ganz richtig. "Jetzt mache ich mehr Sport, das hat mir früher schon gut getan, aber irgendwann habe ich damit aufgehört. Vielleicht hilft es mir ja weiter." Dann kommt der Sport und es fühlt sich wieder nicht so ganz richtig an.
Manche Menschen sagen von sich, dass sie viele Umwege machen. Da ist die erste Liebe, die nicht funktioniert, dann kommt die zweite Liebe und manchmal ist die dritte Liebe dann die richtige.
Manche erlernen einen Beruf und stellen schnell fest, dass er nicht den eigenen Fähigkeiten und dem Herzenswunsch entspricht. Aber sie üben ihn aus über viele Jahre bis hin zur großen Sinnkrise.
Bei all diesen Geschichten und Erfahrungen kommt dann vielleicht der Gedanke: Wozu das alles? Warum diese ständigen Umwege? Wann komme ich endlich an mein Ziel? Wann wird alles so sein, dass ich rundum zufrieden bin?

Da sagt das afrikanische Sprichwort: Es gibt keinen Weg, der nicht irgendwann nach Hause führt. Das ist doch beruhigend, nicht wahr? Ich darf Umwege machen, so viele ich will. Es ist nicht einmal ein Umweg. Das Wort "Umweg" ist nur meine persönliche Deutung. Es ist halt mein Weg, der Weg, den ich gerade gehe. Ich kann mehrmals um die ganze Erde reisen und innerlich durch tausend Welten wandern, es geht gar nicht anders, als das ich ans Ziel gelange. Ein Misslingen ist damit quasi ausgeschlossen. Egal wie lange du unterwegs bist und wohin du dich auch wendest: Du kommst irgendwann nach Hause, entweder am Ende deines Lebens, zwischendurch oder auch heute. Diese Erkenntnis schenkt dir eine unmittelbare Gelassenheit und klare Gewissheit. Es gibt keinen Weg, der nicht irgendwann nach Hause führt.   
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Dienstag, 24. März 2020

Corona und der Weg durch die Angst mit Kindern


Als Erwachsene versuchen wir das Ausmaß der Krise zu verstehen. Wir informieren uns auf allen Kanälen, suchen nach Antworten und Strategien, um gut zu überleben. Dabei denken wir, dass unsere Kinder genauso gestrickt sind und dass wir vor allem kluge und sinnvolle Antworten für ihre Fragen parat haben müssen. Hilfreicher für Kinder sind aber andere Dinge. 

Sei präsent
Kinder verlassen sich darauf, dass sie bei ihren Eltern geborgen sind. Dazu reicht die Anwesenheit. Wenn die Eltern da sind, ist alles gut. Darum nimm immer wieder mal Kontakt auf. Kind: „Bist du da?“ – Eltern: „Ja, bin ich!“ Dann ist alles klar und die Kinder können weitermachen mit dem, was sie gerade tun. Es hilft, wenn du dich innerlich mit den Gefühlsanteilenteilen verbindest, die sicher sind. Damit strahlst du Zuversicht aus. Mach dir klar, worauf du dich immer noch verlassen kannst. Du hast ein Dach über dem Kopf, ausreichend Nahrung. Du liebst deine Kinder und die Kinder lieben dich. Das ist eine wichtige Basis.

Angst darf sein
Wenn etwas nicht so ist wie gewohnt, entsteht das Gefühl der Angst. Es sagt uns: „Pass auf!“ und lässt uns überlegen, was zu tun ist. Angst hat ihre Berechtigung. Sag deinem Kind nicht: „Hab keine Angst“ oder „Ist nicht so schlimm“, sondern vermittel ihm, dass Angst ganz normal ist und uns immer wieder einmal besucht. Sprich darüber, wie sie sich anfühlt: Ist sie nur unangenehm oder gibt es noch andere Empfindungen? Wo macht sie sich im Körper bemerkbar? Hat das Gefühl eine Form oder Farbe? Zeige Interesse, ganz nach dem Motto: „Wir laufen nicht vor der Angst weg, sondern schauen mal, was sie so macht.“ Gemeinsam werdet ihr feststellen, dass die Angst, so wie sie gekommen ist, auch wieder vergeht.

Jetzt ist die Zeit der Rituale
Kinder lieben und brauchen klare und geregelte Abläufe. Besonders jetzt, wo nichts mehr ist, wie gewohnt. Wenn alle immer zu Hause sind, wird der Tag lang, schnell ödet man sich an und wird empfindlicher. Hier bringt es Stabilität und Entlastung, wenn du Rituale einführst, die immer zur selben Zeit stattfinden. Das kann eine Kuschelrunde sein, eine Vorlesezeit oder Mahlzeiten, für die alle mithelfen und sie besonders schön gestalten.

Tipp: Abendritual
Setzt euch zusammen und zündet eine Kerze an. Dann sagt jedes Familienmitglied, wie es ihm gerade geht, was ihm heute gelungen ist und Freude gemacht hat. Denkt dann an die Menschen, die jetzt nicht da sind und nennt alle beim Namen. So wird der Familienkreis größer. Zum Schluss überlegt, wie der nächste Tag aussehen könnte und ob es eine schöne Aktivität gibt, auf die alle Lust haben.

Nur beantworten, was gefragt wird
Kinder haben jetzt viele Fragen, die euch als Eltern vielleicht überfordert. Das macht nichts. Du musst nicht alles wissen, und ein Thema auch nicht erschöpfend beantworten: Wenn ein Kind mit der Antwort zufrieden ist und nicht nachfragt, braucht es keine weiteren Erklärungen. Knüpf an frühere Erfahrungen an, wenn du mit deinen Kindern über Angst sprichst.  Frag beispielsweise: „Hast du schon einmal Angst gehabt? Was hast du da gemacht? Was hat geholfen, was hat dir nicht gut getan? Was könnte dir jetzt helfen?“ Mit solchen Fragen machst du die Kinder zu kompetenten Gesprächspartnern.

Mehr Kontakt und weniger Kopf
Körperkontakt ist die beste Form, Sicherheit zu schenken. Wenn der Körper sich anlehnen kann, bekommt er Schutz und Geborgenheit. Das ist auch einfacher als die Suche nach Antworten, die noch nicht einmal Experten haben. Kinder haben drei Grundbedürfnisse: Sie brauchen gefühlte Nähe (Verbundenheit), körperliche Sicherheit und Freiraum, um sich im Spiel ausdrücken zu können (Autonomie). Schau, welches dieser Bedürfnisse sich bei deinem Kind gerade meldet und was du dafür tun kannst. Will es spielen, gib ihm Freiraum. Wenn es Liebe sucht, schenken Zuwendung. Hat es Angst, spende Geborgenheit.

Montag, 23. März 2020

Von der Körperhygiene zur Psychohygiene angesichts des Coronavirus


Ein paar hygienische Grundregeln zu beachten ist im Augenblick für alle Menschen enorm wichtig. Wir alle können etwas aktiv dafür tun, dass der Virus sich nicht so schnell weiter verbreitet. Wer etwas machen kann, fühlt sich nicht mehr hilflos. 
Wie wäre es, die Vorschriften und Vorschläge zur Körperhygiene auszuweiten auf eine gut Psychohygiene. Viele vergessen, dass neben der Sorgfalt im Umgang mit dem Körper auch unsere Seele etwas braucht, damit wir heil durch diese Krise kommen.

Die Hände waschen
Du kannst dir für einen Augenblick bewusst werden, was du jeden Tag mit deinen Händen machst. Dass deine Hände dir so viele treue Dienste leisten. Ohne sie wärest du völlig ohnmächtig und vom Morgen bis zum Abend auf fremde Hilfe angewiesen. Wenn du dir die Hände wäschst, dann kannst du deinen Händen dankbar sein, dass sie dich unterstützen bei allem, was du machst. Gedanklich kannst du ja einmal so einen Tag durchgehen, wofür du deine Hände so verwendest.
Mit deinen Händen empfängst du und gibst etwas weiter. Du kannst Lebensförderndes entgegennehmen und Feindliches weiterreichen. Wo im Leben unterstützt du und wo verbreitest du schlechte Laune und Feindseligkeit. Du reduzierst jetzt die Begrüßung mit einem Händedruck. Aber du kannst freundliche Gedanken empfangen und weiterschenken.
Und du kannst dir bewusst machen, wie du sonst mit deinem Körper umgehst. Was nimmst du an Nahrung zu dir? Bewegst du dich zu wenig oder zu viel? Was würde dir jetzt gut tun? Die Hände können im Moment für das Ganze stehen. Behandle deine Hände mit Sorgfalt und den Rest von dir auch. 

Abstand halten
Wie nimmst du die Nähe und die Distanz zu den Menschen wahr? Manche Menschen kommen dir auch sonst zu nahe und du fühlst dich unwohl. Manchen Menschen rückst du auf die Pelle und sorgst selber für Unbehagen. Jeder Mensch braucht einen Raum um sich herum, der für Sicherheit und Wohlbefinden sorgt.
Wie oft überschreiten wir im Alltag solche unsichtbaren Grenzen. Da gibt es ein Gedrängel an der Supermarktkasse. Da wollen alle gleichzeitig die Veranstaltung verlassen und es kommt manchmal zu sehr unangenehmen Körperkontakten mit völlig fremden Menschen.
Auf der anderen Seite gibt es aber vielleicht auch das Bedürfnis nach mehr Nähe. Nähe zu den Lieblingsmenschen. Wenn es körperlich im Moment nicht so gut geht – vielleicht aber geht es gut emotional. Du kannst an die Menschen denken, die du liebst und ihnen gute Gedanken schicken.
In den Tagen von Corona kannst du dir Zeit nehmen für die Menschen, die du verloren hast. Die so weit auf Abstand sind, dass du lange nicht mehr an sie gedacht hast.
Wie nahe dürfen Menschen dir überhaupt kommen? Magst du Distanz und bist froh, dass das jetzt endlich mal geht. Dass dir niemand zu nahe kommt? In den nächsten Tagen und Wochen hast du die Möglichkeit, darüber einmal intensiver nachzudenken und dich neu zu finden in den Fragen von guter Nähe und Distanz.

Husten und Niesregeln
Beim Husten und Niesen schleudern wir ja alle Viren und Bakterien in die Umwelt. Das kommt in der Regel sehr eruptiv. Die Armbeuge ist ein guter Ort, das schädliche Material aufzusammeln.
Manchmal sammelt sich in unserem Inneren Ärger und Wut an. Du kannst jetzt sehr wütend und ärgerlich werden, weil dein Alltag für Tage und Wochen unterbrochen wird. Freiwillig möchtest du nicht zu Hause bleiben. Du hättest gerne deine gewohnten Abläufe wieder. Da kann es passieren, dass du schon mal aus der Haut fahren möchtest. Du wirst immer dünnhäutiger und lässt diesen Ärger heraus an deine Partnerin, deinen Partner oder deine Kinder. Es entsteht eine aggressive Stimmung, die immer mehr zu eskalieren droht. Der Ärger und die Wut sind ja durchaus berechtigt. So, wie du hustest oder niest, kann der Ärger sich seinen Weg suchen. Du kannst dir aber überlegen, wo ein guter Ort für deine Wut wäre. „Rotzt“ du die Menschen an, die du eigentlich liebst? Oder gibt es eine andere Möglichkeit für dich, dir Luft zu verschaffen. Power dich lieber aus beim Jogging. Hau auf einen Sandsack oder ins Kissen. Schrei im Wald die Bäume an. Bewege deinen Körper mit anderen kräftezehrenden Übungen.






Samstag, 21. März 2020

Eigentlich würde ich lieber Ja sagen.

Ich habe Nein gesagt.
Ich werde nicht zur Geburtstagsfeier gehen.
Ich bin sauer auf meinen Gastgeber.
Der hat mir nicht einmal zu meinem Geburtstag gratuliert.
Der hat mich nur eingeladen, weil er ein Selbstdarsteller ist.
Er umgibt sich gerne mit vielen Menschen weil er zeigen will, wie beliebt er ist.

Ich wollte kein schmückendes Beiwerk sein.
Ich wollte mich nicht missbrauchen lassen.
Der hat sich bisher noch nie bei mir entschuldigt.
Im letzten Jahr war ich noch dort.
Und alle haben ihn bewundert.
Das tolle Haus, die tolle Familie, der tolle Hund, das tolle Essen. Toll!

Er hatte nicht mal mein Geschenk ausgepackt.
Kurz gratuliert und schon wieder weg!
Ich hätte im letzten Jahr schon Nein sagen sollen.
Aber mein Nein musste wohl noch wachsen und klarer werden.
In diesem Jahr habe ich Nein gesagt.
Ich habe Nein gesagt ohne eine Begründung.
Damit es ordentlich weh tut.
Darf ich dich einladen?
Nein!

Aber eigentlich...
Eigentlich würde ich lieber Ja sagen.
In dem Nein steckt so viel Kränkung.
Die ist nicht weggegangen.
Ich habe Nein gesagt und die Kränkung ist geblieben.

Daraus habe ich gelernt.
Ich sage weiterhin Nein. Das fühlt sich richtig an.
Aber wenn ich eigentlich lieber Ja sagen würde,
sage ich nicht mehr Nein.
Ich arbeite dann an dem "eigentlich" bis es klar wird.

Bis Kopf, Herz und Bauch übereinstimmen.
Dann gibt es manchmal interessante Lösungen.
Ich sage Ja aber mit Vorbehalt.
Ich sage Nein aber mit Möglichkeit, dass es noch Ja werden kann.
Ich sage Nein und springe trotzdem über meinen Schatten.
Ich sage Ja und mache dennoch Nein.
Ich befreie mich vom Diktat von Ja oder Nein und frage nach meinen Bedürfnissen.
Wenn ich da angekommen bin, lässt sich vieles leicher klären.

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Freitag, 20. März 2020

Nimm deinen Platz ein und dehne dich aus!



Ich atme ein und ich atme aus. Im Winter zieht sich die Natur zurück und im Frühling kehrt sie wieder. In der Nacht ziehe ich mich in mein Bett zurück und kuschle mich in meine Decke ein. Ich ziehe mich zusammen, damit ich mich gut geschützt fühle. Aber am Morgen, wenn ich aufwache, dann dehne und strecke ich mich. Ich kehre ins bewusste Leben zurück.
Mein ganzes Leben kann ich verstehen als einen Wechsel von Zusammenziehen und wieder Ausdehnen. So, wie das Herz pulsiert, lebe ich dabei meinen ganz eigenen Rhythmus. Ich gehe unter die Menschen als soziales Wesen und genieße den lebenswichtigen Kontakt. Ich ziehe mich wieder zurück und bin mit mir selbst allein. Sicherlich hat jeder Mensch ganz eigene Bedürfnisse und einen unterschiedlichen Rhythmus.  
Wenn alles fließt, dann empfinde ich diesen Wechsel als ganz natürlich, sinnvoll und kraftgebend. Ich befinde mich in einer Balance von selbst gewähltem Rückzug und gewünschten sozialen Kontakten. Leider befinden wir uns Menschen nicht immer in dieser Balance. Es fühlt sich immer wieder mal unausgewogen an.
Manchmal betrete ich einen Raum und es zieht sich etwas in mir zusammen. Es wird eng und ich spüre die Kontraktionen. Zu viele Menschen, dicke oder schlechte Luft, Aggressivität, fehlendes Licht. Ich fühle mich nicht gesehen und nicht willkommen. Mein Körper signalisiert: Alarm! Schnell weg von hier!
Oder ich treffe einen Menschen, der mir sehr nahe kommt. Zu nahe. So nahe, dass mir nichts anderes übrigbleibt als mich innerlich zurückzuziehen. Auch hier habe ich wieder das Bedürfnis, möglichst schnell diesen Ort der Enge zu verlassen.
Ich beobachte auch, dass ich nicht das tue was mir gut tut, sondern das, was schädlich für mich ist. Ich gehe hinein in den Raum mit der „dicken“ Luft und halte es aus. „Stell dich nicht so an!“ lautet meine Devise. Vielleicht entspannt es sich ja noch. Vielleicht geschieht ein Wunder. Zur Not kann ich immer noch wieder gehen.
Oder ich nehme wahr, dass mir ein Mensch zu nahe kommt und ich schweige wiederum. Ich möchte ihn nicht verletzen oder zurückweisen. Ich könnte ja sagen: „Bitte geh doch einen Schritt zurück. Das ist mir zu nahe.“ Ich will ja schließlich diesen netten Menschen nicht kränken. Das Ergebnis jedoch ist, dass ich diese erdrückende Nähe aushalten und ertragen muss. Ich übergehe meine eigenen Bedürfnisse und Wünsche. Ich stelle mich hinten an.
Das richtige Verhältnis von Nähe und Distanz sieht für jeden Menschen unterschiedlich aus. Wie viel Zeit hättest du gerne für dich alleine wenn du nur für dich entscheiden dürftest. Ohne mal an deine Familie zu denken.  Aber du erlaubst es dir nicht? Aus falscher Rücksicht? Ich will ein guter Ehemann sein, eine perfekte Mutter, ein...
Vielleicht hast du aber auch von dem Rückzug zu viell. Du verbringst zu wenig Zeit in der Nähe mit denen, die du magst. Möchtest du gerne mehr und intensiveren Kontakt als dein Gegenüber? Bist du dir dessen bewusst?
Oder umgekehrt drängst du dich vielleicht unbewusst auf? Hat dir schon mal jemand gesagt: „Du, du kommst mir zu nahe. Das nimmt mir echt die Luft weg.“ Du könntest dich ja mal selber beobachten bei deinen sozialen Interaktionen.
Meine Wahrnehmung geht dahin, dass sich das nicht immer von selbst reguliert. Besser ist es, seine Wünsche und Bedürfnisse zu kommunizieren. Niemand schaut in meinen Kopf und niemand kennt die Regungen meines Herzens. Ich sorge also gut für mich und übernehme die Verantwortung für mich, auch wenn ich mal zurückgewiesen werde oder ich es für andere eng mache.
Eines steht fest: Jedes Lebewesen braucht Platz und möchte sich ausdehnen. Im Garten werden sich jetzt im Frühling die Pflanzen ausdehnen. Da gibt es die Starken und Prächtigen. Sie fragen nicht einmal, ob sie dürfen und geben keinen Kommentar dazu. Sie dehnen sich einfach aus und beanspruchen ihren Raum. Und es ist ihnen völlig egal, ob die kleinen Blümchen noch Sonne und Wasser bekommen. Viele Pflanzen finden zum Glück ihre Nische und behaupten sich trotz der Großen und Starken. Oder sie hängen sich einfach dran wie es der Efeu macht.
Bei Menschen erlebe ich das auch so. Da gibt es diejenigen, die den Raum beherrschen, wo auch immer sie auftauchen. „Platz da! Hier bin ich!“ Gehörst du auch zu den Königen und Königinnen, die einen automatischen Rechtsanspruch auf ein Weltreich haben? Oder gehörst du eher zu denen, die schauen, ob es irgendwo ein kleines Plätzchen gibt, wo es sich einigermaßen ruhig überleben lässt.
Mit der Fastenzeit verbinden viele Menschen die Vorstellung, sich zurückzunehmen. Verzichten, sich klein machen und sich beschränken heißt die Devise. Asche auf dein Haupt! Entschuldigung, dass ich da bin!
Wenn du das schon viele Jahre erfolgreich gemacht hast, dann könntest du ja mal in diesen Wochen das andere Ende des Pendels ausprobieren. Das Gegenteil sozusagen. Dehne dich aus. Nimm deine Schultern zurück und hebe den Kopf an. Schaue deine Mitmenschen auf Augenhöhe an und lächle ihnen zu. Lass alle wissen: „Hier bin ich! Ich nehme diesen Raum hier ein und genieße es!“ Geh in ein Zugabteil und besetze mal einfach deinen Nachbarsitz mit oder sogar noch die Plätze gegenüber. Warum nicht vier auf einmal? Geh durch die Fußgängerzone und lass dich nicht von den Menschenmassen beeindrucken. Da, wo du stehst, steht niemand sonst. Unter Tausenden von Menschen bist du einmalig!
Besuche eine deiner sozialen Gruppen wie Familie, Freunde oder Vereine und schaue alle strahlend an. Du bist ein König und du bist eine Königin. Die Bühne gehört dir. Du musst diese Ideen nicht praktisch umsetzen, aber du kannst sie denken und fühlen. Du wirst merken, wie ein Ruck durch deinen Körper geht. Du ziehst dich nicht zusammen. Du dehnst dich aus.
Die Ausdehnung beginnt im Herzen und im Denken. Manchmal erlebe ich es bei Ehepaaren, dass sich einer aus Rücksicht immer zurückhält. „Mein Mann ist ja so krank. Er ist so beansprucht in seinem Job.“ - „Meine Frau kann ja nicht so, wie sie will. Ihr geht alles immer so zu Herzen.“ Es ist nicht nötig, so zu denken. Das macht mein Gegenüber klein. So kommt es in der Partnerschaft schnell zu einem Oben und Unten und die Liebe auf Augenhöhe geht verloren. 
Also dehne dich aus und nimm deinen Platz ein!
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Donnerstag, 19. März 2020

Darf ich Ihnen das "Tschüss" anbieten?

Da gibt es in den Tagen von Corona diese innere Unruhe. Jeder Mensch, dem ich begegne, steht erst einmal im Verdacht. Ein Virusträger? Jemand, der mich potentiell infizieren und gefährden könnte? Da kann der beste Freund zum Feind werden. Familien könnten sich spalten.
Die Angst könnte bewirken, dass wir uns vereinzeln. Sich bloß nicht anstecken lassen. Den Virus aufhalten. Verlangsamen. Von uns Menschen wird im Moment viel verlangt. Den Alltag meistern, einfach weitermachen und zugleich diesen Virus im Auge haben. Dabei ist der ja unsichtbar.
Das ist kein Löwe, der brüllt! Vielleicht reibt sich Corona in meinem Körper schon die Hände und flüstert mir zu: "Na, spürst du schon das Kratzen im Hals? Weißt du, wer da jetzt bei dir eingezogen ist?"
Die Realität braucht Sorgfalt, kluge Köpfe und sinnvolle Strategien. Aber wir Menschen sind nicht alle so analytisch. Wir sind eben auch gefühlsgesteuert. Da gibt es die Angst vor dem unsichtbaren Feind. Und ganz schnell wittere ich überall nur noch Gefahren. Ich lade dich ein, wieder Ruhe in dein System zu bringen. Du bist nicht allein! Die Welt besteht aus vielen Freunden und ist dir wohlgesonnen.
Zugleich gibt es Menschen, Dinge und Viren, die ich nicht in meiner Nähe haben möchte. Sehr verständlich. Gibt es einen Weg, das ein weniger leichter zu nehmen? Wie wäre es mit dem Spruch, den ich gelesen habe: "Darf ich Ihnen das "Tschüss" anbieten?" Dann weiß mein Gegenüber zumindest, dass ich keinen weiteren Wert auf Nähe lege. Ich mache das höflich, bestimmt und mit einer Prise Humor. "Hallo Virus, darf ich dir auch schon einmal das "Tschüss" anbieten?"

Mittwoch, 18. März 2020

Mehr Freiraum angesichts des Coronavirus



Wenn du Angst spürst, dann wird es eng im Inneren. Die Enge bewirkt, dass du nicht mehr klar denken kannst. Du landest im Stressmuster und machst Dinge, die du nicht machst, wenn du klar bist. Die Lösung heißt: Sorge dafür, dass die Enge etwas weniger bedrückend wird. Schaffe dir einen Freiraum, der die Enge weniger bedrohlich macht. Das Schaffen von kleinen Freiräumen heißt also das Zauberwort. Wie könntest du es umsetzen? Hier drei Hinweise.

1. Durchatmen
Hilfreich ist, es für einen Moment innezuhalten und tief durchzuatmen. Wer Angst hat vergisst oft das Atmen. Überprüfe, ob du deinen Körper mit genug Sauerstoff versorgst und atme bewusst ein paar Mal tief ein und aus.

2. Der erste kleine Schritt
Eine weitere Möglichkeit wäre es, an den nächsten kleinen Schritt zu denken. Was wäre jetzt für dich in diesem Augenblick der erste kleine, aber hilfreiche Schritt. Er muss nur klein sein. Wer noch einen Schritt machen kann, landet nicht in der Ohnmacht. Du könntest jetzt mal eben jemanden anrufen. Dir ein Glas Wasser einschenken. Eine Tasse Tee oder Kaffee trinken und Kraft sammeln. Der erste kleine, aber hilfreiche Schritt.

3. Akzeptieren, was ist
Die dritte Möglichkeit heißt: Ich akzeptiere, was jetzt gerade ist. Eine Situation kannst du manchmal nicht ändern. Der Virus ist da und verbreitet sich hoffentlich nur langsam. Du bist eingeschränkt in deinen Bewegungsmöglichkeiten. Du musst Dinge tun, die dir im Augenblick nicht gefallen. Wenn du es für einen Moment akzeptierst verschwendest du nicht Zeit und Energie für den Kampf gegen etwas, das du jetzt nicht ändern kannst. Wenn du akzeptierst kannst du dich für einen Moment entspannen, loslassen und Freiraum gewinnen.

Dienstag, 17. März 2020

Wer anderen eine Blume sät blüht selbst auf.

Das gefällt mir. Ich möchte dir gerne eine Blume säen. Ich freue mich, wenn ich etwas Licht in dein Leben bringen darf. Wenn ich dir sagen darf, ein wie wundervoller Mensch du bist. Wenn ich wahrnehmen darf, was du alles für Fähigkeiten und Begabungen hast. Und wie du das so hinbekommst mit dem Leben. Ich sehe, wie du jonglierst mit den vielen Bällen von Beruf, Beziehungen, Hobbys, Selbstfürsorge und Reisen. Wenn ich mitbekomme, wie du jedes Jahr reifer und prächtiger geworden bist. Wie deine Blüten aufgegangen sind und sich enfaltet haben. Und wie geschickt du Sonne tankst und dem Boden die Nahrung entziehst, die du brauchst.
Dir eine Freude zu bereiten bereitet mir selber auch Freude. Es geht gar nicht anders. Wenn ich schreibe, dann merke ich, wie sich so freudvolle Gedanken und Gefühle in mir ausbreiten. Wenn ich Blumen säe, dann wächst eine doppelte Freude. Die Blumen existieren in sich und ich darf mich daran erfreuen. Und wenn ich dir Blumen säe, dann werde ich nicht ärmer. Ich gebe nichts von mir, dass dann komplett bei dir wäre und nicht mehr bei mir. Ich blühe wirklich mit auf. Eine sehr schöne Motivation, großzügig zu sein.
An Karneval werfen die Jecken Kamelle. Immer aus dem Vollen. Irgendwann sind die Töpfe leer. Aber es gab eine geheimnisvolle Verwandlung. Die Töpfe leer, die Herzen voll. Wer anderen eine Blume sät büht selber auf.
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Montag, 16. März 2020

Das Blöde am faul sein ist, du weißt nicht, wann du fertig bist.

Eigentlich leben wir in zwei Welten, die sich prinzipiell voneinander unterscheiden. Die Welt der Aktivität, des Fleißes und des Tages und die Welt der Passivität, der Faulheit und der Nacht. Beide Welten existieren nebeneinander, berühren sich ein wenig und fordern von mir ständig einen kompletten Wechsel in meiner Art, da zu sein auf dieser Welt. Wir machen das zum Glück automatisiert. So kostet es uns nicht so viel Kraft.
Wenn ich eine Aufgabe habe und sie erledige, dann weiß ich am Ende, wann ich fertig bin. Ich sehe das Ergebnis. Wenn ich im Wachbewusstsein einen Plan entwerfe dann kann ich einschätzen, wie weit ich bin in der Umsetzung und wie lange ich noch brauche. Was die Hindernisse sind und wie ich sie überwinden kann. Das alles läuft mehr oder weniger strukturiert ab. Dieser Teil meiner Welt hat ein eigenes Wording: Adrenalin und Kortisol, Stress, Tatendrang, Umsetzungsenergie, Power, Kraft und Energie, Fleiß.
Wenn ich mich zurückgelehne in meinem Sessel und anfange, mit dem Denken aufzuhören schaltet mein System um auf Entspannung. Das Gehirn wechselt in den Alpha Zustand. Die Aufmerksamkeit geht in den Körper und ich kann mehr spüren wie er sich anfühlt. Da verlangsamt sich etwas. Die Zeit hört auf zu existieren. Im Zustand der Entpannung gibt es ja nichts zu tun. Ich brauche einen Wecker am Morgen, der mir hilft, mich wieder in den anderen Modus einzufühlen. Auch diese Welt hat ein eigenes Wording: Serotonin, Oxytocin, ausruhen, entspannen, loslassen, Stille, Passivität, Kontemplation, Faulheit.
So wird es klar, warum Fleiß zeitorientiert ist und faul sein sich der Zeit entzieht. Mit der Passivität bin ich fertig, wenn ich fertig bin. Wenn es sich so anfühlt, als sei es jetzt gut. Das kann fünf Minuten dauern oder auch drei Stunden. Wenn du sehr entspannt bist, wirst du den Zeitraum gar nicht wissen. Wenn du also so richtig faul bist könnte es peinlich werden, wenn du dabei erwischt wirst von der anderen Seite des Lebens. Der Fleiß hat für das entspannte Dasein kein Verständnis. Er versteht es nicht und hat kein Verständnis. Er tickt ja völlig anders. Die Faulheit ist für ihn eine fremde Welt. Der Fleiß vergleicht ja auch. Im Verhältnis zu ihm ist die Faulheit der Gegenpol. Faulheit ist auch das Wording für das Nichts tun aus der Sicht von Fleiß. Wenn ich Faulheit fragen würde nach der Selbstbezeichnung dann würde sie vielleicht sagen: Ich gebe mich der Muße hin. Sie würde Fleiß auch eher sehen als Unfähigkeit müßig zu sein. Die Muße hat ja nicht einmal ein Verb für das eigene Tun, weil es nicht in diese Kategorie gehört. Müßen? Muße ist ein Seinszustand - etwas jenseits von Raum und Zeit und Tun.
"Das Blöde am faul sein ist, du weißt nicht, wann du fertig bist."- mischt zwei Welten, die nicht zusammenpassen. Darum kommt dir der Satz auch komisch oder sperrig vor.
Wie erlebst du diese beiden Welten? Welche ist dir vertrauter? Welche magst du mehr? Wo fühlst du dich eher wohl? Was ist dir angenehm oder unangenehm? Und vielleicht gibt es ja eine Neugier, die unbekanntere oder beängstigendere Welt zu besuchen und sich mit ihr vertrauter zu machen.
Jede Welt birgt eine eigene und besondere Qualität. Mein Verdacht geht da hin, dass wir die "Faulheit" noch nicht wirklich entdeckt haben in ihrer Ressource. Da gibt es noch ein paar Geheimniss, die wir Menschen lüften dürfen. Sie zeigen sich leider nicht mit den Mitteln der aktiven Welt. Sie zeigen sich eher, wenn du still wirst. Wenn du länger still wirst und wenn es dir gelingt, der aktiven Welt zu enfliehen. Dann zeigt sich etwas. Das, was sich zeigt, ist eher wortlos. Es lässt sich eher umschreiben in Bildern oder Vergleichen. Das Schöne am faul sein ist, dass nicht fertig werden musst.
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Samstag, 14. März 2020

Denke immer nur an die Meile, die vor dir liegt. Nicht an die Meile danach. (aus Dänemark)


Ich erlebe viele Menschen, die versuchen, die Probleme von übermorgen zu lösen. Je größer die Kontrollzone, desto stärker das Gefühl von Sicherheit. Wenn ich mich jetzt schon einstelle auf übermorgen, dann habe ich morgen keine Sorgen. Klingt logisch und sehr fürsorglich mit sich selbst, oder?
Aber wenn ich das Übermorgen vorbereite, dann lauert das Unglück vielleicht in der Zeitspanne nach dem Übermorgen. Also auch diese Meile noch bedenken und die Meile danach. Ich sollte mein Leben bis zum letzten Tag bedenken, dann bin ich total sicher, oder?

Ich wäre nur noch mit Vorbereitungen für irgendein Morgen beschäftigt. Ich würde gar nicht mehr leben! Mein Leben wäre voll ohne dass ich leben würde. Denke immer nur an die Meile, die vor dir liegt. Nicht an die Meile, die danach kommt. Händel dein Leben in überschaubaren Portionen. Die Meile, die du jetzt gerade gehst. Die Aufmerksamkeit für diesen Schritt. Für diesen Augenblick. Lebe jetzt!

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Freitag, 13. März 2020

Ein im Herzen eines Apfels versteckter Kern ist ein unsichtbarer Obstgarten. (Khalil Gibran)


Wenn ich einen Apfel esse und bis zum Gehäuse vordringe, dann stoße ich auf die Kerne. Unscheinbare kleine braune bis schwarze Kerne. Ich weiß, dass das die Samen sind für neue Apfelbäume. Doch was sehe ich? Was nehme ich wahr? Wie deute ich ich das, was ich sehe und welche Gefühle entstehen in mir? Khalil Gibran betrachtet einen Kern im Herzen des Apfels und "sieht" einen unsichtbaren Obstgarten.
Er sieht nicht ein "Gehäuse", sondern das "Herz". Nicht ein verborgener Baum sondern einen ganzen Obstgarten. Welche Hoffnung und welch grenzenloser Optimismus! Er sieht im Verborgenen schon die Vollendung. Nicht die Möglichkeit sondern die vorweggenommene Wirklichkeit.
Kann der Apfelkern da noch etwas anderes machen als zu wachsen und zu einem Obstgarten werden? Wie wird aus dem Kern ein Garten? Nun, im Schatten des ersten Baumes werden sich andere Pflanzen ansiedeln. Sie werden den Platz schätzen und sich dort wohl fühlen und mit entwickeln. Der eine Apfelbaum wird zum Paradies. Und das erinnert an das verloren gegangene Paradies in der Bibel. Ich beiße in den Apfel und erkenne den verborgenen Obstgarten, das Paradies auf Erden.

Wofür ist das nun ein Bild? Für dich und für mich! Du bist der Obstgarten! In deinem Herzen steckt dieser Kern. Wie siehst du dich selber? Wie oder was nimmst du von dir selber wahr? Denkst du, dass du ein kümmerlicher schwarzer kleiner Kern bist? Denkst du, dass mit dir nichts los ist und dass du froh sein kannst, irgendwie zu überleben?
Du darfst größer von dir denken. Viel größer! Du bist ein Obstgarten! Vielleicht noch unsichtbar? Mir gefällt die Vorstellung von der vorweggenommenen Wirklichkeit. Nicht die Möglichkeit. Eine Möglichkeit kann kommen, muss aber nicht. Eine vorweggenommene Wirklichkeit tut schon mal so, als sei sie real. Und dazu möchte ich dich einladen. Schau in den Spiegel und entdecke deine Potentiale. Alles ist in dir schon angelegt. Es ist schon vorhanden wie in einem Apfelkern. Du musst nichts von dir neu erfinden oder mühsam suchen. Es ist alles da. Kannst du es entdecken? Was hindert dich noch daran, es wachsen zu lassen? Deine Zweifel? Deine irrigen Glaubenssätze? Deine erdrückende Vergangenheit? Deine schlimmen Kindheitserlebnisse? Du bist ein Obstgarten! Ein Paradies! In dir wohnt Gott. Wo anders sollte er wohnen als in dir? Er wohnt in dir und in seinem eigenen Paradies.
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Mittwoch, 11. März 2020

Tote Zeiten!




Vor einiger Zeit sprang mein Auto nicht an und ich musste mit dem Zug zur Arbeit nach Münster fahren. Mit dem Auto wären es nur 45 Minuten. Mit Fahrrad, Bahn und Bus benötige ich 1,5 Stunden. Ich stehe am Bahnsteig. Der Zug verspätet sich. Ich warte zehn Minuten. In Hamm koppeln sich zwei Züge aneinander und ich sitze dort und warte wieder zehn Minuten. In Münster stehe ich am Busbahnhof und warte noch einmal zehn Minuten. So kommen dreißig Minuten Wartezeit zusammen. Lauter tote Zeiten!
Ich warte vor meiner Kaffeekanne bis das Wasser kocht. Manchmal kann ich etwas parallel in der Küche machen. Jetzt sitze ich an meinem Schreibtisch und rechne die toten Minuten des Tages zusammen. Minuten, wo ich warte. Minuten, wo nichts passiert. Sinnentleerte Minuten. Minuten, die sich unheimlich dehnen. Ich höre einer Predigt zu, die nur zehn Minuten dauert, sich aber wie eine Stunde anfühlt. Ich stehe beim Bäcker oder an der Kasse im Supermarkt und ich sehe die kostbaren Minuten meines Tages dahinfließen. Ich stelle mir vor, wie wir alle in der Corona-Quarantäne hocken und Däumchen drehen.
Ich lese ein paar Artikel aus dem Bereich von Zeitmanagement und erfahre, dass ich tote Zeiten auch nutzen kann. Emails schreiben an der Supermarktkasse. Im Zug meditieren. Statt in Stunden denken, lieber den Tag in Viertelstunden aufteilen. Also tote Zeiten vermeiden oder irgendwie sinnvoll nutzen mit kleinen Dingen.
Und dann kommen dennoch die toten Zeiten. Ich sitze im Wartezimmer beim Arzt und mag weder lesen noch meditieren. Gespräche führen mit den anderen Patienten finde ich auch nicht so spannend. Ich schlage buchstäblich die Zeit tot. Ich sitze mit meiner „Zeitklatsche“ da und schlage Minute um Minute tot. Ich komme einfach nicht dran. Immerhin kann ich die Zeit totschlagen.
Tote Zeiten? Ich sitze da und lese für meine Tätigkeit ein Buch oder einen Aufsatz. Der Text langweilt mich. „Es langweilt mich zu Tode“, sagen wir ja manchmal. Bei einer Fernsehsendung, einem Kinofilm oder einer Konferenz. Dann sitzen wir da und machen etwas, aber es fühlt sich sinnlos an. Wenn eine Tagung wirklich einen ganzen Tag dauert halte ich am Abend Rückschau und denke: „Das hätte ich mir schenken können.“ Tote Zeit! Oder du liest jetzt meinen Text und denkst: „Frustrierend! Kenne ich schon! Nicht besonders interessant!“ Du ärgerst dich, dass du die Zeit verplempert hast.
Toten Zeiten! Wir gehen in den Supermarkt und das Sonderangebot ist schon ausverkauft. Umsonst gelaufen. Du holst den Kuchen aus dem Backofen, der dir so viel Zeit gekostet hat und er ist verbrannt. Stundenlang stehst du am Herd für dein wunderbares Rezept und die Familie mault.
Noch mehr tote Zeiten? Du könntest ja mal Bilanz ziehen im Rückblick auf dein gesamtes Leben. Sprachen, die du gelernt hast und nicht anwendest. Kurse, die du besucht hast und wovon du nichts umsetzt. Freundschaften, die du pflegst, obwohl sie schon lange „tot“ sind. Auf wie viele tote Jahre kommst du?
Woher kommt eigentlich unsere Vorstellung, dass wir unsere Zeit sinnvoll nutzen sollten. Jede Minute an jedem Tag in jedem Jahr und ein ganzes Leben lang! Carpe diem! Da stimmt doch was nicht! An meinem Denken und an meiner Einstellung.
Ich sehe überall Uhren und Kalender. Ich trage dort meine Arbeitszeiten ein. Meinen Urlaub und meine Begegnungen. Im Smartphone, im PC und auf dem Papier.
Ich werde geboren an einem bestimmten Tag in einem bestimmten Jahr und nehme ab dann teil am Erdenleben. Es kommt die Minute und der Tag, an dem ich diese Erde wieder verlasse. Die Zeit begleitet mich nicht nur, sondern sie gibt den Takt vor. Nicht bewusst in den ersten Jahren meines Lebens. Als Baby habe ich völlig unabhängig vom Wochentag geschrien. Da kannte ich die Zeit noch nicht. Aber irgendwann brachten meine Eltern mir bei, wie ich eine Uhr lesen muss und dass es wichtig ist, pünktlich zu sein und sich die Zeit gut einzuteilen. Denn die Zeit ist Geld und die Zeit ist begrenzt.
Als kleines Kind hatte ich noch gedacht, dass ich einfach frei bin. Ich spielte, ich aß, ich schlief. Ich war Teil einer Familie. Bedürfnisse wurden erfüllt oder auch nicht. Dasein in der totalen Gegenwart.
Doch jetzt bin ich ein Wesen, dass einem Kalender und einer Uhr folgt. Die Uhr und der Kalender weisen mich hin auf tote Zeiten. „Mach mehr aus deinem Leben! Hol raus, was du rausholen kannst. Du weißt nicht, ob du morgen noch eine Möglichkeit hast!“
Ich sitze jetzt vor meiner Uhr und schaue sie an. Da laufen Sekunden-, Minuten-, und der Stundenzeiger und versetzen mich in einen Trancezustand. Und jetzt erzähle ich dir, was die Uhr zu mir gesprochen hat. Und wenn du dein Leben so ahnungslos wie bislang weiterführen möchtest dann liest du ab jetzt auf keinen Fall mehr weiter. Es wäre nicht gut für dich! Wenn du weiterliest, gehst du ein Risiko ein. Also überleg es dir gut! Folgendes hat die Uhr mir zugeflüstert:
„Du erlebst tote Zeiten? Gut, dass du sie erlebst. Spürst du den Druck? Du solltest ein sinnvolles Leben führen? Die Zeit ausnutzen? Etwas aus dir machen? Wenn du diesen Druck spürst dann habe ich erreicht, was ich wollte. Ich sage es dir kurz und knapp.
Ich bin die Herrin und du mein Sklave. Es ist doch so, dass du mir gehorchst, nicht wahr? Du stellst mich am Abend ein, damit ich dich am Morgen wecke. Und brav stehst du auf. Du kochst dir den Kaffee und frühstückst mit dem Blick auf mich. Ich stehe an deinem Bett, hänge an deiner Wohnzimmerwand, habe einen Platz an deinem Arm und auf deinem Smartphone. Frühstücke nur, aber behalte mich im Blick. Oder auch nicht. Du kannst mir sowieso nicht ausweichen. Ich klebe wie ein Parasit in deinen Zellen. Du wirst mich nicht los!
Ich arbeite übrigens für deinen Arbeitgeber. Der möchte möglichst viel von dir haben und dass du dich genau an die Zeiten hältst. Ich habe mit ihm einen Vertrag geschlossen, dass du mindestens 140 000 Stunden zur Verfügung stehst. Nicht heute, aber insgesamt. Ich bin ständig präsent und achte darauf, dass du deinen Vertrag einhältst. Ich bin immer mit im Spiel. Es geht nie ohne mich! Selbst im Urlaub bin ich präsent und zeige dir ab dem ersten Tag, dass dein Urlaub bald schon vorbei ist. Ich sehe dir in die Augen und merke, wie du leidest. Du bedauerst, dass du nur zwei Wochen Urlaub hast. Du hättest gerne mehr davon. Ich verlängere um zwei Tage und sehe die Erleichterung in deinem Gesicht. Ich genieße meine Macht und deine Abhängigkeit. Wie du aufatmest bei zwei mickrigen Tagen! Ich bleibe Sieger. Du gehörst mir. Mir, der Zeit. Ich bin der Besitzer und du bist mein Eigentum. Ich lasse es dich nicht spüren. Du sollst mir ja freiwillig gehorchen. Das macht es mir leichter. Ich will dich ja nicht zu den Terminen prügeln. Am Ende stirbst du noch vor der Zeit, die dir biologisch vergönnt ist. Ich lese deine eigene Todesanzeige und dort wird ein Datum stehen. Von dann bis dann hast du mir gehört. Ich bestimme also auch noch das Erscheinungsbild auf deiner Todesanzeige. Oder hast du schon mal eine Anzeige gesehen wo stand: „Das war Matthias! Du warst ein netter Kerl. Wir werden uns gerne an dich erinnern. Mach es gut!“ Nein, dort steht von wann bis wann! Je kürzer die Zeit, desto größer der Schrecken beim Leser. Dann reibe ich mir die Hände. Du wirst dein Tempo erhöhen!
Wenn du im Stau stehst, dann mache ich dir Druck! Ich kann zwar nichts machen und muss es aushalten. Aber ich kann dafür sorgen, dass du dir Sorgen machst. Dass du ein schlechtes Gewissen bekommst. Jeder Stau hilft mir dabei, dass du gehorsamer wirst. Stell dir doch einmal vor, dass es auf der ganzen Welt keine Uhr gäbe! Du würdest im Stau stehen und wärest völlig gelassen. Du müsstest ja nirgendwo pünktlich ankommen. Du würdest vielleicht nur zwei Stunden arbeiten anstatt sieben oder acht. Daran hat dein Arbeitgeber kein Interesse. Er möchte, dass der Betrieb so präzise abläuft wie ich, die Uhr.
Ich weiß, dass es eigentlich unmenschlich ist. Menschlicher wäre es, wenn du mit der Sonne aufwachst und dich dem Rhythmus des Lichtes und des Herzens überlassen würdest. Aber dann würde ich meine Bestimmung verlieren. Ich lebe davon, dass du mir gehorchst.
In den vielen Jahren meiner Existenz habe ich gelernt, ganz dezent im Hintergrund zu arbeiten. Du kannst mein Wirken vergleich mit der Geschichte vom Frosch im heißen Wasser. Wenn ein Frosch ins heiße Wasser fällt dann springt er vor Schreck sofort wieder heraus. Wenn er aber im kalten Wasser ist und ich langsam und stetig die Temperatur erhöhe wird er nicht springen. Inzwischen könnt ihr Menschen nicht einmal mehr ohne mich leben. Ihr verplant euer Leben und ich gebe den Takt vor.
Und dann sind da die geheimnisvollen toten Zeiten. Die sind gefährlich für mich. Wenn du nichts zu tun hast dann wirst du innerlich unruhig. Es kommt dir seltsam vor. Du möchtest etwas Sinnvolles tun. Ich laufe ja immer weiter und habe dich gut konditioniert. Du bist mein pawlowscher Hund. Nur, wenn die toten Zeiten kommen, dann könnte etwas geschehen, wovor ich Angst habe. Ich flüstere es dir jetzt ins Ohr. Komme näher.
Wenn du in einer toten Zeit in dich hineinspürst, dann könntest du bemerken, dass ich dich beherrsche. Du könntest aufwachen und dir sagen: „Genug!“ „Nicht mehr mit mir!“ Du könntest alle Uhren und Zeiten aus deinem Leben verbannen. Du würdest einfach tun was du wolltest. Dir wäre es egal, ob du noch zwei oder zwanzig Jahre Zeit zum Leben hättest. Du würdest angstfrei und gewissenlos werden und nach deinen inneren Impulsen leben. Du würdest nicht mehr berechenbare 40 Stunden für so und soviel Euro arbeiten sondern irgendwie und einfach so. Dein Arbeitgeber wüsste nicht mehr, was er dir bezahlen sollte. Du würdest ihm sagen, dass du gut gearbeitet hast und dir wünschst, dass er dich jetzt gut bezahlt. Alles würde mehr nach einem Gefühl oder zeitlosem Rhythmus laufen.
Ich würde meine Macht und Vorrangstellung verlieren. Und daran habe ich kein Interesse. Es läuft doch prima so, wie es läuft. Nicht wahr? Es läuft und läuft und läuft. Ein kleiner Burnout gefällig? An die Verhinderung muss ich wohl noch arbeiten.
Was wäre das Gegenteil oder der Gegenpol von Zeit? Hast du einmal darüber nachgedacht? Wenn du diesen Pol entdeckst, dann bin ich dich los. Daran habe ich kein Interesse. Und jetzt wach auf und arbeite weiter!“
Ich wache auf und stelle die Uhr beiseite. Ich tauche tief in meine toten Zeiten ein. Wie wäre es, wenn ich nicht die toten Zeiten betrachte mit einem Gefühl des Versagens, sondern die Zeit an und für sich ausschalte oder töte. Es gibt Augenblicke, wo die Zeit gar keine Rolle spielt. Ich denke an das, was ich liebe. Ich fühle es und plötzlich existiert die Zeit nicht mehr. Sie ist gar nicht mehr da. Die Zeitformen von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verlieren ihre Bedeutung. Zeit zeigt sich nur als Teil meiner menschlich begrenzten Denkweise. In diesem Zustand gibt es kein Gegenteil von Zeit. Auch keinen Gegenpol. Keine grenzenlos ausgedehnte Zeit.
Wenn ich in einer „toten Zeit“ in mein Inneres eintauche werde ich mir meiner selbst bewusst. Ein wort- und gedankenloser Zustand. Worte und Gedanken bin ich los. Stille? Frieden? Verbunden sein? Ein Schweigen!
Vielleicht finde ich in den toten Zeiten das Gegenteil vom Tod. Lebendigkeit. Den Atem, der kommt und geht. Den Puls und den Herzschlag. Das alles kann ich wahrnehmen in toten Zeiten.
In den toten Zeiten komme ich zurück zu meinem natürlichen Zustand. Ich werde mir bewusst, dass es eigentlich keinen Zwang gibt. Das pure Leben an sich ist völlig zwanglos. Löwen teilen auch nicht ein nach Frühstück und Mittagessen. Die Uhr suggeriert mir nur, dass ich mich nach ihr richten muss. Beherrsche ich die Uhr oder beherrscht sie mich. Das Motto für jede Fastenzeit und auch für eine österliche Erfahrung. Beherrsche ich den Alkohol oder beherrscht er mich. Beherrschen mich die Gefühle oder beherrsche ich sie?
Zugleich wird mir bewusst, dass auch das „Herrschen“ und das „Beherrschen“ zu einem Zwang werden kann, der mich unfrei macht. Wie wäre es, mit der Zeit zu spielen? Mit dem Alkohol zu spielen? Mit allen „Herrschaften“ zu spielen! Vielleicht ist es ja möglich, in all den vielen „Herrschaftsräumen“ sich „Freiheitsräume“ zu ermöglichen. Und wenn die Zeit sich als Herrschaftsraum zeigt, dann könnte ich mich ab und zu mal einfach verweigern. In „tote Zeiten“ abtauchen! Mich darin innerlich lebendig fühlen und ein wenig ausdehnen. Jemanden an der Kasse vorlassen. Im Wartezimmer beim Arzt sich fühlen wie in der Sauna. Am Bahnsteig einfach nur herumstehen dürfen. Es gibt nichts zu tun!


Dienstag, 10. März 2020

Vertrauen angsichts der Angst vor dem Virus




Wir denken, dass das Leben sicher ist. Wir sorgen für gut funktionierende Autos, schließen Versicherungen ab gegen Arbeitslosigkeit; Unfälle und Katastrophen. Wir zahlen in die Krankenversicherung ein, damit die Ärzte uns helfen, wenn wir nicht mehr gesund sind.
Dabei übersehen wir, dass das Leben nicht wirklich so sicher ist, wie wir es uns vormachen. In der Partnerschaft kann die Liebe verloren gehen. Wir können unheilbar krank werden oder mit dem Auto verunglücken. Am Ende sterben wir sowieso alle. Wenn wir alles absichern können geben wir uns der Illusion hin, die Angst auf diese Weise in den Griff zu bekommen und händelbar zu machen.
Es wäre ja seltsam, wenn wir jeden Augenblick an den Tod denken und Dauerangst uns überfluten würde. Wir sind Menschen und bekommen ganz natürlicherweise Angst, wenn unsere Sicherheit gefährdet ist. Das ist einfach nur menschlich – seit Jahrtausenden. Der neue Virus ist fremd und unbekannt. Wir können es nicht genau einschätzen und wissen nicht, wie nahe der „Feind“ uns schon nahegekommen ist. Obwohl die Gefahr nicht so übergroß ist, fühlen wir uns wie in den mittelalterlichen Pestzeiten. Nüchtern und bei Verstand betrachtet fordert der jährliche Grippevirus viel mehr Tote in unserem Land. Da gab es doch auch schon BSE, Ebola, Sars und sonstige virale Bedrohungen. Wir könnten doch nüchtern bleiben und sagen: Bei der Panikwelle mache ich nicht mit.
Ich mache keine Hamsterkäufe. Ich verkrieche mich nicht in meiner Wohnung. Ich lasse die Bilder von furchtbaren Viren keine Macht über mich gewinnen. Leider überfällt uns dann doch mal diese Angst, die uns zu irrationalen Handlungen verleitet.
Gibt es etwas, was hilft?

1. Das Naheliegende: Bewusst atmen
Wenn es zu einer plötzlichen besorgniserregenden Überraschung kommt neigen wir Menschen zu Panikreaktionen. Unmittelbar und direkt möchten wir uns retten. Da kommen die tierischen Instinkte durch und wir haben das Gefühl, wir müssen sofort handeln. Aber müssen wir das wirklich? Es steht kein Löwe vor uns, der uns auffrisst. Es überfährt und gerade in diesem Augenblick kein Auto. Es besteht keine unmittelbare Todesgefahr. Aber unser Körper gibt diese Signale ab. Was tun stattdessen?
Einen Augenblick innehalten. Einen Atemzug nehmen und das ganz bewusst! Eine Verzögerung einbauen. Es geht darum, diesem Panikmoment für einen Augenblick zu widerstehen. Nach dem Innehalten und dem bewussten Atemzug gibt es die Möglichkeit, wieder einen klaren Gedanken zu fassen. Was macht jetzt Sinn. Was kann ich beeinflussen. Wo könnte ich gelassen sein. Ich werde mir bewusst, dass ich gerade einfach Angst habe. Das ist sehr menschlich und wird auch wieder vergehen.

2. Vom Seiltänzer lernen
Von einem Seiltänzer hörte ich die Worte, die er Kindern beibringt, wenn sie auf das Seil wollen. "Schau dahin wo du hin willst! Wenn du auf den Boden schaust - willst du da hin!"
Den Gedanken fand ich interessant. Wenn ich mich auf das Seil stelle, dann muss ich das Ziel vor mir ins Auge fassen und mich darauf konzentrieren. Dann jedoch schleicht die Angst hoch und die Phantasie kommt: "Ich könnte fallen!" Ich schaue nach unten. Ich sehe den Abgrund und  - ich falle. Ich lenke also meine Gedanken vom Ziel vor mir hin zum Ziel unter mir.
Der Seiltänzer ist also mit seiner ganzen Aufmerksamkeit auf das Ziel ausgerichtet, das vor ihm liegt. Angesichts des Virus kann ich Absturzgedanken entwickeln oder mich auf ein Ziel ausrichten. Was kann ich für meine Gesundheit tun? Wie kann ich das Vertrauen bewahren. Die Nähe von welchen Menschen tut mir gut? Die nötige Gelassenheit hilft, nicht zu verkrampfen.
Das Leben gleicht eh einem ständigen Tanz. Du tanzt und unter dir lauert der Abgrund. Der Abgrund ist da, auch wenn du kein professioneller Seiltänzer bist. Du setzt dich ins Auto und fährst los. Du bewegst dich unter den vielen Autos auf der Autobahn. Kommt dir der Gedanke, dass du sterben könntest? Dass Autofahren total gefährlich ist? Dass du ein unglaubliches Risiko eingehst?
Und wenn du dein Gemüse isst? Weißt du zu hundert Prozent, dass es keine Pestizide enthält? Und wenn du liebst oder in einer Beziehung lebst. Kannst du dich wirklich und total darauf verlassen, dass deine Liebe erwidert wird?
Du tanzt und unter deinen Füßen lauert der Abgrund der Angst. Die Angst sagt dir ständig, dass das Leben nicht sicher ist. Der Virus kann dir das einfach noch einmal bewusst machen. So ist das im Leben. Nichts ist sicher, aber ich konzentriere mich auf das Ziel und laufe und tanze im Vertrauen einfach los.
   
3. Die elegante Lösung: Mit der Angst im Spagat
In einer Boutique sehe ich zwischen Shirts und Schals eine füllige aus Holz geschnitzte Frau im eleganten Spagat. Die Hände hält sie über den Kopf zusammen und unterstreicht damit ihre aufrechte Haltung. Sie nutzt den Freiraum und den Platz, den sie zur Verfügung hat. Da steht viel um sie herum - und sie macht ihren Spagat. Sie macht einfach ihr Ding. Die Frau im Spagat begeistert mich. Ich kann mir von ihr etwas abschauen.
Inmitten von Trubel, Widrigkeiten, Menschenansammlungen, Stresszuständen, Überforderungen, Sinnlosigkeiten, Abgründen, Angst- und Panikzuständen, medialen Hypes und engen Zeitfenstern einfach nicht mitmachen. Nichts von alledem! Sich nicht ablenken lassen. Gut bei sich selbst sein. Die eigenen Bedürfnisse spüren und gut für sich sorgen. Die Lust am Leben behalten. Lachen über das, was die Welt so wichtig findet. Es machen wie Kinder, die ein kleines Kunststück vorführen und nach den Eltern schauen: "Mama, schau mal, was ich kann!" Wie herrlich! Das Leben ein Geschenk!

Angesichts eines angstmachenden Virus braucht es das Vertrauen und die Gelassenheit. Durchaus das tun, was vernünftig und sinnvoll ist. Ein gutes Hygienekonzept und einen verantwortungsvollen Umgang mit dem Körper und mit den Übertragungswegen, die ein Virus so einschlagen kann. Ein arabisches Sprichwort sagt: „Glaube an Gott und binde dein Kamel fest.“ Auf die Mischung kommt es an. Das Nötige tun und im gelassenen Vertrauen bleiben.
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Montag, 9. März 2020

Du lichtvolles Wesen!


Ich hörte einen Kommentar im Radio: „Wir wurden alle hinters Licht geführt.“ Ich weiß nicht einmal mehr, worum es ging. Es war bestimmt etwas aus der Politik. In der Weltpolitik zeigt es sich immer wieder, dass ständig jemand etwas zu verbergen hat und andere versuchen, das Verborgene ins Licht zu zerren. Ein altes Spiel mit der Absicht: „Ich bin gut und du bist böse.“ Der Enthüllungsjournalismus lebt ja davon, den Schmutz sichtbar zu machen. Und wir reiben uns die Hände, wenn wir alle zu Zeugen werden und das Übel durch Aufdeckung aus dem Weg geräumt wird.
Manchmal möchten wir etwas verbergen, in die Dunkelheit bringen, damit es niemand mehr sehen kann. Unsichtbar für die anderen und vor allem unsichtbar für mich. Müsste ich es betrachten, dann könnte mir die Schamesröte ins Gesicht steigen. Irgendwie verbinde ich die Fastenzeit auch mit so einem Aspekt, die Schattenseiten in uns Menschen zu erlösen. Die Süchte zu kontrollieren, die negativen Eigenschaften abzumildern oder umzuwandeln. Weniger Gier und weniger Sünde. Die negativen Haltungen und Eigenschaften in der Dunkelheit reduzieren. Das kann man so machen, ist aber nicht so sehr mein Weg.
Manche Paare kommen zu mir in die Beratung und machen dem anderen Teil der Partnerschaft vor meinen Ohren nur Vorwürfe. Was alles nicht richtig ist und was richtiger sein sollte. Wie sehr das Gegenüber kränkend mit einem umgeht. Ich sehe das scharfe Schwert in der Hand und spüre den Kampf. Ich hoffe, dass nach einer Stunde noch beide leben und ihre Würde nicht komplett verloren haben. Manchmal wäre es allein schon besser, wenn es weniger Vorwürfe gäbe. Die Hälfte von den nicht ausgesprochenen Vorwürfen würde schon mal das Klima verbessern.
Die Schattenseiten existieren. Bei Politikern, bei meinem Partner, bei meiner Partnerin, bei meinen Kindern und natürlich bei mir selbst. Ich kann in meinem Schatten herumwühlen und in den Wunden meiner Mitgeschöpfe bohren. Ich kann das ans Licht zerren, was so schmutzig ist und mit dem Finger darauf zeigen um meinen Abscheu auszudrücken. Und es gibt vieles in der Welt, das wirklich nicht in Ordnung ist. Wenn ich aber zu viel im Dreck wühle, dann besteht die Gefahr, dass ich mir selbst eine seelische Hölle bereite.
In meinem Theologiestudium wohnte ich zuerst in einer WG, wo alle und jeder durch den Kakao gezogen wurde. Wie furchtbar dieser Kollege ist, wie schlimm jener Ausbilder und wie katastrophal die Kirchenoberen überhaupt. Je mehr darüber gesprochen wurde, desto mehr breitete sich in mir die Depression aus. Das war ein Klima, das mich krank gemacht hat. Das Wühlen in der Dunkelheit und im Schatten ist nicht ungefährlich und kann leicht abfärben. Wie wäre es damit, in der Fastenzeit weniger im Schmutz zu wühlen?
Die von mir sehr geschätzte Sozialarbeiterin und Therapeutin Virginia Satir hat mit Familien gearbeitet, die sehr vorwurfsvoll miteinander umgehen. Sie hat ihnen zuerst einmal empfohlen, den Blick auf das zu richten, was gut ist und rund läuft und dafür auch einmal Danke zu sagen. „Danke, dass du heute für mich den Kaffee gekocht hast. Das hat mir gefallen und gut getan!“ „Schön, dass es dir gelungen ist, heute pünktlich nach Hause zu kommen.“ „Wie schön, dass du in der Schule aufgepasst hast und dich jetzt an deine Hausaufgaben erinnerst.“ Durch die Sammlung und das Aussprechen der Aufmerksamkeiten wächst ein positives Lichtfeld. Die Menschen, mit denen ich zusammenlebe sind keine Feinde. Sie sind zunächst einmal wunderbare Freunde.
Der Blick auf das soziale Wesen an meiner Seite erinnert mich daran, dass ich zum Glück nicht allein auf dieser Welt bin. Da ist jemand an meiner Seite. Das darf ich mir bewusst machen und genießen.
Viele Menschen an meiner Seite sind wirklich wunderbare Lieblingsmenschen. Ich besitze nicht nur eine einzige arme Rose, von der ich abhängig bin. Ich bin eingebettet in einen Strauß voller bunter Blumen. Vielfältiger als die größte Blumenwiese. Ich muss nur an einen bestimmten Menschen denken, dann entfaltet sich in meinem Herzen ein köstlicher Duft von Nähe und Vertrauen. Ich darf ins Licht stellen, was lichtvoll ist. Ich kann diesen Aspekt jeden Tag verstärken indem ich es sehe, würdige, darüber spreche, es vermehre.
Ich möchte mich und dich gerne jeden Tag daran erinnern. Dass du liebe Leserin und lieber Leser ein wunderbar lichtvolles Wesen bist. Du bist ein göttliches Universum voller Liebe und Wahrheit. Wenn es dich nicht gäbe, wäre die Welt ärmer. Aber die Welt ist reich für mich, weil du da bist. Du bist nicht nur eine oder einer von Vielen. Du gehörst zum Großen und Ganzen der Schöpfung dazu. Du magst dich vielleicht nur als kleines Wesen sehen, aber du bist ein unendlich wichtiger Teil davon.
Ich kann in der Fastenzeit und darüber hinaus die Fehler verringern, die Schattenräume kleiner machen und auf Hass und Entwürdigung verzichten. Oder ich kann die Liebe vermehren.
Wie nimmst du dich selber wahr und wie geht es dir damit, wenn ich dich so anspreche. Kannst du das glauben? Dass du ein äußerst liebenswürdiger Mensch bist? Fallen dir bei dir selbst die vielen wunderbaren Seiten ein, die das bestätigen? Oder denkst du eher: „Wenn du wüsstest wer ich wirklich bin oder wer ich sonst sein könnte – dann würdest du dich von mir abwenden. Ich kann mich ja selber nicht einmal vor dem Spiegel ertragen.“
Ich denke, es ist leicht, in der Fastenzeit auf irgendetwas zu verzichten. Aber es ist für viele Menschen schwer, ganz im Licht zu stehen und sehr liebevoll mit sich zu sein. Obwohl ich das so deutlich sage und für so wichtig finde erlebe ich mich darin auch immer noch als Übenden.
Es beginnt ja schon damit, dass ich mich bei den Gedanken ertappe, von etwas weniger zu machen. Ich möchte zum Beispiel weniger kritisieren. Leider ist der Tag so lang und mir passieren so viele Dinge und es gibt so viele Begegnungen, dass sich ein Haufen Kritik ansammelt. Die Kartoffeln waren einen Augenblick zu lange im Wasser. Ein Autofahrer hat beim Überholen nicht genug Abstand gehalten und mich auf dem Fahrrad gefährdet. Die Verkäuferin hat mich nicht angeschaut bei der Rückgabe des Wechselgeldes. Die Kollegin ist an meinem Büro vorbeigegangen und hat sich nicht verabschiedet. Im Wohnzimmer ist es ein wenig zu kühl. An einem Tag kann es eine lange Liste geben von Dingen, die nicht in Ordnung sind. Dabei ist es egal, ob die anderen etwas falsch machen oder ich selber mich falsch fühle.
Auch, wenn die anderen schuldig an meinem Unwohlsein sind und ich alles richtig gemacht habe gibt es dieses Unwohlsein. Es taucht auf, weil ich so viele Kritikgedanken im Laufe des Tages in mir gesammelt habe.  Die Kritikgedanken in mir erschaffen ein schädliches Klima. Wenn ich fürsorglich mit mir umgehe, werde ich etwas dazu beitragen, dass das Lebensklima freundlicher wird.
In Ahlen wird im Augenblick darüber gestritten, ob das alte Rathaus abgerissen oder saniert werden soll. Da haben sich echte Fronten aufgetan. Feindbilder sind entstanden. Unversöhnliche Ansichten stehen sich gegenüber. Kann aus so einem Konfliktpaket etwas entstehen, wo alle Einwohner einverstanden sind? Ist es noch möglich, dem „Gegner“ wohlwollend zu begegnen. Dass beide Gruppen einen Teil von Wahrheit erkannt haben? Manchmal ist es so, dass die Einen sich als „lichtvoll“ erleben und die anderen „dämonisch“. Schon entsteht eine Polarität, die entzweit und trennt. Wer hat Recht, wer ist machtvoller und wer kann sich durchsetzen?
Die Kirche macht es nicht anders. Da gibt es den synodalen Weg und die Frage, wer geweiht werden darf und wer ausgeschlossen wird. Die eine Gruppe der Bischöfe fürchtet um den Verlust der katholischen Identität und die anderen darum, unterzugehen, wenn sich nichts ändert. Was wird aus dieser Atmosphäre entstehen? Wer ist im Licht und wen stecke ich in die dunkle Ecke?
Wie sähe eine Antwort in Richtung Rathaus, synodaler Weg oder deinem eigenen inneren Dilemma aus, wenn ich andere Fragen stelle: Wie kannst du angesichts dieser Situation noch liebevoll sein? Wie kannst du das Wohl aller vermehren? Was kann ich für dich tun und was du für mich? Wie könnten wir beide dazu beitragen, dass das Leben liebenswerter ist? Wenn wir das machen würden – wie sähe dann ein Rathaus aus oder ein synodaler Weg? Gäbe es vielleicht sogar etwas völlig unerwartet Neues? Etwas, was Rathaus oder synodale Wege übersteigt? Was kann ich dazu beitragen, dass das lichtvolle Wesen in jedem Menschen besser leuchten kann? Was lässt Menschen friedvoller werden?
Wie sähe mein oder dein Leben aus, wenn es liebe- und lichtvoller wäre? Gäbe es einen Unterschied zum Jetztzustand? Könnte ich einen kleinen Schritt in die Richtung setzen, dass mehr davon entsteht? Von dem Lichtvollen? Der Wunsch und die Bewusstheit in mir sind da. Und ich kann es immer und an jedem Ort machen. Ich brauche dafür keine Voraussetzung und keine Vorbedingung. Nur den Impuls in mir und die Entscheidung, es einfach zu tun. Hallo du lichtvolles Wesen an meiner Seite und in der räumlichen Ferne! Danke, dass ich das mit dir teilen darf.

Samstag, 7. März 2020

Jede Krise birgt auch eine Chance!

                                                                                              
Das Kind bekommt ein schlechtes Zeugnis und wird nicht versetzt in die nächste Klasse. Da kann man nichts machen!
Das Paar hat sich heillos zerstritten und reicht die Scheidung ein. Da kann man nichts machen.
Der Kranke liegt im Sterben und der Tod wartet vor der Tür. Da kann man nichts machen.

Klingt wie Resignation, nicht wahr. Manchmal müssen wir uns dem "Schicksal" ergeben. Das Kind hat sich alle Mühe gegeben und dennoch die erforderlichen Noten nicht geschafft. Das Ehepaar war sogar in einer Beratung und der Kranke hat lange gekämpft. Da kann man nichts machen. Es mag sein, dass das Kind nicht versetzt wird, das Paar sich trennt und der Kranke stirbt. In jeder Situation "kann man dann dennoch etwas machen".
Das Kind kann daraus eine Lektion für die Zukunft lernen und andere Wege gehen. Das Paar findet in der Krise vielleicht einen neuen Anfang. Der Kranke kann noch vor dem Tod seinen Angehörigen seine Liebe zeigen.
Die Situationen können wir manchmal nicht verändern, aber unsere innere Einstellungen. Jedes Ereignis, das uns herausfordert, gibt uns die Gelegenheit zum inneren Wachsen.

Du kannst dein Leben bejahen mit allen Facetten. Es gibt nichts zu tun.
Du kannst Ja sagen auch  zu deinen Fehlern. Dann gibt es nichts zu tun.
Du kannst dich mit dir selber aussöhnen. Dann gibt es nichts zu tun.

Da kann man nichts machen - Resignation.
Es gibt nichts zu tun - einfach im Sein sein!

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Donnerstag, 5. März 2020

Wir müssen reden...

Dicke Luft in der Beziehung oder am Arbeitsplatz. Da hat sich was angestaut an Emotionen. Der Ärger wächst. Frust, Wut, Enttäuschung. Jeder zieht den Kopf ein. Schnell verstecken!
Bis die Person sich meldet, die es nicht mehr aushält. Die größte Einsicht hat. An das Gute glaubt. In den sauren Apfel beißt. Sich als Opfer fühlt. Oder auch als Retter. Irgendjemand sagt dann das gefürchtete und erlösende Wort: "Wir müssen reden..."
Dieser Satz bewirkt oft immerhin, dass der Vulkan zum Ausbruch kommen kann. Es brodelt ja sowieso. Nur zu glauben, dass das "Reden" wieder Frieden bringt ist eine Illusion. Wer reden "muss" und es nicht freiwillig macht, wird sich auch nicht öffnen. Wer reden "muss" weiß ja schon, dass er jetzt ein Gewitter aushalten muss. Es geht nicht um das Reden an sich sondern darum, dass der andere sein emotionales Chaos nicht mehr aushält und einen Schuldigen braucht. Wer ist schon gerne freiwillig ein Mülleimer oder ein Abladeplatz für Frust.
Wenn dein Reden mehr Frieden in eine Situation hineinbringen soll wäre es hilfreich, dein Anliegen als Bedürfnis und Wunsch zu äußern. Als eine Einladung mit der Möglichkeit zum Nein. "Ich fühle mich gerade mit dir in einer emotionalen Schieflage und würde das gerne mit dir anschauen und besprechen. Wärest du dazu bereit? Und wann könnten wir das machen?"
Wenn in Paarkonflikten die Situation gerade vergiftet ist kann auch das Reden mal nicht sehr hilfreich sein. Mehr Worte führen nicht zu mehr gegenseitigem Verständnis. "Du hast mich immer noch nicht verstanden. Wie soll ich dir das denn noch besser erklären." Dann folgt die vermeintlich bessere Erklärung, die emotional jedoch den Abstand vergrößert. Alternative? Eine Schweigephase. Ein sich Erinnern, dass ich mein Gegenüber ja eigentlich ganz gerne habe. Sich auf einer tieferen Ebene verbinden nach dem Motto: "Auch wenn wir uns nicht verstehen fühlen wir uns miteinander verbunden." Man kann auch darauf verzichten, sich gegenseitig verstehen zu wollen. "Ich verstehe dich nicht! Aber das ist völlig in Ordnung! Ich mag dich jenseits davon."
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