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Freitag, 29. Juni 2018

Jenseits von richtig und falsch gibt es einen Ort. Hier können wir einander begegnen. (Rumi)

Manche Menschen betrachten einen Konflikt irgendwann als aussichtslos. Du denkst so und ich denke das Gegenteil. Ich sage die Wahrheit und du lügst. Ich verstehe dich richtig, aber du mich falsch. Manchmal hilft eine Mediation oder sonst eine Vermittlung.
Manchmal gibt es aber keine Möglichkeit mehr. Nach zwanzig Ehejahren mit einem immer wiederkehrenden Konflikt macht allen klar: Da gibt es keine neue Lösung mehr. Alles versucht! Zu viele Kränkungen und Enttäuschungen. Der Graben ist tief und unüberwindbar. Zu viel ist passiert. Keine Chance mehr zu einer Versöhnung.
Aber jenseits von richtig und falsch gibt es einen Ort. Hier können wir uns begegnen. Was wäre das für eine Geschenk! In aller Ohnmacht und Aussichtslosigkeit den Ort zu finden, der diese Aussichtslosigkeit übersteigt. Der Glaube an die Existenz dieses Ortes würde schon helfen. Was kann ich dafür tun, diesen Ort zu finden? An diesen Ort zu gelangen?
Ich stelle mir ein Paar vor quasi am Ende der Beziehung. Alles probiert! Jetzt gibt es für dieses Paar diesen Ort jenseits von richtig und falsch, wo sie sich begegnen können. An diesem Ort geschieht etwas wirklich neues. "Jenseits der Kränkung kann ich erkennen, dass du ein Mensch bist und dass du deine eigene Würde hast." "Auch wenn ich mich verletzt fühle kann ich sehen, dass du dich für mich angestrengt hast." "Auch wenn ich sehr viel Hass in mir trage dir gegenüber kann ich sehen, dass es einmal friedlich und schön zwischen uns war." "Auch wenn es zwischen dir und mir sich nur dunkel anfühlt kann ich anerkennen, dass die göttliche Liebe auch dich meint."
An dem Ort jenseits von richtig und falsch ist immer noch etwas möglich. Außerhalb des gewohnten Rahmens. In einer "höheren" Dimension. In einem göttlicheren Bezugssystem. Wenn es mal so weit ist und auch schon weit vorher - wünsche ich dir diesen Ort!
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Dienstag, 26. Juni 2018

Bald ist alles wieder gut!

Wirst du als Erwachsener noch genug getröstet? Oder hast du es dir im Laufe deiner Jahre angewöhnt, mit deinem Traurig sein alleine klarzukommen.
Als Kinder sind wir zu unseren Eltern gerannt oder zu den netten Erzieherinnen im Kindergarten. Jemand hat uns verletzt. Wir haben geweint und wurden getröstet. Einmal auf den Arm und gestreichelt werden. Tränen abtrocken und sich schneuzen in ein großes Papataschentuch und "alles ist wieder gut". Als Kinder waren wir Profis in diesem herrlichen Selbstreinigungsprozess.
Doch dann wirst du älter und du gehst nirgendwo mehr hin. Vielleicht noch zur Freundin, zum Freund und der sagt dir dann in Erwachsenensprache: "Bald ist alles wieder gut!" Manche trauen sich auch noch zu, sich dabei in den Arm zu nehmen. Aber später? Als Erwachsener? Also so richtig Erwachsener? Wo kannst du da hingehen und einfach mal so richtig losheulen, bei einem Gegenüber, der das aushält und einfach nur hält!
In jedem von uns wohnt die Seele eines Kindes mit alten und neuen Kränkungen und Verletzungen. Du schaffst es nicht, ungekränkt durchs Leben zu gehen! Ich wünsche dir und mir, dass der innere Ozean der Tränen gute Abflüsse findet sprich - die Traute und einen guten Halt!
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Montag, 25. Juni 2018

Binde zwei Vögel zusammen; sie werden nicht fliegen können obwohl sie nun vier Flügel haben. (Rumi)

Wie erlebst du das Arbeiten im Team? Ist ein Team erfolgreicher als mehrere Personen, die einzeln arbeiten? Zwei Vögel werden nicht besser fliegen wenn man sie zusammenbindet. Sie werden sich gegenseitig behindern. Jeder Vogel braucht seine eigene Entfaltungsmöglichkeiten um fliegen zu können.
Sie können nebeneinander fliegen, in Formationen oder auch abwechselnd. Aber jeder Vogel kann nur einzeln für sich fliegen. Ich erlebe Teams manchmal hilfreich und manchmal auch behindernd. Es melden sich die Wortgewaltigen und andere bleiben still, die auch was kluges beitragen könnten. Kritik erstickt gute Ansätze und Ideen. Prozesse dauern oft sehr lange und werden wieder vertagt. Einzelne Teammitglieder haben oft keine Chance mit ihrer Art auf der Welt zu sein.
Jeder Vogel braucht für sich genügend Abstand und Freiraum. Nur dann kann er fliegen. Da gibt es einen Spannungsraum von Autonomie und Gemeinschaft. Beide Pole können überbewertet werden. Nur noch Autononomie erstickt das Bedürfnis nach Gemeinschaft. Nur noch Gemeinschaft tötet das Bedürfnis nach Autonomie und Selbstbestimmung.
Ich kenne Familien, die sehr aufeinander bezogen sind. Sie sind irgendwie gleich gekleidet, machen alles zusammen, teilen alle Erlebnisse und Gefühle. Immer und ständig. Niemand darf was ganz allein für sich machen.
Ich kenne aber auch Familien, die eher wie eine Zufallswohngemeinschaft wirken. Sie treffen sich ab und zu für wenige Augenblicke. "Schränke nicht meinen Freiraum ein!" Gemeinsame Mahlzeiten, wo wirklich alle da sind, gibt es nur an Weihnachten. Ein Fest mit hohem Stressfaktor, weil alle was gemeinsam machen müssen.
Wie kann es dann gehen, dass beide Positionen ihre Wertschätzung erfahren? Rumi macht den Vorschlag, zwei Vögel nicht zusammen zu binden. Also keine Zwangsverpflichtung. Das Entstehen von Gemeinsamkeit braucht die Freiwilligkeit des Einzelnen. Es braucht einen verantwortlichen Umgang im Abwägen der eigenen Bedürfnisse und den Bedürfnissen, mit anderen zusammen zu sein. Es braucht den Dialog und einen guten Kontakt zu sich selbst. Und nicht zuletzt braucht es ein waches Bewusstsein für den einengende Rituale, unbewusste Familiengesetze und krankmachenden Kitt.
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Samstag, 23. Juni 2018

Auf deine Kompetenz kommt es an und nicht auf deine Qualfikation!

Ich treffe immer wieder Menschen, die eine bestimmte Stelle nicht bekommen, weil sie nicht qualfiziert sind. Es ist gut, wenn du viele Scheine vorweisen kannst. Viele Prüfungen mit Siegel und Unterschrift. Dabei gilt eine Qualifikation von einer Universität sicherlich mehr als ein Papier von einem "Noname"-Institut. Manchmal schaue ich beim Aufräumen in meine Zeugnismappe und blicke auf meine zahlreichen Qualfikationen. Ich bin z.B. zertifizierter Kurzschriftpaktizierender und  "Bibliothekshelfer". Ein Zeugnis erzählt, dass ich EDxTM kann und außerdem habe ich auch noch ein Abiturzeugnis. Die Summe meiner Qualifikationen insgesamt wären in der Lage, mein Ego gut aufzublasen.
Doch die entscheidende Frage ist: bin ich auch kompetent? Ich bin kompetent im Kochen von Linsensuppe habe dazu jedoch keine Qualifikation. Ich besitze eine Qualifikation in Kurzschrift und bin Null kompetent. In der Bewältigung von Aufgaben zählt für mich die Kompetenz. Und da begegnen mir sehr viele Menschen. Ich kenne sehr kompetente Mütter und Väter, "LeckerköchInnen", Reinigungskräfte, TrösterInnen, handwerklich Begabte, "FreizeittherapeutInnen" und "WeltversteherInnen". Denen vertraue ich!
Manchmal kommt auch beides zusammen: Qualifikation und Kompetenz. Ist auch nicht schlecht! Mir würde es gefallen, wenn Menschen mit Kompetenz mehr Achtung bekämen, auch finanziell in ihren Berufen. Denn die Kompetenten gestalten die Welt.
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Freitag, 22. Juni 2018

Gerne mal wieder einfach!

Ich bin auf dem Weg mit einer Gruppe. Per Selfi fotografieren wir uns selbst. Du kannst uns nicht erkennen. Wir sind verschwommen. Aber wir sind in dem Bild, was du siehst auf dem Bild in dem Smartphone. Wenn du es erkennen könntest, würdest du mich sehen, wie ich das Smartphone fotografiere. Denn sonst würdest du ja dieses Bild nicht sehen. Auf dem Bild, das du siehst würdest du mich sehen, wie ich das Smartphone fotografiere.
Noch erscheint es mir einfach, das Ganze zu durchschauen. Ich könnte mir aber auch eine Konstruktion vorstellen von Foto in Foto in Foto. Irgendwann verliere ich die Übersicht. Es wird komplexer und auch komplizierter. So kommt mir auch manchmal das Leben vor. Ich liebe die Einfachheit. Geräte mit nur einem Knopf. Wege ohne Abzweigung. Ein Tellergericht für alle. Einheitliche Öffnungszeiten. Ich bin da und du bist da. Und fertig!
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Mittwoch, 20. Juni 2018

Hilfe, ich ertrinke!

Bei der Wanderung kommen wir an einen kleinen Fluss wo man gut baden könnte. Aber ein Schild warnt uns. "Vorsicht, hier kannst ertrinken!" Ich weiß nicht warum, aber das Schild wirkt ein wenig wie ein Comic und löst bei uns Heiterkeit aus. Da lauert eine Gefahr, wir könnten ertrinken, und wir stehen da, lachen und fotografieren. Verbinde ich das Comic mit meiner angstbesetzten Phantasie bleibt mir das Lachen im Hals stecken.

Das erinnert mich an so manche Beratungssituation. Wenn ein Mensch noch schwimmen kann, dann bekommt er sein Leben selbst geregelt. Wenn jemand droht zu ertrinken, kommt er zu mir. Krisen sind wirklich bedrohlich. Wenn ich den Überblick verliere. Handlungsunfähig werde. Meine Ohnmacht spüre. Nicht mehr weiter weiß. Einen solchen Zustand kann ich nur schwer ertragen.

Und was, wenn ich auch keine Lösung weiß? Wenn ich keinen Rettungsring zur Hand habe? Wenn mir auch nichts mehr einfällt, weil man es irgendwie nur aushalten muss? Manchmal hilft dann doch ein wenig Galgenhumor. Aber nicht zu früh! Erst nach der Ohnmacht! Erst dann, wenn klar ist, dass es keinen Ausweg gibt. Wenn es ein Einverständnis gibt, ertrinken zu dürfen.
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Dienstag, 19. Juni 2018

Wenn es nur noch Kevin gibt!

In der Ecke einer Modeboutique stehen Schaufensterpuppen zum Verkauf. Ich nenne sie mal Kevin. Alle sehen gleich aus. Wie Klone. Mein neuer Roboter für den Haushalt? Mein Butler für den Hausflur? Sie stehen dort und bewegen sich keinen Millimeter. Sie sehen doch so menschlich aus! Warum bewegen sie sich nicht? Ich bewege mich doch auch! Der Anblick verstört mich. Natürlich weiß mein Verstand, dass es Schaufensterpuppen sind. Eben Puppen. Aber so menschlich!

Dann gehe ich auf die Straße und sehe Männer mit grauen Haaren und Bierbäuchen. Die Hosen passen nur so ungefähr. Ich sehe kleine und große Männer und jeder sehr individuell verschieden. Ich könnte das auch über die Frauen sagen.

Dazwischen jedoch bewegen sich auch Männer, die so aussehen wie die Figuren in der Boutique. Ein wenig künstlich. Wie von der Stange. Von oben bis unten durchgestylt. Als wären sie aus dem Schaufenster auf die Straße gesprungen. Der Anblick befremdet mich und ich weiß nicht so richtig, warum. Vielleicht, weil der Mann mit Bierbauch und Schlabberhose so total menschlich aussieht. Wie mein Bruder! Wie ein Teil von meiner Familie. Ein wenig grau und unförmig. Aber lebendig. Individuell. Ganz persönlich. Ein wenig halt so wie ich! Nicht gleichgeschaltet oder wie abgeschaltet. Wenn es nur noch Kevin gäbe, dann würde ich auswandern. Oder mit einem Pinsel herumlaufen und jedem Kevin ein Herz auf die Wange malen. Sei du! Einfach du selbst!
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Montag, 18. Juni 2018

Wie wäre es mit einem Aperitivo?

Nimmst du dir Zeit für das Ankommen? Wie startest du am Arbeitsplatz? Kommst du pünktlich auf die Minute, startest deinen PC oder packst sonstige Arbeitsgegenstände an und legst los? Nach der Arbeit fährst du direkt nach Hause, öffnest die Tür, leerst im Vorbeigehen den Briefkasten, ziehst die Schuhe aus und räumst den erstbesten Gegenstand wieder an seinen Platz?

Führst du ein Leben ohne Übergänge? Immer den direkten Weg? Ohne Unterbrechung? Nach dem Motto "Zeit ist kostbar! Ich habe nicht so viel davon!"?

In Utrecht fand ich ein Lokal mit dem Namen "Aperitivo". Wie wäre es mit einer kleinen Übung für den Alltag? Mache mehr "Aperitivozeiten". Einen Aperitif trinkst du ja vor dem Essen. Zum Ankommen. Du schaust dich um. Fühlst dich ein. Spürst nach, wie es dir gerade geht. Wie es dir mit den Menschen um dich herum geht. Nimmst deinen Körper wahr. Atmest ein paar mal durch. Verabschiedest dich vom Alten und stimmst dich auf das Neue ein. Für ein paar Minuten! Du beginnst also deine Arbeit mit einer Pause, in der du dir eine Aperitivozeit gönnst. Du lehnst dich zurück und schaust dich mal um. Überprüfst deinen Atem. Nimmst wahr, ob du in einer Balance bist. Brauchst du noch etwas? Auf dem Rückweg schließt du dein Auto auf und setzt dich auf den Fahrersitz und beginnst auch mit einer kleinen Atempause. Beim Einatmen bis vier zählen und beim Ausatmen auch wieder bis vier zählen. Drei mal. Also zwölf bewusste Atemzüge machen. Du integrierst Aperitivo in deinen Alltag und beobachtest, was sich dadurch bei dir verändert.
Vielleicht bemerkst du nach und nach eine Entspannung. Die Entschleunigung könnte dir gut tun!
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Samstag, 16. Juni 2018

Wenn dich das Leben tritt, nutze den Schwung!

Niemand lässt sich gerne treten! Du möchtest nicht, dass jemand über dein Leben bestimmt. Dich irgendwohin treibt, wo du nicht hin möchtest. Du möchtest dein Leben selbst bestimmen. Und wo du stehst, da stehst du! Da ist dein Platz!
So ist es. Du gestaltest deinen Alltag. Du verdienst Geld und kaufst dir etwas dafür. Du heiratest und richtest dir eine Wohnung ein. Du setzt Kinder in die Welt und siehst dich als einen Teil der Gesellschaft. Du gehörst dazu. Du hast dein Schicksal freiwillig so gewählt und bist damit zufrieden, wenn nicht sogar glücklich. Da darf dich niemand so einfach treten und dich da verdrängen.
Leider ist das Leben manchmal anders. Du hörst von der Erkrankung der Nachbarin und bedauerst sie. Zugleich denkst du: "Gott sei Dank nicht ich!" Und schon einen Moment später bekommst du einen Tritt. Vielleicht keine Krankheit, aber ein kaputtes Auto und gleichzeitig fehlendem Kapital. Du bekommst einen Tritt und spürst das deutlich. Es tut weh! Du möchtest diese Tritte vermeiden und schaffst es manchmal nicht. Schließlich hast du nicht überall deine Augen. Vor allem nicht hinten. Die Schicksalsschläge kommen ja in der Regel nicht von vorne, sondern eher überraschend von hinten. Da machst du nichts mehr.

Wenn es nun einmal so ist, dass das Leben dich tritt, dann kannst du neben dem Negativen auch das Positive nehmen. Und was ist das Positive? Wenn du einen Tritt bekommst, wirst du mit Energie versorgt. Du bewegst dich. Nicht freiwillig! Aber du bewegst dich. Du kannst den Schwung nutzen, um dich vorwärts zu bewegen. Die fernöstlichen Kampfsportarten leben davon. Du nimmst fremde Energie auf und lenkst sie um. So kommst du nicht zu Schaden und gewinnst jeden Kampf. Allerdings finde ich es ganz gut, wenn die Tritte nicht zu häufig kommen und dass genügend Zeit bleibt, sich vom Schmerz zu erholen und den Vorwärtsdrall positive zu nutzen.
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Freitag, 15. Juni 2018

Bevor du nicht 99 von 100 Schritten getan hast, sollst du nicht behaupten, du hättest bereits die Hälfte geschafft. (aus China)

Diese Weisheit widerstrebt mir ein wenig. Wenn ich mit einer Arbeit beginne oder einen Weg gehe, dann freue ich mich schon über die ersten Ergebnisse und die ersten gegangenen Schritte. Ich spreche mir Mut zu und schaue auf das, was ich schon geschafft habe. Mir kommen dabei die Menschen in den Sinn, die sich schnell abschrecken lassen und gar nicht erst anfangen. Ich habe immerhin schon begonnen.
Erst Recht, wenn ich etwas mehr als die Hälfte geschafft habe wächst in mir der Stolz. Den Rest mache ich mit links, sage ich mir. Es ist schon mehr als die Hälfte. Ich blicke zurück und mir wächst die Energie zu für die kleine Reststrecke an Weg oder Arbeit. Da kommt mir dieser chinesische Satz in die Quere, der "behauptet", dass ich bei 99 von 100 Schritten nicht behaupten darf, dass ich bereits die Hälfte geschafft hätte. 99 ist doch kurz vor dem Ziel. Es fehlt nur noch ein Schritt, ein einziger Schritt. Im Alltag beschäftige ich beim hundersten Schritt schon mit der nächsten Aufgabe.
Der Brief ist geschrieben und eingetütet. Während ich die Briefmarke klebe geht mein Blick zur letzten Mail, die ich beantworten möchte. Wenn ich dort meinen Namen druntersetze geht mein Gedanke hin zu den Kartoffeln in der Küche, die geschält werden wollen. Wenn ich zum Schluss am Herd alle Töpfe noch einmal abschmecke und rühre geht mein Gedanke zum Briefkasten um zu schauen, ob der Postbote schon da war.
Jedes Mal denke ich, wie gut ich doch organisiert bin und wie am Schnürchen die Arbeiten erledigt werden. Mein Vater wäre stolz auf mich. Wie kann der chinesische Spruch so etwas behaupten! Will er mich ärgern?
Ja ich kenne Menschen, denen im letzten Moment der Mut verlässt und alle bisherigen Schritte waren vergeblich. Die letzten Hindernisse vor dem Ziel, die du nicht überwinden kannst. Die meisten Bauwerke werden darum erst so spät vollendet. Da war etwas, mit dem niemand gerechnet hat.
Und wie ist das mit meinen eigenen letzten Schritten? Womöglich vergesse ich, den Brief einzuwerfen. Während ich meinen Namen unter meine Mail setze und abschicke übersehe ich die Betreffzeile. Während ich zum Briefkasten gehe brennt mir mein Essen an. Was lerne ich aus diesem Weisheitswort: Abgerechnet wird zum Schluss. Sei sorgfältig bis zum letzten Schritt.
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Donnerstag, 14. Juni 2018

Der "Wow" Faktor!

Schuhe mit einem hohen "Wow" Faktor. Wenn Frau sich die kauft, steht sie vor dem Spiegel und hat ein "Wow"! Schick? Bequem? Auffällig? Einmalig? Deutlich an Körperlänge zunehmend?
Beim "Wow" Faktor dehne ich mich aus. Ich werde ein paar Zentimeter größer. Wenn ich größer werde, dann nehme ich mehr Platz für mich in Anspruch. Ich hoffe, dass diese roten Schuhe die Trägerin demnächst wachsen lässt.
Vielleicht braucht es dafür die Schuhe aber auch gar nicht. Was bewirkt bei dir einen "Wow" Faktor? Ein frischer Kaffee? Eine duftende Blume? Ein strahlendes Lächeln? Ein bunter Salat? Ein fettes Eis an einem heißen Sommertag? Ein Überraschungsausflug? Ein zutraulicher Hund oder ein ungewöhnliches Hobby?
Die Welt ist voller "Wow" und selbst ein einziges "Wow". Und du selbst? Du bist das größte "Wow" - und ich auch!
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Mittwoch, 13. Juni 2018

Lätzchen für Erwachsene

Es gibt Tage, da ziehe am Morgen ein frisches Hemd an und beklecker mich beim Frühstück mit Butter oder Kaffee. Abends wäre es mir ja egal. Aber gerade eben noch das frische Hemd oder die saubere Hose. Und jetzt dieser hässliche Fleck. Wie ärgerlich. Wenn ich mich beklecker tauchen in mir zwei Bilder auf. Ich mit drei Jahren oder ich wenn ich über achtzig bin. So war es mal bei mir und so wird es wieder sein.
Vor ein paar Jahren war ich zu Besuch in einem Benediktinerkloster. Die Mönche trugen zum Essen ein großes weißes Tuch um den Hals. Ein "Lätzchen für Erwachsene". Darauf konnte man die Speisekarte der ganzen Woche lesen. Eine große Männertruppe in schwarzen Kutten und völlig bekleckerten weißen Servietten. Ein mal pro Woche wurde gewechselt und dann waren die Westen wieder blütend weiß.
Auf einem Adventsbasar hätte ich diese "Lätzchen für Erwachsene" kaufen können. Keine große weiße Lappen wie im Kloster. Aber bunt, auffällig und hübsch. Ich habe es nicht gekauft, aber die Idee ist doch wunderbar. Wenn ich auf einem bunten Lätzchen schlabber, dann sieht man es gar nicht. Es würde nicht auffallen. Ich müsste mich auch nicht schämen. Ich mit Lätzchen sähe zwar albern aus, aber ich müsste mich nicht mehr schämen wegen der Flecken. Nur noch wegen des Tragens eines Latzes.
Es sei denn, ich höre auf mich zu schämen. Wie oft schäme ich mich für irgendetwas, was gar nicht notwendig wäre. Die möglicherweise auftauchende Scham mag mich vorsichtig machen für peinliche Situationen. Aber sie versklavt mich auch.
Ich war einmal zum Essen eingeladen in das Haus einer Baronin. Ein wunderbares ovales Speisezimmer mit einem wunderbaren ovalen Tisch, wunderbar eingedeckt mit weißem, gestärkten Tischtuch und kostbarem Geschirr exakt angeordnet. Beim ersten Gang nahm die Baronen ihren Löffel und tauchte ihn ein in die Sauciere. Sie tröpfelte etwas davon mit Absicht auf die Tischdecke mit dem Kommentar: "So! Jetzt müssen wir alle nicht mehr so aufpassen!"
Das wünsche ich mir im Angesicht des Lätzchens für Erwachsene. Dass wir nicht mehr so aufpassen müssen. Alles ist grundsätzlich in Ordnung, so wie es es.
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Dienstag, 12. Juni 2018

Wunder in Tüte.

Auf einem Adventsbasar gab es "Wunder in Tüte". Keine Wundertüte. Trotzdem erinnert es mich an meine Kindheit. Andere Kinder konnten sich von ihrem Taschengeld Wundertüten kaufen. Mein Taschengeld reichte dafür nicht aus. Ich durfte aber beim Öffnen manchmal dabei sein. Ein Spielzeug, dass nur kurzfristig Lust und Vergnügen versprach. Der Reiz lag mehr in der Vorstellung, was die Tüte alles enthalten könnte. Es war wie Lotto spielen für Kinder. Als Kind dachte ich jedenfalls, dass es auch Wundertüten mit Hauptgewinn gab.
Auf diesem Adventsbasar nun gab es "Wunder in Tüte". Kein Hinweis, welches Wunder ich da nun kaufen konnte. Heute kann ich mir Wundertüten leisten. Ich hätte eine solche Tüte kaufen können. Ich habe es nicht gemacht! Es hatte für mich keinen Reiz.
Um ein Wunder zu erleben benötige ich keine Tüte. Das Wunder muss sich nicht verbergen und ich muss es auch nicht suchen. Das Wunder liegt direkt auf der Straße. Vor meinen Augen. In meinem Herzen. Das Wunder ist eine Deutung dessen, was ich sehe, fühle und erlebe. Der Mensch, mit dem ich zusammenlebe, kann eine Selbstverständlichkeit sein oder eben ein Wunder. "Dass ich heute mit dir frühstücken kann ist ein Wunder. Ich hätte in der Nacht ja auch sterben können. Bin ich aber nicht. Auch heute lebe ich. Jetzt in diesem Augenblick. Wie wunderbar!"
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Samstag, 9. Juni 2018

Lass mich! Ich muss mich da jetzt reinsteigern.


Ich gehöre eher zu den Menschen, die sich nicht in etwas reinsteigern. Mein erster Impuls bei aufregenden Situationen lautet: "Ich atme tief durch und beruhige mich." Darum ist das auch mein erster Impuls wenn jemand aufgeregt zu mir kommt. "Jetzt atme mal tief durch und beruhige dich erst einmal." Da trifft der Kopfmensch auf einen Bauchmenschen.
Inzwischen habe ich mitbekommen, dass ein Bauchmensch sich ordentlich in etwas reinsteigern muss. Er braucht das zur Psychohygiene. Das Reinsteigern ist notwendig, damit es irgendwann wieder abschwillt. Darum bemühe ich mich eher, das Reinsteigern zu unterstützen. So gut ich das als Kopfmensch kann. Ich kann mich nicht emotional mit reinsteigern, aber ich kann es verstehen und meine eigenen Beruhigungsimpulse beiseite lassen. Meine Lösung ist nur meine und jemand anders steigert sich lieber in etwas rein.
Hilfreich, wenn ich mich selber kenne. Wenn so ein Bauchmensch sagt: "Lass mich! Ich muss mich da jetzt reinsteigern," dann zeigt mir das, dass da schon Bewusstheit ist. So jemand steigert sich nicht automatisch in etwas rein, sondern mit Ankündigung. Das ist ein großer Entwicklungsschritt.
Manchmal kann ich als Kopfmensch mich auch in etwas hineinsteigern. Abgestandenes Essen in der Kantine. Lauwarme Suppe bei einer Hochzeit. Alte Kuchen. Ein Buffett, bei dem man verhungert. Und ein Buffet, das übertieben und überladen ist. Ich frage mich, woher ich das Thema mit dem Essen habe. Die Wurzeln müssen in der Kindheit liegen. Abmessen. Zuteilen. Einteilen. Knapp gehalten werden.
Wenn mich etwas ärgert, dann werde ich schnell zum Bauchmenschen. Das nächste mal probier ich es auch einmal so: "Lass mich! Ich muss mich da jetzt reinsteigern!"
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Freitag, 8. Juni 2018

Wer Sahne will muss Kühe schütteln

Das Leben ist ein Geschenk! Ich habe es mir nicht verdient. ich lebe und gut ist! Das ist wunderbar! Das ist die Klammer und die Vorgabe. Ich atme, also bin ich!
Dennoch fällt mein tägliches Brot nicht vom Baum. Sogar ein Bettler muss etwas für seine Einkünfte tun. Er muss die Hand aufhalten und warten, bis ihm jemand etwas gibt. Betteln kann harte Arbeit sein. Wenn ich etwas möchte, dann muss ich auch etwas dafür tun. Wenn ich Sahne möchte, dann muss ich Kühe schütteln. Wenn ich Brot essen will, dann muss ich backen. Das Leben selbst ist geschenkt. Für den Erhalt des Lebens muss ich etwas tun. Wenn ich aufhöre zu atmen, hört mein Leben auf!
Es kann sein, dass mir die Arbeit zum Lebensunterhalt manchmal etwas schwer vorkommt. Du hast den Eindruck, als ob du Kühe schütteln müsstest. Alles fällt dir verdammt schwer! Kann es nicht leichter sein? Muss ich denn wirklich Kühe schütteln um Sahne zu erhalten? Nein, das musst du nicht!
Du kannst die Kuh melken, den Rahm abschöpfen und dann die Sahne schütteln. Du musst keine Kühe schütteln! Das ist nicht nötig! Manche Menschen machen sich das Leben echt kompliziert. Sie schütteln die Kühe weil sie nicht ahnen, dass es auch leichter gehen könnte. Überdenke mal deinen Tag und beobachte, wo du sehr umständlich bist. In deinen Gedanken oder in deinem Tun! Wie viele Wege gehst du doppelt, weil du nicht achtsam warst! Bei manchen Maschinen musst du nur einen Knopf drücken und es läuft. Du musst nicht die ganze Gebrauchsanweisung lesen und von vorne bis hinten verstehen! Wenn es also einen leichteren Weg zum Ziel gibt, warum nicht?
Wenn du aber nicht melken kannst, dann musst du wohl weiter Kühe schütteln! Du kannst aber auch auf Sahne verzichten. Vielleicht merkst du an dieser Stelle, dass das Leben farbenfroh ist und dass du mehr als nur eine Lösung finden wirst um an Sahne zu kommen. Ziegen schütteln könnte übrigens gefühlt leichter sein.
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Mittwoch, 6. Juni 2018

Mein toter Winkel!



Spätestens seit der Fahrschule weiß ich es ganz praktisch. Beim Überholen in die Spiegel schauen und einen Blick über die linke Schulter werfen. Links von mir gibt es einen Bereich, den ich über den Seitenspiegel nicht einsehen kann. Da gibt es einen toten Winkel. Ein für mich unsichtbares Feld.
Ich weiß um diesen toten Winkel beim Autofahren und kann darauf achten. Es fordert meine sorgfältige Aufmerksamkeit und ich muss regelmäßig vor dem Überholen da hinblicken.
Diese Erfahrung kann ich leicht auf das Leben übertragen. Auch dort gibt es „tote Winkel“. Bereiche, die existieren, aber unsichtbar sind für meine Augen. Weil ich nicht hinschauen mag oder dafür einfach zu blind bin. Auf diese toten Winkel möchte ich gerne mit dir meine Aufmerksamkeit richten. So, wie es inzwischen Spiegel gibt, die den toten Winkel erhellen gibt es vielleicht auch Haltungen und Einstellungen, die inneren toten Winkel von der Unsichtbarkeit zu befreien.
Im Film „The bleep“ wird erzählt, dass die Ureinwohner Amerikas die Schiffe von Christoph Kolumbus nicht sehen konnten obwohl sie in Sichtweite des Strandes waren. So große Schiffe aus Holz mit weißen Männern kamen in ihrer Erfahrung nicht vor und das Bewusstsein weigerte sich, da überhaupt etwas zu sehen, was nicht sein konnte.
In manchen Internetforen wird diese Idee angezweifelt und als Mythos abgetan. Aber ein Vater erzählte von seinem Besuch beim Friseur mit seinen Töchtern. Seine Töchter hätten Läuse und er müsse da was machen. Der Vater selbst konnte aber zu hause keine Läuse entdecken. Einen Tag später ging er mit den Kindern zum Hausarzt und die Arzthelferin entdeckte sofort die ersten Nissen. Der Vater schaute sie sich unter dem Mikroskop an und sah ab dann die Nissen auch auf dem Kopf der Töchter. Das war für ihn der Beweis, dass es diese „Kolumbuserlebnisse“ auch heute noch gibt. Ich sehe nicht alles, was ich sehen könnte. Wenn mir etwas völlig unbekannt ist kann es sich vor meinen Augen scheinbar verbergen obwohl es offensichtlich da ist.
Vielleicht hast du es auch schon erlebt, dass du etwas gesucht hast und es lag direkt vor deiner Nase. So, als ob du den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen könnest. Manche Menschen kommen zu mir mit einem Problem und wir kommen sehr schnell auf eine Lösung. Der Ratsuchende wundert sich dann, dass er nicht von selber da drauf gekommen ist. Eigentlich hätte er es einfach wissen können.
Ich lade dich ein zu einer kleinen Phantasiereise: Stell dir vor, dass wir beide uns gemeinsam in einem Raum befinden und uns umschauen. Wir hätten die gleichen Gegenstände in diesem Raum. Würden wir das Gleiche sehen? So ungefähr schon, aber nicht jedes Detail. Und jetzt stell dir vor, wir bekämen die einmalige Möglichkeit, für ein paar Minuten die Augen untereinander tauschen zu können, würden aber unsere Persönlichkeit und unsere bisherige Lebensgeschichte behalten. Ich sehe mit meiner Persönlichkeit die Welt mit deinen Augen. Wie würdest du meine Welt wahrnehmen und wie ich deine? Was würden dann bei dir oder mir für Gedanken auftauchen? Wie wären die Farbeindrücke und welche Gefühle würden wir bekommen? Was würde dich oder mich dabei überraschen?
Unser Verstand gaukelt uns ja ein gewisses Maß an Sicherheit vor. Das, was ich sehe, sehe ich und ich sehe es umfangreich und ganz wirklich. Ich sehe alles mit meinen Augen und mir entgeht nichts. Ich behalte den Überblick und kann auch noch die winzigen Details erkennen. Ich kann mich auf meine Augen verlassen. Und wenn ich eine Brille trage erst recht. Die Brille bestätigt mich, dass sich meine Kurzsichtigkeit korrigieren lässt. Ich sehe klar!
Aber sehe ich alles? Ich wollte mir vor ein paar Jahren einen Teppich kaufen. Ich fand im Geschäft einen, der mir gefiel und hatte zugleich ein nicht verstehbares ablehnendes Gefühl. Diese Ambivalenz konnte ich nicht einordnen. Erst, als ich den dickflorigen Teppich auseinanderbog, sah ich kleine grüne Plastikfäden, die mit eingewoben waren. Etwas in meinem Körpersystem hat mehr wahrgenommen als die Augen. Da gibt es Anteile in meinem Körpersystem, die mehr „sehen“ als die Augen.
Wohin wird mich mein Gedanke führen wenn ich mir vorstelle, dass ich gar nicht alles sehe, was zu sehen möglich wäre. Meine Augen könnten sagen: Die Straße ist gut ausgebaut. Ich habe festen Boden unter den Füßen. Dann würde ich loslaufen und plötzlich abstürzen. Die feste Straße war nur eine Illusion. Ich könnte auf die Idee kommen und feststellen, dass die meisten Dinge nur eine Illusion sind und wir reden sie uns sicher, damit wir ein besseres Gefühl haben. Ohne diese Illusionen würden wir vor Angst vergehen.
Zu mir kam mal ein Mann in die Beratung und erzählte mir ausführlich davon, wie gut alles läuft. Ich wartete auf das Problem und – es kam keines. Es war alles in Ordnung. Worin lag dann der Sinn der Beratung? Er wollte es mir erzählen und im Erzählen erschuf er sich die Sicherheit, dass wirklich alles gut war. Auch der Berater konnte keine Gefahr wahrnehmen. Dieser Mann brauchte mich als Berater um zu überprüfen, ob es für ihn einen toten Winkel gab.
Ich möchte mit dir noch einen Schritt weitergehen in der Beobachtung des toten Winkels. Ich glaube, dass wir Menschen auch im Umgang miteinander unsere toten Winkel haben. Wenn du dich verliebst nimmst du beim Gegenüber nicht alles wahr, was zu diesem Menschen dazu gehört. Vielleicht schlägt deine Freundin die Hände über den Kopf zusammen und sagt zu dir: „Wie kannst dich nur in diesen Menschen verlieben. Weißt du denn nicht...! Siehst du denn nicht, dass ...!“
Du kannst sogar mit einem Menschen über viele Jahre zusammenleben und siehst nur das Bild, dass du dir von ihm gemacht hast. Du siehst deine fürsorgliche wohlwollende Ehefrau und alle anderen in deinem Umfeld denken, wie kannst du dich nur so unterdrücken lassen.
Bis zu einem gewissen Alter hast du die Lust, immer wieder neues kennen zu lernen. Die Welt ist groß und das Abenteuer wartet auf dich. Vielleicht bist du eines Tages satt und fragst dich, was du wohl übersehen haben könntest. Noch weißt du nicht was. Aber dir ist klar, dass es sehr wahrscheinlich ist, dass es da tote Winkel gibt.
Wie wäre es, wenn du dich diesen toten Winkeln im Leben einmal widmen würdest? Du richtest deine Aufmerksamkeit auf diesen Wunsch: „Ich möchte die toten Winkel in meinem Leben sehen, wahrnehmen und kennenlernen.“ Weckt das in dir Angst oder eher Neugier?
Auf den letzten Seiten eines Detektivromans steht der Held in der Regel von dem größten Rätsel. Er hat alles zusammengefügt und dennoch das Gefühl, etwas Wichtiges übersehen zu haben. Dann entdeckt er das fehlende Puzzleteil und die Geschichte bekommt plötzlich Sinn.
Wenn du die Idee davon bekommst, dass dein Leben sich nicht so ganz richtig anfühlt, oder dass da irgendwie etwas quer läuft, dann könntest du mal nach toten Winkeln schauen. Legenden und Mythen erzählen davon, dass das die Lieblingsplätze von Gott sind. Er hält sich dort total gerne auf. Weil da nicht jeder hinschaut und der Platz nicht so arg belebt ist, kann es dort zu intimen Begegnungen kommen. Stell dir vor, dass Gott schon immer in deiner Nähe war, nur halt im toten Winkel. Du musst nur die Augen ein wenig verdrehen, das Herz in eine andere Richtung wenden und schon ist der tote Winkel mit Leben erfüllt.
Genau das erzählt eine alte Sufi Legende. Gott schuf die Erde für den Menschen, aber der Mensch wollte lieber im Himmel bleiben. Die Engel schlugen also vor, den Himmel abzuschließen und den Schlüssel zu verstecken. In die Tiefen des Meeres? Auf dem höchsten Berg? Irgendwo im Weltall? Keine dieser Ideen findet bei Gott gefallen. Dort werden die Menschen bestimmt suchen. Der Erzengel Gabriel schlägt vor, den Schlüssel zum Himmel im Herzen der Menschen zu verstecken und Gott gefällt diese Idee. Dort werden die Menschen bestimmt nicht suchen. In unserem eigenen Herzen befindet sich also der tote Winkel, wo der Schlüssel zum Himmel zu finden wäre?
Ich stelle mir vor, wie ich ständig alles so kompliziert wahrnehme. Ich entwerfe Gedanken, wälze Pläne und suche nach der hundertsten Lösung noch die hundert und erste. Nie bin ich einverstanden mit dem, was ich sehe oder mir so ausdenke. Es könnte so einfach sein, nicht wahr? Der Satz vom kleinen Prinzen bekommt vielleicht hier noch eine kleine Färbung: „Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“ Das Auge sieht nicht den Raum, der sich im toten Winkel befindet. Der tote Winkel zirkelt ja einen bestimmten Raum ab. Einen Raum, den ich mir doch einmal anschauen könnte.
„Warst du auch auf der Party? Ich habe dich gar nicht gesehen!“ „Was, du bist schon seit einem Jahr so traurig? Ich habe nichts davon bemerkt!“ „Ich hätte schon vor einem Jahr kündigen sollen, aber ich wollte nicht hinsehen und habe mir alles irgendwie schöngeredet.“ Warum schauen wir nicht in den toten Winkel hinein? Es könnte mir Schmerzen bereiten! Da lauert bestimmt eine fette Krise. Noch ist es ja nicht so schlimm!
Beim Autofahren habe ich die Chance, im toten Winkel ein herankommendes Fahrzeug zu sehen und mögliche Gefahren zu bannen. Wie würde mein Leben aussehen, wenn ich in alle Räume schauen würde, die ich mit dem toten Winkel aus meinem Blickfeld verbanne? Ich schaue über die linke Schulter in das verborgene Feld und verliere für einen Moment die Kontrolle nach vorne. Damit gehe ich ein Risiko ein. Schnell nach links blicken und dann wieder geradeaus. Aber für einen Moment verliere ich die Kontrolle. Da könnte für den Augenblick etwas passieren. Beim Blick nach links in das Feld des toten Winkels. So ist das im Leben auch. Wenn ich in meine toten Winkel schaue gehe ich ein Risiko ein. Da könnte etwas passieren. Ich könnte die Kontrolle verlieren. Das Risiko bleibt, egal, wie ich mich entscheide. Der Raum im toten Winkel lädt mich ein, das Abenteuer zu wagen. Ich lebe jetzt! 

Dienstag, 5. Juni 2018

Vier Schritte für ein helfendes Gespräch

Bei David Servan-Schreiber lese ich im Buch "Die Neue Medizin der Emotionen" einen hilfreichen Gesprächsleitfaden, wenn jemand zu dir kommt, der Unterstützung sucht, weil er etwas Stressauslösendes erlebt hat. Um sich die Schritte zu merken, nennt er sie "Else". Voran geht die Frage:
"Was ist passiert?" Du lässt den Menschen drei Minuten ungestört reden und du hörst aufmerksam zu ohne zu unterbrechen. Drei Minuten reichen aus, dann unterbrichst du.

Dann kommen die vier Schritte.
Schritt 1 steht für die Frage nach E = Emotion: Was hast du dabei empfunden, gefühlt? Im Erzählen des Gefühlten bist du mitten bei den Belastungen.

Schritt 2 steht für die Frage nach L = "Lass mich das Schwierigste wissen." Du weißt nicht, was dein Gegenüber am stärksten belastet. So kommt ihr auf die Spur, den Gipfel des Erlebten ausmacht.

Schritt 3 steht für S = "Was hilft dir am meisten, standzuhalten?" Damit sprichst du die Ressourcen deines Gegenübers an. Welche Stärke hilft, genau in dieser Situation wieder Boden unter die Füße zu bekommen.

Schritt 4 steht für E = Empathie. Du drückst deinem Gegenüber dein Mitempfinden aus und teilst für einen Augenblick die Last mit dem Anderen.

Viel Freude und Erfolg bei deinen nächsten hilfreichen Gesprächen.

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Samstag, 2. Juni 2018

Gestalte dein Leben, jeden Tag!

Du schaust am Ende der Woche auf deinen Kalender und hältst dir vor Augen, was alles auf dich zukommt. Am Morgen schaust du auf den Tag und überlegst, was du alles erledigen musst. Unter erledigen verstehe ich die Vorstellung, dass wir bestimmte Pflichtaufgaben haben. Von diesen so genannten Pflichten kommen einige zusammen. Essen zubereiten, einkaufen, putzen, aufräumen, waschen usw. Manchmal arbeitest du dich durch diese Aufgaben und hakst in Gedanken ab, was du geschafft hast. Das Wort "erledigen" drückt dabei eine Menge aus. Am Ende bist du erledigt und erschöpft von deinen Pflichten. Du freust dich auf deine freie Zeit und lebst in der Dualität, im Gegensatz von Arbeit und Vergnügen.
Wenn du das Wort "erledigen" nun ersetzt durch "gestalten" betonst du deine Freiheit und deine Kreativität. Du entscheidest, was du machst und wann du es machst. Du entscheidest auch, ob du es mit Liebe tust oder mit Widerwillen. Du kannst die Aufgaben so gestalten wie Kinder ihre Spiele spielen. Der Tag ist ein Geschenk und darfst ihn für dein Vergnügen mit Inhalt und Freude füllen.
In der Bibel wird die Geschichte von Adam und Eva im Paradies erzählt. Vor dem "Sündenfall" mussten sie auch im Garten arbeiten, aber sie vergnügten sich. Nach dem "Sündenfall" verwandelte sich der Tag in Mühsal und Plage. Ob es Mühsal und Plage ist oder Freude, Siel und Vergnügen - diese Entscheidung findet in deinem Kopf und in deinem Herzen statt.
Je bewusster du den Beginn des Tages beginnst und in den Tag hineinmeditierst, desto eher hast du die Chance, die lebensfrohe Seite in den Blick zu nehmen. Vielleicht geht das nicht zu hundert Prozent, aber vom Grundsatz her ist eine Veränderung immer möglich.

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Freitag, 1. Juni 2018

Verlier nicht den Kontakt!

Ich fahre diesem LKW hinterher und sehe das Plakat: "Don't lose touch!" Ein Mann hängt an der Tür und hat die Beine angezogen. Den Kontakt zum Boden verloren.
Manchmal verlierst du den Bodenkontakt. Den Blick für die Realität. Der Boden trägt nicht mehr. Er wird dir unter den Füßen weggezogen. Arbeitsplatz gekündigt, Ehe zerbrochen, Freundschaft beendet, Krankheit. Verlier nicht den Kontakt! Mit beiden Füßen auf dem Boden stehen gibt Halt und Sicherheit. Schön, wenn uns das geschenkt wird.
Doch manchmal musst du loslassen. Dich irgendwo dranhängen. Der Boden fließt weg. Alles entpuppt sich nur als vorläufige Sicherheit. Wenn du dich irgendwo dranhängst, dann kannst du dich auch fortbewegen. Vom Boden, der nicht mehr tragfähig ist. Immerhin besitzt du neben den Füßen auch noch Arme und Hände. Die sind flexibel. Die können spontan reagieren.
Die Füße sagen: "Hier stehe ich! Ich habe Halt. Das gibt Sicherheit!" Die Hände sagen: "Hier bewege ich mich. Da greife ich hin. Das Leben sortiert sich ständig neu!" Wie gut, dass wir Hände und Füßen haben, die gemeinsam oder auch abwechselnd dafür sorgen, dass wir im Kontakt bleiben.
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