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Samstag, 29. April 2017

Je stiller man ist, desto mehr kann man hören. (China)



Wenn du laut sprichst, dann hörst du nur deine eigenen Laute im Ohr und die Umgebungsgeräusche treten zurück. Wenn du schreist, kannst du alle anderen übertönen. Wenn du dich auf einen Wettkampf einlassen würdest, wärest du wahrscheinlich dennoch häufig der Verlierer. Der Presslufthammer, das Flugzeug, Sirenengeheul...
Was geschieht jedoch, wenn du nicht sprichst, wenn du schweigst. Dann nimmst du die Geräusche um dich herum viel deutlicher wahr. Und jetzt kannst du eine interessante Beobachtung machen. Wenn du in Gedanken versunken bist, also „laut“ denkst, kannst du auch nicht viel vom Außen her mitbekommen. Es gibt zwar Geräusche, aber die rauschen an dir vorbei. Jemand spricht dich an und erlebt dich abwesend wie in Trance. Dann gibt es noch einen weiteren qualitativen Schritt. Auch die Gedanken können aufhören. Und erst, wenn die Gedanken still werden, hörst du plötzlich etwas ganz unerwartet und ungewohnt Neues.
Es gibt die äußere Stille und das Erleben der inneren Stille. Die innere Stille hat eine besondere Qualität. Diese innere Stille ist die Quelle der Intuition. Da werden die neuen und unverbrauchten Ideen geboren. Im „Nichts“ ist das „Alles“ enthalten. Um in diese Erfahrung zu kommen musst du einen wichtigen Schritt machen: Halt an! Geh von der Aufmerksamkeit des Außen in die Aufmerksamkeit nach Innen. Geh heraus aus all deinen Gedanken und erlerne die Kunst des „Nichtdenkens“, „der Achtsamkeit“ und des „nichts Erwarten.“ Und- je stiller du innerlich wirst, desto mehr wirst du hören.  

Freitag, 28. April 2017

Jedes Versprechen ist ein Geschenk im Voraus. (Ägypten)



Versprochen ist versprochen und wird nicht gebrochen. Bei Versprechungen denke ich oft an die Verpflichtung, die ich damit eingehe. Irgendwie ordne ich diesen Gedanken dem Bereich der Erziehung zu. „Du hast es mir versprochen!“ „Jetzt musst du das Versprechen auch einhalten.“ Wir sehen das Versprechen oft im Zusammenhang mit dem Thema Vertrauen. Wenn du dich nicht daran hältst, dann kann ich dir nicht mehr vertrauen. Dahinter steckt ein ziemlich hoher ethischer Anspruch. Politiker werden gemessen an die Erfüllung ihrer Versprechen, Kinder an ihrem Gehorsam und jeder im Beruf an die eigene Glaubwürdigkeit.
Der Vers aus Ägypten weckt in mir einen kostbaren Gedanken. Jedes Versprechen ist ein Geschenk im Voraus. Da geht es nicht um Verpflichtung, um das unbedingte Einhalten oder Vertrauen. Es geht um ein Geschenk. Wenn ich etwas verspreche, dann mache ich dir ein Geschenk. Du solltest also nicht zuerst auf die Einlösung achten, sondern auf den Geschenkcharakter. Ein Geschenk verbinde ich mit Freude, Wohlwollen und Wertschätzung.
Das Versprechen an sich ist es schon wert, gewürdigt zu werden. 

Donnerstag, 27. April 2017

Kennt man die Bäume nicht, behandelt man sie alle wie Feuerholz. (Uganda)



Bis vor einigen Monaten konnte ich zwar so einige heimische Vögel erkennen und unterscheiden. Aber erst, seit wir im Garten eine alte Auflaufform als Vogelbad aufgestellt haben, lerne ich die Vogelarten richtig kennen. Meisen, Amseln und Rotkehlchen sind völlig verschieden in ihrem Charakter. Vogel war für mich bislang Vogel. Da war ich wohl lange Zeit im Irrtum. Da gibt es scheue und zutrauliche Vögel, verspielte und verschlafene. Jede Vogelart ist anders. Dem einen Vogel darfst du näher kommen, der andere verschwindet sofort, wenn du dich auch nur ein wenig bewegst.
In der Geschichte vom Kleinen Prinzen spricht der Fuchs davon, sich auf dem Weg des „Zähmens“ vertraut zu machen. Wenn du jemanden oder etwas kennenlernen möchtest, dann musst du dich vertraut machen. Willst du wissen, welche Qualitäten in einem Baum stecken, musst du dich vertraut machen. Du begutachtest die Blätter, umfasst den Stamm und schaust, auf welchem Boden er bevorzugt steht. Du ahnst, wie tief die Wurzeln reichen und prüfst die Härte des Holzes. Nicht jeder Baum ist für Feuerholz geeignet oder gedacht. Jeder Baum hat seine eigene Qualität. Die findest du nur heraus, wenn du dich mit ihm vertraut machst.
Was für Vögel und Bäume gilt, gilt noch viel mehr für Menschen. Schon der Kölner sagt: „Jeder Jeck ist anders.“ Manche Menschen wirken auf dem ersten Blick abweisend, reserviert, unsympathisch, unzugänglich und/oder fremd. Erst wenn du dich vertraut gemacht hast, entdeckst du die Qualitäten. Hinter der Abweisung versteckt sich manchmal eine kleine verletzte Seele. Beim näheren Kennenlernen entpuppt sich das unsympathische Gegenüber als ein wirklicher Goldschatz.
„Kennt man die Bäume nicht, behandelt man sie alle wie Feuerholz.“ Ich kenne genügend Politiker, Lehrer und Seelsorger, die Menschen wie Feuerholz behandeln. Und Gott sei Dank gibt es von der anderen Sorte Mensch sehr viel mehr. Diejenigen, die das Wort aus der Bibel leben: „Du bist kostbar in meinen Augen und ich liebe dich!“ (Jesaja 53,4)

Mittwoch, 26. April 2017

Ich gehe gerne neben dir!

Aus Südafrika kommt folgender Vers:
Gehe ich vor dir, dann weiß ich nicht, ob ich dich auf den richtigen Weg bringe.
Gehst du vor mir, dann weiß ich nicht, ob du mich auf den richtigen Weg bringst.
Gehe ich neben dir, werden wir gemeinsam den richtigen Weg finden.


"Können Sie mir sagen, wo ich hin will?" fragte Karl Valentin in einem Sketch. Manchmal suchen wir im Leben einen "Meister", der uns sagt, wohin es geht. Für eine Zeit mag das auch gehen, wenn wir innerlich sehr unsicher sind. Aber du wirst dir nie sicher sein, ob der "Meister" wirklich den Weg kennt. Vielleicht führt er dich ungewollt oder unbewusst in die Irre. Der indische Philosoph und Gelehrte Krishnamurti pflegte in seinen Vorträgen immer zu sagen: "Glauben Sie nicht, was ich sage. Überprüfen Sie es selbst!"
Wenn du vorangehst und die Rolle des Meisters übernimmst, dann sei vorsichtig. Auf einmal vertrauen sich dir Menschen an und geben ihre Verantwortung bei dir ab. "Du weißt das doch besser als ich! Du bist doch so erfahren!" Das mag zwar schmeicheln, so auf den Podest gehoben zu werden. Aber weißt du wirklich, wohin der Weg geht für einen anderen Menschen? Weißt du um deinen eigenen Weg?
Nebeneinander zu gehen gefällt mir. Auf gleicher Augenhöhe. Mit der eigenen Weisheit und der Weisheit deines neben dir Gehenden. Das fühlt sich eigenverantwortlich und selbstbestimmt an. Als Kind bist du an die Hand deiner Mutter oder deines Vaters gegangen. Er oder sie vorweg und du mit kleinen Schritten ein wenig hinterher.
So bist du ins Leben gekommen. Daran hast du dich gewöhnt. Es ist nicht immer leicht, in die erwachsene Art des Gehens zu wechseln. "Ich bin so erschöpft!" "Das ist so anstrengend!" Vielleicht gibt es da noch eine weitere Lektion zu lernen. Geh in das erwachsene und selbstbestimmte Nebeneinander, und gehe zugleich in die Leichtigkeit wie ein Kind.
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Dienstag, 25. April 2017

Lass dir Zeit!



Vor mir im Supermarkt wollte eine Frau bezahlen. Sie öffnete ihre Geldbörse und suchte die "Taler" zusammen. Sie tat es in aller Seelenruhe. Sie ließ sich nicht ablenken. Die Kassiererin tippte nervös mit ihren Fingern auf der Kasse und die Schlange hinter mir wurde unruhig. Im Alter lässt die Beweglichkeit in den Fingern halt nach und die Augen wollen auch nicht mehr. Kleingeld zählen wird zu einer mühsamen Angelegenheit. Unbeirrt von der Unruhe in ihrem Umfeld sammelte die Frau Geldstück um Geldstück bis es passte. Ich spürte förmlich den Druck hinter mir. Wann geht es hier endlich weiter! Kann nicht nicht nächste Kasse geöffnet werden?

Vielleicht war äußerlich noch nicht so viel zu sehen, aber innerlich war es deutlich spürbar. Überall stieg die Spannung. Dann kam ich an die Reihe mit meinen Waren. Ich wollte bezahlen. Ich bemerkte die Schwere meines Portemonnaies angesichts der vielen kleinen Münzen. Mir wurde bewusst, dass ich immer mit Scheinen zahle, damit alles an der Kasse im Fluss bleibt. Ich gebe stets dem Druck der Ungeduldigen in meiner Schlange nach. Ich beuge mich dem Tempo der Kassiererin.
Dieses mal öffnete ich meine Geldbörse und mich überkam plötzlich eine vollkommene innere Ruhe. Da sprang im Kopf ein Schalter um. Ich zählte Cent für Cent und Euromünze für Euromünze. Ich zögerte sogar manchmal mit dem Herausnehmen nur um das Gefühl auszudehnen, endlos Zeit zu haben.
Ich finde das auch im Nachhinein noch eine wunderbare Übung zur Entschleunigung. Lass dir Zeit! Renn dir nicht ständig innerlich davon! Bleib bei dem, was du tust! Auch das Bezahlen von Waren kannst du würdigen. Immerhin hast du dein Geld schwer verdient! Gib es mit Andacht aus, es ist ja schließlich ein Ergebnis deiner Arbeit! Und - wenn du Herz und Augen öffnest, lernst du jeden Tag eine neue Lektion fürs Leben.

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Montag, 24. April 2017

Gucken kostet nix

Neugierig stehe ich vor einem Laden für Damenbekleidung. Im Schaufenster lese ich den Spruch "Gucken kostet nix". Ich könnte ja mal einfach reingehen und schauen, oder? Aber das sagt sich so leicht, dass das nichts kostet. Es kostet meine Zeit und Energie. Meine Neugier und Überwindung von Angst und Unsicherheit. Es kostet die Überwindung von meinen Glaubenssätzen wie: "Die wollen bestimmt am Ende doch mein Geld." "Das ist nur ein Trick um mich hereinzulocken." "Das ist ein Köderspruch!"
Ich stehe vor dem Laden und kann durch das Fenster hindurchschauen. Von hier aus kann ich alles im Laden sehen. Es lohnt sich für mich nicht. Es gibt nichts, was mich verlockt einfach mal umsonst zu schauen. Es ist draußen nicht einmal kalt, so dass ich mich aufwärmen wollte dort. Gucken kostet nix und lohnt sich für mich auch nicht. Und gucken kostet doch was. Vielleicht nicht mein Geld. Aber ich zahle mit anderen Mitteln.
Zugleich stimmt auch was anderes. Mal über den Tellerrand schauen. Hinter dem Gartenzaun. Kleine Dinge machen, die ich normalerweise nicht tun würde. Die Comfortzone verlassen. Neue Erfahrungen machen. Dem Impuls der Neugier folgen. Das Abenteuer leben wagen. Mal etwas riskieren. Das nächste mal, wenn ich vor diesem Laden stehe, werde ich ihn betreten. Aber dann, dann wird sich die Besitzerin umschauen. Was ich dann machen werde! Ich werde echt was riskieren. Genau weiß ich noch nicht. Aber ich werde was machen, wetten?
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Samstag, 22. April 2017

Wachsen gegen Widerstände

                                                                                              
Das Kind bekommt ein schlechtes Zeugnis und wird nicht versetzt in die nächste Klasse. Da kann man nichts machen!
Das Paar hat sich heillos zerstritten und reicht die Scheidung ein. Da kann man nichts machen.
Der Kranke liegt im Sterben und der Tod wartet vor der Tür. Da kann man nichts machen.

Klingt wie Resignation, nicht wahr. Manchmal müssen wir uns dem "Schicksal" ergeben. Das Kind hat sich alle Mühe gegeben und dennoch die erforderlichen Noten nicht geschafft. Das Ehepaar war sogar in einer Beratung und der Kranke hat lange gekämpft. Da kann man nichts machen. Es mag sein, dass das Kind nicht versetzt wird, das Paar sich trennt und der Kranke stirbt. In jeder Situation "kann man dann dennoch etwas machen".
Das Kind kann daraus eine Lektion für die Zukunft lernen und andere Wege gehen. Das Paar findet in der Krise vielleicht einen neuen Anfang. Der Kranke kann noch vor dem Tod seinen Angehörigen seine Liebe zeigen.
Die Situationen können wir manchmal nicht verändern, aber unsere innere Einstellungen. Jedes Ereignis, das uns herausfordert, gibt uns die Gelegenheit zum inneren Wachsen.

Du kannst dein Leben bejahen mit allen Facetten. Es gibt nichts zu tun.
Du kannst Ja sagen auch  zu deinen Fehlern. Dann gibt es nichts zu tun.
Du kannst dich mit dir selber aussöhnen. Dann gibt es nichts zu tun.

Da kann man nichts machen - Resignation.
Es gibt nichts zu tun - einfach im Sein sein!

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Freitag, 21. April 2017

Querdenken

Wir lieben unsere festen Gewohnheiten. Die Tasse Kaffee am Morgen aus einer bestimmten Tasse. Die spezielle Sorte Brot mit der immer gleichen Menge an verteilter Butter. Die Uhrzeit, der Zeitraum, der Ort des Frühstücks. Die Art, die Autotür aufzuschließen und sich in sein Fahrzeug zu setzen. Die Uhr am linken Arm und den Kamm in der hinteren rechten Hosentasche. Den Lieblingsbäcker und das Lieblingskino, den Lieblingsitaliener und die Lieblingsdöner. Die Worte zur Begrüßung und die Worte zum Abschied. Die Art die Zähne zu putzen von links oben bis rechts oben außen, dann links unten bis rechts unten außen. Kaffee nie mit Zucker aber immer mit Milch, ein bestimmtes Quantum. Kleidung von einer bestimmten Marke in einer zum Typ passenden Farbe. Das Maß an Höflichkeit bis Freundlichkeit ja nach Grad der Bekanntschaft oder Freundschaft. Der Besuch bei den Eltern am ersten Weihnachtstag zum Kaffee. Abfahrt vor dem Abendessen. Das Gläschen französischen Rotwein zum Ausklang des Abends. Mit dem Po zuerst aufs Bett, dann das linke und dann das rechte Bein. Einlschafposition auf dem Bauch mit dem Kopf nach links gedreht. Der Winkel zwischen Kinn und Brust beträgt 68,5 °.
Sicherheit, Wohlfühleffekt, Stabilität, Zuverlässigkeit,...

Es kann jedoch sein, dass sich das manchmal wie schon gestorben anfühlt bevor du aufwachst!



Besuch deine Eltern mal nicht am ersten Weihnachtstag, sondern an Silvester oder am Valentinstag. Putz deine Zähne und trink deinen Kaffee mit der dir ungewohnten Hand. Wähle bewusst eine andere Einschlafposition. Fahre im Urlaub da hin, wo du eigentlich nie hinfahren würdest. Befreunde dich mit dem Italiener, von dem die Leute sagen, dass seine Pizza nicht schmeckt. Kaufe einen Markenpullover und schneide direkt nach dem Einkauf ein kleines Loch hinein. Zieh diesen Pullover an und beobachte, ob die Leute das merken. Entscheide dich, wenn du total pünktlich bist, wenigstens einen Tag in der Woche zum Unpünktlichkeitstag zu deklarieren. Na, welches ist DEIN Beitrag zum Wachwerden!


Mach es einfach mal anders! Beobachte dich dabei! Na, wie fühlt es sich an, wenn du aufgewacht bist?

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Donnerstag, 20. April 2017

Das Wunderbare sehen!

Wartest du auf ein Wunder? Das Wunder, dass du einmal ganz reich und einmal ganz glücklich sein wirst? Eines Tages? Wartest du auf das Wunder, dass dein Traumprinz vor dir steht und schon eine Ewigkeit auf dich gewartet hat? Wartest du auf das Wunder, dem du nachspürst, wenn du du dich in einen Roman vertiefst und verlierst?
Pearl S. Buck meint sagt: "Die wahre Lebensweisheit besteht darin, im Alltäglichen das Wunderbare zu sehen." Wenn du die Erfüllung eines Wunders in der Zukunft siehst, dann bist du nicht mehr da in deinem Körper und deinem Geist. Dann bist du schon aus dir ausgewandert in das Land deiner Phantasie. So kann es geschehen, dass das kleine Wunder um Hier und Jetzt gar keine Chance hat, dich zu erreichen. Da gibt es den Vogel draußen auf dem Baum, der dich mit seiner Lebensfreude anstecken kann. Da gibt es den Sonnenstrahl, der deine Haut gerade jetzt erwärmt. Da genießt du die erste Tasse heißen Kaffee am frühen Morgen. Dir wird bewusst, dass du ein Dach über dem Kopf und eine warme Stube hast. Es gibt so viele Alltäglichkeiten, die das Wunder bergen. Wohin lenkst du deine Aufmerksamkeit? In die ferne Zukunft oder in die Gegenwart? Bist du noch da? Wo bist du gerade? Was nimmst du jetzt in diesem Augenblick wahr, wo du diese Zeilen liest.
Ich gestehe dir, manchmal versinke ich auch in meine großen Zukunftswunder. Doch jetzt, in diesem Augenblick bin ich bei dir. Du liest meine Zeilen und mein Herz wird weit.

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Mittwoch, 19. April 2017

Nonnengrüße von der Brücke

Ich fahre von meiner Arbeit nach Hause und sehe auf einer Autbahnbrücke eine Nonne stehen. Sie winkt, was das Zeug hält. Nicht zaghaft und vorsichtig. Sondern so, als wollte sie ihre Lebensfreude hinausschreien. "Ich grüße dich!" "Ich umarme die Welt!" "Mein Herz ist voller Freude!" So oder so ähnlich.
Und ich sitze in meinem Auto und komme von meiner Arbeit. Den ganzen Tag Beratungen. Menschen mit Problemen. Menschen, die nach Lösungen suchen. Und die Nonne steht auf der Brücke und winkt sich die Seele aus dem Leib.
Ich lache und denke, wie absurd doch die Welt ist. Menschen haben Sorgen und diese Nonne winkt, weil sie Freude hat. Und ich sitze im Auto und freue mich auf den Feierabend. Außerdem hoffe ich, dass das Winken der Nonne keinen Unfall verursacht. Sie winkt wirklich heftig!
Und ich sitze im Auto und gluckse so vor mich hin. Diese Nonne in ihrer Tracht. Stellt sich auf die Brücke und winkt. Wie ein kleines Kind. Einfach so. Ohne Scham. Kann sie vielleicht auch in ihrer Tracht, denn es erkennt sie ja niemand. Und sie hat keinen Ehemann, der sich für sie schämt. Oder Kinder, die die Augen verdrehen. Diese Nonne scheint unabhängig zu sein. Sie steht auf der Brücke und winkt und es ist ihr völlig egal, was die Leute denken.
Ich komme zurück zu meinen Menschen aus der Beratung. Ihnen ist es überhaupt nicht egal, was die Leute so denken. Sie sind davon abhängig. Sie wollen es richtig machen und bei mir überprüfen, wie sie etwas noch besser machen können. Und die Nonne steht auf der Brücke und winkt.
"Hallo Nonne! Winke doch mal all meinen Kunden zu, die nach Lösungen suchen. Vielleicht könnten sie von dir lernen, das Leben leichter zu nehmen und aufzuhören, sich für irgendetwas zu schämen."
Wer hat mir wohl diese Nonne geschickt?! Ich sehe immer noch das Bild vor mir und es geht mir nicht aus den Kopf. Jemand, der dir zuwinkt, den vergisst du nicht so schnell!
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Dienstag, 18. April 2017

Wenn die Hose nicht mehr passt!




Ich habe einen Bericht gelesen über Janice Jakait, die mit einem Boot über den Atlantik gerudert ist. Sie erzählt, dass sie sich im Vorfeld ihrer Reise für jeden Tag ein Nahrungspaket zusammengestellt hatte, unter anderem auch mit Schokolade. Gegen die Eintönigkeit des Meeres viele verschiedene Sorten. Auf hoher See machte sie die überraschende Erfahrung, dass ihre Lieblingsschokoladen ihr nicht mehr schmeckten. Es „funktionierte“ nur noch Marzipan und Pfefferminz, die sonst nicht ihre Lieblingssorten waren.
Im Flieger gibt es ähnliche Erfahrungen.  Was am Boden lecker ist schmeckt in der Höhe überwürzt. Dinge, die uns über Jahre gut taten können wir auf einmal nicht mehr ertragen. Meistens finden wir eine gute Begründung, warum etwas nicht mehr so funktioniert wie sonst. Das Alter, die Geschmacksnerven, die Gesundheit, die sozialen Umstände... Jeder nimmt Im Alter zu und schrumpft ein wenig ein.
Das, was früher für einen langen Zeitraum stimmte und passte, verliert an Gültigkeit. Leider merken wir das nicht immer so schnell. Wir essen Dinge, die wir eigentlich nicht mehr mögen in der Hoffnung, dass die gute alte Zeit zurückkehrt. Wir tragen Hosen, die uns einengen und fahren an Urlaubsorte, wo wir uns schon lange nicht mehr erholen. Wir halten Kontakt zu Menschen, die uns nicht gut tun und leben mit den Stühlen und Tischdecken, die uns schon ewig nicht mehr gefallen. Wir kleben an dem Vergangenen und halten fest, was sich nicht wirklich halten lässt. Um es provokant zu sagen: Wir reiten tote Pferde und hoffen irgendwie, dass noch ein Rest von Leben drin ist.
Und das kostet uns Zeit und Energie. Der finnische Soziologe Risto Saarinen hat ein interessantes Modell entwickelt für die Entwicklung, den Werdegang und das Ende von Gruppen. Am Anfang gibt es eine große Vision eines einzelnen Menschen. Jesus hatte zum Beispiel die Vision vom Reich Gottes. Die Römer verschwinden, die Gerechtigkeit und Liebe in Israel sigen. Oder du selbst hattest vielleicht die Vision von einer Familie oder einer beruflichen Karriere. Wenn ein Mensch diese Vision entwickelt sucht er sich anschließend Menschen, die mit ihm diese Vision teilen. Allein lässt es sich schwer eine Familie oder eine Firma gründen. Jesus suchte sich dafür einen Freundeskreis aus. Du für deine Familiengründung einen Ehemann oder eine Ehefrau. Ein Autoerfinder würde sich  Schlosser und Ingenieure suchen. Zuerst kommt nach Saarinen also die Vision, dann eine Gemeinschaft. Als drittes Element stricken diese ein Programm, das sie umsetzen können. Jesus schrieb dafür die Bergpredigt, ein Firmengründer entwickelt einen Produktionsablauf, ein Ehepaar baut ein Haus und plant, wie groß diese Familie nun werden soll mit oder ohne Hund.
Als viertes Element kommt nach Saarinen die Administration hinzu. Je mehr die Vision Gestalt annimmt, je größer die Gruppe wird und die Programme laufen, desto wichtiger wird es, dass das Projekt auch einen festen und zuverlässigen Rahmen bekommt. Reichen die Finanzen? Hat jeder einen Platz in der Gruppe? Gibt es genügend Gewinne? Wer behält den Überblick über das ganze Unternehmen? In diesem Sinne gründete sich die Kirche mit ihrer Hierarchie und Verwaltung. Ein Ehepaar macht eine Budgetplanung für den Familienmonat und eine Firma erstellt Jahresbilanzen.
Auf dem Höhepunkt einer Gruppe gibt es eine starke Vision mit einer Gruppe, die zusammenhält. Gemeinsam entwickeln sie tolle Programme und durch eine gute Verwaltung läuft alles wie am Schnürchen. An dieser Stelle könnte das Märchen zu Ende gehen mit happy end. Und dann? Ja, dann denken alle, es würd ja gut so weiterlaufen. Warum auch nicht!
In der Regel verändert sich etwas im Laufe der Zeit. Die Vision verschwindet nach und nach. Sie wird im Laufe der Jahre kleiner. Die Familie existiert schon viele Jahre wie selbstverständlich. Aber die Anfangsliebe des Paares schleicht sich irgendwie langsam davon. Überprüfe das mal bei dir selbst. Wenn du in einer Beziehung lebst und für einen Moment zurückdenkst. Wie sah diese am Anfang aus und was ist heute draus geworden? Ich kenne manche Paare, die heute von sie sagen, sie seien eine „Eltern WG“. Was zusammenhält ist dann nicht mehr die Vision, also die Liebe, sondern gemeinsame die Gewohnheit oder die Verantwortung für die Kinder. Mangelnde Alternativen kommen noch hinzu. Bei der Kirche geht die Vision vom Reich Gottes verloren und man hangelt sich irgendwie durch das liturgische Jahr oder vom einen Papst zum nächsten. Eine Firma produziert zwar noch ihre Waren, aber die Grundidee verliert mehr und mehr an Strahlkraft. Autofirmen denken in neue und irgendwie zugleich alte Modelle, aber nicht daran, die Mobilität an sich neu zu erfinden.
Was geschieht jedoch, wenn die Vision kleiner und kleiner wird? Die Gruppe schrumpft! In Vereinen kann man es daran sehen, das die Mitgliedsbestände stagnieren oder zurückgehen. Menschen treten aus der Kirche aus. Firmen „verschlanken“ sich. In der Familie gibt es noch natürliche Gründe dadurch, dass die Kinder als Erwachsene ausziehen. Sie machen deutlich, dass Familie nur ein Projekt auf Zeit ist. Wenn die Gruppenmitglieder die Familie verlassen, ist das Projekt abgeschlossen.
In der nächsten „Sterbephase“ schrumpft auch das Programm. Ein Verein feiert nur noch runde Geburtstage und trifft sich zur Generalversammlung. Die Familie kommt nur noch an Weihnachten zusammen. In der Kirche lässt man sich immerhin noch christlich beerdigen.
Zum Schluss bleibt die Administration übrig. Eine Kirche kann gut ohne Vision, Gruppe und Programm leben solange sie Gelder verwalten kann. Bei einer Firmenpleite bleibt die Verwaltung übrig, um die Schulden oder das Restvermögen abzuwickeln. Bei einer Familie könnte es das Fotoalbum sein.
Jede Gruppe erlebt also eine Geburt mit einer Vision und den Tod mit einer aufgeblähten Verwaltung. Das ist sozusagen das Gesetz einer Gruppe. So funktioniert sie einfach. Und in diesen Etappen laufen auch unsere eigenen Prozesse und Lebensphasen ab.
Du begeisterst dich für eine Hose (Vision). Du kaufst sie und teilst deine Freude mit der Familie (Gruppe). Du ziehst sie zu Festen an (Programm) und legst sie an einem bestimmten Platz im Schrank (Administration). Du verlierst die Freude an deiner Hose nach und nach bis sie nur noch im Schrank verstaubt.
Ich finde es spannend, dass wir an so vielen Dingen kleben, die eigentlich tot sind. Wir lassen nicht los, sondern bewahren auf. Wir tun so, als hätte sich die Geschichte nicht weiterentwickelt. Wir lachen beim „dinner for one“ über Miss Sophie und ihren toten Kameraden und merken gar nicht, dass wir selbst auch mit lauter Gespenster zusammenleben. Nicht so überzogen, aber dennoch mit genügend toten Visionen.
Wäre es nicht besser, sich den Dingen zu stellen und in eine Veränderungsarbeit zu gehen? Die Hose passt nicht mehr. Ich werde sie nicht mehr anziehen. Sie kommt weg. Oder ich entscheide mich fürs Abnehmen und ziehe die Sache anschließend konsequent durch. Schluss mit dem Herumeiern. Oder wenn du keine Paprika mehr magst, dann lass sie halt weg. Es gibt genug Nahrungsmittel, mit denen du über die Runden kommst.
Regt sich bei dir der erste Protest? Hosen magst du ja einfach entsorgen. Kleiderstube oder verschenken! Aber was soll die Kirche machen, wenn nur die Verwaltung übrig ist.
Was wirst du machen, wenn du feststellst, dass deine Liebesbeziehung in einer WG gestrandet ist. Eine WG ist nicht schlecht. Alleinsein wäre schlimmer. Eine Kirche nur mit Verwaltung ist auch nicht schlecht. So haben einige doch immerhin einen festen Arbeitsplatz. Es wäre aber ein eher langweiliges Leben und es würde vorwiegend um das Aushalten gehen. Du darfst aber nicht an deine Visionen denken. An die Zeit, wo du noch schwer verliebt warst. Willst du den Geliebten über Bord werfen oder selber aussteigen? Manchmal wäre das sinnvoll.
Saarinen entwickelt eine andere Lösung. Belebe die Vision wieder neu! Oder schaffe dir neue Visionen, für die du leben möchtest. Du kannst also deinen Mann oder deine Frau anschauen und dich neu verlieben. Keine pubertierende Liebe mehr. Keine, die etwas besitzen oder einfordern will. Vielleicht eine reifere Form von Liebe. Augenblicke genießen. Dankbar sein. Zärtlichkeit teilen. Deine Phantasie ist gefragt.
Und auf spirituellem Gebiet? Jesus hatte ja eine Vision. Die bestand darin, dass wir alle zu Gott gehören und das verwirklichen dürfen. Dass wir selber göttlich sind. Dass wir den Reichtum von Liebe in uns leben und entfalten dürfen. Dass jeder Mensch auf dieser Welt total da sein darf. Fülle!
Programme und Administrationen fragen nicht nach Visionen Sie entwickeln ein Eigenleben und merken nicht, wie tot sie sind. Die Aufgabe besteht darin, diese Strukturen zu entlarven und mutig aufzubrechen. In meinem Verständnis liegt darin auch ein Teil von Ostern. Abgestorbenes erkennen und loslassen und die alten Visionen wiederzufinden oder für neue zu brennen. Das finde ich nicht leicht. Das Gewohnte ist zwar oft tot, fühlt sich aber sicherer an.  Manche Paare, die sich nur noch streiten oder anschweigen bleiben zusammen, weil sie nicht glauben, dass jeder für sich auch unabhängig existieren könnte. Wie sollten sie nach all den vielen Jahren das Leben bestehen so ganz allein?
Was wäre, wenn die Kirche die eigene Selbstauflösung beschließen würde? Denken könnte man es ja mal. Würde damit die christliche Kultur aussterben? Oder hätte sie die Chance zu einer neuen Blüte. Wer Visionen leben möchte, muss etwas wagen. Aber wir können auch unser Leben verwalten. Jeder hat es in seiner Hand.
Ich könnte manchmal mehr Mut gebrauchen, nicht mehr Stimmiges wirklich abzulegen. Manchmal schaffe ich es und spüre die Energie, die sich dadurch frei wird. Tote Pferde zu reiten ist nämlich mit der Zeit ganz schön anstrengend. Du denkst, dass das Pferd läuft, aber eigentlich schiebst du es mit deinen eigenen Kräften.
Eine österliche Perspektive wird mir auch klar. Der Tod vom Karfreitag und das Leben der Auferstehung liegen nah beieinander. Heute lebe ich und habe Möglichkeiten. Was morgen ist, weiß ich nicht. Aber heute lebe ich und kann mich heute für die Vision entscheiden. Und? Wo verwaltest du dein Leben und wo bist du mitten drin? Bist du nach dem Bewusstwerden mit allem einverstanden oder möchtest du was verschieben in die eine oder andere Richtung.
Schließe deine Augen und spüre dem nach, was deine Vision ausmacht. Welche „Bilder“ entstehen in dir? Was bereitet dir unbändige Freude? Wofür möchtest du gehen? Was willst du unbedingt noch erleben? Welches Projekt möchtest du auf jeden Fall noch anpacken? Wenn diese Bilder jetzt in dir entstehen bekommst du vielleicht einen Handlungsimpuls. Gleich öffnest du die Augen und stehst auf. Du lässt dich nicht abhalten und machst den ersten Schritt. Wenn sich diese Vision von deinem erneuerten Leben nun in dir ausbreitet und du dich entscheidest für den ersten Schritt, dann stehst du plötzlich mitten in einem Ostergarten. Da erlebst du gerade hautnah „Auferstehung!“
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Samstag, 15. April 2017

Am frühen österlichen Morgen




Sicherlich hörst du manchmal den wohlmeinenden Rat in einer Krise: „Schlaf mal eine Nacht drüber, dann sieht alles schon anders aus.“ 
Die Tage vor Ostern laden dich ein, angesichts der Erfahrung von Kreuz und Tod im Leben von Jesus zugleich in deinen eigenen inneren Karfreitag zu gehen. Wie beruhigend und wohltuend, wenn alles glatt läuft! Keine Probleme am Arbeitsplatz, Friede in den Beziehungen, genug Geld auf dem Konto zum Erfüllen von allen Bedürfnissen. Du wünschst dir, dass diese Zufriedenheit anhält bis zum Abschied auf deinem Totenbett. Du gibst sogar viel Geld für Versicherungen aus, damit dir diese Sicherheiten lange gewährt werden.
Leider gibt es neben Sicherheit und Zufriedenheit auch eine andere mitunter bittere Realität. Ich kenne viele Menschen, die wenigstens einen großen Karfreitag im Leben erfahren haben. Das fängt manchmal ganz harmlos an. Da gibt es ein scheinbar nebensächliches Problem in der Ehe, hier und da ein kleiner Streit. Die Unstimmigkeiten werden überspielt, abgetan und nehmen unerklärlicherweise zu. Die Schwierigkeiten häufen sich, schwelende Konflikte werden nicht angesprochen aus Angst vor Kränkung und Verletzungen. Irgendwann bricht entweder der Vulkan aus und die Konflikte liegen offen auf dem Tisch. Oder eine tiefe lähmende Leere der Sprachlosigkeit macht sich breit.
Und wenn es „zufällig“ an einer Stelle brennt entsteht allzu leicht ein Flächenbrand. Die Probleme am Arbeitsplatz zeigen sich gleichzeitig, beängstigende Krankheitssymptome machen sich bemerkbar und du siehst ohnmächtig zu, wie sich zu dem dicken und unlösbaren Paket noch etwas dazugesellt. Zum Glück ist ein solches Bündel von Einbrüchen eher selten. Dennoch kenne ich von vielen Menschen solche oder ähnliche Gedanken und Sorgen als Befürchtung im Hinterkopf. „Möge Gott mich vor solchem Unglück verschonen!“
Mit solchen Erfahrungen sind wir Gott sei Dank nicht allein. Ähnlich wird es Jesus auch ergangen sein. Konfliktgespräche im eigenen Freundeskreis während der Wandertätigkeit durch Galiläa über seine Person und sein öffentliches Wirken, Auseinandersetzungen mit den verschiedenen religiösen Gruppierungen in Jerusalem, die aufgeheizte Stimmung vor einem großen Fest, die übergroßen Erwartungen an einen messianischen Heilsbringer... Irgendwann spitzte sich die Situation zu und es endete in einer tiefen Krise.
So kann es manchmal kommen, bei Jesus, bei dir, bei mir und bei jedem anderen Menschen. Das Fass läuft über, das System bricht zusammen. Der Ofen ist aus. Nichts geht mehr. Aus und vorbei.
Wenn du dich in der äußeren oder inneren Dunkelheit befindest, siehst du kaum noch etwas. Du verlierst die Orientierung. Auswege sind versperrt, die üblichen Lösungsstrategien greifen nicht mehr. Hinzu kommt manchmal eine namenlose Angst und eine drohende Panik, die dir den Boden unter den Füßen wegzieht. Vielleicht denkst du jetzt: „Muss der das Leben denn so schwarz malen? Karfreitage sind schlimm genug, die muss man nicht auch noch bewusst in sich wachrufen!“ Ja, genau so ist der Karfreitag: Nicht zum Aushalten und zum Davonlaufen.
Und dann gibt es noch die Phase nach den Krisenhäufungen, der Angst, der Panik, dem Davonlaufen, dem Kampf und dem Suchen nach Lösungen. Ich spreche von dem Moment des Loslassens, der Resignation, des Aufhörens mit allem Kampf. Es taucht der Gedanke auf, das Scheitern einzugestehen und die Stille zu empfangen, die dann entsteht. Es gibt nichts mehr zu tun. Du legst die Hände in den Schoß und überlässt dich dem Augenblick und dem Hier und Jetzt.
Da lese ich im Matthäusevangelium die Auferstehungsgeschichte. Sie fängt völlig unspektakulär an: „Nach dem Sabbat kamen in der Morgendämmerung des ersten Tages der Woche Maria aus Magdala und die andere Maria, um nach dem Grab zu sehen.“ Ich halte an bei dem Bild der Morgendämmerung. Ja, so ist das! Die Nacht geht einfach irgendwann zu Ende, völlig ohne dein Mitwirken. Die Nacht geht vorbei und ein neuer Morgen bricht an. Zwischen der Nacht und dem Morgen liegt die Dämmerung. Sie verkündet ohne Worte und ohne Pathos: Die Nacht ist vorbei! Das Schlimmste ist überstanden. Und so sicher, wie jede Nacht vorübergeht und der Morgen anbricht, so wird es auch in deinem Leben sein. Die Nacht mag sich unendlich lange anfühlen, aber sie findet ein Ende, immer, ohne Ausnahme. Ohne Ausnahme bricht nach der Nacht der neue Tag an. Das Gesetz ist unumstößlich. Die Morgendämmerung weist dich darauf hin. Du befindest dich schon im Übergang, in der Phase der Veränderung, in die Bewegung hin zum Morgenlicht.
Ich glaube, ich muss gar nicht den Rest der Ostergeschichte lesen. Ich wüsste, die Frauen des Ostermorgens finden einen neuen Weg oder besser gesagt: Ihnen eröffnet sich eine neue Perspektive wie ein Geschenk. In vielen beratenden Gesprächen geht es für mich darum, mit den Fragenden die Morgendämmerung zu suchen. Die Schwierigkeiten liegen oftmals nicht darin, diese zu finden, sondern sie wahrzunehmen. Was nützt es, wenn das Licht schon scheint, aber dein inneres Auge auf Dunkelheit ausgerichtet ist?
Mein österlicher Wunsch für dich: Mögest du in den Nächten deiner inneren Dunkelheit das Vertrauen bewahren, dass die Morgendämmerung für dich spürbar und sichtbar wird und du aufatmest und tief durchatmen kannst, wenn die ersten Sonnenstrahlen des Ostermorgens dich aufwecken. 

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Freitag, 14. April 2017

Für den Karfreitag: Steh auf!

Jesus befindet sich in guter Gesellschaft mit Marius Müller-Westernhagen, Bushido, Culcha Candela, Betontod und den Toten Hosen. Sie alle und noch einige Künstler mehr sangen oder sprachen diese Aufforderung aus: „Steh auf!“ 
Das sind energische Worte! „Steh auf!“ Mit Ausrufezeichen! Jesus richtet diese Worte an den verstorbenen Sohn einer Witwe. Dieser wird gerade auf der Bahre liegend weggetragen. „Steh auf!“ ruft Jesus in einem eindeutigen Befehlston. Man stelle sich einmal vor, er würde folgendes sagen: „Junger Mann, es wäre doch schön für deine traurige Mutter und für alle anderen Verwandten, wenn du es dir mit dem Sterben noch einmal überlegen würdest. Die ganze Zukunft liegt noch vor dir! Willst du das alles wegwerfen? Ist deine Zeit denn wirklich schon gekommen?“ Das wären zwar sehr einfühlsame Worte gewesen und sicherlich angemessen für einen Toten und zugleich tröstlich für die Mutter. Hätten solche Worte jedoch ausgereicht, einen Toten aufzuwecken? Jesus entscheidet sich für die harte Tour. „Steh auf!“ 
Die Band Betontod singt in ihrem Lied: „Ich will Dich nie wieder am Boden sehen, es ist Zeit aufzustehen und nach vorne zu sehen! Ich will Dich nie wieder am Boden sehen, steh auf!“ Interessant, dass sowohl „Betontod“ als auch die „Toten Hosen“ das Wort „Tod“ im Namen tragen. Musiker mit solchen Namen werden so zu Verkündern des Evangeliums vom Aufstehen! „Am Boden liegen – und aufstehen“ – darüber möchte ich gerne noch ein wenig intensiver nachdenken. Als kleines Kind bin ich mit meinen Eltern und Geschwistern am Sonntag spazieren gegangen. Mein Vater erzählt mir heute manchmal, dass ich mich einfach zwischendurch auf die Straße setzte und nicht wieder aufstand. Alle seine Bitten und Appelle halfen nichts. Ich blieb da einfach sitzen und die ganze Familie wartete, bis ich von selbst wieder aufstand. Aus der Perspektive des am Boden liegenden zeigt sich: Der muss auch aufstehen wollen. Die Aufforderung muss das Ziel zuerst einmal erreichen. 
Wir Menschen können nicht früh genug damit beginnen, das wieder Aufstehen einzuüben. Wir alle haben irgendwann gelernt, das erste Mal auf eigenen Füßen zu stehen und bewegten uns haltsuchend und wackelig auf den Beinen an den Objekten im Wohnzimmer entlang. Dann gingen wir freihändig ohne „Objektschutz“ zwischen Mama und Papa hin und her, strahlten über die ersten wirklich freien Schritte und … wir fielen! Das Fallen gehört zum Laufen lernen dazu. 

Donnerstag, 13. April 2017

Mit der Kraft des Herzens 40: Dein Herz vertraut auf den Morgen der kommt

Jede dunkle Nacht hat ein helles Ende. (persische Weisheit)
Ist doch logisch oder? Das weiß jedes Kind, dass jede dunkle Nacht ein helles Ende hat. Nach jeder Nacht kommt ein neuer Morgen. Diese Erfahrung macht jeder Mensch seit Beginn des Lebens. Diese Erfahrung teilt die ganze Menschheit. Vielleicht bildet eine Sonnenfinsternis und ein Vulkanausbruch eine Ausnahme. Aber generell gilt dieser Satz.
Eigentlich geht es bei dieser persischen Weisheit um die Erfahrung, dass auch in einer ausweglosen Situation immer noch etwas möglich ist. Oder in einer Lebenskrise immer noch ein Fünkchen Hoffnung sein kann. Der Mensch in der Dunkelheit und mitten in der Krise kann leider das Licht nicht mehr wahrnehmen. Für ihn ist es ewige Nacht. Es gibt keinen neuen Morgen.
Für diesen Menschen hilft dann die Erinnerung. "Erinnerst du dich daran? Es war mal besser und es wird auch wieder besser werden." Aber Vorsicht mit einer solchen Ermutigung. Das kann schnell nach rückwärts gehen. Die dunkle Nacht muss man schon auch mal aushalten. Zugleich möchte ich noch die Perspektive erweitern. Dass es hell wird steht außer Frage, es ist nur die Frage wann. Wenn du in der Krise bist kannst du sagen: "Das ist das Ende!" Du kannst aber auch sagen: "Diese Dunkelheit ist der Anfang von etwas, das ins Helle führt!" Du entscheidest, welche Perspektive du einnimmst. Machst du dich fest in der Dunkelheit oder schaust du auf das, was neu kommt.
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Mittwoch, 12. April 2017

Mit der Kraft des Herzens 39: Trotz aller Angst - Dein Herz ist stark!

Schau der Furcht in die Augen und sie wird zwinkern. (aus Russland)
Wovor fürchtest du dich? Vor Spinnen, vor Enge, vor Menschen, vor Kritik, vor Arbeitslosigkeit, vor Armut? Die meisten Menschen haben vor irgendetwas Furcht. Wobei für mich da im Moment kein großer Unterschied besteht zwischen Furcht und Angst. Die Angst ist das Grundgefühl und die Furcht bezieht sich auf etwas Reales.
Hinzu kommt in der Regel oft die Angst davor, dass die Angst auftaucht, sozusagen eine Potenzierung dieses Gefühles. Die Furcht erscheint uns wie ein Gespenst, dem wir aus dem Weg gehen. Es wirkt bedrohlich und unsere Angst kann ins Unermessliche wachsen. Sie kann sogar lebensbedrohlich werden. Hinter den meisten Ängsten steckt die Frage nach dem Tod. Die Spinne kann beißen und ich werde vergiftet. In der Enge schnürt es mir die Luft ab und ich werde sterben. Ich werde arbeitslos, habe kein Geld mehr und muss verhungern. Menschen können mir Gewalt antun und mich töten.
Das Entscheidende dabei ist: Alles findet in meiner Phantasie statt. Ich entwickle Bilder davon. Nur selten ist die Bedrohung real. Wenn meine Furcht "nur" ein Gespenst ist, dann kann ich es mir doch einmal anschauen. Wenn du deiner Angst in die Augen schaust, was geschieht dann? Das russische Weisheitswort meint: Sie wird zwinkern! Als Kinder haben wir uns im Umgang mit dem Schrecken eingeübt. Wir haben uns versteckt und die Erwachsenen haben uns gesucht. Wenn sie uns gefunden haben, dann haben sie "Buh" gemacht, wie ein Gespenst. Als Kinder haben wir das Erschrecken gespielt und vor Furcht gejuchzt. "Schau der Furcht in die Augen und sie wird zwinkern." In der Beratung lade ich oft ein, in die Angst hineinzugehen, sie anzuschauen, sich mit ihr vertraut zu machen. Das "Zwinkern" siehst du erst, wenn du dich vertraut gemacht hast, wenn du dich traust, genau hinzuschauen.
Mir erzählte eine Freundin von der Erfahrung im Hochseilgarten. Da gab es einen Abschnitt, da musste man springen. Sie musste die Angst vor dem Abgrund überwinden. Ihr half die Einstellung: "Ich springe und wenn ich sterbe dann wars das eben. Mein Leben war schön!"
Leider gibt es keine dauerhafte Befriedung der Angst. Sie kommt auf einem anderen Weg wieder zu dir. Sie bleibt ein Teil von dir solange du lebst, eben so lange du lebst.
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Dienstag, 11. April 2017

Mit der Kraft des Herzens 38: Sonnenworte für dein Herz!


Sonne für die Seele! 

Von Rose Ausländer stammt folgendes Gedicht:

der garten
öffnet seine rosen

sie duften sich
sonnenworte zu

nur liebespaare
fangen sie auf
und grüssen zurück
in der rosensprache

rosen antworten rot
mit herzlichem duft

duftworte
die sich liebkosen

In einem anderen ihrer Gedichte heißt es so oder ähnlich:


Ich wohne in einer Stadt aus Sonne und Schnee
Der König ist ein Bettler.
Seine Nahrung ist Schnee.

Ich schenke ihm Sonnenworte
Vielleicht kann er sich Brot dafür kaufen.

Mir gefällt die Idee mit den Sonnenworten. Rosen duften sich Sonnenworte zu. Von Sonnenworten können Bettler leben.
Verschenkst du gerne Sonnenworte? Bekommst du viele Sonnenworte? Welche gefallen dir besonders gut? Du kannst sie gerne hier im Kommentar veröffentlichen. Einfach hier unten in das Feld reinschreiben. Ein paar schöne Sonnenworte für alle, die hier lesen.
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Montag, 10. April 2017

Mit der Kraft des Herzens 37: Herzlichen Dank!



Nicht dafür!
War doch selbstverständlich!
War doch nur eine Kleinigkeit!

Eine Hand wäscht die andere!
Wofür?
Lass gut sein!

Hätte ich auch für dich gemacht!
Du musst mir nicht danken!
Ist schon in Ordnung!
Mach keine große Sache daraus!

Gerne!

Diese Sätze sind dir bestimmt geläufig, oder? Wie reagierst du in der Regel, wenn sich jemand bei dir bedankt? Welchen Satz bevorzugst du?
Oder gehörst du vielleicht zu denen, die geschickt Situationen vermeiden, in denen man sich bedanken  müsste? Darum tust du im Vorfeld alles für deine Unabhängigkeit. Du kannst alles, kaufst dir alles vom eigenen Geld und kannst dir inzwischen alles leisten und brauchst niemanden mehr zu fragen! Beim Wort „Danken“ schwingt eine Fülle von nicht immer angenehmen Ge-„danken“ mit.
Zugleich ist der Oktober mit den Erntefesten dem Danken gewidmet. Mit dem Danken verbindet jeder so seine eigene manchmal auch traumatische Kindheitsgeschichte. Ich erinnere mich ungern an frühere Besuche der Verwandtschaft. Die Tante brachte uns fünf Kindern eine Tafel Schokolade mit. Meine Gedanken fingen sofort an zu kreisen. Diese Schokolade mag keiner von uns! Und außerdem - wie soll man 24 Stücke auf fünf Kinder verteilen? Wer verzichtet heute? Während ich mit diesen Überlegungen beschäftigt war, kam garantiert von den Eltern der Erziehungs- und Killerspruch: „Und?! Was sagt man, wenn man etwas geschenkt bekommt?!“ Ohne weiteres Nachdenken kam der Dank dann pro forma und anerzogen.
Doch der Dank ist kein Wort und entsteht nicht im Kopf. Der Dank kommt aus dem Herzen. Zum Danke sagen gehört unbedingt das dazugehörige Empfinden. Sonst wirkt der Dank schal und gezwungen.
Ich möchte mit dir noch einen Schritt weitergehen. Wenn du etwas von jemandem bekommst, entsteht schnell der Eindruck, dass du damit etwas schuldest, etwas wieder gutmachen und etwas zurückgeben musst. Nicht umsonst entstehen so die Kreisläufe von Besuchen und Gegenbesuchen, von Weihnachts- und Geburtstagsgeschenken im Modus: Da komm ich nie wieder raus! Auch die Wirtschaft arbeitet mit diesen Gesetzen. Am Käsestand darfst du ein Stück Käse probieren (geschenkt!). Dafür kaufst du dann zum Ausgleich irgendetwas ein. Die Eltern schenken dir das Leben und du musst im Laufe der Zeit für den Ausgleich sorgen, indem du im Alter für sie sorgst.
Wenn du „Danke“ sagst, dann nimmst du von jemandem etwas als unverdientes Geschenk an, das dir bislang nicht gehörte. Quasi automatisch entsteht in dir das Gefühl: Ich muss es wieder gut machen. Ich muss für den Ausgleich sorgen. Ich bringe mich in eine Schuld. Dieses Gefühl möchte ich auf jeden Fall verhindern. Ich reduziere es auf ein Minimum, dass mir jemand etwas schenkt. Lieber schenke ich selber und sorge dafür, dass andere mir etwas schuldig sind.
Vielleicht findest du meine Gedanken geschraubt und du gehörst eher zu den Menschen, die sich ganz einfach nur freuen. Du gehörst zu denen, die gerne etwas annehmen und verschenken. Du machst das alles ohne Hintergedanken oder Befürchtungen. Herzlichen Glückwunsch! Du bist schon an der Schwelle des Paradieses angekommen!
Ich glaube, dass wir Menschen uns immer im Kreislauf befinden von „Geben“ und „Nehmen“. Wir können es gar nicht verhindern. Niemand ist eine Insel und kann für sich allein existieren. Es wäre gut, wenn wir das „Geben und Nehmen“ herauskatapultieren aus dem Schuldgedankenkreislauf. Stattdessen möchte ich dich einladen, es auf die Beziehungsebene zu heben. Du beschenkst mich und ich beschenke dich als Ausdruck unserer Verbindung und als Bekräftigung unserer Freundschaft.
Zugleich ist es hilfreich, sich vorzustellen, dass wir als Menschen alle  ausnahmslos abhängig sind. Wir brauchten Eltern, um auf diese Welt zu gelangen. Wir benötigen Nahrungsmittel, Wärme und Zuwendung. Wir sind durch und durch bedürftig, mal mehr, mal weniger. Erkenne es und stehe dazu! Gott sei Dank sind wir in unserer Bedürftigkeit an eine unerschöpfliche und geschenkte Quelle angebunden, die wir Gott nennen. Sein Geschenk des Lebens ist der Ausdruck seiner Liebe. Im Psalm 100 wird dies deutlich.
 Jauchzt vor dem Herrn, alle Länder der Erde! / Dient dem Herrn mit Freude! Kommt vor sein Antlitz mit Jubel!
Erkennt: Der Herr allein ist Gott. / Er hat uns geschaffen, wir sind sein Eigentum, sein Volk und die Herde seiner Weide.
Tretet mit Dank durch seine Tore ein! / Kommt mit Lobgesang in die Vorhöfe seines Tempels! Dankt ihm, preist seinen Namen!
Denn der Herr ist gütig, / ewig währt seine Huld, von Geschlecht zu Geschlecht seine Treue.
Nicht zuletzt geht es darum, in das Mitschwingen mit der gesamten Schöpfung zu gelangen. Wenn dein Herz schwingt im Glücksgefühl, wenn dein Körper tanzt, wenn deine Seele „Ja!“ jubiliert, dann ist das die „gelebte Dankbarkeit“ jenseits von jedem moralischen Druck des Danke sagen müssen. 

Samstag, 8. April 2017

Mit der Kraft des Herzens 36: Herzlichen Glückwunsch

Ich muss nur die gratulieren, die ich mag und die Ferwanten. Wie schön! Ich könnte schnell zu viel gratulieren. Da gibt es ja schon so etwas wie einen Zwang. Du hörst, dass da jemand Geburtstag hat und schon rennst du hin und drückst ihm die Hand. Wenn du das nicht machst, dann bist du ein echter Muffel und Griesgram. Aber immerhin: Du musst nicht!

Weil ich dich mag und du außerdem noch mein Ferwanter bist möcht ich dir heute gratulieren. Im Spanischen heißt es felicitar - so viel wie "glücklich preisen". Das gefällt mir noch besser. Dann preise ich dich mal glücklich heute!

Du Mensch!
Du wundervoller Mensch!
Du großartiges Wesen!
Du göttliche Einmaligkeit!
Du!

Ich freue mich, mit dir hier in diesem Universum zu leben. An deiner Seite. Mit dir im Geiste und im Herzen verbunden. Bekannt und immer schon vertraut von Ewigkeit her. Ich gratuliere dir grundlos. Es reicht aus, dass du da bist. Und dass ich da bin, um es dir sagen zu können. Damit ich es sage und du es hörst. Wie schön, dass wir beide so einmalig sind und zugleich so herrlich einer von diesen ganz gewöhnlichen Menschen sind. Dass wir gemeinsam diese Welt bewohnen. Du bist mir nach und mein totaler Ferwanter!
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Mit der Kraft des Herzens 35: Und ich dachte du magst mich ...

Bei einer Radtour fand ich diesen Spruch an einer Brücke. "Und ich dachte du magst mich..." Ich spürte total diese Enttäuschung. Da gab es in mir eine Resonanz bis tief in das Herz hinein.
All die Abbrüche von Beziehungen. Durch Ärger, Umzug, Kränkung, Tod, langsames Ausschleichen, plötzliche Krise. Da gab es diese tödlichen Gedanken: "Habe ich mich geirrt?" "War alles ein Lüge?" "Hat mich jemand ausgenutzt?" "Wurde ich betrogen?"
Wenn ich mich da reinsteigere, dann rutscht mein Herz ganz tief in den Keller und noch tiefer. Es wird bodenlos. Da kommt der ganze Schmerz raus: "Und ich dachte du magst mich..." Wie Eiter. Und es musss raus. Alles! Als Schrei. Als Ruf. Als Stöhnen.
Und dann gibt es noch die drei Punkte ...  Die drei Punkte schließen ab und öffnen eine neue Geschichte. Denn auch das stimmt. Eine Enttäuschung bedeutet, dass ich in einer Täuschung gelebt habe, die jetzt vorbei ist. Ich darf neu anfangen. Und ich habe eine reiche Erfahrung gemacht:  Mein Herz kann den tiefsten Schmerz aushalten und wird nicht daran zerbrechen. Und ich werde nicht damit aufhören immer wieder zu vertrauen. Weil ich weiß, dass ich mich mag und weil ich auch weiß, dass andere mich mögen. Nicht immer, aber oft genug!
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Freitag, 7. April 2017

Mit der Kraft des Herzens 34: Im Herzen ein Kind bleiben

Ein Eis essen und einfach genießen.
Darin abtauchen und hoffen, dass der Eisbecher nie leer wird.

Spielen und völlig darin aufgehen.
Keine Gedanken dazu von gestern oder morgen.

Kuscheln und darin versinken.
Ohne sich ablenken zu lassen von irgendwelchen Sorgen.

Abenteuer lesen und selber Pippi Langstrumpf sein.
Oder Winnetou oder die kleine Hexe.

Erwachsen sein und Verantwortung übernehmen. 
und zugleich im Herzen ein Kind bleiben.

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Donnerstag, 6. April 2017

Mit der Kraft des Herzens 33: Im Herzen eines Menschen ruht der Anfang und das Ende aller Dinge. (Leo Tolstoi)

Im Herzen eines Menschen ruht der Anfang und das Ende aller Dinge. Ich hätte gedacht, dass dieser Ort von Anfang und Ende sich um Verstand befände. Ich sehe einen Gegenstand und benenne ihn. Ich weiß dafür ein Wort. Und solange ich diesen Gegenstand mit einem Wort benennen kann existiert er für mich.
Ich hatte gedacht, dass der Verstand zeitlich zuerst kommt. Ich habe einen Gedanken wie: "Heute scheint die Sonne." Wenn ich diesen Gedanken denke bewirkt das ein Gefühl, das ich im Herzen spüre. Es breitet sich wohlige Wärme aus, die da bleibt solange ich mir der Sonnengedanken bewusst bin.
Jetzt habe ich aber gelesen, dass das Herz viel früher reagiert als der Verstand. Genau 6 Sekunden. 6 Sekunden, bevor der Verstand etwas denken kann hat das Herz es schon erkannt. Das wurde in den USA an einem Institut getestet. Menschen wurden Bilder gezeigt. Schöne und schreckliche Bilder. Das Herz reagiert natürlich darauf mit Ausschlägen. Die Bilder wurden per Zufall über ein Computertrogramm gewählt. Und genau 6 Sekunden, bevor das Programm die Bilder überhaupt ausgewählt hatte und zeigen konnte reagierte das Herz. Es "wusste" die Zukunft 6 Sekunden im Voraus.
Also ist das Herz schneller, oder? Nicht wirklich. Aber im Herzen gibt es eine Instanz, die außer Raum und Zeit existiert. Der Verstand ist an Raum und Zeit gebunden. Das Herz besitzt eine Quelle, die in der Ewigkeit oder außerhalb von Raum und Zeit angesiedelt ist. Wie konnte Leo Tolstoi das wissen? Im Herzen eines Menschen ruht der Anfang und das Ende aller Dinge.
Wenn wir Menschen einen besseren Zugang zu dieser Herzintelligenz hätten, wie sähe dann unsere Welt aus? Was würden wir in unserem Leben verändern? Noch sind wir weitestgehend Analphabeten im Gebrauch der Herzintelligenz. Aber das wird sich ändern.
Jetzt, in diesem Augenblick versenke ich mich in mein Herz und lade dich ein, das Gleiche zu machen. Wo werden wir uns begegnen und wie wird uns geschehen? Ich bin gespannt und freue mich auf dich!
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Mittwoch, 5. April 2017

Mit der Kraft des Herzens 32: Wenn dein Herz sich verengt



Es wird eng! Am Ende des Monats schaust du auf dein Bankkonto und bekommst ein beklemmendes Gefühl. Da sind nur noch wenige Geldreserven da und es wird eng für die letzten Tage.
Du hast einen Termin vereinbart und steckst mit deinem Auto im Stau. Du wirst unruhig und schaust ständig auf die Uhr. Noch gibt es einen Puffer, aber wie lang reicht er noch? Irgendwann wird es eng und du weißt nicht, ob du pünktlich an dein Ziel kommst.
Du glaubst dich am Ende deines Lebens. Eigentlich wolltest du noch dieses oder jenes erledigen. Du stirbst und dein Leichnam wird in den Sarg oder die Asche in die Urne gelegt. Sowohl da als auch in der Erde wird es eng.
Dir wird klar, dass du in dieser Woche viele Aufgaben zu erledigen hast. Dein Terminkalender wird voller und voller. Deine Gedanken kreisen um die Anforderungen und du machst dir Sorgen, ob du das alles noch schaffst, was du dir vorgenommen hast. Es wird enger und enger.
Du kommst von der Arbeit nach Hause und bist in Gedanken noch bei den Ereignissen des Tages. Du kannst nicht loslassen und hast dich noch nicht von dem zuvor Erlebten verabschiedet. Zu Hause wirst du überfallen mit Wünschen und Bitten und du merkst, dass du noch gar nicht dazu bereit bist. Du spürst schon körperlich die Enge.
Begleitet wird das Erleben von Enge vielleicht auch dadurch, dass du förmlich vergisst zu atmen oder dass du ganz hektisch, unregelmäßig oder viel zu schnell atmest.
Immer wenn es eng wird bist du nicht mehr gut in dem, was du tust. Du verlierst die Aufmerksamkeit für die Details. Du fühlst dich überfordert. Du verlierst den Überblick. Du bist angespannt. Du bist nicht mehr ganz präsent. Irgendwann versuchst du, alles „so ungefähr“ hinzubekommen, aber eben nur „so ungefähr“. Du hast das Gefühl, als ob du in einen anderen Modus schaltest. Wenn es eng wird, schaltetest du in den Funktionsmodus.
Eng kann es auch beim Kontakt mit Menschen werden. Ist dir folgende Erfahrung vertraut? Da steht dir jemand gegenüber und kommt dir mit seinem Gesicht  näher. Er überschreitet diese imaginäre, unsichtbare und persönliche Körpergrenze immer mehr. Dir wird es unangenehm und du weichst instinktiv einen Schritt zurück. Dein Gegenüber bemerkt nicht einmal dein Unwohlsein und rückt nach.  Du spürst die kurze Distanz förmlich wie eine Bedrohung. Es fällt dir immer schwerer, aufmerksam zuzuhören und du weichst wieder einen Schritt zurück. Was ist dein Impuls? „Es wird mir hier viel zu eng! Rück mir von der Pelle!“
Auf der anderen Seite sprechen wir von engen Freundinnen und einer engen Verwandtschaft. Dann geht es nicht um Einengung, sondern um unser Wohlgefühl bei einer positiv erlebten Nähe. Nicht jede Enge wird also automatisch negativ empfunden.
Die meisten „Engen“ jedoch bedürfen der Aufmerksamkeit und rufen nach einem sehr notwendigen Schritt. Wenn es eng wird, dann brauchst du zuerst einen Freiraum.
Stell dir eine Lehrerin in ihrem Klassenzimmer vor, die von allen Kindern körperlich gleichzeitig bestürmt wird. Sie wird sagen: „Macht mal erst Platz!“ Wenn du zu viele Aufgaben zur gleichen Zeit erledigen musst, dann ist es wichtig, sich zuerst inneren Freiraum und Platz zu verschaffen. Im Freiraum kannst du vom Funktionsmodus in einen entspannten Zustand umschalten. 
Das Leben im Freiraum wird sich verändern. Du bekommst neue Impulse. Die Aufgaben lassen sich leichter bewältigen. Du fühlst dich im Fluss mit den Dingen und alles geht dir leicht von der Hand.
Ich kenne viele Menschen, die einem anderen Lebensprinzip folgen. Sie erledigen erst die vielen einengenden Aufgaben und atmen dann erleichtert auf. Sie gönnen sich erst den Freiraum, nachdem sie es sich „leisten“ können. Ich glaube, das ist ein Irrtum! So bewegst du dich von Anspannung zu Anspannung, von Enge zu Enge und von Erleichterung zu Erleichterung. Irgendwann bist du nur noch froh um die kurzen Augenblicke der Erleichterungen im Lauf der gewohnten Enge.
Wenn du dir zu Beginn des Tages und auch zwischendurch dir Freiräume schaffst, wirst du gut durch den Tag gehen können. Du kannst mit deiner Aufmerksamkeit nach innen gehen und dir vorstellen, wie du deine Räume ausweitest. Schaffe bildlich gesprochen deinem Herzen Raum, damit es atmen kann. Schon der Psalmbeter kannte diese wunderbare Erfahrung als Dank an Gott. „Als mir eng war, hast du mir’s weit gemacht.“ (Psalm 4)
Du hast es in der Hand. Du kannst eine Entscheidung treffen und für einen Moment innehalten: Stopp sagen und den Herzensraum weiten.  Und wenn dir jemand zu nahe in dein Gesichtsfeld tritt dann kannst du sagen: „Schön, dass du da bist und meine Nähe so schätzt. Aber ein paar Zentimeter mehr Abstand lässt meine Sympathie zu dir noch wachsen.“ Dann atmest du tief ein und füllst Bauch und Brustraum ganz aus mit deiner Gegenwart. Hier stehst du und nimmst den Raum ein, den du brauchst, um gut da sein zu können.