Dienstag, 11. Juni 2013

Kinder, die was wollen...

 Ich dachte, der Spruch sei ausgestorben. "Kinder, die was wollen, kriegen was auf die Bollen." Wie so häufig, mache ich interessante Erfahrungen im Supermarkt. Dort sagte ein kleiner Junge zu seiner Mutter: "Mama, ich will ein Eis!" Doch Mama hatte den Spruch drauf. Kinder, die was wollen,... Wunderbar! Das erspart jede weitere Diskussion. Eis gibt es nicht! Fertig! Mama hatte keine Lust auf weitere Diskussionen und Wünsche. Sie war genervt. Vielleicht hatte der Junge ja schon vorher andere Wünsche geäußert, die ich nicht mitbekommen hatte. Ich hörte nur den Spruch: Kinder, die was wollen...
Ich hätte mich gefreut, wenn Mama gesagt hätte: "Junge, ich sehe deinen Wunsch zwar, aber heute bekommst du kein Eis. Ich möchte mich jetzt um unsere Einkäufe kümmern. Morgen kannst du noch mal fragen. Aber jetzt in diesem Augenblick nicht!" Der Spruch mit den Bollen greift tiefer als man denkt. Es spricht den Kinder ab, einen Willen zu haben. Der Wille ist wichtig, die Wünsche und Bedürfnis, die damit verbunden sind, auch. Ich bin mit diesem Spruch groß geworden. Kinder hatten nichts zu wollen und zu wünschen sondern dankbar zu sein für das, was da war. Die Eltern bestimmten, was für uns Kinder gut und richtig war. Wir waren als Kinder unmündig. Das wir damals noch nicht so erfahren waren wie Erwachsene, das kann ich teilen. Aber das mit dem Absprechen meines Willens, das kann ich nicht teilen.
Zunächst geht es doch darum, die Wünsche und Bedürfnisse wahrzunehmen und auszudrücken in der Hoffnung, einfach zunächst mal gehört zu werden. Wie sollen Erwachsene ihre Bedürfnisse kennen, wenn diese als Kinder schon im Keim erstickt wurden. Nicht jeder Wunsch muss sofort erfüllt werden! Aber da sein dürfen!
Das bekannte Sprichwort steigert die vorhandenWünsche auch noch mit einer Strafandrohung. Hör auf zu wollen, sonst sind die Oberschenkel dran! Warum wohl die "Bollen?" Wegen des Reimes? Wenn ich auf die Hinterseite der Oberschenkel schlage, geht der Mensch in die Knie. Geht es also doch um die Brechung des Willens?
Willenlose Menschen sind leichter zu händeln, aber nur auf den ersten Blick. Willenlose Menschen haben es schwerer, im Leben zurecht zu kommen. Solange sie klein sind, können die Eltern ja die Konsequenzen ihrer Erziehung tragen und das Wünschen und Wollen übernehmen. Aber wehe, aus den Kindern werden Erwachsene. Es dauert, bis der verschüttete Wille aus der Kindheit wieder auftauchen darf! Ich möchte den Spruch verändern in: "Kinder mit einem starken Willen sind besser in der Lage, für ihre eigenen Bedürfnisse zu sorgen."

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