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Dienstag, 19. Oktober 2021

Wir alle haben im Dachgeschoss der Seele ein Geheimnis unter Verschluss. Carolos Ruiz Zafon


Stell dir vor, dass es im Dachgeschoss deiner Seele ein Geheimnis gibt. Du hältst es unter Verschluss. Du kennst es selbst nicht, Du hast diese Kiste nie geöffnet und verbirgst den Schlüssel vor dir selbst. Du achtest darauf, dass niemand sonst von diesem Geheimnis etwas weiß. Du vermutest nämlich, wenn du deine geheime Kiste öffnen würdest, dann käme da ein schreckliches Gespenst heraus. Du würdest etwas entdecken, für das du dich so schämst, dass es tödlich endet. Oder du hättest die Angst, nicht mehr bestehen zu können vor deinen Lieblingsmenschen und vor der Umwelt.
Du hältst es lieber verschlossen, damit auch ja nichts geschieht. Du verschließt es so, dass du sogar nicht mehr weißt, dass es sich im Dachgeschoss befindet. Du würdest jedem Menschen sagen: Ich habe keine Geheimnisse! Und du würdest dir sogar selber glauben. Aber vielleicht ahnst du, dass es ein Geheimnis gibt und du vermutest, dass es eher unangenehm ist. Und dann? Dann verhältst du dich so, als ob du etwas verstecken müsstest. Du würdest durch die Gegend laufen wie jemand, der etwas versteckt. Du wärest betont freundlich oder ausgelassen, damit man deine Angst nicht spürt. Du würdest so eine Mischung versprühen von scheinbarer Gelassenheit, auffälliger Unauffälligkeit, betont ruhiger unruhiger Blick. "Hoffentlich sieht es niemand!"
"Wir alle haben im Dachgeschoss der Seele ein Geheimnis unter Verschluss." meint Zafon. Wie beruhigend! Ich bin damit nicht allein. Du hast es! Ich habe es. Alle haben es. Alle laufen mit einem Geheimnis herum. Dann können wir ja auch aufhören uns zu verstecken. Das ist auf die Dauer nämlich ganz schön anstrengend. Und wer weiß! Vielleicht ist das Geheimnis ja etwas unglaublich Liebevolles. Etwas, das ich gut öffnen könnte! Etwas, das zu mir gehört und das gerne angenommen und gesehen werden möchte. Etwas, das nach Integration ruft! "Hallo, hier bin ich! Magst du mich?"
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Montag, 18. Oktober 2021

Gibt es ein Ohr so fein, daß es die Seufzer der welkenden Rose zu hören vermöchte? Arthur Schnitzler (1862 - 1931)

Ich hätte gerne ein so feines Ohr, dass ich das Seufzen der Rose hören könnte, wenn es welkt.
Ich hätte gerne ein so feines Ohr, dass ich die Zwischentöne meines Gegenübers hören könnte.
Ich hätte gerne ein so feines Ohr, dass ich das Gemeinte hören könnte im Gesagten.
Ich hätte gerne ein so feines Ohr, die Klarheit der Gefühle in meinem Inneren wahrzunehmen.

Meine Ohren sind leider so, wie sie sind. Ein wenig eingeschränkt in der Wahrnehmung. Ich höre nicht alles, verstehe nicht alles oder auch anders als gemeint. Ich bin nicht sensitiv genug, das leise Seufzen meiner welkenden Rosen zu hören. Aber ich gebe mir Mühe. Ich weiß um das Seufzen von der Welt um mich herum. Manchmal kann ich die Rosen trösten und manchmal eben nicht. Ich wünsche allen welkenden Rosen auf der Welt, dass ihr Seufzen in einen Raum von Liebe fällt.
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Samstag, 16. Oktober 2021

Jeder möchte mal ankommen!

Diese Wirklichkeit stimmt mich traurig. Menschen müssen ihre Heimat verlassen. Sie werden vertrieben und verjagt. Sie haben Angst um ihre Existenz und suchen Sicherheit in einem ihnen fremden Land.
Menschen auf der Flucht existieren seit es Menschen gibt. Das ist bedrückend! Ich bin in einem Dorf groß geworden, wo die Flüchtenden aus dem Osten ihre neue Heimat gefunden haben. In meiner Kindheit hießen sie pauschal: "Flüchtlinge". Sie werden bis heute so genannt von der "Urbevölkerung", den "Herkunftsmünsterländern", auch noch nach mehr als fünfzig oder sechzig Jahren. Mich stört das Wort. "Flüchtlinge" bezeichne ich mit meinem Wortschatz lieber als "Menschen auf der Flucht" oder "Flüchtende". Ich finde es wichtig, sorgsam und so gut wie es geht mit der Sprache umzugehen.
Es gibt viele Worte mit "...ling" die festlegend und einschränkend sind. "Winzling", "Säugling", "Hänfling", "Sträfling". Ein Mensch kann klein sein, aber in ihm steckt mehr. Ein Mensch mag eine Strafe absitzen, aber er ist mehr. Ein Säugling mag an der Mutter der Brust saugen, aber er ist mehr.
Wir sind also mehr als "...linge". Ein sogenannter "Flüchtling" kommt aus einem ganz konkreten Land, hat ein ganz konkretes Geschlecht und Alter. Er und sie ist ein Mensch auf der Flucht. Und er flüchtet im Augenblick, vorübergehend. Nach der Flucht wird er ankommen und nicht mehr flüchtend sein.
So ganz nebenbei: Ich bin auch ein "Flüchtender" in bestimmten Situationen! Ich flüchte manchmal vor Regen, manchmal vor der Sonne und gerne vor übellaunigen Menschen und zerstörerischer Kritik. 
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Freitag, 15. Oktober 2021

Höre mit dem Ohr des Herzens. (Benedikt von Nursia)

Höre mit dem Ohr des Herzens.
Jetzt!
Ich sehe dich!
Ich nehme dich wahr!

Ich schaue dich an und fühle ganz wohlwollend mit dir.
Ach, dass du da bist.
Dass DU da bist.
Dass du DA bist.
Dass du da BIST.

Ich sehe dich mit deinem Körper und dem, was du anziehst.
Mit deinem Gesichtsausdruck und dem, wie du wirken möchtest.
Ich nehme behutsam wahr, was du gerade fühlst.
Ich bin neugierig auf das, was du gerade denkst.

Aber noch viel lieber bin ich da mit dir.
Einfach nur da.
Du musst dafür nichts machen.
Gar nichts!

Du musst nicht einmal körperlich neben mir sitzen oder mir gegenüber.
Meine Vorstellung reicht völlig aus.
Jetzt bist du da und ich mit dir.
Und du mit dir und ich mit mir.
Und jetzt wird es still.
Frieden.

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Donnerstag, 14. Oktober 2021

Jede dunkle Nacht hat ein helles Ende. (persische Weisheit)

Ist doch logisch oder? Das weiß jedes Kind, dass jede dunkle Nacht ein helles Ende hat. Nach jeder Nacht kommt ein neuer Morgen. Diese Erfahrung macht jeder Mensch seit Beginn des Lebens. Diese Erfahrung teilt die ganze Menschheit. Vielleicht bildet eine Sonnenfinsternis und ein Vulkanausbruch eine Ausnahme. Aber generell gilt dieser Satz.
Eigentlich geht es bei dieser persischen Weisheit um die Erfahrung, dass auch in einer ausweglosen Situation immer noch etwas möglich ist. Oder in einer Lebenskrise immer noch ein Fünkchen Hoffnung sein kann. Der Mensch in der Dunkelheit und mitten in der Krise kann leider das Licht nicht mehr wahrnehmen. Für ihn ist es ewige Nacht. Es gibt keinen neuen Morgen.
Für diesen Menschen hilft dann die Erinnerung. "Erinnerst du dich daran? Es war mal besser und es wird auch wieder besser werden." Aber Vorsicht mit einer solchen Ermutigung. Das kann schnell nach rückwärts gehen. Die dunkle Nacht muss man schon auch mal aushalten. Zugleich möchte ich noch die Perspektive erweitern. Dass es hell wird steht außer Frage, es ist nur die Frage wann. Wenn du in der Krise bist kannst du sagen: "Das ist das Ende!" Du kannst aber auch sagen: "Diese Dunkelheit ist der Anfang von etwas, das ins Helle führt!" Du entscheidest, welche Perspektive du einnimmst. Machst du dich fest in der Dunkelheit oder schaust du auf das, was neu kommt.
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