Freitag, 1. Februar 2019

Wieder ganz werden!


Kommt dir die Überschrift eigenartig vor? Wieder ganz werden? Du würdest vielleicht sagen, dass du ein ganz und gar vollständiger Mensch bist. An dir fehlt nichts. Vielleicht doch ein Körperteil? Wenn du keinen Blinddarm mehr hast wie ich, wirst du den nicht wieder in deinem Körper einsetzen können, genauso wie eine entfernte Schilddrüse oder Zähne. Dann bist zwar körperlich nicht mehr so ganz vollständig, aber irgendwie doch. Es ist noch genug da, um gut durch das Leben zu kommen. Du würdest also doch sagen, dass du ganz und vollständig bist.
In der Bibel spricht Gott einen merkwürdigen Satz zu Abraham. „Wandle einher vor meinem Antlitz und sei ganz!“ (Gen 17,1) Damals war Abraham hoch betagt mit 99 Jahren. Also kurz vor seinem hundertsten Geburtstag. Gott meinte mit dem Wort „ganz sein“ so etwas wie „vollständig sein“ und sprach es zugleich wie einen Segen aus. Gott schaut also auf Abraham und stellt einen Mangel fest nach 99 Jahren. Hat Abraham Einbußen erlitten? Körperliche Gebrechen? Enttäuschungen? Haben seine Kräfte nachgelassen?
Übertrage ich die Vorstellung Gottes einmal auf dich und mich. „Geh deinen Weg vor Gott und sei vollständig.“ Das würde ja bedeuten, dass ich tatsächlich unvollständig sein könnte. Dass etwas an mir fehlen würde. Dass ich mich in einem Mangel befinde. Und darüber möchte ich mit dir hier gerne weiter nachdenken.
Mein Vater erzählte mir an Weihnachten von einer Begegnung, die bis heute in ihm nachwirkte. Da hat ihm ein Freund mächtige Vorwürfe gemacht und ihn damit tief gekränkt und erschüttert. Diese Begegnung hängt bis heute in seinen Knochen. Wenn er davon erzählt fühlt er sich sofort kleiner, schwächer und ohnmächtig. Eben nicht mehr aufrecht und ganz.
Wenn ich auf mein eigenes Leben zurückblicke, dann gibt es auch ein paar Ereignisse, die eine bleibende Auswirkung hatten. Ich meine so richtige Brüche in der Lebensbiographie. Ein Bruch, der in mir etwas zerbrochen hat. Ich denke an einen Freund, der mich abgelehnt und verlassen hatte.  Oder an meinen Abschied von meiner Tätigkeit in der Kirche. Oder eine vernichtende Bewertung eines Lehrers über ein Fach, das ich nie verstehen würde.
Von den kleinen Angriffen und Kränkungen konnte ich mich gut erholen. Wenn ich daran jetzt denke und mich da reinfühle gibt es keinen Rest. Keine elektrische Ladung mehr drauf. Ich bin klar mit mir, mit der Situation und mit allen Beteiligten. Ich habe vergeben, jemand hat mir vergeben und danach fühle ich mich wieder ganz und vollständig wie vorher.
Aber ein paar Ereignisse haben dauerhafte Spuren hinterlassen. Narben, die schnell wieder aufbrechen können. Wunden, die auf den ersten Blick geheilt sind, aber nicht in der Tiefenschicht. Wenn ich daran denke kommen alte Gefühle wieder hoch. Schmerzhafte Gefühle. In einem geflügelten Wort sagen wir ja: „Da habe ich Federn gelassen!“ Das fühlt sich immer noch nackt und ohnmächtig an. Da habe ich meine Würde und meine Schönheit verloren. Seitdem bin ich angeschlagen. Ich kann nicht mehr so viel aushalten. Ich bin dünnhäutiger geworden.
Was ich menschlich tun konnte, habe ich getan. Ich kann alle Aspekte durchdenken und mir selbst gegenüber Verständnis entwickeln. Ich kann in meiner Trauer Trost bei Freunden suchen. Ich kann mich auf etwas Neues ausrichten und ich kann ein Gesamtpaket schnüren, dass am Ende alles wieder „in Ordnung“ ist. Was aber wäre mehr als „nur in Ordnung“? Was wäre so befriedet, dass es auf einer höheren Ebene zu einem „Mehr“ an Leben führt nach dem Motto: Durch die Krise und die Wandlung hin zu einer höheren Lebensqualität.
Gott sagt zu Abraham: „Wandle einher vor meinem Antlitz und sei ganz.“ Einschneidende Ereignisse, die mich zutiefst treffen, bewirken, dass ich mich nicht mehr ganz fühle. Als ob ein Teil von mir während der Krise auf der Strecke geblieben ist. Du merkst das manchmal an Kommentaren wie: „Seit seine Frau gestorben ist, ist er nicht mehr so wie vorher. Das wird er bis zu seinem Tod nicht überwinden.“ „Mit ihr ist gar nichts mehr los. Alles ist weg!“
Im schamanischen Denken spricht man davon, dass uns während unseres Lebens Seelenanteile verloren gehen können. Ich kann zum Beispiel das Vertrauen verlieren, wenn mich mal jemand tief enttäuscht hat. Bei einer großen Enttäuschung kann ich zugleich die Fähigkeit verlieren, überhaupt je wieder vertrauen zu können. Und jetzt laufe ich ohne diesen wichtigen Persönlichkeitsanteil durch das Leben, der vertrauen kann. Mir fehlt also jetzt ein Seelenanteil.
Zugleich geht das schamanische Denken davon aus, dass der Schamane diese verlorenen Anteile zurückholen und in die Seele integrieren kann. Auf diese Weise geschieht nicht nur irgendwie „Ordnung“, sondern Heilung.
Jesus versteht seine Mission in ähnlicher Weise, wenn er davon spricht, dass er das Verlorene sucht, das Verwundete heilt und das Darniederliegende aufrichtet. Ich kann mir also vorstellen, dass es grundsätzlich möglich ist, wieder ganz zu werden.
Bei Abraham kommt es ja zu einer Begegnung. Abraham begegnet Gott und Gott spricht. Der Zöllner kommt zu Jesus und Jesus spricht. Oder jemand geht zum Schamanen und dieser besucht die jenseitige Welt und wird zum Botschafter der Heilung. Es gibt also eine Begegnung mit einem Gegenüber. Dieses Gegenüber ist angebunden an etwas, das heilsam, wirksam und größer ist.
Gott muss nur etwas aussprechen und schon wirkt es. Er fordert Abraham nicht auf, irgendetwas zu denken oder zu arbeiten. Er sagt: „Sei ganz!“ Er wirkt durch sein Wort. Gott erinnert Abraham daran, dass dieser aus der göttlichen Quelle kommt und von je her „ganz“ ist. Sein Körper und seine Erlebnisse mögen darauf hinweisen, dass Abraham sein Leben gelebt und fast verbraucht hat. Aber in seinem Bewusstsein kann er realisieren, dass er ganz und gar aus Gott kommt und nie etwas verlieren kann.
Ich kann also in meine Kränkungen und Enttäuschungen gehen und mich darin eingraben und festmachen. Ich kann mich als zusammengesetzten Scherbenhaufen betrachten, der noch so ungefähr kann. Ich kann mich aber auch mit meinem Geist, mit meiner Seele auf eine Ebene bewegen, auf der ich alle Kränkungen in Segen verwandeln kann. Mit meiner körperlichen, irdischen Existenz fällt mir das schwer. Die zerbrochene Freundschaft kann ich kitten, aber das Ereignis nie auslöschen.
Ich kann jedoch meine Erlebnisse auswerten und auf der Seelenebene verwandeln. Wie meine ich das? Gott spricht zu Abraham: „Wandle einher vor meinem Antlitz und sei ganz.“ Abraham möge sich vor dem Antlitz Gottes bewegen. Er geht also in den heilenden Raum Gottes hinein. Er verlässt seinen enttäuschenden, menschlichen Lebensraum und stellt sich hinein in den göttlichen Raum. So, als würde eine Mutter zum weinenden Kind sagen: „Komm her zu mir. Ich tröste dich!“ Gott spricht eine Einladung aus, dass in seiner Nähe Heilung passieren kann.
Abraham muss nichts weiter machen, als sich quasi unter die „göttliche Dusche“ zu stellen. Da geschieht etwas, nur weil er sich in die göttliche Nähe begibt. Fern von Gott bleibt das Leid an ihm kleben. Er wird es nie ausradieren können. In der göttlichen Nähe geschieht etwas Unerwartetes. Abraham muss nur näher kommen. Wenn er Gott nahe kommt, dann kommt er auch der Erinnerung nahe, wo sein eigener Urgrund sich befindet. Abraham kommt Gott nahe und „weiß“ innerlich: „Ich gehöre ja zu Gott! Wie konnte ich das vergessen!“
Ich kann es also wie Abraham machen oder wie die Menschen, die zu Jesus gegangen sind. Ich verändere meinen Ort und bewege mich in die Nähe Gottes. Wie mache ich das? Ich schließe die Augen und konzentriere mich auf meinen Herzensraum. Ich vergegenwärtige mir dort, dass ich aus dem Göttlichen komme und mich darin bewege. Ich visualisiere die Ereignisse, die für mich krisenhaft waren und bis heute nachwirken. Ich fühle die Gefühle von Trauer, Angst und Wut. Aber ich fühle sie im Herzensraum. Ich gedenke des Ereignisses im Herzensraum. Ich lade alle Beteiligten meiner Konflikte dorthin ein. Der Herzensraum ist wie ein Tempel oder wie ein Krankenzimmer oder wie der tröstende Arm meiner Mutter. Ich dehne mich in diesen Raum hinein aus und spüre die göttliche Weite, die entsteht.
In der Bibel spricht Gott eine Einladung aus an Abraham: „Komm mal her und probiere es aus!“ Auch, wenn wir den Eindruck haben in einer Zeit zu leben, in der Gott nicht mehr spricht, gilt die Einladung. In deinem Herzensraum spricht Gott auch heute noch. Er hat sich dahin zurückgezogen, weil die Intimität und Wirksamkeit höher ist. Wenn ich dich einlade, deine Augen zu schließen und dir das einfach so vorzustellen, dann meine ich es genau so! Es ist eine Einladung, es einfach mal zu machen. So wird das Wort Gottes auch heute noch für dich erfahrbar: „Wandle einher vor meinem Antlitz und sei ganz!“

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