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Donnerstag, 14. Januar 2021

„Ich könnte schreien!“ - Mit Ärger und Wut angemessen umgehen

 


Kennst du das? Du befindest dich im Home-Office und konzentrierst dich auf deine Arbeit. Dann hast du ein wichtiges berufliches Telefonat und im Hintergrund hörst du das Zanken der Kinder oder das lautstarke Rufen: „Darf ich was Süßes!“

Dabei bist du schon früh aufgestanden und hast den Haushalt erledigt, die Kinder versorgt, die kranken Eltern angerufen und für diverse Familienmitglieder einen Termin vereinbart. Du hattest gehofft, dass du jetzt in Ruhe arbeiten kannst und weißt innerlich doch, dass das wahrscheinlich wieder einmal nicht klappen wird. Du spürst, wie in deinem Körper der Vulkan brodelt und dass beim ersten Schrei deines Kindes du nicht mehr an dich halten kannst. Und weil du eine fürsorgliche und gute Mutter bist rufst du dann so etwas „mildärgerliches“ wie: „Was habe ich euch gesagt? Worum habe ich euch gebeten?“

Aber eigentlich könntest du schreien. Du spürst diese Wut im Bauch. Dieses Gemisch von Fassungslosigkeit, Ärger und Resignation. Du könntest schreien und reißt dich trotzdem zusammen. Und dann verurteilst du dich vielleicht auch noch dafür. Du möchtest ja schließlich immer und überall professionell sein. Und nun? Magst du mit mir einmal näher hinschauen?

 

Hurra, du bist noch lebendig!

Solange du Wut und Ärger spürst, bist du noch lebendig und das ist gut so. Da spürst du in dir eine ordentliche Portion Leben. Es gibt berechtigte und gute Gründe für deinen Ärger. du willst Lösungen. Du packst an! Da ist eine Menge Potential in dir und das ist großartig. Das darfst du positiv würdigen und wertschätzen.

 

Der Ärger ruft nach Veränderung

Wenn du dich ärgerst dann ist das zunächst nur ein Ausdruck dafür, dass du gerade nicht einverstanden bist mit dem was abläuft. Du hättest es gerne anders. So, dass es für dich passt. Du spürst zum Beispiel dein Bedürfnis nach Ordnung, Struktur, Akzeptanz, Kontrolle oder was auch immer. Du lernst dich kennen als ein Mensch mit Grenzen. Du bist weder ein Roboter noch ein Supermensch. Du bist ein verletzbares Wesen und hast völlig zurecht eigene Bedürfnisse und Wünsche. Wenn der Ärger massiv auftaucht darfst du auf die innere Stimme hören, die sagt: „Mach etwas anders! Lass dir das nicht gefallen! Du hast auch Rechte!“ Wenn du dieses Bedürfnis nach mehr Freiraum spürst, kannst du es dir erst einmal eingestehen. Eigene Wünsche dürfen sein und brauchen Platz. Unbedingt!

 

Die erste Reaktion

Hast du dir schon mal so richtig Luft und Raum verschafft mit deiner Stimme? Herausgeschrien, was dich alles nervt? Großartig, wenn du das kannst! Such dir ein Gegenüber, der deinen Ärger gerne für eine Weile aushält und nicht sofort abwiegelt. Diesem Menschen sagst du kräftig, was so viel Ärger macht. Nimm keine Rücksicht! Gebrauche Kraftausdrücke und haue ein paar ordentlich Sätze heraus. Dein Gegenüber darf sagen: „Ja genau! Und was sonst noch?“

Wenn es einen Raum und eine Gelegenheit gibt, mal den ganzen Ärger herausposaunen zu dürfen kann sich der Wut-Nebel lichten und du gewinnst Klarheit. Vor allem beschimpfst du dann nicht die falschen Personen, die gerade in der Nähe sind. Deine Kinder, dein Mann oder deine Frau.

 

 

Die Bewertung

Wir bewerten unseren Ärger und die Wut oft negativ und verurteilen uns dafür. Dabei gibt es einen guten Grund, dass diese Gefühle kommen. Sie wollen uns einladen zur Veränderung und geben die dafür nötige Energie. Verzichte auf die negative Wertung und mach dich nicht zusätzlich fertig. Einfacher wird es, wenn du diese Energie für dich nutzt. Was möchtest du ändern? Was könntest du ändern? Und was wäre der erste Schritt?

 

Die präventive Arbeit

Stell dir vor, dass du in angespannten Zeiten wie in einem fahrenden Karussell sitzt. Ständig wirst du aufgefordert, die Pferde und Autos zu wechseln. Nie hast du Ruhe! Während du das erste Pferd reitest ruft das zweite, dass es auch mal drankommen möchte. Im Hintergrund hupt das Auto, dass es dein Verhalten total ungerecht findet. Was machst du? Du flitzt hin und her und hoffst, dass du irgendwie alle bedienen kannst. Und du wunderst dich, wenn du nach einer gewissen Zeit nur noch schreien möchtest? Du kannst nicht abspringen und die Karussellteilnehmer nicht verändern. Aussichtslos! Oder? Ich verrate dir ein kleines Geheimnis.

Jedes Karussell hat einen Mittelpunkt. In diesem Mittelpunkt dreht sich nichts und du findest absoluten Stillstand. Du kannst dort einen Stuhl hinstellen und dich draufsetzen. Da hast du deine Ruhe. Du könntest also ab und zu einfach mal in die Mitte gehen und kurz Pause machen. Du siehst, dass das Karussell weiterfährt und du winkst ein wenig allen Herausforderungen zu. Du sagst, dass du gleich wieder einsteigen wirst, aber jetzt machst du kurz eine Pause. Prävention bedeutet: Wenn du so viel Verantwortung trägst, dass es manchmal einfach zu viel wird und dass du sowieso nicht alles bedienen kannst - dann darfst du wenigstens für einen Moment gut zu dir selber sein. Nicht nur am Ende des Tages, sondern immer wieder mal kurz zwischendurch. Qualitative Mini - Auszeiten!

Dafür suchst du dir im realen Alltag einen Stuhl und setzt dich. Du schließt die Augen und stellst dir vor, dass du in der Mitte des Karussells sitzt und unsichtbar wirst. Du atmest tief ein und aus und gibst dir die Erlaubnis, im Ausatmen alles loszulassen. Jede Anspannung im Körper. Je öfter du das machst, desto weniger gibt es die Vulkansituation, dass du schreien müsstest.

Ich wünsche dir solche Punkte, wo es dir gelingt, innere Ruhe und Frieden zu finden. Und wenn nicht, dann wenigstens einen Menschen, der dir lustvoll zuhören mag und gerne für dich zu einer Klagemauer wird, wenn du mal so richtig loslegst. Ein Mensch, der auf gute Tipps und Ratschläge verzichtet und keine Lösungen anbietet, die du sowieso schon kennst.

 

www.matthias-koenning.de 

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