Montag, 16. März 2020

Das Blöde am faul sein ist, du weißt nicht, wann du fertig bist.

Eigentlich leben wir in zwei Welten, die sich prinzipiell voneinander unterscheiden. Die Welt der Aktivität, des Fleißes und des Tages und die Welt der Passivität, der Faulheit und der Nacht. Beide Welten existieren nebeneinander, berühren sich ein wenig und fordern von mir ständig einen kompletten Wechsel in meiner Art, da zu sein auf dieser Welt. Wir machen das zum Glück automatisiert. So kostet es uns nicht so viel Kraft.
Wenn ich eine Aufgabe habe und sie erledige, dann weiß ich am Ende, wann ich fertig bin. Ich sehe das Ergebnis. Wenn ich im Wachbewusstsein einen Plan entwerfe dann kann ich einschätzen, wie weit ich bin in der Umsetzung und wie lange ich noch brauche. Was die Hindernisse sind und wie ich sie überwinden kann. Das alles läuft mehr oder weniger strukturiert ab. Dieser Teil meiner Welt hat ein eigenes Wording: Adrenalin und Kortisol, Stress, Tatendrang, Umsetzungsenergie, Power, Kraft und Energie, Fleiß.
Wenn ich mich zurückgelehne in meinem Sessel und anfange, mit dem Denken aufzuhören schaltet mein System um auf Entspannung. Das Gehirn wechselt in den Alpha Zustand. Die Aufmerksamkeit geht in den Körper und ich kann mehr spüren wie er sich anfühlt. Da verlangsamt sich etwas. Die Zeit hört auf zu existieren. Im Zustand der Entpannung gibt es ja nichts zu tun. Ich brauche einen Wecker am Morgen, der mir hilft, mich wieder in den anderen Modus einzufühlen. Auch diese Welt hat ein eigenes Wording: Serotonin, Oxytocin, ausruhen, entspannen, loslassen, Stille, Passivität, Kontemplation, Faulheit.
So wird es klar, warum Fleiß zeitorientiert ist und faul sein sich der Zeit entzieht. Mit der Passivität bin ich fertig, wenn ich fertig bin. Wenn es sich so anfühlt, als sei es jetzt gut. Das kann fünf Minuten dauern oder auch drei Stunden. Wenn du sehr entspannt bist, wirst du den Zeitraum gar nicht wissen. Wenn du also so richtig faul bist könnte es peinlich werden, wenn du dabei erwischt wirst von der anderen Seite des Lebens. Der Fleiß hat für das entspannte Dasein kein Verständnis. Er versteht es nicht und hat kein Verständnis. Er tickt ja völlig anders. Die Faulheit ist für ihn eine fremde Welt. Der Fleiß vergleicht ja auch. Im Verhältnis zu ihm ist die Faulheit der Gegenpol. Faulheit ist auch das Wording für das Nichts tun aus der Sicht von Fleiß. Wenn ich Faulheit fragen würde nach der Selbstbezeichnung dann würde sie vielleicht sagen: Ich gebe mich der Muße hin. Sie würde Fleiß auch eher sehen als Unfähigkeit müßig zu sein. Die Muße hat ja nicht einmal ein Verb für das eigene Tun, weil es nicht in diese Kategorie gehört. Müßen? Muße ist ein Seinszustand - etwas jenseits von Raum und Zeit und Tun.
"Das Blöde am faul sein ist, du weißt nicht, wann du fertig bist."- mischt zwei Welten, die nicht zusammenpassen. Darum kommt dir der Satz auch komisch oder sperrig vor.
Wie erlebst du diese beiden Welten? Welche ist dir vertrauter? Welche magst du mehr? Wo fühlst du dich eher wohl? Was ist dir angenehm oder unangenehm? Und vielleicht gibt es ja eine Neugier, die unbekanntere oder beängstigendere Welt zu besuchen und sich mit ihr vertrauter zu machen.
Jede Welt birgt eine eigene und besondere Qualität. Mein Verdacht geht da hin, dass wir die "Faulheit" noch nicht wirklich entdeckt haben in ihrer Ressource. Da gibt es noch ein paar Geheimniss, die wir Menschen lüften dürfen. Sie zeigen sich leider nicht mit den Mitteln der aktiven Welt. Sie zeigen sich eher, wenn du still wirst. Wenn du länger still wirst und wenn es dir gelingt, der aktiven Welt zu enfliehen. Dann zeigt sich etwas. Das, was sich zeigt, ist eher wortlos. Es lässt sich eher umschreiben in Bildern oder Vergleichen. Das Schöne am faul sein ist, dass nicht fertig werden musst.
www.matthias-koenning.de


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