Mittwoch, 14. August 2019

Nicht wir haben Geheimnisse, die wirklichen Geheimnisse haben uns. Carl Gustav Jung

Es gibt ein paar Geheimnisse in meinem Leben, die sollte möglichst niemand erfahren. Das sind Erlebnisse, die mit Scham behaftet sind. Oder unangenehme Gefühle hervorrufen. Oder aber auch tolle Geheimnisse, die ich nicht öffne, um einen anderen Menschen oder einen Gegenstand zu schützen. Ich selbst bin der Hüter von Geheimnissen und habe dafür eine Schatzkammer, die ich gut bewache. Ich verrate auch nicht meine Schutzmechanismen damit es niemand erst versucht. Allein, dass ich sage, dass ich Geheimnisse haben, ist ja schon gefährlich genug. Demnächst wird mich bestimmt jemand ansprechen und sagen: "Hey, du hast doch geschrieben, dass du Geheimnisse hast. Willst du mir nicht eines davon kurz erzählen?" Besser wäre es, ich würde mich ganz in Schweigen hüllen.
Eines ist klar. Ich bin der Hüter und der Herr über meine Geheimnisse. Jetzt wird es aber sehr unheimlich. C.G. Jung spricht von Geheimnissen, die mich haben. Da gibt es etwas, das auf meinem Leben einen Einfluss hat, von dem ich keine Ahnung habe. Er spricht dabei von dem, was ich im Laufe des Lebens verdrängt habe oder gar nicht erst weiß. Ich habe als kleines Kind bestimmt etwas erlebt, was mich sehr erschreckt oder geängstigt hat. So stark, dass mein System aus Selbstschutz mich in den Mantel des Vergessens und Verdrängens hüllt. Manchmal rumort es im Herzen oder im Bauch oder auch im Hals. Es hat etwas Schleichendes und Unsichtbares. Ich spüre eine Wirkung und weiß nicht, wo der Auslöser sitzt. Ich habe aber die Ahnung, dass das etwas mit meiner Geschichte zu tun hat.
Manchmal lerne ich Menschen kennen und im Verlauf des Gespräches kommen wir darauf, dass es ein Geheimnis bei den Vorfahren gab. Da hat sich der Urgroßvater das Leben genommen und niemand spricht darüber. Das Geschehene wird mit einem großen Tabu behängt und alle denken, ist ja schon lange her. Aber das Geheimnis hat sich schon längst selbständig gemacht und beschleicht die nächste und übernächste Familiengeneration. Das sind dann die Geheimnisse, die uns haben. Die uns im Griff haben. Bist du ganz sicher, dass es in deinem Leben kein einziges Geheimnis gibt, welches dich hat statt umgekehrt? Du wirst es vielleicht nie erfahren weil das Geheimnis alles dafür tut, sich dir nicht bekannt zu machen. Aber du merkst die Auswirkungen.
Und nun? Bist du ohnmächtiges Opfer deiner alten Geheimnisse? Bist du ihnen willenlos ausgeliefert und kannst gar nichts machen? Nein, allein das Wissen darum gibt dir die Macht zurück. Das Geheimnis möchte nicht entdeckt werden auf der inhaltlichen Ebene und möchte auch nicht, dass du überhaupt weißt, dass es existiert. Die größte Macht der Geheimnisse liegt darin, ganz im Verborgenen zu sein. Jetzt weißt du, dass die wirklichen Geheimnisse dich noch haben. Du spürst sie aber an den Auswirkungen. Vor allem in deinem Körper. Wenn du ein mulmiges Gefühl hast und es nicht zuordnen kannst. Wenn du ganz plötzlich mit Angst reagierst obwohl der Anlass gar nicht so heftig war. Es hat in der Regel etwas Schwelendes, Namenloses und zugleich Spürbares. Du kannst auch einfach die Augen schließen und dich in deinen Herzraum versenken. Dort bittest du das Geheimnis, dass es sich dir zeigen möge. Lade es ein und versprich, vorsichtig und wohlwollend zu sein. Vielleicht zeigt es sich dir nicht so ganz klar sondern eher wie ein Märchenbild oder wie ein Gefühl oder wie ein Symbol oder ein Gedanke. Es kommt vielleicht nicht in deinen Herzraum weil es Angst hat. Aber es wird dich bemerken und reagieren. Eigentlich wartet es darauf, von dir entdeckt zu werden. Es wartet auf Erlösung und hat zugleich Angst davor. Und du bleibst wohlwollend bei deiner Einladung, geduldig und wenn es sein muss für den Rest deines Lebens. Allein, wenn du deine
Geheimnisse einladen kannst bist du nicht mehr ausgeliefert und ohnmächtig. Du hast die Initiative ergriffen und gestaltest.
www.matthias-koenning.de

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