Montag, 11. März 2019

Merkwürdig, wie wir die andern beurteilen und nicht merken, wie elend unsere Geringschätzung ist - bis sie uns fehlen, bis man sie uns wegnimmt. Carlos Ruiz Zafon


Ich teile diese Beobachtung. Da gibt es Menschen in meinem Umfeld, die es schaffen, in mir ein negatives Gefühl zu erzeugen. Das geschieht, wenn jemand zu laut spricht. Wenn mir jemand so einen befehlerischen Ton in seiner Sprache hat. Wenn mich jemand ungefragt auf meine Fehler hinweist. Die Besserwisser. Die Ratschlaggeber, die Rat geben, ohne dass sie gefragt werden. Menschen, die den Tisch nicht abwischen und verkrümelt hinterlassen. Menschen, die nicht grüßen, wenn sie kommen.
Ich spüre, wie mein Ärgerpegel schnell steigt. Wenn jemand das ein einziges mal macht, dann vergesse ich es schnell. Aber bei Wiederholungen prägt sich in mir das Bild von einem Menschen, der mir auf die Nerven geht und den ich immer mehr geringschätze. Ich spüre mein Ärgergefühl aber habe nicht das Bewusstsein davon, dass ich diesem Menschen jetzt einen absoluten Stempel aufgedrückt habe. Das ist jetzt für immer der Lautsprecher oder der Befehler oder der Besserwisser. Und an diesem Menschen kann ich so wunderbar meine Ärgergefühle auslassen. Er wird zum Blitzableiter all meiner Ärgergefühle.
Wenn jetzt dieser "Blitzableiter" aus meinem Leben verschwindet, dann habe ich keinen anderen über den ich mich ärgern kann. Mir fehlt der Blitzableiter. Ich muss dann in mich selber hineinschauen. Die anderen Menschen bilden so etwas wie mein "soziales Ich im Außen". Was ich in mir nicht haben möchte, verlagere ich nach außen. Dann bin ich viel erträglicher mit mir selbst. Sonst müsste ich ja zugeben, dass ich selbst ein Lautsprecher, ein Befehler oder Besserwisser bin.
Wie soll ich es dann mit mir selber aushalten? Besser allerdings wäre es! Ich hätte die Chance, mich weiter zu entwickeln. "Merkwürdig, wie wir die andern beurteilen und nicht merken, wie elend unsere Geringschätzung ist - bis sie uns fehlen, bis man sie uns wegnimmt." Das Wegnehmen und Fehlen führt uns in ein Loch und bewirkt, dass wir uns mit uns selbst konfrontieren können. Dieser andere, den ich geringschätze, bin ja ich!
www.matthias-koenning.de

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