Dienstag, 5. Februar 2019

Gefühle klopfen nicht an die Tür und fragen, ob es gerade passt.

Wieso können Gefühle nicht einfach anklopfen und fragen? Sie kommen einfach so! Ich möchte frühstücken am Samstag und mein Lieblingsbrötchen steht nicht auf dem Tisch. Es könnte mir egal sein und ich nähme halt irgend ein anderes. Aber nein! Ich spüre, wie sich etwas in mir zusammenbraut. Ich bin enttäuscht, fühle mich gekränkt, nicht gesehen, übergangen. Da will mir ein Familienmitglied den Tag verderben am frühen Morgen. Jeder hier weiß, dass das mein Lieblingsbrötchen ist. Darauf freue ich mich schon die ganze Woche. Alle anderen bekommen das, was sie sich wünschen und ich nicht. Das Gefühlspaket wird größer und größer, je länger ich darüber nachdenke. Ich werde traurig und ärgerlich zugleich. Ich stelle die Mitgliedschaft in dieser Familie in Frage. Wenn ich jetzt schon am frühen Morgen nicht gesehen werde mit meinen Wünschen, wie wird dann der Rest des Tages aussehen?
Gefühle klopfen nicht an die Tür und fragen, ob es gerade passt. Sie kommen dann, wenn sie kommen. Unmittelbar und direkt. Und sie kommen als Interpretation auf das, was ich gerade erlebe. Und sie kommen, damit ich die Energie habe, etwas zu machen. Wenn ich mich ärgere, dass mein Lieblingsbrötchen nicht bekomme, habe ich jetzt die "Ärgerenergie" selber zum Bäcker zu laufen. Ich würde es dort kaufen und mein Morgen wäre gerettet.
Die Gefühle kommen wie der Sprit für einen Verbrennungsmotor. Mir fällt etwas auf. Ich möchte darauf reagieren und bekomme dafür die entsprechenden Gefühle! Die Gefühle klopfen zwar nicht an, aber eigentlich bestelle ich sie mir teils bewusst und teils unbewusst. Ich hätte das fehlende Brötchen ja auch völlig anders deuten können. Es war nicht mehr genug Platz im Körbchen und mein Brötchen liegt noch in der Küche. Das Brötchen war beim Bäcker leider schon ausverkauft oder noch im Ofen. Oder jemand hat mal eine Anmerkung von mir falsch gedeutet. Wenn ich diese anderen Gedanken gedacht hätte, wäre ich vielleicht nicht wütend geworden. Ich wäre gleichgültig geblieben und hätte meine Familienmitgliedschaft nicht gleich infrage gestellt.
Meine Gedanken kann ich beeinflussen. Ich kann sie stoppen oder umlenken. Ich kann andere Gedanken denken. Und ich kann meine Gefühle willkommen heißen. Jetzt ist es da. Ist hereingekommen ohne anzuklopfen. Einfach so! Einverstanden. Jetzt ist es da. Es ist gekommen und wird auch wieder gehen. In mein  Wohnzimmer kommt auch jedes Familienmitglied ohne anzuklopfen. Das ist unser gemeinsames Refugium. Jeder hat dort Wohnrecht. Meine Gefühle auch! Sie müssen nicht anklopfen. Sie haben ein Wohnrecht bei mir. Sie müssen nicht fragen. Sie fänden eine solche Vorstellung völlig absurd. Sie kommen auch nicht. Sie sind verborgen und auf Abruf immer schon da. Sie sind wie die Leitstelle der Feuerwehr. Allzeit bereit!
www.matthias-koenning.de

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