Donnerstag, 21. Januar 2016

Rechtsfreie Räume in der Quengelzone


Vor einem Feiertag ging ich einkaufen im Supermarkt. An der Kasse vor mir ein junges Paar. Die Frau hielt zwei gleich aussehende Pakete ihrem Mann entgegen. Ich konnte den Inhalt nicht genau erkennen. Die Frau verglich die beiden Pakete. Hielt das Eine hoch und dann wieder das Andere. Ihre Augen sagten: "Brauchen wir wirklich beide Teile?" Dann entschied sie sich dazu, ein Teil wieder in den Einkaufswagen zu legen und den anderen Teil "entsorgte" sie im Kaugummiständer an der Kasse.
"Das ist aber dreist!" war mein erster Gedanke. Kann die das nicht ordentlich zurückbringen dahin, wo sie es hergeholt hat? Dann richtete ich meine Aufmerksamkeit auf die Umgebung der sogenannten Quengelzone. Da lag ein einsamer Beutel Mandarinen auf der Eistruhe, eine Salami zwischen Rasierklingen, ein Tüte Chips auf einer anderen freien Fläche. Da müssen im Laufe des Tages mindestens acht Leute Teile ihres Einkaufs entsorgt haben.
Ich zähle dieses Erlebnis mal zu den Stressphänomenen vor einem Feiertag. Die Menschen vergessen ihre guten Manieren. Sie kaufen zu viel. Sie kaufen falsch ein. Sie benehmen sich rücksichtsloser als sonst. Sie schubsen, drängen sich vor, werden unaufmerksam, haben den Anderen nicht mehr im Blick. Sie denken nicht daran, dass irgendjemand im Supermarkt hinterher wieder alles zurücksortieren muss. Der eine oder andere verirrte Jogurt landet vielleicht sogar im Müll.
Mir erzählte einmal eine Kassiererin folgende Geschichte. Ihre Supermarktette hatte eine "tolle" Werbeaktion. Jeder Kunde, der ein Produkt entdeckte, wo das Haltbarkeitsdatum abgelaufen war, bekam das gleiche Produkt für umsonst. Die Verantwortlichen sparten so die Kontrolle der Produkte, denn diesen Job übernahmen ja die Kunden. Die Kunden waren in der "Geiz ist geil" Mentalität scharf darauf, solche abgelaufenen Lebensmittel zu entdecken.
Jetzt gab es besonders findige Kunden, die einen Quark im Kühlregal ganz nach hinten und nach unten stellten. Sie kamen regelmäßig in den Supermarkt um diesen Quark immer wieder so zu verstecken, dass sie am Ende triumphierend an der Kasse den abgelaufenen Quark präsentieren konnten. Ich mochte diese Geschichte kaum glauben.
Kann es sein, dass wir uns immer wieder im Leben "Schlachtfelder" aussuchen, wo wir unseren Ärger und unsere Aggressionen scheinbar legitim ausagieren können? Wir schaffen uns rechtsfreie Räume und tun da, was wir wollen. Supermärkte scheinen dafür besonders gut geeignet zu sein.
Es braucht eine permanente Aufmerksamkeit und Achtsamkeit, behutsam mit sich, mit anderen Menschen und mit den Dingen umzugehen. Zugleich erschreckt es mich manchmal, wie schnell der Wolf in uns durchkommt. Wir sind genervt. Keifen jemanden an. Stellen etwas achtlos in die Quengelzone zurück. Gehen bei Rot über die Ampel. Drängeln uns vor. Missachten den Freiraum des anderen. Diesen Wolf gibt es in uns. Der ist einfach da. Manchmal wünsche ich mir da ein geeignetes Zähmungsprogramm. Wie wäre es, wenn wir überall so kleine Wolfsecken einrichten. In den Supermärkten, im Wohnzimmer, im Straßenverkehr. Mit Legitimation! Mit Erlaubnis!
www.matthias-koenning.de

Keine Kommentare:

Kommentar posten