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Donnerstag, 9. April 2020

Gott ist in uns daheim, wir sind in der Fremde (Meister Eckhart 1260 - 1327)


Schon lange begleitet mich dieser Vers von Meister Eckhart. Gerade in der Urlaubszeit kommt er mir wieder in den Sinn. „Gott ist in uns daheim, wir sind in der Fremde.“ Der Vers spielt mit dem Gegensatzpaar „Daheim“ und „Fremde“.
Mit dem Wort „Daheim“ bekomme ich ein Wohlgefühl. Ich bin geborgen und fühle mich angekommen. Ich darf gelassen sein und mich entspannen. Dieser Platz gehört mir und ich muss nicht darum kämpfen. Ich muss nicht fragen, ob ich bleiben darf oder gehen muss. Ich bin „daheim“.
Mit dem Wort „Fremde“ verbinde ich ein ganz anderes Gefühl. Kinder fremdeln, wenn sie jemand Unbekanntem begegnen. In der Fremde befinde ich mich in einem mir unbekanntem Land und betrete unvertrautes Terrain. Hier ist nicht mein Platz. Ich bin Gast für eine Zeit. Möglicherweise nur geduldet und mit der Erlaubnis eines „Fremden“. Die damit verbundene Unsicherheit ist für Manche nur schwer auszuhalten. In der Fremde bekomme ich Sehnsucht nach „Daheim“. Aus meiner Ferienlagerzeit kommen mir da die Kinder in den Sinn, die sehr unter „Heimweh“ litten vor allem am Abend, allein im Bett und ohne die schützende Nähe der Mutter.
Aber so eindeutig, wie ich es hier gerade schreibe, sind die Gefühle gar nicht. Mit „Daheim“ verbinde ich auch manchmal die Langeweile und die Eintönigkeit. Das kenne ich schon! Immer das Gleiche! Dann möchte ich aufbrechen und in die „Fremde“ gehen. Das verheißt Spannung und Abenteuer. Du machst neue Erfahrungen. Du fühlst dich lebendig. Die mögliche Angst vor dem Unbekannten weicht dem Kribbeln von aufgeregter Erwartung. Wenn niemand die Fremde lieben würde, dann gäbe es keinen Tourismus. Dann würden wir auf unser Haus beschränken uns im Garten oder auf dem Balkon ausruhen.
Manche reisen in die Fremde, in den Urlaub, um etwas hinter sich zu lassen. Den Stress, die Unzufriedenheit, die negativen Erlebnisse und Erfahrungen, ein wenig Flucht vor dem Alltag und der Wunsch, dass in der Fremde das Bessere auf mich wartet nach dem Motto: Daheim fühle ich mich fremd und in der Fremde werde ich neue Heimat finden. Zum Teil wird sich dieser Wunsch leider als Trugschluss erweisen.
Wohin du auch gehst, du nimmst dich immer mit. Deine Ängste sind im Gepäck, deine Eigenschaften, dein Charakter, halt deine komplette Persönlichkeit. Und es kann dir geschehen, dass du in der Fremde dieses Gepäck viel deutlicher wahrnimmst als in deiner kuscheligen Heimat. Wenn ich zum Beispiel zu Hause geizig bin, werde ich nicht auf einmal großzügig nur, weil ich mich an einem anderen Ort befinde.
Meine Gedanken führen mich zu der Idee hin, dass das „Daheim“ und die „Fremde“ zugleich Anteile in uns sind. Ich kann in der Fremde daheim sein und daheim mich fremd fühlen. Diese Gefühle sind unabhängig vom äußeren Ort. Die Orte können mich schneller zu diesem Lebensthema hinführen. Manchmal spürst du eben, wie fremd du dir selber bist. Wer bin ich eigentlich? Was bleibt von mir, wenn ich nicht mehr Familienmutter oder Vater bin. Was bleibt von mir, wenn ich in Rente gehe. Was bleibt von mir, wenn ich mein Haus oder meine Wohnung wegdenke? Bin ich dann noch in mir „daheim“? Wenn alles mir zwischen den Fingern zerrinnt, bleibt noch etwas übrig von mir?
Du kannst da sehr schnell ein absolutes Gefühl von Fremdheit und Verlorenheit bekommen. Du kannst aber auch ein „Dennoch“ – Gefühl spüren von tiefer Heimat jenseits aller Fragen. Die Frage nach Fremde und Heimat ist für mich zugleich eine tief spirituelle Frage. Wir verwechseln da manchmal Kirche mit Gott und denken, dass die Heimat in der Kirche die Heimat in Gott mit einschließt. Auf einmal machst du die Erfahrung, dass die Kirche keine Heimat mehr für dich ist, aber Gott umso mehr. Wir leben in einer Zeit, in der es da keine Eindeutigkeiten mehr gibt.
Meister Eckhart gibt uns einen wichtigen spirituellen Hinweis. Gott ist in uns daheim. Wenn wir das registrieren, in uns aufnehmen, uns damit vertraut machen, dem nachspüren und unsere Aufmerksamkeit dahin lenken, dann breitet sich auf einmal in uns Frieden aus. Du bist von jetzt auf gleich daheim, zu Hause in dir. Du musst nirgendwo mehr hin um Heimat zu finden. Du verreist aus Lust, aber nicht mehr mit dem Ziel, dass da etwas ganz besonderes geschehen muss. Stell dir vor, Gott wohnt in dir und du bist auf der Suche nach ihm. Das Einfachste kommt dir dabei nicht in den Sinn. Du gehst den Weg nach innen in dein Herz und – kommst an. 

Dienstag, 31. März 2020

Die Angesteckten sind schneller als der Anstecker


In einem Bericht über die Hamsterkäufe der Menschen in diesen Corona Virus Tagen sagte ein Wirtschaftspsychologe: "Die Angesteckten sind schneller als der Anstecker." Der Virus ist also im Verhältnis zu unserer Angst sehr viel langsamer. Eine gute Beobachtung. Da kann der Virus noch ein paar Städte entfernt liegen. Ich habe den Gedanken, dass ich angesteckt werden könnte, und schon ist die Angst da und breitet sich aus. Die Angst kommt in Bruchteilen einer Sekunde und nimmt uns völlig in Beschlag. Der Puls und Herzschlag schnellen nach oben. Wir bekommen Schweißausbrüche und den Drang, dass wir uns schnell bewegen möchten. Weglaufen oder kompensieren durch den Kauf von Toilettenpapier. Wer Schiss hat, kauft Klopapier.
Da treffen sich in unserem Inneren zwei gegensätzliche Typen. Der Teil, der alles klug bedenkt und einen sinnvollen Plan macht. Und der andere Teil, der sich in irrationaler Angst auflöst. Wenn es um das pure Leben geht gewinnt die Angst. Ab einem gewissen Zeitpunkt ist sie der Vernunft nicht mehr zugänglich. Was tun?
In einem kleinen ruhigen Moment wirst du dir deiner beiden Anteile in deinem Inneren bewusst. Beide Teile gehören zu dir und beide Teile kannst du gut gebrauchen. Wer jedoch macht aus beiden Teilen ein Team, das zusammenarbeitet?
Der Teil, der diesen Text jetzt liest und dem vielleicht zustimmt, was ich schreibe.
www.matthias-koenning.de

Freitag, 27. März 2020

Hilfe, ich ertrinke!

Bei der Wanderung kommen wir an einen kleinen Fluss wo man gut baden könnte. Aber ein Schild warnt uns. "Vorsicht, hier kannst ertrinken!" Ich weiß nicht warum, aber das Schild wirkt ein wenig wie ein Comic und löst bei uns Heiterkeit aus. Da lauert eine Gefahr, wir könnten ertrinken, und wir stehen da, lachen und fotografieren. Verbinde ich das Comic mit meiner angstbesetzten Phantasie bleibt mir das Lachen im Hals stecken.

Das erinnert mich an so manche Beratungssituation. Wenn ein Mensch noch schwimmen kann, dann bekommt er sein Leben selbst geregelt. Wenn jemand droht zu ertrinken, kommt er zu mir. Krisen sind wirklich bedrohlich. Wenn ich den Überblick verliere. Handlungsunfähig werde. Meine Ohnmacht spüre. Nicht mehr weiter weiß. Einen solchen Zustand kann ich nur schwer ertragen.

Und was, wenn ich auch keine Lösung weiß? Wenn ich keinen Rettungsring zur Hand habe? Wenn mir auch nichts mehr einfällt, weil man es irgendwie nur aushalten muss? Manchmal hilft dann doch ein wenig Galgenhumor. Aber nicht zu früh! Erst nach der Ohnmacht! Erst dann, wenn klar ist, dass es keinen Ausweg gibt. Wenn es ein Einverständnis gibt, ertrinken zu dürfen.
www.matthias-koenning.de


Dienstag, 24. März 2020

Corona und der Weg durch die Angst mit Kindern


Als Erwachsene versuchen wir das Ausmaß der Krise zu verstehen. Wir informieren uns auf allen Kanälen, suchen nach Antworten und Strategien, um gut zu überleben. Dabei denken wir, dass unsere Kinder genauso gestrickt sind und dass wir vor allem kluge und sinnvolle Antworten für ihre Fragen parat haben müssen. Hilfreicher für Kinder sind aber andere Dinge. 

Sei präsent
Kinder verlassen sich darauf, dass sie bei ihren Eltern geborgen sind. Dazu reicht die Anwesenheit. Wenn die Eltern da sind, ist alles gut. Darum nimm immer wieder mal Kontakt auf. Kind: „Bist du da?“ – Eltern: „Ja, bin ich!“ Dann ist alles klar und die Kinder können weitermachen mit dem, was sie gerade tun. Es hilft, wenn du dich innerlich mit den Gefühlsanteilenteilen verbindest, die sicher sind. Damit strahlst du Zuversicht aus. Mach dir klar, worauf du dich immer noch verlassen kannst. Du hast ein Dach über dem Kopf, ausreichend Nahrung. Du liebst deine Kinder und die Kinder lieben dich. Das ist eine wichtige Basis.

Angst darf sein
Wenn etwas nicht so ist wie gewohnt, entsteht das Gefühl der Angst. Es sagt uns: „Pass auf!“ und lässt uns überlegen, was zu tun ist. Angst hat ihre Berechtigung. Sag deinem Kind nicht: „Hab keine Angst“ oder „Ist nicht so schlimm“, sondern vermittel ihm, dass Angst ganz normal ist und uns immer wieder einmal besucht. Sprich darüber, wie sie sich anfühlt: Ist sie nur unangenehm oder gibt es noch andere Empfindungen? Wo macht sie sich im Körper bemerkbar? Hat das Gefühl eine Form oder Farbe? Zeige Interesse, ganz nach dem Motto: „Wir laufen nicht vor der Angst weg, sondern schauen mal, was sie so macht.“ Gemeinsam werdet ihr feststellen, dass die Angst, so wie sie gekommen ist, auch wieder vergeht.

Jetzt ist die Zeit der Rituale
Kinder lieben und brauchen klare und geregelte Abläufe. Besonders jetzt, wo nichts mehr ist, wie gewohnt. Wenn alle immer zu Hause sind, wird der Tag lang, schnell ödet man sich an und wird empfindlicher. Hier bringt es Stabilität und Entlastung, wenn du Rituale einführst, die immer zur selben Zeit stattfinden. Das kann eine Kuschelrunde sein, eine Vorlesezeit oder Mahlzeiten, für die alle mithelfen und sie besonders schön gestalten.

Tipp: Abendritual
Setzt euch zusammen und zündet eine Kerze an. Dann sagt jedes Familienmitglied, wie es ihm gerade geht, was ihm heute gelungen ist und Freude gemacht hat. Denkt dann an die Menschen, die jetzt nicht da sind und nennt alle beim Namen. So wird der Familienkreis größer. Zum Schluss überlegt, wie der nächste Tag aussehen könnte und ob es eine schöne Aktivität gibt, auf die alle Lust haben.

Nur beantworten, was gefragt wird
Kinder haben jetzt viele Fragen, die euch als Eltern vielleicht überfordert. Das macht nichts. Du musst nicht alles wissen, und ein Thema auch nicht erschöpfend beantworten: Wenn ein Kind mit der Antwort zufrieden ist und nicht nachfragt, braucht es keine weiteren Erklärungen. Knüpf an frühere Erfahrungen an, wenn du mit deinen Kindern über Angst sprichst.  Frag beispielsweise: „Hast du schon einmal Angst gehabt? Was hast du da gemacht? Was hat geholfen, was hat dir nicht gut getan? Was könnte dir jetzt helfen?“ Mit solchen Fragen machst du die Kinder zu kompetenten Gesprächspartnern.

Mehr Kontakt und weniger Kopf
Körperkontakt ist die beste Form, Sicherheit zu schenken. Wenn der Körper sich anlehnen kann, bekommt er Schutz und Geborgenheit. Das ist auch einfacher als die Suche nach Antworten, die noch nicht einmal Experten haben. Kinder haben drei Grundbedürfnisse: Sie brauchen gefühlte Nähe (Verbundenheit), körperliche Sicherheit und Freiraum, um sich im Spiel ausdrücken zu können (Autonomie). Schau, welches dieser Bedürfnisse sich bei deinem Kind gerade meldet und was du dafür tun kannst. Will es spielen, gib ihm Freiraum. Wenn es Liebe sucht, schenken Zuwendung. Hat es Angst, spende Geborgenheit.

Montag, 23. März 2020

Von der Körperhygiene zur Psychohygiene angesichts des Coronavirus


Ein paar hygienische Grundregeln zu beachten ist im Augenblick für alle Menschen enorm wichtig. Wir alle können etwas aktiv dafür tun, dass der Virus sich nicht so schnell weiter verbreitet. Wer etwas machen kann, fühlt sich nicht mehr hilflos. 
Wie wäre es, die Vorschriften und Vorschläge zur Körperhygiene auszuweiten auf eine gut Psychohygiene. Viele vergessen, dass neben der Sorgfalt im Umgang mit dem Körper auch unsere Seele etwas braucht, damit wir heil durch diese Krise kommen.

Die Hände waschen
Du kannst dir für einen Augenblick bewusst werden, was du jeden Tag mit deinen Händen machst. Dass deine Hände dir so viele treue Dienste leisten. Ohne sie wärest du völlig ohnmächtig und vom Morgen bis zum Abend auf fremde Hilfe angewiesen. Wenn du dir die Hände wäschst, dann kannst du deinen Händen dankbar sein, dass sie dich unterstützen bei allem, was du machst. Gedanklich kannst du ja einmal so einen Tag durchgehen, wofür du deine Hände so verwendest.
Mit deinen Händen empfängst du und gibst etwas weiter. Du kannst Lebensförderndes entgegennehmen und Feindliches weiterreichen. Wo im Leben unterstützt du und wo verbreitest du schlechte Laune und Feindseligkeit. Du reduzierst jetzt die Begrüßung mit einem Händedruck. Aber du kannst freundliche Gedanken empfangen und weiterschenken.
Und du kannst dir bewusst machen, wie du sonst mit deinem Körper umgehst. Was nimmst du an Nahrung zu dir? Bewegst du dich zu wenig oder zu viel? Was würde dir jetzt gut tun? Die Hände können im Moment für das Ganze stehen. Behandle deine Hände mit Sorgfalt und den Rest von dir auch. 

Abstand halten
Wie nimmst du die Nähe und die Distanz zu den Menschen wahr? Manche Menschen kommen dir auch sonst zu nahe und du fühlst dich unwohl. Manchen Menschen rückst du auf die Pelle und sorgst selber für Unbehagen. Jeder Mensch braucht einen Raum um sich herum, der für Sicherheit und Wohlbefinden sorgt.
Wie oft überschreiten wir im Alltag solche unsichtbaren Grenzen. Da gibt es ein Gedrängel an der Supermarktkasse. Da wollen alle gleichzeitig die Veranstaltung verlassen und es kommt manchmal zu sehr unangenehmen Körperkontakten mit völlig fremden Menschen.
Auf der anderen Seite gibt es aber vielleicht auch das Bedürfnis nach mehr Nähe. Nähe zu den Lieblingsmenschen. Wenn es körperlich im Moment nicht so gut geht – vielleicht aber geht es gut emotional. Du kannst an die Menschen denken, die du liebst und ihnen gute Gedanken schicken.
In den Tagen von Corona kannst du dir Zeit nehmen für die Menschen, die du verloren hast. Die so weit auf Abstand sind, dass du lange nicht mehr an sie gedacht hast.
Wie nahe dürfen Menschen dir überhaupt kommen? Magst du Distanz und bist froh, dass das jetzt endlich mal geht. Dass dir niemand zu nahe kommt? In den nächsten Tagen und Wochen hast du die Möglichkeit, darüber einmal intensiver nachzudenken und dich neu zu finden in den Fragen von guter Nähe und Distanz.

Husten und Niesregeln
Beim Husten und Niesen schleudern wir ja alle Viren und Bakterien in die Umwelt. Das kommt in der Regel sehr eruptiv. Die Armbeuge ist ein guter Ort, das schädliche Material aufzusammeln.
Manchmal sammelt sich in unserem Inneren Ärger und Wut an. Du kannst jetzt sehr wütend und ärgerlich werden, weil dein Alltag für Tage und Wochen unterbrochen wird. Freiwillig möchtest du nicht zu Hause bleiben. Du hättest gerne deine gewohnten Abläufe wieder. Da kann es passieren, dass du schon mal aus der Haut fahren möchtest. Du wirst immer dünnhäutiger und lässt diesen Ärger heraus an deine Partnerin, deinen Partner oder deine Kinder. Es entsteht eine aggressive Stimmung, die immer mehr zu eskalieren droht. Der Ärger und die Wut sind ja durchaus berechtigt. So, wie du hustest oder niest, kann der Ärger sich seinen Weg suchen. Du kannst dir aber überlegen, wo ein guter Ort für deine Wut wäre. „Rotzt“ du die Menschen an, die du eigentlich liebst? Oder gibt es eine andere Möglichkeit für dich, dir Luft zu verschaffen. Power dich lieber aus beim Jogging. Hau auf einen Sandsack oder ins Kissen. Schrei im Wald die Bäume an. Bewege deinen Körper mit anderen kräftezehrenden Übungen.