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Freitag, 27. März 2020

Hilfe, ich ertrinke!

Bei der Wanderung kommen wir an einen kleinen Fluss wo man gut baden könnte. Aber ein Schild warnt uns. "Vorsicht, hier kannst ertrinken!" Ich weiß nicht warum, aber das Schild wirkt ein wenig wie ein Comic und löst bei uns Heiterkeit aus. Da lauert eine Gefahr, wir könnten ertrinken, und wir stehen da, lachen und fotografieren. Verbinde ich das Comic mit meiner angstbesetzten Phantasie bleibt mir das Lachen im Hals stecken.

Das erinnert mich an so manche Beratungssituation. Wenn ein Mensch noch schwimmen kann, dann bekommt er sein Leben selbst geregelt. Wenn jemand droht zu ertrinken, kommt er zu mir. Krisen sind wirklich bedrohlich. Wenn ich den Überblick verliere. Handlungsunfähig werde. Meine Ohnmacht spüre. Nicht mehr weiter weiß. Einen solchen Zustand kann ich nur schwer ertragen.

Und was, wenn ich auch keine Lösung weiß? Wenn ich keinen Rettungsring zur Hand habe? Wenn mir auch nichts mehr einfällt, weil man es irgendwie nur aushalten muss? Manchmal hilft dann doch ein wenig Galgenhumor. Aber nicht zu früh! Erst nach der Ohnmacht! Erst dann, wenn klar ist, dass es keinen Ausweg gibt. Wenn es ein Einverständnis gibt, ertrinken zu dürfen.
www.matthias-koenning.de


Dienstag, 24. März 2020

Corona und der Weg durch die Angst mit Kindern


Als Erwachsene versuchen wir das Ausmaß der Krise zu verstehen. Wir informieren uns auf allen Kanälen, suchen nach Antworten und Strategien, um gut zu überleben. Dabei denken wir, dass unsere Kinder genauso gestrickt sind und dass wir vor allem kluge und sinnvolle Antworten für ihre Fragen parat haben müssen. Hilfreicher für Kinder sind aber andere Dinge. 

Sei präsent
Kinder verlassen sich darauf, dass sie bei ihren Eltern geborgen sind. Dazu reicht die Anwesenheit. Wenn die Eltern da sind, ist alles gut. Darum nimm immer wieder mal Kontakt auf. Kind: „Bist du da?“ – Eltern: „Ja, bin ich!“ Dann ist alles klar und die Kinder können weitermachen mit dem, was sie gerade tun. Es hilft, wenn du dich innerlich mit den Gefühlsanteilenteilen verbindest, die sicher sind. Damit strahlst du Zuversicht aus. Mach dir klar, worauf du dich immer noch verlassen kannst. Du hast ein Dach über dem Kopf, ausreichend Nahrung. Du liebst deine Kinder und die Kinder lieben dich. Das ist eine wichtige Basis.

Angst darf sein
Wenn etwas nicht so ist wie gewohnt, entsteht das Gefühl der Angst. Es sagt uns: „Pass auf!“ und lässt uns überlegen, was zu tun ist. Angst hat ihre Berechtigung. Sag deinem Kind nicht: „Hab keine Angst“ oder „Ist nicht so schlimm“, sondern vermittel ihm, dass Angst ganz normal ist und uns immer wieder einmal besucht. Sprich darüber, wie sie sich anfühlt: Ist sie nur unangenehm oder gibt es noch andere Empfindungen? Wo macht sie sich im Körper bemerkbar? Hat das Gefühl eine Form oder Farbe? Zeige Interesse, ganz nach dem Motto: „Wir laufen nicht vor der Angst weg, sondern schauen mal, was sie so macht.“ Gemeinsam werdet ihr feststellen, dass die Angst, so wie sie gekommen ist, auch wieder vergeht.

Jetzt ist die Zeit der Rituale
Kinder lieben und brauchen klare und geregelte Abläufe. Besonders jetzt, wo nichts mehr ist, wie gewohnt. Wenn alle immer zu Hause sind, wird der Tag lang, schnell ödet man sich an und wird empfindlicher. Hier bringt es Stabilität und Entlastung, wenn du Rituale einführst, die immer zur selben Zeit stattfinden. Das kann eine Kuschelrunde sein, eine Vorlesezeit oder Mahlzeiten, für die alle mithelfen und sie besonders schön gestalten.

Tipp: Abendritual
Setzt euch zusammen und zündet eine Kerze an. Dann sagt jedes Familienmitglied, wie es ihm gerade geht, was ihm heute gelungen ist und Freude gemacht hat. Denkt dann an die Menschen, die jetzt nicht da sind und nennt alle beim Namen. So wird der Familienkreis größer. Zum Schluss überlegt, wie der nächste Tag aussehen könnte und ob es eine schöne Aktivität gibt, auf die alle Lust haben.

Nur beantworten, was gefragt wird
Kinder haben jetzt viele Fragen, die euch als Eltern vielleicht überfordert. Das macht nichts. Du musst nicht alles wissen, und ein Thema auch nicht erschöpfend beantworten: Wenn ein Kind mit der Antwort zufrieden ist und nicht nachfragt, braucht es keine weiteren Erklärungen. Knüpf an frühere Erfahrungen an, wenn du mit deinen Kindern über Angst sprichst.  Frag beispielsweise: „Hast du schon einmal Angst gehabt? Was hast du da gemacht? Was hat geholfen, was hat dir nicht gut getan? Was könnte dir jetzt helfen?“ Mit solchen Fragen machst du die Kinder zu kompetenten Gesprächspartnern.

Mehr Kontakt und weniger Kopf
Körperkontakt ist die beste Form, Sicherheit zu schenken. Wenn der Körper sich anlehnen kann, bekommt er Schutz und Geborgenheit. Das ist auch einfacher als die Suche nach Antworten, die noch nicht einmal Experten haben. Kinder haben drei Grundbedürfnisse: Sie brauchen gefühlte Nähe (Verbundenheit), körperliche Sicherheit und Freiraum, um sich im Spiel ausdrücken zu können (Autonomie). Schau, welches dieser Bedürfnisse sich bei deinem Kind gerade meldet und was du dafür tun kannst. Will es spielen, gib ihm Freiraum. Wenn es Liebe sucht, schenken Zuwendung. Hat es Angst, spende Geborgenheit.

Montag, 23. März 2020

Von der Körperhygiene zur Psychohygiene angesichts des Coronavirus


Ein paar hygienische Grundregeln zu beachten ist im Augenblick für alle Menschen enorm wichtig. Wir alle können etwas aktiv dafür tun, dass der Virus sich nicht so schnell weiter verbreitet. Wer etwas machen kann, fühlt sich nicht mehr hilflos. 
Wie wäre es, die Vorschriften und Vorschläge zur Körperhygiene auszuweiten auf eine gut Psychohygiene. Viele vergessen, dass neben der Sorgfalt im Umgang mit dem Körper auch unsere Seele etwas braucht, damit wir heil durch diese Krise kommen.

Die Hände waschen
Du kannst dir für einen Augenblick bewusst werden, was du jeden Tag mit deinen Händen machst. Dass deine Hände dir so viele treue Dienste leisten. Ohne sie wärest du völlig ohnmächtig und vom Morgen bis zum Abend auf fremde Hilfe angewiesen. Wenn du dir die Hände wäschst, dann kannst du deinen Händen dankbar sein, dass sie dich unterstützen bei allem, was du machst. Gedanklich kannst du ja einmal so einen Tag durchgehen, wofür du deine Hände so verwendest.
Mit deinen Händen empfängst du und gibst etwas weiter. Du kannst Lebensförderndes entgegennehmen und Feindliches weiterreichen. Wo im Leben unterstützt du und wo verbreitest du schlechte Laune und Feindseligkeit. Du reduzierst jetzt die Begrüßung mit einem Händedruck. Aber du kannst freundliche Gedanken empfangen und weiterschenken.
Und du kannst dir bewusst machen, wie du sonst mit deinem Körper umgehst. Was nimmst du an Nahrung zu dir? Bewegst du dich zu wenig oder zu viel? Was würde dir jetzt gut tun? Die Hände können im Moment für das Ganze stehen. Behandle deine Hände mit Sorgfalt und den Rest von dir auch. 

Abstand halten
Wie nimmst du die Nähe und die Distanz zu den Menschen wahr? Manche Menschen kommen dir auch sonst zu nahe und du fühlst dich unwohl. Manchen Menschen rückst du auf die Pelle und sorgst selber für Unbehagen. Jeder Mensch braucht einen Raum um sich herum, der für Sicherheit und Wohlbefinden sorgt.
Wie oft überschreiten wir im Alltag solche unsichtbaren Grenzen. Da gibt es ein Gedrängel an der Supermarktkasse. Da wollen alle gleichzeitig die Veranstaltung verlassen und es kommt manchmal zu sehr unangenehmen Körperkontakten mit völlig fremden Menschen.
Auf der anderen Seite gibt es aber vielleicht auch das Bedürfnis nach mehr Nähe. Nähe zu den Lieblingsmenschen. Wenn es körperlich im Moment nicht so gut geht – vielleicht aber geht es gut emotional. Du kannst an die Menschen denken, die du liebst und ihnen gute Gedanken schicken.
In den Tagen von Corona kannst du dir Zeit nehmen für die Menschen, die du verloren hast. Die so weit auf Abstand sind, dass du lange nicht mehr an sie gedacht hast.
Wie nahe dürfen Menschen dir überhaupt kommen? Magst du Distanz und bist froh, dass das jetzt endlich mal geht. Dass dir niemand zu nahe kommt? In den nächsten Tagen und Wochen hast du die Möglichkeit, darüber einmal intensiver nachzudenken und dich neu zu finden in den Fragen von guter Nähe und Distanz.

Husten und Niesregeln
Beim Husten und Niesen schleudern wir ja alle Viren und Bakterien in die Umwelt. Das kommt in der Regel sehr eruptiv. Die Armbeuge ist ein guter Ort, das schädliche Material aufzusammeln.
Manchmal sammelt sich in unserem Inneren Ärger und Wut an. Du kannst jetzt sehr wütend und ärgerlich werden, weil dein Alltag für Tage und Wochen unterbrochen wird. Freiwillig möchtest du nicht zu Hause bleiben. Du hättest gerne deine gewohnten Abläufe wieder. Da kann es passieren, dass du schon mal aus der Haut fahren möchtest. Du wirst immer dünnhäutiger und lässt diesen Ärger heraus an deine Partnerin, deinen Partner oder deine Kinder. Es entsteht eine aggressive Stimmung, die immer mehr zu eskalieren droht. Der Ärger und die Wut sind ja durchaus berechtigt. So, wie du hustest oder niest, kann der Ärger sich seinen Weg suchen. Du kannst dir aber überlegen, wo ein guter Ort für deine Wut wäre. „Rotzt“ du die Menschen an, die du eigentlich liebst? Oder gibt es eine andere Möglichkeit für dich, dir Luft zu verschaffen. Power dich lieber aus beim Jogging. Hau auf einen Sandsack oder ins Kissen. Schrei im Wald die Bäume an. Bewege deinen Körper mit anderen kräftezehrenden Übungen.






Samstag, 21. März 2020

Eigentlich würde ich lieber Ja sagen.

Ich habe Nein gesagt.
Ich werde nicht zur Geburtstagsfeier gehen.
Ich bin sauer auf meinen Gastgeber.
Der hat mir nicht einmal zu meinem Geburtstag gratuliert.
Der hat mich nur eingeladen, weil er ein Selbstdarsteller ist.
Er umgibt sich gerne mit vielen Menschen weil er zeigen will, wie beliebt er ist.

Ich wollte kein schmückendes Beiwerk sein.
Ich wollte mich nicht missbrauchen lassen.
Der hat sich bisher noch nie bei mir entschuldigt.
Im letzten Jahr war ich noch dort.
Und alle haben ihn bewundert.
Das tolle Haus, die tolle Familie, der tolle Hund, das tolle Essen. Toll!

Er hatte nicht mal mein Geschenk ausgepackt.
Kurz gratuliert und schon wieder weg!
Ich hätte im letzten Jahr schon Nein sagen sollen.
Aber mein Nein musste wohl noch wachsen und klarer werden.
In diesem Jahr habe ich Nein gesagt.
Ich habe Nein gesagt ohne eine Begründung.
Damit es ordentlich weh tut.
Darf ich dich einladen?
Nein!

Aber eigentlich...
Eigentlich würde ich lieber Ja sagen.
In dem Nein steckt so viel Kränkung.
Die ist nicht weggegangen.
Ich habe Nein gesagt und die Kränkung ist geblieben.

Daraus habe ich gelernt.
Ich sage weiterhin Nein. Das fühlt sich richtig an.
Aber wenn ich eigentlich lieber Ja sagen würde,
sage ich nicht mehr Nein.
Ich arbeite dann an dem "eigentlich" bis es klar wird.

Bis Kopf, Herz und Bauch übereinstimmen.
Dann gibt es manchmal interessante Lösungen.
Ich sage Ja aber mit Vorbehalt.
Ich sage Nein aber mit Möglichkeit, dass es noch Ja werden kann.
Ich sage Nein und springe trotzdem über meinen Schatten.
Ich sage Ja und mache dennoch Nein.
Ich befreie mich vom Diktat von Ja oder Nein und frage nach meinen Bedürfnissen.
Wenn ich da angekommen bin, lässt sich vieles leicher klären.

www.matthias-koenning.de

Mittwoch, 18. März 2020

Mehr Freiraum angesichts des Coronavirus



Wenn du Angst spürst, dann wird es eng im Inneren. Die Enge bewirkt, dass du nicht mehr klar denken kannst. Du landest im Stressmuster und machst Dinge, die du nicht machst, wenn du klar bist. Die Lösung heißt: Sorge dafür, dass die Enge etwas weniger bedrückend wird. Schaffe dir einen Freiraum, der die Enge weniger bedrohlich macht. Das Schaffen von kleinen Freiräumen heißt also das Zauberwort. Wie könntest du es umsetzen? Hier drei Hinweise.

1. Durchatmen
Hilfreich ist, es für einen Moment innezuhalten und tief durchzuatmen. Wer Angst hat vergisst oft das Atmen. Überprüfe, ob du deinen Körper mit genug Sauerstoff versorgst und atme bewusst ein paar Mal tief ein und aus.

2. Der erste kleine Schritt
Eine weitere Möglichkeit wäre es, an den nächsten kleinen Schritt zu denken. Was wäre jetzt für dich in diesem Augenblick der erste kleine, aber hilfreiche Schritt. Er muss nur klein sein. Wer noch einen Schritt machen kann, landet nicht in der Ohnmacht. Du könntest jetzt mal eben jemanden anrufen. Dir ein Glas Wasser einschenken. Eine Tasse Tee oder Kaffee trinken und Kraft sammeln. Der erste kleine, aber hilfreiche Schritt.

3. Akzeptieren, was ist
Die dritte Möglichkeit heißt: Ich akzeptiere, was jetzt gerade ist. Eine Situation kannst du manchmal nicht ändern. Der Virus ist da und verbreitet sich hoffentlich nur langsam. Du bist eingeschränkt in deinen Bewegungsmöglichkeiten. Du musst Dinge tun, die dir im Augenblick nicht gefallen. Wenn du es für einen Moment akzeptierst verschwendest du nicht Zeit und Energie für den Kampf gegen etwas, das du jetzt nicht ändern kannst. Wenn du akzeptierst kannst du dich für einen Moment entspannen, loslassen und Freiraum gewinnen.