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Montag, 20. September 2021

Im Wunderwerk!

In Oldenburg sah ich ein Ladenlokal mit dem Hinweis am Türrahmen: "Wunderwerk" Das war doch mal eine Einladung. Ich betrete einen Raum, in dem ich ein Wunderwerk sehen darf. Ich betrat also den Raum und sah - edel ausschauende Modeartikel! Als studierter Theologe erwarte ich mehr von einem Wunder. Ein Wunder befindet sich jenseits von meinen Erwartungen und Vorstellungen. Ein Wunder verzaubert und verändert mich. Vorher gab es einen Mangel und dann kommt die Fülle. Und dann gibt es da noch das Staunen.
Das Wunderwerk in Oldenburg konnte dieses Versprechen leider für mich nicht einhalten. Aber ich bin ja auch ein Mann und nicht so an Mode interessiert. Vielleicht ist dieses Geschäft aber ein Wunderwerk für einen bestimmten Frauentyp.
Aber als ich vorbeiging fiel mein Blick auf das Wort "Wunderwerk". Und ich finde, dass die Welt voller Wunderwerke ist. Das Eichhörnchen in unserem Garten. Die Meisen, die flügge geworden sind. Die Tomaten, die jetzt alle reif werden. Der Badesee, in dem ich mich abkühlen darf. Die Eiswunder in unserer Eisdiele. Meine Freundinnen und Freunde. Du und ich! Die Welt ist voller Wunderwerke und wartet darauf, von mir bewusst wahrgenommen zu werden.
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Samstag, 18. September 2021

Freiraum!


Keine Zeitung heute

Kein Facebook heute

Kein Internet heute

Kein Smartphone heute

Kein Anruf heute

Keine Zeitschrift heute

Alles offline

Online mit mir!

Freitag, 17. September 2021

Wie kannst du bestehen im Strom des Wandels?


Im Schaufenster eines Geschäftes sehe ich das Bild einer Schildkröte mit der Umschrift: "Im Strom des Wandels."
Mir kommt es so vor, dass ich in einem Strom schwimme und das Tempo wird ständig schneller. Als Kind lebte ich an einer Bundesstraße, wo ab und zu Autos herfuhren. Alles überschaubar. Wir winkten noch den Menschen im Zug nach, der langsam an unserer Siedlung vorbeifuhr. Auch da wandelte sich ständig etwas. In meiner Familie haben wir lange auf das Tastentelefon gewartet und fanden den Umstieg spannend. Dann wurde die Bundesstraße verlegt und wir wohnten auf einmal in einem reinen Wohngebiet ohne Schnellstraßenanschluss. Unser Dorf bekam ein Schwimmbad.
Mir kam es immer so vor, dass genug Zeit blieb, den Wandel zu bedenken und zu bearbeiten und zu verarbeiten. Die Seele kam nach. Wir konnten in der Familie und im Dorf die Veränderungen besprechen und waren anschließend sicher, dass das Leben immer noch sicher ist.

Wie auf dem Bild im Schaufenster erlebe ich mich in meiner seelischen Verfasstheit eher wie eine Schildkröte. Ich brauche meine Zeit. Das geht nicht alles so schnell. Und jetzt lebe ich als Schildkröte in einer Zeit, die sich ständig beschleunigt. Kaum habe ich ein Computerprogramm verstanden und kann es anwenden, ist es schon von vorgestern und ich muss ein neues lernen. Ständig neue Informationen strömen ungefiltert in mein Gehirn ein. Eine Flut von Mails, ein hohes Tempo bei den Filmen und in Gesprächen fordern meine Schneckenseele heraus. Werde ich zu alt für diese Welt?Empfinden das junge Menschen genauso wie ich?

Ich bin eine Schnecke im Strom des Wandels. Wie kann das gut gehen? Ich werde mir der Qualität meines Schneckendaseins bewusst. Hinter dem Tempo des Wandels bleiben die Grundbedürfnisse bei uns Menschen bestehen. Egal wie schnell und wie viel Wandel auch immer - ich habe ein Bedürfnis nach Freude, nach Sicherheit, nach Verbindung, nach Anerkennung... Ich lasse mich von der Unruhe des Tempos nicht anstecken und lerne, gut bei mir zu bleiben und mich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen. Das gelingt mir nicht immer. Aber wenn es mir bewusst wird, lehne ich mich entspannt zurück und betrachte den Wandel von außen. Wie schön, dass ich hier sitzen und schauen darf. Soll sich die Welt doch abhetzen. Ich steige wieder ein, wenn es für mich Sinn macht!
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Donnerstag, 16. September 2021

Bei allem, was du sagst, achte auf den rechten Augenblick. Reden zur unpassenden Zeit sind nicht beliebt. (Ägypten)



Dein Sohn hat den Tisch nicht abgeräumt und als Vater oder Mutter ärgerst du dich darüber. In deinem spontanen Ärger weist du deinen Sohn zurecht, er möge doch Absprachen und Familienregeln einhalten. Der Ärger in deiner Stimme ist deutlich spürbar. Und wie reagiert dein Sohn?
Er wird bockig, er widerspricht, er legt sich mit dir an. Er spiegelt deinen Ärger zurück und dicke Luft ist im Raum.
Immer wieder erlebe ich Paare, die mit "aller Gewalt" versuchen, ihre Konflikt zu klären, wenn sie im Gefühl des Ärgers und der Wut sind. "Ich muss jetzt mit dir reden!" "Das müssen wir hier und jetzt klären!" "So geht das nicht weiter!" "Immer machst du das, nur um mich zu ärgern!" Kennst du diese oder ähnliche Sätze? In der Regel steht am Ende kein Ergebnis wo alle zufrieden sind. Am Ende resigniert einer oder beide sind erschöpft.
Der ägyptische Spruch erinnert dich an den "rechten Augenblick". Auch bei Konflikten gibt es einen rechten Augenblick. Wenn du dich mitten im Gefühl des Ärgers und der Kränkung befindest, ist es sehr schwer, mit deinem Konfliktgegner in einer guten Verbindung zu sein. Er ist eben dein Gegner und nicht mehr dein Partner. Du hast den Eindruck, du musst kämpfen. Du willst dein Recht, du willst gesehen werden, du vermisst das Verständnis und dein Gegenüber empfindet genauso wie du.
Beruhige erst einmal deinen Geist, geh auf Abstand, schlaf eine Nacht drüber, atme ein paar tiefe Atemzüger und triff eine Vereinbarung, wann du reden möchtest, eben... Suche mit deinem "Konfliktgegner" den rechten Augenblick, damit er/sie zu einem Konfliktpartner wird.
Stell dir dabei vor, dass ihr euch nicht gegenübersteht wie Kontrahenten, sondern ihr setzt euch nebeneinander auf eine Bank und schaut in die gleiche Richtung. Ihr schaut gemeinsam auf einen Baum oder eine Blume. Dieser Baum oder diese Blume steht als Symbol da für eure Partnerschaft oder eure Freundschaft. Gemeinsam schaut ihr den Baum an und fragt: "Wie geht es gerade der Ehe, der Freundschaft, der Partnerschaft? Was braucht sie von dir und dem anderen? Was hat gefehlt und wer kann was dafür tun, dass das Fehlende ergänzt wird."
Der richtige Augenblick ist dann, wenn in deinem Herzen wieder mehr Weite als Enge zu spüren ist.

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Mittwoch, 15. September 2021

Auf deine Kompetenz kommt es an und nicht auf deine Qualfikation!

Ich treffe immer wieder Menschen, die eine bestimmte Stelle nicht bekommen, weil sie nicht qualfiziert sind. Es ist gut, wenn du viele Scheine vorweisen kannst. Viele Prüfungen mit Siegel und Unterschrift. Dabei gilt eine Qualifikation von einer Universität sicherlich mehr als ein Papier von einem "Noname"-Institut. Manchmal schaue ich beim Aufräumen in meine Zeugnismappe und blicke auf meine zahlreichen Qualfikationen. Ich bin z.B. zertifizierter Kurzschriftpaktizierender und  "Bibliothekshelfer". Ein Zeugnis erzählt, dass ich EDxTM kann und außerdem habe ich auch noch ein Abiturzeugnis. Die Summe meiner Qualifikationen insgesamt wären in der Lage, mein Ego gut aufzublasen.
Doch die entscheidende Frage ist: bin ich auch kompetent? Ich bin kompetent im Kochen von Linsensuppe habe dazu jedoch keine Qualifikation. Ich besitze eine Qualifikation in Kurzschrift und bin Null kompetent. In der Bewältigung von Aufgaben zählt für mich die Kompetenz. Und da begegnen mir sehr viele Menschen. Ich kenne sehr kompetente Mütter und Väter, "LeckerköchInnen", Reinigungskräfte, TrösterInnen, handwerklich Begabte, "FreizeittherapeutInnen" und "WeltversteherInnen". Denen vertraue ich!
Manchmal kommt auch beides zusammen: Qualifikation und Kompetenz. Ist auch nicht schlecht! Mir würde es gefallen, wenn Menschen mit Kompetenz mehr Achtung bekämen, auch finanziell in ihren Berufen. Denn die Kompetenten gestalten die Welt.
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Dienstag, 14. September 2021

Von hoch oben aus betrachtet!

Von unten sehe ich die Störche da auf ihrem Nest. So schnell kommt da kein Fremder hoch. Da stehen die drei auf ihrer Nestinsel. Ich möchte nicht tauschen. Ich hätte Angst, dort herunterzufallen.
Aber für jetzt stelle ich mich mal dazu. Ich betrachte mal alles von oben aus.

"Ich war bislang immer da oben im Nest. Ich bin dort geboren und nie heruntergekommen. Alles, was ich sehe, habe ich noch nie von Nahem gesehen. Ich bin noch nie so richtig damit in den Kontakt gekommen. Alles fühlt sich an wie ein Film. Ich bin Zuschauer und unbeteiligt. Manchmal möchte ich vom Nest heruntersteigen und meine Neugier befriedigen. Aber ich kann noch nicht fliegen. Ich muss hier hocken und auf den Tag warten, wo meine Flügel mich tragen. So lange bleibe ich Zuschauer."

Wie sähe mein Leben aus, wenn ich nur Zuschauer und Beobachter wäre. Ich müsste mich nicht mehr aufregen. Ich hätte nichts mehr zu tun. Ich könnte mich ausruhen. Lass die anderen mal machen. So ab und zu täte mir das ganz gut. Aber ich wäre nicht mehr dabei! Ich könnte nie eingreifen. Ich könnte meine "Schöpferqualitäten" nicht mehr ausleben. Meine Neugier befriedigen! In den Kontakt gehen!

Wenn ich nur Teilnehmer wäre am Leben, könnte ich mich leicht darin verlieren. Dort treffe ich dann die gestressten und Burnout Gefährdeten. Immer wuseln. Immer dabei sein. Nie eine Pause machen. Es könnte ja wichtiges laufen und ich bin nicht dabei. Ich müsste die Kontrolle abgeben.

Und nun? Ich bin Beobachter und/oder Teilnehmer. Mal die eine Position und mal die andere Position. Und manchmal auch beide zugleich. Darin besteht die menschliche Kunst, dieses Spiel gut zu spielen! Aber wer bin ich, wenn ich weder beobachte, noch teilnehme?
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Montag, 13. September 2021

Gerne mal wieder einfach!

Ich bin auf dem Weg mit einer Gruppe. Per Selfi fotografieren wir uns selbst. Du kannst uns nicht erkennen. Wir sind verschwommen. Aber wir sind in dem Bild, was du siehst auf dem Bild in dem Smartphone. Wenn du es erkennen könntest, würdest du mich sehen, wie ich das Smartphone fotografiere. Denn sonst würdest du ja dieses Bild nicht sehen. Auf dem Bild, das du siehst würdest du mich sehen, wie ich das Smartphone fotografiere.
Noch erscheint es mir einfach, das Ganze zu durchschauen. Ich könnte mir aber auch eine Konstruktion vorstellen von Foto in Foto in Foto. Irgendwann verliere ich die Übersicht. Es wird komplexer und auch komplizierter. So kommt mir auch manchmal das Leben vor. Ich liebe die Einfachheit. Geräte mit nur einem Knopf. Wege ohne Abzweigung. Ein Tellergericht für alle. Einheitliche Öffnungszeiten. Ich bin da und du bist da. Und fertig!
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Samstag, 11. September 2021

Wir hinterlassen Spuren... aber nicht immer!


Manchmal verschwindet etwas spurlos. Socken verschwinden in der Waschmaschine und Pullover befinden sich plötzlich nicht mehr im Schrank. Du bist dir sicher, wo du deine Sachen abgelegt hast und auf einmal sind sie nicht mehr da. Spurlos verschwunden. Ich vermisse meinen Personalausweis. Er ist spurlos verschwunden. Ich habe alle Schubladen abgesucht und alle Jacken- und Hosentaschen gefilzt. Ich habe an jeden auch nur erdenklichen Ort nachgeschaut und jetzt blicke ich der Tatsache ins Auge. Mein Peronalausweis ist unauffindbar. Dabei steht doch darauf, wer ich bin. Mein Name, meine Anschrift, die Körperlänge und die Farbe meiner Augen. Merkwürdig, nicht wahr? Zur gleichen Zeit befinde ich mich in einer Identitätskrise. Vor zwei Jahren wusste ich noch, wer ich war. Das weiß ich im Moment nicht mehr. Ist es da nicht folgerichtig, dass sich der Personalausweis auch auflöst? Wie im Inneren so auch im Äußeren. Ich versuche, eine Weile ohne Identität auszukommen und probiere es auch mit meinem Ausweis. Wenn ich hoffentlich irgendeine Identität wiedergefunden habe wird sich auch der Ausweis einfinden.
Spurlos verschwinden Dinge und auch Menschen. Hast du schon erlebt, wie Menschen in deinem Leben spurlos verschwunden sind? Sie haben sich nicht verabschiedet und du hast auch nicht selbst Abschied genommen. Ihr habt euch nicht gestritten und nicht bewusst getrennt. Aber wenn du genau hinspürst, dann ist es doch stimmig. Es ist nicht grundlos, dass diese Menschen aus deinem Leben verschwunden sind.
In einer Achtsamkeitsübung habe ich gelesen, dass ich für eine Woche einen Raum in meiner Wohnung nur so benutze, dass nach der Aktion keine Spuren sichtbar sind. Ich räume also meine Küche so auf, dass ein Fremder denkt, die wird gar nicht benutzt. 
Manchmal ist es gut, wenn die Dinge oder Menschen verschwinden. Wir können eh nichts festhalten. Alles im Leben ist wie Sand und zerrinnt zwischen den Fingern. Wenn etwas spurlos verschwindet gibt dir das Leben die Möglichkeit, eine Lektion zu lernen. Lasse los!

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Freitag, 10. September 2021

Wenn die Möglichkeiten sich verkleiden!



Ich mag es sehr bei einer Aufgabe, die ich erfüllen muss auch eine Lösung zu finden. Menschen kommen zu mir in die Beratung, damit sie für ihr Problem eine Lösung finden. Und eigentlich besteht der ganze Tag darin, für irgendetwas eine Lösung zu finden.
Bei den automatisierten Prozessen bemerkst du es noch nicht. Du stehst morgens auf und springst unter die Dusche, kochst dir deinen Kaffee und frühstückst. Ständig „findest“ du Lösungen für etwas, was du bewältigen möchtest. Erst jenseits der automatisierten Aufgaben wird dir das bewusst. Wann kaufst du im Supermarkt die Sonderangebote? Nimmst du heute einen Schirm mit oder vertraust darauf, dass es trocken bleibt? Nimmst du die Einladung an oder lehnst du eher ab? Wenn du dich gut entscheiden kannst, fühlt sich das an wie eine Lösung. Du löst etwas und es geht weiter. Ich mag es nicht so, wenn etwas über einen längeren Zeitraum stockt. Ich mag es, wenn es weiter geht. Wenn nicht, fühlt es sich an, als ob ich zugleich bremse und den Fuß aufs Gaspedal setze. Ich komme nicht voran, verbrauche aber viel Energie. Schwierig wird das Leben, wenn es gar nicht mehr vorangeht, aber ich darunter leide. Dann empfinde ich die Sackgasse als Problem. Dann fängt die Herausforderung an. Wie weiter? Ich kann meine Aufgaben liegen lassen. Sie ignorieren. Unter der Ausweglosigkeit leiden und in die Depression abrutschen. Oder?
Henry Ford plädiert für eine andere Sichtweise. „Probleme sind verkleidete Möglichkeiten.“ Mir gefällt die Vorstellung, dass Probleme nicht einfach Probleme sind. Ich stelle mir vor, dass jemand zu mir in die Beratung kommt mit dem Auftrag, dass er an Möglichkeiten glaubt angesichts seines Problems. Dass er sie im Augenblick nur nicht erkennen kann. Die meisten Menschen sind ja klug genug, das eine oder andere Problem zu lösen. Seit frühester Kindheit gehört es zum Lebensprogramm, dass wir Aufgaben gestellt bekommen und sie in der Regel auch gut lösen. Wir lernen, wie wir wieder aufstehen können nachdem wir hingefallen sind. Wir lernen, wie wir mit einem Löffel den Brei von der Schüssel in den Mund bewegen ohne zu schlabbern. Wir weiten unsere Fähigkeiten aus je nach Anforderung. Wir bauen auf dem Wissen auf, das wir in uns tragen. Wenn ich mal eine Schraube gelöst habe werde ich andere Schrauben von anderen Gegenständen auch lösen können. Erst, wenn ich meine Aufgaben nicht lösen kann und darunter leide, wird es zu einem Problem.
Ich habe mich mit meinem Verstand angestrengt. Ich habe alles probiert und es lässt sich nicht lösen. Dann wird es für mich zu einem Problem. Ich bin überzeugt davon, dass ich es nicht lösen kann. Weil ich es nicht kann! Ich habe ja alles probiert! Aber was verändert sich, wenn mein Problem nur aus verkleideten Möglichkeiten besteht? Dann würde es ja bedeuten, dass ich es grundsätzlich lösen könnte. Wenn ich die Kleider ablege. Ich kann meine Möglichkeiten im Moment nur nicht sehen, weil sie unter den Kleidern verborgen sind.
Kann ich die Kleider selber ablegen oder brauche ich dafür Unterstützung? Vielleicht kann ich es gar nicht erkennen, dass ich gerade verkleidet bin. Es sieht nur ein Außenstehender. Der von außen sieht mehr als ich selber. Wie bei des Kaisers neuen Kleidern. Ich bin manchmal blind für meine Möglichkeiten.
Es könnte doch hilfreich sein für mein nächstes Problem, dass ich mir einfach vorstelle, dass ich gerade verkleidet bin. Benebelt! Kurzsichtig! Ich könnte einen Schritt zurücktreten und mich von außen wahrnehmen. Ich könnte mein eigener Coach sein und mich von außen mal ganz neutral betrachten. Auch wenn ich von dort mein Problem nicht lösen kann könnte ich mich dennoch von meinem Problem lösen. Ich könnte zu meinem Problem sagen: "Du bist jetzt da. Aber ich entscheide mich dafür, dich nicht zu lösen. Kann ja jemand anders machen. Kannst mich ja einfach mal in Ruhe lassen. Mir die Ruhe geben, damit da ein Impuls kommt. Nicht aus dem Kopf, vielleicht aus dem Bauch oder aus dem Herzen."
Wenn Probleme verkleidete Möglichkeiten sind, lässt sich dann vom Kleid auf die Möglichkeiten schließen. Könnte ich mir das "Kleid" anschauen und eine Idee bekommen, welche Möglichkeit sich dahinter versteckt? Ich glaube, ja! Nicht jede Möglichkeit trägt das gleiche Kleid. Bevor ich da aber weiter spekuliere müsste ich das mal ausprobieren. Bei meinem nächsten Problem achte ich auf mögliche Verkleidungen. Eine Verkleidung kann ich vielleicht schneller entdecken als die dahinter liegende Möglichkeit. Die Möglichkeit sehe ich also nicht, aber immerhin schon das Kleid. Im Wort Kleid höre ich das Wort „Leid“. Vielleicht ist mein Leid ein Hinweis auf diese Möglichkeit. Ich leide wenn ich ein Problem habe. Dann schaue ich mir doch mal mein Leid an. Was lässt mich genau leiden? Welches Bedürfnis kann ich im Moment nicht erfüllen? Kann ich mein Problem besser lösen, wenn ich das verk-leid-ete Bedürfnis kenne?
Und jetzt meine Gedanken in einem konkreten Beispiel: Ich sollte einmal einen Vortrag halten und bekam das Thema einfach vorgegeben. Mir gefiel die Überschrift nicht und auch den vorgesetzten Inhalten konnte ich nicht zustimmen. Ich fühlte mich wie in einer Sackgasse. Da gab es meine Verpflichtung im Rahmen meiner Aufgaben und zugleich diesen starken Widerwillen. Das hat mich so blockiert, dass ich Tage darüber nachdenken musste, nicht schlafen konnte, mein Magen sich verkrampfte und ich eine starke Wut im Bauch spürte. Du erinnerst dich: „Probleme sind verkleidete Möglichkeiten.“ Wie finde ich hier einen Weg? Worin bestand bei mir die „verkleidete Möglichkeit“?
Mir wurde klar, dass ich ein starkes Grundbedürfnis nach Freiheit und Autonomie habe. Wenn mir das jemand wegnehmen möchte, dann gehe ich in den Widerstand. Freiwillig, also mit der Freiheit, nein sagen zu können, lasse ich mich gerne ein. Aber bei autoritärem Druck versagt mein System. Die verkleidete Möglichkeit bestand also darin, diese Wirklichkeit zu entdecken. Wie konnte ich meine Autonomie zurückgewinnen? Ich nahm die Überschrift und wählte eine eigene „Unterüberschrift“. Den vorgegebenen Inhalt ignorierte ich völlig, weil es eh nicht überprüft wurde, was ich im Vortrag sagte. Damit ging es mir dann gleich viel besser.  
Welche deiner Bedürfnisse werden manchmal auf die Probe gestellt? Du wirst herausfinden, dass es oft nur um drei Bereiche geht: Deine Bedürfnisse nach Sicherheit, Autonomie oder Verbundenheit. Finde dein Bedürfnis heraus und finde heraus, wie du es anders, aber auch wirksam erfüllen kannst. Ich wünsche dir viele Möglichkeiten beim entk-leid-en deiner Probleme!

Donnerstag, 9. September 2021

Hebt man den Blick, so sieht man keine Grenzen. (Japan)



Wenn ich mich selber beobachte stelle ich fest, dass ich oft auf den Boden schaue, wenn ich traurig bin. Dann sehe ich nur die wenigen Quadratmeter um mich herum. So eng, wie es sich in meinem Herzen anfühlt, so eng sieht dann meine Umgebung aus.
Wenn ich mit der Trauer und Enge im Herzen mich aufrichte und mein Blickfeld ausweite geschieht fast sofort eine Verwandlung. Die Veränderung des „Augenblicks“ bewirkt eine Gefühlsveränderung. Wenn es im Außen weit wird, wird es auch im Innen weit.
Oft erleben wir unser Leben begrenzt. In der Trauer werden die Grenzen enger abgesteckt. Wir wollen für uns sein. Wir möchten uns schützen. Wir fühlen uns getrennt von den anderen Menschen und von der Welt.
Wenn wir uns jedoch freuen wird der Raum weiter, die engen Grenzen werden gesprengt. Du richtest dich so weit auf, dass du den Horizont siehst. Da kommt der Punkt, wo die Erde aufhört und der Himmel beginnt. Zunächst scheint da noch ein Unterschied zu bestehen. Hier die Erde, dann der Himmel. Wenn am Horizont der tiefen Freude jedoch Himmel und Erde ineinander übergehen, veränderst du noch einmal deinen Blick. Du fixierst nicht mehr den Übergang, sondern siehst das Ganze. Das Ganze zu sehen und wahrzunehmen macht dich zugleich innerlich Ganz, „Ganzheitlich“ und verbunden. Hebe also deinen Blick und die Grenzen verschwinden. 

Mittwoch, 8. September 2021

Möge das Leben dich lehren dir selbst ein guter Freund zu sein. (Irischer Segensspruch)


Bist du dir selbst ein guter Freund/ eine gute Freundin? Ich kenne viele Menschen, mich eingeschlossen, die sich selber oftmals sehr kritisch betrachten. Du bist nicht klug genug, du hast diese oder jene Aufgabe nicht optimal erfüllt. Du bist keine wunderbare Ehefrau oder kein aufmerksamer Ehemann. Du fährst mit deinem Wagen zu langsam oder zu schnell. Du beachtest alle Verkehrsregeln supergenau und nahezu penetrant oder du hältst die Regeln alle nur so ungefähr ein. Du schaust dir deine Schulzeugnisse über die Jahre an und erinnerst dich an all die Fächer, in denen du besser hättest abschneiden können, wenn du nur genug geübt hättest. Dir kommen all die Tests vor Augen, die du nicht wichtig genommen hast und überlegst, wo du stehen würdest, wenn du immer die optimale Lösung gefunden hättest auf deinem Weg.
Du gehst zurück in die Vergangenheit und betrachtest deine Gegenwart. Beim Einkauf hast du das Salz vergessen. Die Kartoffeln haben heute fünf Minuten zu lange gekocht, du hast dir beim Essen ein paar Saucenspritzer auf dein frisch gewaschenes Hemd eingehandelt. Du hast dem einen  nicht aufmerksam zugehört und jemand anderem bist du auf die Nerven gegangen.
Du ärgerst dich über deine Schusseligkeit und dein Unvermögen. Kannst du dir trotzdem ein guter Freund, eine gute Freundin sein? Wie oft erlebe ich es, dass ein Freund mir sein Unvermögen beichtet: „Ich habe vergessen dich anzurufen.“ „Ich muss dir doch noch dein Buch zurückgeben, das du mir geliehen hast.“ Dann antworte ich: „Ist doch nicht so schlimm!“
 Kann ich mir das auch selber sagen? Ist doch nicht so schlimm? In wie viele Fallen musst doch noch tappen. Wie viele Dinge müssen dir noch misslingen bis du anfängst, dich dafür zu verurteilen? Möge das Leben dich lehren, dir selbst ein guter Freund zu sein. 
 

Dienstag, 7. September 2021

Mit Eleganz und Leichtigkeit

In dieser Woche werde ich alle Dinge mit Eleganz und Leichtigkeit lösen. So, wie diese Frau auf dem Bild. Mit all ihrer Pracht und Fülle strahlt sie Eleganz und Leichtigkeit aus.
Manchmal fühlen sich die Dinge so gewichtig und schwer an. Die ganze Zukunft hängt von meiner Entscheidung ab. "Da hängt so viel dran!" Ja, die Dinge hängen zusammen. Alles hat seine Auswirkungen. Wenn ich A mache, dann passiert irgendwo B. Wenn ich Angst habe vor den Auswirkungen werde ich A nicht machen. Aber auch wenn ich A nicht mache hat es Auswirkungen. Ist C dann nicht besser? Vielleicht! Aber ich kann das gar nicht so genau berechnen. Ich kann die Zukunft nicht voraussagen und weiß auch nicht, ob A oder C auf die Dauer besser wäre. Nur - je länger ich nachdenke und den Gedanken Gewicht verleihe, desto schwerer werde ich.
Jetzt entscheide ich mich für Eleganz und Leichtigkeit und spüre mal in mich hinein, wie sich das anfühlt und wie sich das auswirkt. Ich fühle mich wie ein Schmetterling und die Welt ist eine Frühlingswiese. Für jetzt entscheide ich mich für den Schmetterling. Und das fühlt sich gut an!
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Montag, 6. September 2021

Du wolltest als Kind zum Zirkus? Jetzt bist du mitten drin!

Wolltest du auch als Kind zum Zirkus? Ich auf jeden Fall! Ich wollte Clown werden. Die Clowns haben mich immer am meisten fasziniert. Wahrscheinlich weil ich so gerne lache. "Du wolltest als Kind zum Zirkus? Jetzt bist du mitten drin!" Den Satz fand ich auf einer Spruchkarte.
Schade, dass der Zirkus dabei so schlecht weg kommt. "Was macht ihr nur für einen Zirkus" "Was ist das hier für ein Zirkus!" Unsere Eltern hatten wohl dabei die Fantasie, dass es drunter und drüber geht. Alles durcheinander. Keine Regeln werden mehr beachtet. Der Anfang vom Ende. Die Aufforderung, unbedingt wieder für Ordnung zu sorgen.
Ja, manchmal gerät alles durcheinander oder aus den Fugen. Nichts passt mehr zusammen. Auch wenn es in einer Zirkusvorstellung bunt und quirlig zugeht - es gibt dennoch eine klare Ordnung. Außer den Clowns vielleicht stört kein Artist den anderen bei seiner Nummer. Es gibt einen Platz für die Zuschauer und eine Manege für die Akteure. Das Programm hat ein Anfang und ein Ende und folgt genau einer Choreographie. Da wechseln sich rasante Stunts mit beschaulichen Pferdenummern ab. Für die Zuschauer werden immer neue und andere Gefühle aktiviert. Da stecken viele Planungen und Überlegungen hinter.
Ja, manchmal gerät das Leben durcheinander. Aber mit Zirkus hat das nichts zu tun. Dennoch sagen wir es so! Möge doch unser Leben wirklich wie ein Zirkus sein. Dann würden wir gar nicht durcheinander geraten! Durcheinander gerät das Leben ja nur, weil etwas nicht mehr stimmt! Weil bestimmte Bedürfnisse nicht mehr erfüllt werden. Wenn Menschen sich nicht mehr verstehen. Wenn etwas total quer läuft. Es gibt also immer einen guten Grund!
Was wäre aber, wenn wir wirklich mitten im Zirkus wären? Wir nehmen das Leben ja sehr ernst. Wir erledigen brav unsere Arbeitsaufgaben, sind gut zu unseren Kindern und rücksichtsvoll im Straßenverkehr. Wir haben hohe moralische Messlatten. Für das Zusammenleben ganz sinnvoll. Aber wie sähe unser Leben aus, wenn wir mitten im Zirkus wären? Wir würden vielleicht bemerken, dass das Leben nur ein Spiel ist. Wir spielen miteinander. Wir denken, es wäre ernst, aber es ist nur ein Spiel. Wenn du Kinder beobachtest kannst du sehen, wie spielen geht. Du kannst Zirkus und Ernst gut miteinander verbinden. Der Unterschied ist nicht so groß. Du "spielst" nur eine Nummer in deinem Programm, manchmal akrobatisch und manchmal dressiert.
Und doch mag ich den Clown im Zirkus. Er ist dort fest verankert. Er hält dir den Spiegel vor und macht dir klar, dass du alles ernst nehmen darfst aber dich dabei nicht so wichtig nehmen sollst. Zirkus ist gar nicht so schlecht!
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Samstag, 4. September 2021

Wir müssen lernen, die Komödie zu Ende zu spielen. Wir müssen das Unglück müde machen. Charles Dickens

Aus deinen Lebenszusammenhängen kannst du nicht einfach so aussteigen. Du hast vielleicht eine Arbeit, die dich oft nicht erfüllt oder unglücklich macht. Du lebst mit Familienmitgliedern zusammen, die dich eher aufregen. Du beschäftigst dich mit vielen Baustellen und nirgendwo ist deine Welt in Ordnung. Irgendwann wirst du müde und erschöpft sein von den vielen Anstrengungen.
Charles Dickens schlägt einen anderen Weg vor. Dein Leben ist eine Komödie und kein Drama. Da verwechselst du etwas. Und es gibt eine Möglichkeit, mit dem Unglück umgehen zu können. Mache es einfach müde. Es erschöpft sich irgendwann. Weil alles einmal ein Ende hat. Mach es müde bevor du selber müde wirst. Hallo Unglück! Ich halte länger aus als du! Aber wenn du willst, dass lass es uns darauf ankommen. Ich werde dich nicht bezwingen und auch nicht bekämpfen. Irgendwann powerst du dich selber aus. Ich werde währenddessen zuschauen oder bei dieser Komödie mitspielen. Muss ich ja sowieso bis zum Ende meines Lebens. Aber ich entscheide, ob es Komödie ist oder Drama. Und ich entscheide auch, wie intensiv und wie lange ich mitmache!
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Freitag, 3. September 2021

Als ich aus der Zelle durch die Tür in Richtung Freiheit ging, wusste ich, dass ich meine Verbitterung und meinen Hass zurücklassen musste, oder ich würde mein Leben lang gefangen bleiben. Nelson Mandela

Ein wichtiger Impuls von Nelson Mandela. Da gibt es ja die Erfahrung der Gefangenschaft. Körper in Zelle. Wenn der Körper die Zelle verlässt gibt es wieder das Gefühl von Freiheit. Aber wenn die Verbitterung und der Hass die Zelle mit verlässt, bleibt die Gefangenschaft auf geistig psychischer Ebene.
Wie viele Menschen laufen mit einer Verbitterung durch das Leben. Sie wurden gekränkt, getäuscht und missbraucht. Es gibt viele gute Gründe, diese Erfahrungen nicht loszulassen. Erst, wenn die Gerechtigkeit zum Zug kommt, kann die Verbitterung gehen. Erst wenn der Täter sich entschuldigt. Wenn die Gerechtigkeit aber nicht siegt, wenn es keine Entschuldigung gibt, dann bleibt die Verbitterung als Anteil einer lebenslangen inneren Gefangenschaft.
Wenn du in der Kränkung bleibst, dann hast du einen zweifachen Schaden. Das ungerechte Ereignis und dein immer noch bleibendes negatives Gefühl. Dein Wohlbefinden machst du davon abhängig, ob der andere dein Leid wieder gut macht. Lass deinen Hass und deine Verbitterung zurück. Allein aus dem Grund, dass deine Seele wieder gesunden kann. Die Freiheit wiegt mehr als eine Wiedergutmachung. Wie hat Mandela das wohl geschafft? Was war sein Geheimnis, dass er die Verbitterung zurücklassen konnte? Der Traum von einer besseren Welt? Die neuen Chancen, die er bekam? Das sich Einlassen auf das Hier und Jetzt? Vergeben können? Eine tiefe Liebe zu seinem Land und zu seinen Menschen? Ich glaube, dass die Liebe heilt.
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Donnerstag, 2. September 2021

Wieder weich werden!


Wenn ich auf die letzten Monate zurückblicke, spüre ich eine gewisse Härte. Mehr Vorwürfe an die Verantwortungslosigkeit der Mitmenschen, die Hilflosigkeit der Politiker und die Strenge der scheinbar willkürlichen Regeln. Die Menschen spalten ich in Impfgegner und Befürworter. Wenn ich in der Familie und im Freundeskreis über das Thema Corona spreche werden schnell die verhärteten Positionen klar. Manche Freundschaften können diese Belastungen nicht aushalten und gehen in die Brüche. In meinen Beratungen merke ich, wie die Menschen mehr und mehr mit ihren eigenen Lebensthemen konfrontiert werden. Alte Ängste und Traumata werden reaktiviert. Ärger und Zorn lassen sich nicht mehr heiter und gelassen unterdrücken. Das ganze Geschehen über Monate bleibt nicht im Verstand, sondern geht tief hinein in alle Muskeln und in den ganzen Körper. Wir wissen schon gar nicht mehr, wie sich Entspannung anfühlt im Unterschied zur momentanen Situation.

Diese Anspannung ist kontinuierlich gewachsen. Wie achtsam muss ich sein? Mit wem darf ich über was sprechen und mit wem auf keinen Fall? Wie verhalte ich mich im öffentlichen Raum, um keinen Ärger zu erregen? Wer beobachtet mich und wie beobachte ich die anderen?  Benehme ich mich regelkonform genug, um nicht bestraft zu werden?  Was muss ich beachten und wie plane und organisiere ich meinen „neuen“ Alltag?

Selbst, wenn ich mir vornehme, wieder mehr über andere Themen zu sprechen, bin ich doch Teil der Gesellschaft, Teil eines Arbeitsteams und kann nur bedingt die Themen mitbestimmen. Was geschieht eigentlich mit mir und meiner Psyche, wenn ich zunehmend genervter reagiere? Werde ich schneller bereit, Dinge zu tun, die ich unter normalen Umständen nicht machen würde? Mich schneller aufregen! Aggressiver reagieren! Regeln durchbrechen! Überangepasst reagieren, um Ärger zu vermeiden!

Ich erinnere dich und mich an die Geschichte von den zwei Fröschen, die mit heißem Wasser konfrontiert werden. Den ersten Frosch setzt man in heißes Wasser und er springt vor Schmerzen sofort wieder raus. Den zweiten Frosch setzt man in kaltes Wasser und regelt die Temperatur immer höher. Er gewöhnt sich daran und merkt nicht mehr, dass das Wasser so heiß wird, dass er stirbt.

Ich denke, dass wir uns gesellschaftlich betrachtet im Augenblick in der Geschichte des zweiten Frosches befinden. Wir halten da etwas aus und verlieren das Gefühl für unsere Grenzen. Da gibt es doch das Geschenk des Lebens! Da gibt es doch die wunderbaren Freundinnen und Freunde. Wir sind immer noch ein Teil der großartigen Schöpfung und die Welt ist voller Liebe und Leben. Das möchte ich gerne wieder mehr in den Blick nehmen als unerlässliches therapeutisches Mittel. Auch, wenn die objektive Bedrohung nicht wirklich so hoch ist und genug Lebensmöglichkeiten bleiben, so sagt das subjektive Empfinden und die Botschaften der Medien etwas anderes als Freude.  

 Vor ein paar Tagen bekam ich einen Link zu einem Lied von Joachim Goerke mit dem Text: „Wieder weich, zart und lebendig werden dürfen. Im Fluss meiner Liebe, im Fluss meines Klangs.“

Das hatte mich sehr berührt und mir kamen fast die Tränen. Wieder weich werden! Das ist es! Einfach wieder weich werden. Mir kommen die Menschen, in den Sinn, die mit chronischen Themen zu mir kommen. Die ausweglosen Situationen mit Stress bei der Arbeit. Die Dauerkonflikte in der Ehe. Die Aussichtslosigkeit, dass der Sohn den Weg in die Eigenverantwortung schafft. Die lästige Erkrankung, an der man nicht stirbt, mit der das Leben aber keine Freude mehr macht. Viele von diesen Menschen kommen mit dieser Anspannung und Verhärtung. Das Gesicht wird grauer und verhärmt zunehmend. Diese Menschen wirken wie Pflanzen, die langsam dahinwelken und das rettende Wasser gar nicht mehr aufnehmen können.

Es ist so, dass das Leben manchmal zu Verhärtungen führen kann. Aber ich kann auch wieder loslassen und entspannen. Und dazu möchte ich dich gerne einladen. Es könnte dir und mir und uns allen guttun. Wieder weich werden!

Du spürst in jeden Muskel deines Körpers hinein und schaust, wo es besonders angespannt ist. Vielleicht im Hals, im Nacken und in den Schultern? Wie fühlen sich deine Gesichtsmuskeln an und wie wirkt die Farbe deiner Haut auf dich, wenn du dich im Spiegel betrachtest? Wie atmest du? Flach und in den Brustkorb oder tief hinein bis ins Zwergfell? Magst du dich liebevoll im Spiegelbild anschauen und die Freundschaft zu dir selbst erneuern? „Hallo alte Freundin, alter Freund! Wie schön, dass du mit mir da bist!“

Magst du durch die Fußgängerzone gehen und jedem Menschen per Augenkontakt sagen, dass er wunderbar und großartig ist. Kannst du denken, dass jeder Mensch auf dieser Welt grundsätzlich ein Bruder oder eine Schwester ist. Im Moment vielleicht sich selbst und dir entfremdet, aber potenziell ein Verbündeter. Du könntest jeden in die Augen schauen mit einem freundlichen und zugewandten Lächeln. „Ich freue mich, dich zu sehen.“ Wenn du gerade nicht die Hände schütteln kannst, machst du das indische „Namaste!“ – „Ich grüße das Göttliche in dir!“

Wie erlebst du deine Bewegungen, wenn du läufst? Wie gehst du einkaufen? Schnell aus dem Haus. Auf kürzestem Weg in den Supermarkt. Maske auf und schnell durch die Regale schieben. Niemandem zu nahekommen. Keinen anstecken und nicht angesteckt werden. An der Kasse aufpassen und die Abstände einhalten. Zwischendurch die Luft anhalten. Beim Einkaufwagenabstellen noch einmal Abstand halten und auf direktem Weg nach Hause. Dann erst wieder tief durchatmen. Chronisch seit mehr als einem Jahr die ähnlichen Abläufe im Alltag. Kann dein Körper sich noch daran erinnern, wie entspanntes Einkaufen geht? Du könntest eine kleine Übung ausprobieren. Geh mal gedanklich einkaufen mit fließenden und weichen Bewegungen. Stell dir vor, wie du beschwingt zum Supermarkt läufst und deine Einkaufstasche schlenkert locker in deiner Hand. Du genießt den Weg und spürst die Sonne auf deiner Haut. Die Leuchtreklamen vor dem Supermarkt weisen dich hin auf wunderbare Angebote in leuchtenden Farben. Du freust dich, wie dein Eurostück den Einkaufswagen von den Fesseln befreit und du rollst fröhlich durch den Eingang in der Erwartung von frischem Gemüse. Dann schlenderst du durch die Gänge und prüfst wohlwollend die Qualität der Produkte und die Angebote, die du entdeckst, weil du langsam und nach und nach alles betrachtest, was deine Neugier weckt. Zwischendurch siehst du eine Bekannte und tauscht mit ihr ein paar fröhliche Worte aus. Du wünschst ihr einen angenehmen Tag. An der Kasse lässt du jemanden vor, der nur ein Produkt hat und du betrachtest die Einkaufswägen der anderen Miteinkaufenden und freust dich über deinen gesunden Einkauf von Obst und Gemüse. Ohne Eile und tiefenentspannt packst du ein, schiebst den Wagen elegant zurück und machst dich auf den Heimweg. Male dir den Einkauf in deinen Bildern aus und spüre in deinen Körper hinein, wie sich das anfühlt. Und dann bemerke, ob es einen Unterschied gibt zu deiner Praxis seit einem Jahr.

Wieder weich werden! Lies einmal die polarisierenden Nachrichten in der Zeitung und nimm einen Weichzeichner. Glätte die Wörter und ergänze sie mit „möglicherweise“, „vielleicht“, „Gott sei Dank“, „es kann so sein, muss aber nicht“. Schick der Zeitungsredaktion liebevolle Gedanken. Den Politikern ein weises Wort und Wünsche für ein gutes Gelingen in dieser unübersichtlichen Zeit. Verschicke Aufmunterungen an die Ärzte und alle, die sich mit dem Thema Gesundheit beschäftigen. Stelle dir vor, du wärest Päpstin, Papst, der Dali Lama oder eine indigene Heilerin. Auf deine Art und Weise erteilst du allen und allem deinen mütterlich-, väterlichen Segen. Dann spüre, wie du dabei selbst immer weicher wirst. Der Segen, den du gibst, kommt zu dir zurück und macht dich noch weicher.

Du spürst mehr und mehr den Unterschied in deinem Körper von Härte und Weichheit. Deine Gedanken werden auch zunehmend wohlwollender, weiter und durchlässiger. Du kannst andere Perspektiven zulassen, ohne gleich zu verkrampfen bis in die Muskulatur deines Körpers hinein. „Vielen Dank für deinen Gedanken. Ich werde mich ihm gerne zuwenden und deine Idee willkommen heißen.“

Wenn du wieder weicher wirst, kannst du die Räume der Möglichkeiten betreten. Der Tunnelblick weitet sich und du kannst wieder mehr wahrnehmen. Das geht, das andere geht und das ganz andere geht auch noch. Was du bislang für nicht möglich gehalten hattest zeigt sich als Anfang eines neuen Weges. Wenn du wieder weich wirst, öffnest du den Raum für Wunder.

Es geht nur darum wieder weicher zu werden. Für einen Moment den Gedanken und die Idee zulassen. Stell dir vor, dass eine Stimme zu dir spricht mit der Einladung: „Du darfst wieder weicher werden. Entspanne dich in deinen Körper hinein. In deine Atmung hinein und bis in jede Zelle.“ Es ist so, als wenn dir jemand sagt: „Hast du schon gemerkt? Die Gefahr ist vorüber!“

Warum ist es wichtig, wieder weicher zu werden? Wenn wir uns entspannen, werden wir wieder lösungsfähiger. Der Körper muss nicht mehr angreifen oder weglaufen vor den Gefahren. Der Sauerstoff kommt wieder ins Hirn und meine Fähigkeit wächst, alles wieder klarer zu sehen.

Die Folgen des Virus werden jetzt erst in allen Ausmaßen spürbar und wir sind noch lange nicht am Ende. Krisen stellen das ganze Leben in Frage und nicht nur Teilbereiche. Klimawandel, unser Umgang mit den Ressourcen, die Stabilität unserer Demokratie, die Enttäuschungen über die traditionellen Kirchen, die chinesische Expansionspolitik, veränderte Virusmutanten, wirtschaftliche Auswirkungen…

Was geschieht in dir, wenn ich die Themen alle aufzähle? Spürst du Gefühle von Angst und Ärger. Merkst du, wie schnell es sich wieder in dir anspannt und verkrampft? Ich spüre das deutlich bei mir und kann mich aber auch wieder entspannen. Ja, das Leben zeigt gerade viele harte Seiten bis hinein in die Freundeskreise. Aber ich kann dem Ganzen etwas entgegensetzen. Ich mache das Harte wieder weich und lasse es fließen.

Ich empfehle dir die Übung aus der „EmoTrance“ von Dr. Silvia Hartmann. Wenn du eine Verhärtung in deinem Körper spürst aufgrund von Stress oder Ärger dann bearbeitest du das in drei Schritten. Berühre mit deiner Hand zunächst die Stelle im Körper, wo es diese Verhärtung gibt. Der erste Schritt heißt: „Es ist alles nur eine Information“. Du sagst dir selbst diesen Satz. Das ist die Grundwahrheit über alles, was existiert in dieser Welt. Es ist einfach eine Information, eine Energie, eine Welle oder ein Teilchen. Rein physikalisch und ohne Bewertung. Damit nimmst du die Wertung aus deinem System. Negative Bewertungen führen zu Härte und Stress. Der zweite Schritt heißt: „Ich mache es weich.“ Du hast die Fähigkeit, per Entschluss und mit deiner Vorstellungskraft, das Harte in dir wieder weich werden zu lassen. Du lässt es zu. Du lässt es geschehen. Du beobachtest die Stelle in deinem Körper. Du nimmst die Unterstützung durch die Wärme deiner Hand. Du machst es weich. Der dritte Schritt heißt: „Ich lasse es fließen.“ Beobachte, wie das Harte in deinem Körper weich wird und ins Fließen kommt. Es fließt zu einer anderen Stelle in deinen Körper und die Starre hört auf. Diese drei Schritte wieder holst du in meditativer Weise, bis die Härte aus deinem Körper hinausgeflossen ist. Damit zeigst du, dass du Einfluss nehmen kannst auf deine Gedanken und auf deinen Körper. Du gestaltest es, wie du dich fühlst und wie du deinem Leben wieder eine Form gibst, die menschenfreundlicher ist. „Alles ist nur eine Information. Ich mache es weich. Ich lasse es fließen.“

Wenn etwas weich wird, kann es wieder ins Fließen kommen und darf sich weiterentwickeln. Mir kommt noch ein wichtiger ergänzender Aspekt im Umgang von Härte und Weichheit. Wenn ich meine Errungenschaften, Werte, Normen, Beziehungen und Ressourcen unbedingt mit aller Macht nicht verlieren möchte, werde ich hart und starr.  Wenn ich in der Lage bin, das alles loszulassen, kann wieder etwas in Bewegung kommen. Ich denke also, dass wir gerne vieles festhalten möchten, was wir eigentlich loslassen müssten. Den übergroßen materiellen Wohlstand, die totale Sicherheit, die Illusionen von Stabilität und Kontrolle. Wer loslässt hat wieder Energie frei für das Neue. Das Leben zwingt uns alle zu mehr Flexibilität. Ich kann das mögen oder auch nicht. Im Augenblick kann da wohl niemand aussteigen. Wenn du damit einverstanden bist, wächst dein Freiraum und es darf wieder weicher werden.  

 

Mittwoch, 1. September 2021

Das Grün der Wiesen erfreue deine Augen, das Blau des Himmels überstrahle deinen Kummer, die Sanftheit der kommenden Nacht mache alle dunklen Gedanken unsichtbar. (Irischer Segen)


Wie gehst du mit Kummer und mit dunklen Gedanken um? Wo wohnen sie in deinem Körper? Spüre dem einmal nach. Vielleicht sitzt der Kummer im Herzen und die dunklen Gedanken im Kopf? Vielleicht sitzen sie da und strahlen auf deinen ganzen Körper aus. Du spürst die Schwere in den Gliedern. Du entwickelst einen Tunnelblick. Du nimmst nicht mehr wahr, was um dich herum geschieht.
Kummer und dunkle Gedanken sind wirklich schwer zu ertragen. Die dunklen Gedanken kommen oft als ein Grübeln daher. Hier eine Schleife, daraus eine neue Schleife... Du gehst von Schleife zu Schleife und... dann fängst du wieder von vorne an. Die dunklen Gedanken lieben die Worte: Hätte, Sollte, Müsste. Der Kummer liebt den tiefen Seufzer und die Ohs und Ahs.
Die bedrückende Nachricht heißt: Kummer und dunkle Gedanken gehören zum Menschsein dazu. Sei dankbar, wenn du davon nicht zu viel hast. Aber sie sind und bleiben ein Teil von dir.
Der irische Vers leugnet das auch nicht. Er schenkt dir jedoch eine Ergänzung. Wenn du schon Kummer hast, dann möge das Blau des Himmels ihn überstrahlen. Im Lichte des blauen Himmels bekommt der dunkle Kummer eine andere Färbung. Und wenn deine Sorgen dich gefangen halten richte deine Augen auf das Grün der Wiesen.
Dieser Aspekt ist interessant! Der irische Segen schlägt uns eine Art Farbtherapie vor. Im Grün des Lebens und im Blau der Beruhigung findet dein Kummer Trost. Am Tag mag das noch gehen. Der größte Verbündete von kummervollen Gedanken ist jedoch die Nacht. Ich kenne so viele Menschen, die sich tagsüber gut ablenken können, aber beim Einschlafen fangen die Gedanken an zu kreisen. „Die Sanftheit der kommenden Nacht mache alle dunklen Gedanken unsichtbar.“
Auf dem ersten Blick erscheint dir die Nacht wie ein Feind. Er verstärkt die dunklen Bilder und angsteinflößenden Gedanken. Mir gefällt es, das Bild der Nacht zu verändern. Die Nacht kann sehr sanft sein. Als Kind bist du unter die dunkle Decke gekrochen und hast dich versteckt wie in eine Höhle. Ich lege mich also schlafen und entwickle das Bild einer bergenden Höhle. Wenn dann die Gedanken kommen sage ich ihnen: „Ich kann euch nicht sehen, es ist ja dunkel! Erst morgen im Licht des neuen Tages kann ich mich wieder mit euch beschäftigen. Macht es wie ich und legt euch schlafen. Gute Nacht!“
Erinnerst du dich an die schöne Familienserie von den „Waltons“? Zum 
Schluss einer jeden Episode gab es einen kurzen Dialog quer durch alle Schlafzimmer. Das war ein sehr hilfreiches Ritual den Tag abzuschließen. Jeder sagt seinen letzten Gedanken und vergewissert sich, dass alle Familienmitglieder da sind. Dann lassen alle ihre Gedanken los und Stille kehrt ein. Wünsche also deinem Kummer eine gute Nacht und versprich ihm, dass du dich am nächsten Tag wieder darum kümmerst.