Samstag, 22. März 2014

Geh deinen Weg - der Irischer Segen und seine Deutung




Geh deinen Weg
Irischer Segen aus dem Jahre 1692, auch für das neue Jahr
Geh deinen Weg ruhig - mitten in Lärm und Hast,
und wisse, welchen Frieden die Stille schenken mag.
Steh mit allen auf gutem Fuße, wenn es geht,
aber gib dich selber nicht auf dabei.
Sage deine Wahrheit immer ruhig und klar
und hör die anderen auch an,
selbst die Unwissenden, Dummen - sie haben auch ihre Geschichte.
Laute und zänkische Menschen meide.
Sie sind eine Plage für dein Gemüt.
Wenn du dich selbst mit anderen vergleichen willst,
wisse, dass Eitelkeit und Bitterkeit dich erwarten.
Denn es wird immer größere und geringere Menschen geben als dich.
Freu dich an deinen Erfolgen und Plänen.
Strebe wohl danach weiterzukommen, doch bleibe bescheiden.
Das ist ein guter Besitz im wechselnden Glück des Lebens.
Übe dich in Vorsicht bei deinen Geschäften.
Die Welt ist voll Tricks und Betrug.
Aber werde nicht blind für das, was dir an Tugend begegnet.
Sei du selber - vor allem:
heuchle keine Zuneigung, wo du sie nicht spürst.
Doch denke nicht verächtlich von der Liebe, wo sie sich wieder regt.
Sie erfährt so viel Entzauberung, erträgt so viel Dürre
und wächst doch voller Ausdauer, immer neu, wie das Gras.
Nimm den Ratschluss deiner Jahre mit Freundlichkeit an.
Und gib deine Jugend mit Anmut zurück, wenn sie endet.
Pflege die Kräfte deines Gemüts,
damit es dich schützen kann, wenn Unglück dich trifft,
aber überfordere dich nicht durch Wunschträume.
Viele Ängste entstehen durch Enttäuschung und Verlorenheit.
Erwarte eine heilsame Selbstbeherrschung von dir.
Im Übrigen aber sei freundlich und sanft zu dir selbst.
Du bist ein Kind der Schöpfung,
nicht weniger wie die Bäume und Sterne es sind.
Du hast ein Recht darauf, hier zu sein.
Und ob du es merkst oder nicht -
ohne Zweifel entfaltet sich die Schöpfung so, wie sie es soll.
Lebe in Frieden mit Gott, wie du ihn jetzt für dich begreifst.
Und was auch immer deine Mühen und Träume sind
in der lärmenden Verwirrung des Lebens -
halte Frieden mit deiner eigenen Seele.
Mit all ihrem Trug, ihrer Plackerei und ihren zerronnenen Träumen -
die Welt ist immer noch schön!

gefunden bei Hermann Multhaupt

Dieser irische Segen ist voller Weisheit und Poesie. Er regt an, sein ganzes Leben noch einmal gedanklich zu entfalten. Vers für Vers wird ein Licht geworfen auf menschliche Gewohnheiten, Stärken, Abgründe und Hinweise zur spirituellen Weiterentwicklung. So lohnt es sich, Vers für Vers gleichsam durchzukauen und nach der je eigenen Bedeutung zu befragen. Letztlich geht es darum, sein Leben besser zu verstehen, es gelassener annehmen zu können und wieder an sich zu glauben. Dazu mögen die folgenden Erläuterungen dienen.

"Geh deinen Weg ruhig - mitten in Lärm und Hast, und wisse, welchen Frieden die Stille schenken mag."
Schon 1692 empfanden die Menschen Lärm und Hast. Aus unserer Sicht war das Leben damals doch langsam und beschaulich. Der Eindruck von Hektik hängt nicht von Terminen, Computern und Autoverkehr ab, sondern von der inneren Einstellung. Wir entwickeln ein Gefühl für das, was uns antreibt.
Es gibt die Empfehlung, immer wieder einmal am Tag Zeiten und Orte der Ruhe und des Auftankens zu suchen. Das Sofa im Wohnzimmer, der Platz im Garten, die Ecke in einer Kirche, eine Parkbank oder ein Waldweg laden dich ein, zur Ruhe zu kommen und deine Mitte zu finden. Die Gefahr besteht, sich im Außen zu verlieren. Was muss ich noch tun und erledigen? Was möchte dieser und jener von mir? So lande ich schnell beim anderen und verlasse meine Mitte. An einem ruhigen und stillen Ort in deiner erreichbaren Umgebung kannst du dich einüben, den inneren ruhigen Ort zu finden. Manche finden diesen Raum in der Herzgegend, manche auch im Bauch. Dein Herz trägst du immer mit dir herum. Wenn du die Ruhe im Herzen findest, kannst du an einer belebten Straße stehen und bist dennoch gelassen und ruhst in dir. Wenn du in deiner Mitte ruhst, ist das Frieden. Es gibt nichts zu kämpfen und keine Anforderungen. Geh deinen Weg ruhig - mitten in Lärm und Hast, und wisse, welchen Frieden die Stille schenken mag.


"Steh mit allen auf gutem Fuße, wenn es geht, aber gib dich selber nicht auf dabei."
Mir gefällt die Vorstellung, dass es möglich ist, mit allen Menschen auf der Welt "auf gutem Fuße" zu stehen. Das macht deutlich, dass wir alle gleichwertig Schwestern und Brüder sind. Jeder hat seine Stärken und seine Schwächen. In einer Stadt dürfen alle, die da wohnen, da sein. Ich bin ein Teil meiner Stadt und ich gehöre dazu. Egal, wohin ich im öffentlichen Raum auftauche: Ich darf da sein und mein Gegenüber auch. Grundsätzlich darf ich positiv und offen eingestellt sein allen Menschen gegenüber und zunächst das Gute von Jedem denken. Welch eine Weite!
Mit allen Menschen auf gutem Fuße stehen mit einer kleinen Einschränkung. Die heißt: "wenn es geht". Ich muss nicht mit allen Menschen mich verbrüdern und verschwestern. Ich darf mit meinen eigenen Schattenseiten schauen, ob es für geht, mit meinem Gegenüber in ein gutes Einvernehmen zu kommen. Ich darf ihn als Bruder oder sie als Schwester sehen, muss es aber nicht. Das gibt mir Freiheit und Freiraum.
Auch, wenn ich im Anderen einen Bruder oder eine Schwester sehe, bleibe ich "Ich". Ich darf mich nicht aufgeben. Das heißt, es ist wichtig, immer ein gutes Gefühl für sich selbst zu behalten. Manche Menschen sind erst glücklich, wenn alle anderen im Raum glücklich sind. Doch wenn du selber unglücklich bist, kannst du nicht für das Glück der anderen sorgen. Für andere Menschen da sein kannst du nur mit dem, was zu dir gehört und was Dein ist.
Jetzt formuliere ich den Segensvers noch einmal für mich um. Sei mit allen Menschen in einer guten Verbindung im Rahmen deiner Möglichkeiten und habe dabei gut deine eigenen Bedürfnisse und Wünsche im Blick.

"Sage deine Wahrheit immer ruhig und klar und hör die anderen auch an, selbst die Unwissenden, Dummen - sie haben auch ihre Geschichte."
Der Vers macht deutlich, dass jeder von uns wirklich "seine" eigen "Wahrheit" und Sicht auf die Wirklichkeit hat. Es gibt nicht "die" Wahrheit an sich, die für jeden und für alles gültig ist. Die Wahrheit hängt immer von der Erfahrung des Betrachtenden ab.
Manchmal sind wir aufgeregt, weil etwas geschehen ist, dass das Leben durcheinanderwirft. Irgendjemand hat etwas angestellt. Oder du musst eine schlechte Nachricht überbringen. Du bist mit einem Ergebnis deiner Arbeit unzufrieden. Du musst deiner Familie sagen, dass dein Gehalt gekürzt wurde oder dass der Urlaub ausfällt oder jemand krank geworden ist.  Oder du liegst mit jemandem im Konflikt.
Wenn wir dabei innerlich aufgeregt und außer uns sind, die Mitte verloren haben, fällt es schwer, ruhig und klar in seiner Wahrheit und Wahrhaftigkeit zu bleiben. Je gelassener du in einer Situation bist, desto klarer wird auch deine Einschätzung. Oft sagen wir bei einer Aufregung ja auch: jetzt atme mal durch und komm zur Ruhe! In ein paar Stunden sieht die Geschichte schon anders aus. Gut, wenn du dazu in der Lage bist, wieder zur Ruhe zu kommen.
Besonders in Konflikten ist es wichtig, seine Position in Ruhe und Klarheit zu äußern. Weder schweigen, noch herumschreien. Sich in eine solche Haltung zu begeben ist wirklich eine  Lebenskunst. In einem Konflikt kannst du dir vor Augen halten, dass deine Wahrheit eben nur "deine" Wahrheit ist. Das beteiligte Gegenüber erzählt auch eine Wahrheit, eben "seine" Wahrheit. Wenn du innerlich gelassen bleibst und in dir ruhst, wirst du auch die Wahrheit des anderen gerne hören und ertragen können. Vielleicht ergibt sich aus deiner Wahrheit und die Wahrheit des anderen im Konflikt eine gemeinsame neue Lösung, die beide Wahrheiten berücksichtigt.
Der irische Segen geht sogar noch einen Schritt weiter. Sogar die Dummen und Unwissenden haben ihre Geschichte und somit ihre Weisheit und eine wertvolle Sicht auf die Dinge. Eine scheinbar "dumme" Frage in einem Konflikt birgt so manches Mal den Ansatz zur Lösung.
Jeder Mensch, ob scheinbar dumm oder scheinbar schlau trägt zum Leben, zur Lösung von Konflikten und zur Bewältigung von Aufgaben bei. Ob in der Familie oder am Arbeitsplatz: es könnte sich als heilsam erweisen bei jedem für einen Augenblick zu verweilen und Danke zu sagen.

"Laute und zänkische Menschen meide. Sie sind eine Plage für dein Gemüt."
Für manche ist es verlockend, im Kreis der Kritiker zu sitzen. Überall, wo es Menschen gibt, gibt es in der Regel auch die Kreise der so genannten "Kritiker". Sie glauben in der Regel zu wissen, wie es besser geht und was die anderen alles falsch machen. Allein das Zuhören ist eine Plage für dein Gemüt. Gehen wir dem Gedanken mal ein wenig nach.
Wo finden sich diese lauten und zänkischen Menschen eigentlich in der Gesellschaft? Du findest sie bei den Kommentatoren in der Zeitung, als Gäste bei den Talkshows im Fernsehen, manchmal in der politischen Opposition oder auf den Hinterbänken. Sie mauscheln in den letzten Kirchenbänken und treffen sich auf dem Marktplatz mit den Worten: "Hast du schon gehört?!" Sie ergötzen sich an den Skandalnachrichten im Katastrophenfernsehen und sind die eifrigsten Aufrechterhalter eines Zeitunglebens, das von den "bad news" lebt. Woran erkennst du solche Kreise?
Der irische Segen sagt es klar und deutlich: Sie sind laut und zänkisch! Laute und zänkische Menschen sind durchaus verführerisch. Sie sprechen aus, was dir selber am Herzen liegt. Sie bringen den Ärger ins Wort, der in jedem von uns wohnt. Die "zänkischen" Menschen erhöhen ihre Zuhörerkreise, indem sie in Resonanz gehen zu dem Ärger in deinem Herzen über erlittenes Unrecht oder Kränkung.
Wenn du diesen lauten Menschen zuhörst kommt es manchmal zu einer ersten Erleichterung: "Endlich sagt jemand mal die Wahrheit! Ja, so ist es! Die sollte man endlich mal bestrafen! ..." Wenn du im Kontakt mit den zänkischen Kreisen deinem Herzen mal Luft verschafft hast folgt anschließend die Ernüchterung. Es ändert sich nichts! Alles bleibt, wie es ist! Vieles wird zerstört. Menschen werden vernichtet und es bleiben Ruinen und Kränkungen übrig. Wer sich in zänkischen Kreisen bewegt, muss mit den Folgen für die eigene Psyche rechnen. Was folgt daraus?
Wenn du laute und zänkische Menschen meidest (wozu du mit Sicherheit nicht gehörst! Und ich auch nicht!) tust du etwas für deine Psychohygiene. Du stärkst dein Gemüt! Bewahre dir den inneren Seelenfrieden und die Balance in deinem Herzen.
Deine erlebten Kränkungen sind der größte Nährboden für zänkische Kreise. Wenn du darauf achtest, niemanden zu kränken und zu beleidigen; wenn du im Gegenteil alle anderen hoch achtest, dann schaffst du einen fruchtbaren Boden, auf dem Zank wenig wachsen kann.

"Wenn du dich selbst mit anderen vergleichen willst, wisse, dass Eitelkeit und Bitterkeit dich erwarten. Denn es wird immer größere und geringere Menschen geben als dich."
Das gehört wohl als Grundkonstante zu uns Menschen dazu: Wir vergleichen! Du hast Geschwister und beobachtest, wie deine Eltern sich verhalten. Lieben sie deinen Bruder oder deine Schwester mehr als dich? Wer bekommt welche Geschenke in welchem Wert zu Weihnachten oder zum Geburtstag? Du rechnest den materiellen Wert eines Geschenkes in Liebe um und vergleichst.
Du wohnst neben deinem Nachbarn, der eine besser bezahlte Arbeit hat und eine größere Wohnung sein Eigen nennt. Er fährt einen größeren Wagen und fliegt zu exklusiveren Urlaubszielen. Und zur Steigerung der Ungerechtigkeit gehen seine Kinder auf das Gymnasium und deine in die Realschule. Du kommst zu der Erkenntnis, dass dein Nachbar sich glücklich preisen kann und du vom Pech verfolgt wirst.
Manchmal macht das Vergleichen ja durchaus Sinn, wenn du z.B. die Preise für Konsumgüter gegenüberstellst und dich für das günstigste Angebot entscheidest. In unserem heutigen Vers geht es jedoch um dein Leben und wie du dich vergleichst mit anderen Menschen. Du fängst dann an zu werten, zu "be-"werten, du urteilst und "ver"-urteist. Es ergibt sich ein Oben und ein Unten. Du bist im dualen Denken verhaftet. Das führt zur Eitelkeit bei den "Gewinnern" und zur "Bitterkeit" bei den Verlierern. Eitelkeit und Bitterkeit führen dich weg von dir selbst. Stell dir vor: Dein Nachbar hat weniger Brot zu essen als du. Dir wird bewusst, dass du reicher bist als er und du bist stolz und denkst an dein Geld. Dann kann es geschehen, dass du das Brot nicht mehr genießen kannst, sondern du "genießt" stattdessen den größeren "Reichtum" oder deinen "Stolz". Der Bezug zu den Dingen wie Brot geht dir verloren. Das Brot verliert seinen Wert, seinen Geschmack und am Ende verliert das ganze Leben seine Freude. Du brauchst dann immer einen armen Nachbarn, an dem du dich hochziehen kannst. Der Reiche wird vom Armen abhängig, weil er den Vergleich braucht.
Der Mensch, der wenig Brot hat, aber neidisch auf den Reichen mit viel Brot schaut, wird sein Brot auch nicht genießen können. Er lebt in der Phantasievorstellung, dass das Brot des Reichen besser schmeckt. Je länger er in diesem Gedanken verweilt, desto bitterer wird das Brot schmecken.
Der irische Segensvers lädt dich ein, grundsätzlich aus dem Vergleichen auszusteigen. Nimm es als gegeben hin, dass alle Menschen unterschiedlich sind. Das war so, ist so und wird immer so bleiben. Solange es Menschen gibt, werden die Güter der Welt unterschiedlich aufgeteilt sein. Du könntest dieser Tatsache einfach ein wenig gleichmütig gegenübertreten. Das entlastet dich und führt dich aus dem missionarischen Eifer heraus, den so manchen "Sozialpolitiker" im Umgang schwer erträglich macht. Ich glaube, dass du erst mit einer inneren Gelassenheit und persönlicher Dankbarkeit ein guter und gerechter "Verteiler" wirst, weil du keine Angst mehr hast, übervorteilt zu werden.
Ein weiser Pfarrer gab damals uns jungen Kaplänen einen wertvollen Hinweis: "So gut, wie die Leute sagen, dass du bist, bist du nicht! Aber so schlecht, wie die Leute sagen, dass du bist, bist du auch nicht!"
Als Zusammenfassung bleibt: Höre auf dich zu vergleichen. Du bist in Ordnung, so wie du bist.

„Freue dich an deinen Erfolgen und Plänen. Strebe wohl danach weiterzukommen, doch bleibe bescheiden. Das ist ein guter Besitz im wechselnden Glück des Lebens.“
Es gibt eine klare Option am heutigen Tag. An erster Stelle steht: Freue dich! Das ist eine klare Absage an jegliches Kleinreden und falscher Bescheidenheit. Wir sollten dem Leben grundsätzlich positiv gegenüber stehen. Wir haben Fähigkeiten, Begabungen und Ressourcen. Die Welt ist ein Geschenk und eine Gabe an uns. Wir dürfen uns auf dieser "Spielwiese" austoben, sie erkunden und gestalten. Die Einladung aus dem Vers lautet: Gestalte dein Leben! Entwickle dich und erfreue dich an all deinen Plänen und Erfolgen. Koste dein Leben aus!
Daneben gibt es eine weitere Erkenntnis oder eine Voraussetzung, unter der die "Erfolgsprämisse" steht. Das Glück des Lebens ist wechselhaft. Nicht alle deine Pläne werden sich verwirklichen lassen. Es kann durchaus Rückschläge geben. Wer etwas wagt und sein Leben einsetzt, der wird erleben, dass auch einmal etwas nicht so gelingt. Das Kind, das Laufen lernt, wird unweigerlich fallen. Das gehört zum Laufen lernen dazu.
Eingebettet im Satz "zwischen der Freude am Erfolg" und dem "wechselnden Glück des Lebens" steht die Haltung der Bescheidenheit. Bescheidenheit mögen viele nicht so gerne. Wir kennen alle den Spruch: "Bescheidenheit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr."  Bescheidenheit kann leicht moralisch missverstanden werden. Ich habe einmal gelesen, dass bescheiden sein etwas zu tun hat mit dem "Unterscheidungsvermögen von Gut und Böse." Wer bescheiden ist, ist also in der Lage, den Unterschied zu sehen. Ein bescheidener Mensch kann Abstand zu sich selber einnehmen, sich von außen betrachten und seinen Handlungen eine abgewogene Einschätzung geben.
Wenn du erfolgreich deine Pläne umgesetzt hast, dann gestehst du dir ein: "Ja, ich bin dankbar, dass es geklappt hat. Es hätte auch anders sein können. Die Möglichkeit dafür war auch da. Jetzt hat alles gut funktioniert. Das ist jedoch keine Garantie, dass es morgen auch so sein wird. Und auch das ist völlig in Ordnung. Das gelungene Geschenk von heute nehme ich an. Was morgen kommt, sehe ich morgen!"

„Übe dich in Vorsicht bei deinen Geschäften. Die Welt ist voll Tricks und Betrug. Aber werde nicht blind für das, was dir an Tugend begegnet.“
Manche Menschen sind sehr gutgläubig. Das ist auch im Prinzip ganz sinnvoll. Wenn die Welt voller Misstrauen wäre, dann würden wir uns gegenseitig belauern und nichts käme zustande. Übe dich allerdings in Vorsicht bei deinen Geschäften. Vorsicht ist nicht gleich Misstrauen. Der Vers lädt uns ein, mit einer guten Portion Menschenkenntnis an unsere Aufgaben heranzugehen. Nicht jeder Mensch meint es gut mit dir. Wenn du darauf hereinfällst, dann liegt es auch an deinem Mangel an Sorgfalt und Vorsicht. Dennoch spricht der Vers sich gegen jedwede Form von Einseitigkeit aus. Wer zu vorsichtig ist, kann blind werden gegenüber dem, was es an Tugend in der Welt gibt.
Hinter diesem irischen Gedanken gibt es ein verborgenes Lebensprinzip. Das lautet "sowohl/als auch" im Unterschied zu "entweder/oder". Viele Menschen sind einseitig gestrickt in ihrer Meinung über das Leben. So hörst du Kommentare auf der Straße wie: "Die Welt ist schlecht!" "Wenn es drauf ankommt, denkt jeder doch nur an sich selbst." "Alle Politiker sind korrupt!" Entweder ist ein Mensch gut oder er ist schlecht. Manchmal werden Menschen verteufelt oder das Umgekehrte geschieht: Aus Menschen werden Götter gemacht. Irgendwann zeigen sie ihre Schattenseiten und werden vom Thron gestürzt.
Das andere Denkprinzip lautet: "sowohl/als auch". Kein Mensch ist nur verdorben und niemand ist perfekt in allen Dingen. Wir Menschen tragen alle Licht- und Schattenseiten in  uns.
Außerhalb des Raumes vom Prinzip "sowohl/als auch" liegt die Gefahr, blind zu werden für die Realität, so wie sie sich dir zeigt. Du wirst blind für den Schatten oder du wirst blind für die Tugend.
Die wahre Weisheit liegt darin, den Betrug ernst zu nehmen und sich an der Tugend zu erfreuen.

Sei du selber - vor allem: heuchle keine Zuneigung, wo du sie nicht spürst. Doch denke nicht verächtlich von der Liebe, wo sie sich wieder regt. Sie erfährt so viel Entzauberung, erträgt so viel Dürre und wächst doch voller Ausdauer, immer neu, wie das Gras.“
Sei in Übereinstimmung mit dir selber. Überprüfe, ob Kopf und Bauch die gleiche Botschaft sagen. Achte auf deine Seele und auf deine Gefühle. Suche die Mitte und die Balance. Der erste Teil des Verses hört sich so einfach an: Sei du selber!
Doch wer ist dieses "du"? Woher weiß ich, dass das "ich" bin und nicht die Stimme meines Vaters oder das Denken meiner Mutter? Wie bekomme ich mit, dass mein Denken und meine Gefühle zu mir gehören? Je konkreter wir uns die einzelnen Segensteile anschauen, desto mehr wissen wir, was gemeint ist.
Heuchle keine Zuneigung, wo du sie nicht spürst. Du kannst höflich und freundlich zu allen Menschen in der Welt sein weil alle Gottes Geschöpfe sind. Aber ob du Zuneigung empfindest ist eine andere Liga. Intuitiv wirst du genau spüren, ob dein Gegenüber "nur" höflich zu dir ist, oder ob er dich mag. Und umgekehrt wirst du auch wissen, ob dein Herz zum Herz des anderen spricht.
Warum jedoch besteht die Gefahr, dass wir gering von der Liebe denken könnten? Stell dir einmal vor, du begegnest einem Menschen, der dir Zuneigung heuchelt. Du merkst es nicht und du öffnest auch dein Herz. Dann kommt auf einmal das große Erwachen. Du bittest um Hilfe und Unterstützung und erfährst eine Abweisung und eine Abfuhr. Du hast geglaubt, dass dein Gegenüber aus Zuneigung und Liebe dich unterstützen wird und erlebst eine tiefe Kränkung. Einmal magst du es verschmerzen. Aber wenn dir das öfter widerfährt wirst du anfangen, allen Menschen gegenüber misstrauisch zu sein. Heuchelt der andere nur oder ist er mir wirklich gut gesonnen?
Der irische Vers meint, es wäre schade um die Liebe, wenn du sie nicht mehr erfährst und lebst. Wenn du aufgrund von Enttäuschung dich der Liebe verschließt, dann entgeht dir die Quelle des Lebens und der Freude. Die Liebe ist unglaublich. Sie kann Jahre verdorren und plötzlich wieder lebendig werden. Sie kann kurzatmig aber viel mehr noch ausdauernd sein. Die Liebe überrascht uns immer wieder. Sie ist wie ein Elixier, das unserem Leben Farbe gibt. Im Winter erscheint das Gras leblos und grau. Dann kommt der Frühling und ohne Vorankündigung wächst und blüht es wie die Liebe in Hülle und Fülle. Und wenn du "du selber bist", wirst du das merken und dein Bewusstsein für die Fülle in dir entfaltet sich.

„Nimm den Ratschluss deiner Jahre mit Freundlichkeit an. Und gib deine Jugend mit Anmut zurück, wenn sie endet.“
Nimm dich an, so wie du bist. So könnte ein erster Grundsatz lauten. Die Ergänzung hieße: Nimm dich mit jedem Lebensalter an, so wie du bist. Im Angesicht unseres zeitlich begrenzten Lebens können sich die Sichtweisen auf das Leben noch einmal deutlich verschieben.
Mit zwanzig Jahren hast du das Gefühl, dass dein ganzes Leben noch vor dir liegt. Aus Tausenden von Möglichkeiten kannst du wählen und immer wieder völlig neue Erfahrungen machen. Wenn du dich heute entscheidest und dich irrst, kannst du am nächsten Tag dich um entscheiden und hast kaum Zeit verloren. Wenn du alt geworden bist, schränken sich die Möglichkeiten ein. Du siehst die kleiner werdende Lebensspanne vor dir und fragst dich, ob diese oder jene Abzweigung für sich dich noch lohnt.
Jetzt stell dir vor, dass du dich in deiner Jugend für einen bestimmten Beruf entschieden hast. Später auch für eine Liebe. Du feierst deinen 65igsten Geburtstag und blickst auf den langen Weg zurück. Jetzt kannst du trauern über alle verpassten Möglichkeiten und Wege. Von den Tausenden hast du wirklich nur wenige ausgewählt.
Vor dir liegt jetzt das Paket der Erfahrungen und Erlebnisse, für die du dich entschieden und die du umgesetzt hast. Der irische Segensspruch lädt dich ein, dieses Paket in die Hände zu nehmen und freundlich zu betrachten. Ja, das ist dein Paket. Es ist nicht wenig, es ist dein "Erfahrungsschatz". Du hast deine Bestimmung erfüllt. Dafür kannst du dir Anerkennung aussprechen.
Du sagst Dank für die erworbene Weisheit und machst dann den nächsten Schritt, der voller Größe und Würde ist. Du gibst deinem Schöpfer die Jugend mit Anmut zurück. Du bist nicht verbittert. Du haderst nicht mit den verpassten Gelegenheiten. Du siehst auf deine schwieligen Hände und schaust im Spiegel auf dein faltiges Gesicht. Du lächelst dir freundlich zu und lässt in Gedanken den "Jugendwahn" los. Du hast es nicht nötig, da noch mitzumachen.

„Pflege die Kräfte deines Gemüts, damit es dich schützen kann, wenn Unglück dich trifft, aber überfordere dich nicht durch Wunschträume. Viele Ängste entstehen durch Enttäuschung und Verlorenheit.“
Übersetzt könnte man sagen: Betreibe Psychohygiene! Gestalte dein Leben nach wohlwollenden inneren Grundsätzen. Führe ein bewusstes und erwachsenes Leben! Unser Gemüt kann sich als sehr labil oder störanfällig erweisen, wenn wir es nicht gut kennen. Traumatische Kindheitserlebnisse können zu jeder Zeit wieder aktiv werden.
Wenn du nicht innerlich vorbereitet bist, kann ein Unglück dich völlig aus der Bahn werfen. Früher wurde Weisheit gerne in Sprichwörtern weitergegeben. Diese "Weisheitswörter" waren die Mittel der damaligen "Psychotherapie". Dazu gehören Sätze wie: "Spare in der Zeit, dann hast du in der Not." "Geh frisch ans Werk und geh früh, so hast du schon halb gewonnen." -  "Alter schützt vor Torheit nicht."
Jeder Mensch sammelt im Laufe des Lebens seine eigenen Weisheiten und versucht, mit Hilfe dieser  Erkenntnisse sein Leben zu gestalten. Zugleich kennt dieser irische Weisheitsvers noch eine Nuance. "Pflege die Kräfte", das heißt, werde dir deiner Ressourcen, Fähigkeiten und Begabungen bewusst. Entdecke, was in dir steckt! Wenn du deine Fähigkeiten entdeckt hast, geh sorgsam mit ihnen um. Entwickle sie, bau sie aus, gestalte sie und lass sie nicht brach liegen. Es wäre zu schade, wenn du dein Leben nicht lebst!
Neben den vorhandenen Ressourcen im Inneren gibt es jedoch auch die "Wunschträume". Du lebst in Illusionen von "Das könnte ich auch!" - "Das wäre toll, wenn ich die Möglichkeiten zusätzlich hätte..." Es geschieht so leicht, dass wir in Tagträume abdriften und "hätten", "sollten" und "müssten" zu den Lieblingsworten zählen. Du bist der du bist und es besteht keine Notwendigkeit, mehr zu sein. Aber auch nicht weniger! 
Interessant ist die Vorstellung, den eigenen Ängsten auf die Spur zu kommen. Manche entstehen eben durch Enttäuschung und Verlorenheit. Wenn du in der Täuschung lebst, weil du nicht das machst, was dir entspricht, musst du vielleicht unsanft aufwachen. Du hast dich getäuscht, das gehört nicht zu dir. Wenn du auf einmal aus deinen Tagträumen aufwachst stellst du fest: Es ist niemand mehr bei dir. Du bleibst allein zurück. Das Glück findet auf einem anderen Acker statt.
Die Kräfte des Gemütes zu pflegen ist ein probates Mittel zur Vorbeugung vor Enttäuschungen. Wirklich weise!

„Erwarte eine heilsame Selbstbeherrschung von dir. Im Übrigen aber sei freundlich und sanft zu dir selbst.“
Den ersten Satz muss ich erst einmal kauen. Da bist du innerlich erregt. Du ärgerst dich. Du kannst nicht mehr an dich halten und es platzt aus dir heraus. Der Frust. Der Ärger. Die Kränkung. Die Verletzung. Deine Bedürfnisse wurden nicht wahrgenommen. Dann kommt jemand zu dir und sagt dir: "Beherrschen Sie sich mal!" Das hörst du nicht gerne, denn du bist ja noch mitten drin in deiner Kränkung. Vielleicht wünscht man es sich für so manche Choleriker, die allzu schnell ausrasten, dass sie ihre Toleranzschwelle ein wenig ausdehnen.
Dennoch, das mit der Selbstbeherrschung ist nicht so einfach. Vor allem, wenn es um das "Herrschen" geht. Beim Herrschen gibt es immer ein Oben und ein Unten, ein Befehlen und ein Gehorchen. Auch das "Selbst" zu "beherrschen" halte ich eher für eine Verwechslung mit dem "Ego". Das "Selbst" in uns können wir gar nicht beherrschen. Es ist das ewig in uns Angelegte, die Seele. Es ist der Teil, der immer mit uns wohlwollend ist. Im "Selbst" sind wir am intensivsten mit uns und mit Gott verbunden. Wahrscheinlich jedoch meint der irische Segensvers das "Ego" in uns. Es ist die Instanz, die schnell gekränkt ist. Da sind unsere verschiedenen Identitäten zu hause. Es will geschmeichelt werden und braucht seine Streicheleinheiten. Es unterstützt uns auf dem Weg, unser wahres Selbst zu finden, ist dabei aber ein wenig unberechenbar wie ein Kind.
Vielleicht könnten wir den Vers ein wenig "neudeuten". Wenn du auf der Egoschiene bist und nur dich selbst im Blick hast mit deinem Gekränkt sein, deinem Darstellungsdrang und deinem Selbstverwirklichungstrip, dann nimm das mal im Blick. Arbeite daran, dass alle deine Seiten sich heilend auf dich auswirken. Indem du die Veränderungen in dir erwartest, gibst du dich nicht einfach so geschlagen mit deinem Ego, sondern glaubst an deine persönliche Weiterentwicklung.
Aber auch die eigene Weiterentwicklung sollte nicht zwanghaft betrieben werden. Wie schnell geschieht es, dass du zum militanten Meditierer und übergrifflichen Missionar deiner Überzeugungen wirst. Das vermeidest du, indem du freundlich und sanft zu dir selbst bist. Hat dir schon mal jemand gesagt: "Sei nicht so streng mit dir selbst!" "Geh doch mal etwas barmherziger mit dir um!" Vielleicht hast du auch selber das Gefühl: "Ich bin nicht genug!" - "Ich bin nicht richtig!"
Mir gefällt die Vorstellung, sanft zu mir selbst zu sein. Du schaust von außen auf dich drauf mit einem wohlwollenden Lächeln. Du schaust dir zu und magst dich so, wie du bist. Du blickst auf dich mit einer mütterlichen oder väterlichen Haltung und streichelst das Kind in dir. Dein "höheres Selbst" sagt etwas zu dir und du "Kind" hörst die Stimme, die zu dir sagt: "Es ist alles gut mein Kind. Ich streichle deine Wangen und lade dich ein, dich einfach fallen zu lassen. Du bist geborgen und es gibt nichts zu tun."

„Du bist ein Kind der Schöpfung, nicht weniger als die Bäume und Sterne es sind. Du hast ein Recht darauf, hier zu sein. Und ob du es merkst oder nicht - ohne Zweifel entfaltet sich die Schöpfung so, wie sie es soll.“

In den ersten Versen des irischen Segens ging der Blick auf die Fragen, wie du dein Leben gut bewältigen kannst. Welche Einstellungen und Sichtweisen sind hilfreich? Wie gehst du mit dir und mit anderen Menschen um? Es gab Empfehlungen wie die innere Seelenruhe zu finden und allen zugewandt sein, ohne sich dabei selbst aus den Augen zu verlieren. Wir mögen zu unserer Wahrheit stehen, zänkische Lebensfelder meiden und aufhören, uns zu vergleichen mit anderen Menschen. Wir dürfen uns freuen über unsere Fähigkeiten, über die Liebe, die Vorzüge unseres jeweiligen Alters und über eine freundliche Einstellung uns selbst gegenüber.
Heute geht es um die Einbettung in das Große und Ganze. Du bist ein Kind der Schöpfung. Der Vers erinnert an die Aussage von Jesus im Lukasevangelium, dass wir ohne Sorge leben mögen. Gott liebt seine Schöpfung mit allen Blumen, Bäumen und Sternen. Und mitten darin lebst du. Wir werden erinnert an den "Urzustand" von uns Menschen. Da gab es Adam und Eva und das Paradies. Sie lebten in einem himmlischen Garten in der Liebe zu Gott, zur Schöpfung und zu sich selbst. Auch heute noch können wir uns entscheiden, ob die Erde ein Garten Eden oder die Hölle für uns ist.
Du kannst in dir das Bewusstsein zur Entfaltung bringen, was dieser Vers ausdrückt. Du hast ein Recht darauf, hier zu sein. Hier auf dieser Erde gibt es einen Platz für dich. Du musst nicht darum kämpfen und dir erstreiten. Vielleicht musst du schauen, wo dein Leben sich entfalten kann. Aber der Grundsatz wird nicht in Frage gestellt. Du schwingst dabei mit der ganzen Schöpfung. Alles geht seinen Weg. Alles entfaltet sich, wie es soll.
Kannst du mit dem Großen und Ganzen mitschwingen? Spürst du in dir das große "Wir“ der Schöpfung? Du bist ein unendlich wichtiger Teil in dem unendlich großen Kosmos. "Und ob du es merkst oder nicht" - auch dieser Nebensatz hat es in sich. Es kann sein, dass du die Entfaltung und das Leben der Schöpfung nicht siehst und nicht wahrnimmst, weil du in dir gefangen bist. Du bist beschäftigt mit deinen Ängsten und Kränkungen. Du hast deine Sorgen und Nöte im Blick. Um dich herum entfaltet sich das Leben und du fühlst dich ausgeschlossen. Aber nur, weil du es so fühlst! Sobald du deine Aufmerksamkeit auf das Große und Ganze richtest und dir sagen lässt, dass du dazugehörst, kann sich dein Leben wieder wandeln.
Die innere Haltung, die aus diesem Vers erwächst könnte lauten: "Du bist ein geliebter Teil dieser Schöpfung. Schwinge einfach mit!"

„Lebe in Frieden mit Gott, wie du ihn jetzt für dich begreifst. Und was auch immer deine Mühen und Träume sind in der lärmenden Verwirrung des Lebens - halte Frieden mit deiner eigenen Seele.“
Man könnte erwarten, dass in einem Segen Gott an erster Stelle genannt wird. Doch erst in diesem Vers wird das Wort "Gott" zum ersten Mal erwähnt. "Lebe in Frieden mit Gott". Dennoch war die göttliche Gegenwart in allen Teilen des Segens zu spüren. Du musst den Namen "Gott" nicht extra aussprechen, um sich seiner Gegenwart zu vergewissern. Wie leicht geschieht es, dass es "dein" Gott wird im Sinne deiner selbstgemachten Gedankenkonstruktionen. Oft stricken wir nämlich "Gott" nach unserem Vorstellungen und Lebenserfahrungen und verwechseln den Gedanken mit Gott selbst. Wir sagen zwar Gott aber meinen damit nur unseren "Gedanken über Gott".
Doch zurück zum Segensvers. Wir sollen in Frieden mit Gott leben und zwar so, wie wir ihn jetzt begreifen! Das impliziert eine Entwicklung. So, wie wir vor Jahren über Gott dachten, denken wir heute nicht mehr. So, wie wir ihn jetzt begreifen, werden wir ihn morgen nicht mehr begreifen. Das bringt mich auf den Gedanken, dass wir Gott nie im Verstand und nie in unseren Händen haben. Er bleibt unverfügbar. Vielleicht ist er gegenwärtig als ein geheimnisvolles Du und als ein Gegenüber. Vielleicht ist er aber auch ein "In-uns-Atmender" oder "Im-Herzen-Wohnender"? Egal, wie wir ihn sehen, denken, spüren oder wahrnehmen. Es ist gut für unser Seelenheil, damit im inneren Frieden zu sein.
Allzu oft hadern wir mit unserem Schicksal und machen Gott dafür verantwortlich. Warum erlebe ich dies und warum geht es mir so schlecht? Warum lässt du das zu? Eine befriedigende Antwort erhalten wir eh nicht. Das praktische Erlebnis eines wirklich "befriedeten" Herzens mag da hilfreicher sein. Den Frieden kannst du nämlich spüren und fühlen.
Des Weiteren weiß unser heutiger Segensvers gut Bescheid von den Mühen und Anstrengungen, mit denen sich jeder so rumplagt. Wenn du auf dein Leben zurückblickst und deinen Alltag wahrnimmst, kannst du schon den Eindruck gewinnen, dass es sich mühevoll, lärmend und verwirrend anfühlt. Die Vielfalt und die Eindrücke können dich leicht aus der Balance bringen. Deine Lebensträume verwirklichen sich leider nicht immer so, wie du es dir wünscht. Die Mühen der Arbeit sind in den Knochen spürbar. Du verlierst die Lust am Alltag und am Entdecken der neuen Möglichkeiten. Diese Erfahrungen gehören zum Menschsein dazu.
All das wird dich nicht wesentlich erschüttern, wenn du "im Frieden mit deiner Seele" bist. Wenn du ständigen Zugang zu ihr hast, wirst du ausgeglichen und "gleichmütig" einfach deinen Weg gehen. Es existiert in dir ein "magisches Duo", eine unerschütterliche Allianz. Die Mystiker aller Religionen und aller Zeiten wusste davon und strebten danach: Die Vereinigung der Seele mit Gott. Auch du bist ein Mystiker, mehr als du glaubst!

 „Mit all ihrem Trug, ihrer Plackerei und ihren zerronnen Träumen - die Welt ist immer noch schön!“
Ich erlebe es immer wieder: Nach einer Krise, manchmal nach Tagen und manchmal auch nach Wochen, klatsche ich in die Hände und spreche mir Mut zu. Ich stehe auf und sage mir: Das Leben geht weiter. Woher kommt auf einmal diese neue Kraft? Will ich die Resignation nicht mehr länger aushalten? Wächst mein unerschütterlicher Glaube dennoch wieder durch das Dickicht von Enttäuschungen?
Eine Krise kommt nicht von ungefähr! Sie kündigt sich lange an. Du arbeitest und lebst in Beziehungen. Alles empfindest du als richtig und stimmig. Und plötzlich ist irgendwo und irgendwie der Wurm drin. Die Arbeit schmeckt dir nicht mehr so richtig. Die Beziehungen empfindest du nicht mehr als so glücklich wie am Anfang. Die negativen Zeichen und die dumpfen Gefühle treten immer häufiger auf und werden immer stärker. Zugleich verdrängst du sie, weil du ja eigentlich ganz glücklich bist. Du hast ja eine Arbeit und Menschen, die dich eigentlich mögen. Aber eben in diesem Augenblick nur "Eigentlich". Neben dem "Eigentlich" wächst der Unmut, die Sorge, die Angst, der Ärger. Wenn du gut bist, bekommst du das rechtzeitig mit und korrigierst deine Schritte.
Wenn du nicht gut drauf bist schlitterst du in deine heilsame Krise. Es knallt und der Vulkan bricht aus. Plötzlich ist nichts mehr wie es vorher war. Das Chaos bricht aus.
So verlaufen in Kurzform in der Regel unsere Krisen. Unser irischer Segen kommt heute zu einem Schluss: "Mit all ihrem Trug, ihrer Plackerei und ihren zerronnen Träumen..." Es wird wahrgenommen, worin ein Teil des Lebens besteht. Die Iren zeigen hier wieder einmal ihre Fähigkeit, den Realitäten nicht auszuweichen, sondern den Trug, die Plackerei und die zerronnenen Träume wahrzunehmen, zuzulassen und damit zu leben. In eine Krise gerätst du vor allem dann, wenn du diese Realitäten ausblendest und wenn du dir dein Leben ständig schön redest. Solange wir in diesem Körper wohnen gibt es das Zusammenspiel von Freud und Leid. Es ist unvermeidbar. Die Erlebnisse kannst du nicht verhindern, aber du kannst entscheiden, wie du sie wahrnimmst und annimmst.
Unser Segen endet jedoch nicht mit den zerplatzten Träumen. Auch eine Lebenskrise mit dem Chaos wendet sich irgendwann. Eine "Dauerkrise" über Jahrzehnte hält kein Mensch aus. Du stirbst oder du packst das Leben wieder an. Der Segen endet mit der klaren Feststellung: "Das Leben ist immer noch schön!" Auch das ist eine Kunst! In Allem immer wieder die Schönheit zu sehen, trotz und mit allen Einschränkungen. Kann ich diese Kunst erlernen, die Schönheit zu sehen? Ja, das ist möglich! Du kannst dich dazu entscheiden, hier und jetzt "Ja" zum Leben zu sagen und einfach deinen Weg zu gehen.
Damit wären wir wieder beim Anfang des Segens angelangt. "Geh deinen Weg ruhig - mitten in Lärm und Hast, und wisse, welchen Frieden die Stille schenken mag." Du erlernst die Kunst des Lebens, indem du einfach gehst. Du nimmst wahr! Dir wird bewusst! Du akzeptierst! Du sagst Ja! Dein Herz wird weit! Du fühlst die Verbindung mit dem Ursprung und mit allem, was ist! Du bist!

1 Kommentar:

  1. Tu Dir etwas Gutes - lies diesen irischen Segen und diese Interpretation. Und wenn Du willst, mach Dir Dein eigenes Bild davon!

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