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Mittwoch, 12. Mai 2021

Alles was uns an anderen missfällt, kann uns zu besserer Selbsterkenntnis führen. (Carl Gustav Jung)

Mir gefällt nicht, wenn jemand schlecht über andere spricht. Ich fühle mich unwohl und da stockt etwas in mir. Da spricht eine Stimme im Hintergrund, die sagt: "Hör auf damit! Das ist nicht in Ordnung. Sprich nicht über andere wenn sie nicht dabei sind." Ich folge dieser Stimme aber nicht immer. Wenn sich viel Ärger in mir angesammelt hat dann wirkt das Lästern wie eine Reinigung. Ich spüle meinen Ärger hoch und werde ihn los. Aber immer verbunden mit einem schlechten Gefühl. So, als ob ich illegal Müll entsorge. Ärger loswerden ist gut, aber der Weg dahin?
Wenn mir ein anderer Mensch missfällt löst das etwas in mir aus. Ein Gefühl, einen Gedanken oder den Wunsch, jetzt unbedingt etwas zu tun. Ich trete in Resonanz. Beim "schlecht reden" trete ich in Resonanz. Bei anderen Themen überhaupt nicht. Manche regen sich auf, wenn sich im Kühlregal des Supermarktes noch abgelaufene Produkte befinden. Da bleibe ich völlig gelassen. Aber wehe, es drängelt sich jemand vor. Damit habe ich ein Thema. Wenn mein Gewissen mich nicht bremsen würde, würde ich mich selbst ständig vordrängeln. Warum nicht? Wenn du dich nicht vordrängelst am Buffet gehst du am Ende vielleicht leer aus. Du ärgerst zwar andere, hast aber auch Vorteile.
Wenn jemand anders sich vordrängelt dann sollst du mal miterleben wie ich mich ärgere. Ich gehe damit in Resonanz. Und das ist gut so! Ich lerne dadurch diese dunklen Seiten in mir kennen und werde damit konfrontiert. Ich spüre: "Ach, das bin ja ich!" Nicht der andere drängelt sich vor, sondern da ist jetzt dieses Ärgergefühl in mir. Es ist mein Thema, was da anschwingt.
Anstatt mich über den anderen zu ärgern und mein Missfallen zum Ausdruck zu bringen kann ich auch mal überprüfen, welches Bedürfnis ich da im Moment habe. Fühle ich mich übergangen? Nicht beachtet? Habe ich gerade vor etwas Angst? Wenn ich dem nachgehe, dann lerne ich mehr über mich kennen. Ich weiß mehr von mir und kann mich dafür entscheiden, diese dunkle Seite in mir zu bejahen.
Vielleicht werde ich mich dann nicht mehr so doll ärgern in Zukunft. Oder ich werde dem anderen gegenüber höflicher und gelassener sein. Oder auch entschieden, aber mit einem befriedeten Herzen. Wenn ich mich weiterentwickeln möchte, dann brauche ich dich. Und dich auch. Und dich auch. Ich brauche dafür ganz viele Menschen. Je mehr mir missfällt, desto mehr Möglichkeiten habe ich zur Vermehrung meiner Selbsterkenntnis. Vielen Dank Herr Jung für diese Erkenntnis.
www.matthias-koenning.de 

Dienstag, 11. Mai 2021

Alle Häuser würden nur Gräber sein, wären sie nicht für Gäste. (Khalil Gibran)


Ohne Gäste werden Häuser zu Gräbern! Das erschreckt mich. Mein Haus ein Grab, wenn es keine Gäste gibt?
Ich dekoriere die Räume. Ich stelle Blumen hin. Ich hänge Bilder an die Wand. Ich mache es mir gemütlich. Ich fühle mich wohl in meinen vier Wänden. Bei mir ist es doch schön und total wohlig. Und ohne Gäste wird mein Haus zu einem Grab?
Ich kann mich einrichten in meinen vier Wänden und dort warten, bis der Tod eintritt. Mein Haus wird zu einer Wartehalle des Todes. Es passiert nichts mehr! Manchmal ein neues Sofa! Die Blumen wechsel ich auch jede Woche. Ich wasche die Tischdecken und ich putze durch.
Aber im Wesentlichen ist alles im Haus geregelt. Und dadurch ist es vielleicht toter als ich dachte. "Khalil Gibran, du bist sehr streng. Du sprichst nicht einmal von einem Museum, sondern von einem Grab. Warum?" Lebendig wird etwas erst, wenn es zur Begegnung kommt. Gäste bringen Freude mit. Ihre Lebenserfahrungen. Ihr Interesse, ihre Aufmerksamkeit. Gäste bringen das Leben ins Haus.
Im letzten Urlaub war ich Gast in meinem Haus. Ich tat so, als sei es meine Ferienwohnung. Da "musste" ich auf einmal nichts mehr. Nichts reparieren, nichts putzen, nichts aufräumen. Nichts! Ich war Gast in meinem Haus. Es gehörte mir nicht mehr und ich musste kein Grab oder Museum hüten. Da kam auf einmal Leichtigkeit durch die Haustüre herein. In einer Ferienwohnung bleibe ich für eine begrenzte Zeit und breche wieder auf.  Meine "Heimat" ist woanders.
Alle Häuser würden nur Gräber sein, wären sie nicht für Gäste. So kommt mir das Leben in Deutschland oft vor. Wie ein großer Freiedhof. Gräber unter Gräbern. Magst du Gäste? Bist du gern zu Gast? Besuche mich doch mal, damit mein Haus nicht zu einem Grab wird!
www.matthias-koenning.de

Montag, 10. Mai 2021

Auch das glücklichste Leben ist nicht ohne ein gewisses Maß an Dunkelheit denkbar. Carl Gustav Jung

Wer ist glücklicher als du? Bist du selbst glücklich genug? Betrachtest du dein Leben wohlwollend und kannst feststellen, dass du sehr mit dir übereinstimmst? Dass du tief im inneren Frieden mit dir bist? Wie schön, wenn du das über dein Leben sagen kannst.
Ich kenne viele Menschen wo ich einen anderen Eindruck bekomme. Da gibt es immer so eine Spur von Mangel und Traurigkeit. Eine Sehnsucht und einen Wunsch nach einem glücklicheren Leben. Und interessanterweise finden sie viele Menschen, die glücklicher aussehen als sie selbst. "Ich hätte gerne das Leben meiner Freundin. Sie ist viel schöner als ich und sie lebt in einer wunderbaren Beziehung. Ihr Mann ist so zauberhaft. Und sie wohnen so außergewöhnlich schön in einer perfekten Umgebung. Das hätte ich auch gerne." Oder: "Wenn mein Arbeitgeber mich sehen würde in dem, was ich so kann, dann säße ich nicht hier. Ich bin zu höheren Aufgaben berufen. Und da sehe ich den Kollegen, der immer bevorzugt wird. Der hat so eine Ausstrahlung. Ist einfach ein Gewinnertyp. Der weiß gar nicht, wie Leiden geht. Und ich? Hocke seit Jahren hier und quäle mich durch das Leben."
C.G. Jung sagt, dass auch das glücklichste Leben nicht ohne ein gewisses Maß an Dunkelheit denkbar sei. Da denke ich an Menschen, die zu mir in die Beratung kommen und von ihrem Leid erzählen. Von außen betrachtet müssten sie die Glücklichsten aller Menschen sein. Wunderbarer Mann und wunderbare Frau. Ein wunderbares Haus und Supereinkommen. Zwei prächtig geratene Kinder und eine heile Nachbarschaft. Und das drücken sie auch nach außen hin aus. Wer zum Neid neigt, findet reichlich Futter.
Dann kommt in der Beratung heraus, dass es kaum noch Zärtlichkeiten gibt. Dass das Leben langweilig geworden ist im goldenen Käfig. Dass es allen an Selbstbewusstsein fehlt. Dass er oder sie nicht genug gewürdigt wird. Da sieht etwas aus wie Paradies und fühlt sich an wie die Hölle. Und von außen siehst du nichts.
Manchmal ist der Wunsch und die Umsetzung eines glücklichen Lebens sehr anstrengend. Du arbeitest intensiv daran, dass dir das Glück erhalten bleibt. Und in der Anstrengung merkst du gar nicht, wie sich das Glück davon gemacht hat. Alles nur noch Hülle. Wenn du aufhörst unbedingt glücklich sein zu müssen, könntest du es dir ein wenig leichter machen. Jeder braucht zum Leben ein Maß von Dunkelheit. Ohne diesen Teil hört deine Entwicklung auf. Es kommt darauf an, dass du diese Dunkelheit nicht negativ bewertest, dich dagegen auflehnst und mit aller Macht versuchst, dieser Dunkelheit in deinem Leben keinen Platz einzuräumen. C.G. Jung stellt ganz nüchtern fest: So ist das im Leben, es gibt kein glückliches Leben ohne ein gewisses Maß an Dunkelheit.
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Samstag, 8. Mai 2021

Die fünf Freiheiten nach Virginia Satir



Virginia Satir war eine wichtige systemische Familientherapeutin und lebte von 1916 - 1988. Sie hat wertvolle Impulse gesetzt für familäre Strukturen und sehr wertschätzend und ressourcenorientiert gedacht und gehandelt. Sehr bekannt geworden sind ihre "fünf Freiheiten", die ich gerne nach und nach erschließen möchte.

Die erste Freiheit: Die Freiheit zu sehen und zu hören was im Moment wirklich da ist, anstatt was sein sollte, gewesen ist oder erst sein wird. 

Mein Mann sollte mir besser zuhören können. Dann wäre das Leben viel schöner. Mein Kind sollte mehr aufräumen, dann wäre ich viel entspannter. Mein Arbeitgeber sollte sehen, was ich alles leiste, dann würde ich viel lieber arbeiten.
Oder: Früher war doch alles besser. Die Bahn war pünktlicher. Die Brötchen schmeckten frischer und waren günstiger. Die Milch kam noch von der Kuh. Ich war körperlich fit. Die Welt war einfach schöner. Die Leute hatten alle mehr Zeit.
Oder: Wenn ich in Rente gehe, dann werde ich mehr Zeit haben. Wenn meine Kinder groß sind, dann werde ich endlich tun können was ich immer schon tun wollte.
Du denkst oft mit den Worten: "sollte" du gehst in die "gute Vergangenheit" oder phantasierst dich in eine "bessere" Zukunft. Du machst das schon automatisch, ständig oder mehrmals am Tag. Du verlässt die Gegenwart und den Augenblick und merkst nicht, wie unfrei du dadurch wirst. Du wirst wie ein Sklave, der sich die Freiheit wünscht: Wenn ich erst einmal diese Fesseln los werde, dann wird alles anders! Pustekuchen!
Virginia Satir lädt dich ein zu einem ganz bestimmten Aspekt der Freiheit. Du entscheidest dich für das "sollte" "die tolle Vergangenheit", die "bessere Zukunft". Du trägst die Verantwortung dafür, wohin deine Phantasie, Sichtweise, dein Ohr und deine Gedanken gehen.
Und du hast die Freiheit, dich jetzt neu zu entscheiden! Du kannst dich dafür entscheiden und hast die Freiheit das zu sehen und zu hören, was im Moment wirklich da ist. Du musst dir nichts vormachen. Du brauchst nichts beschönigen. Du musst dir die Zukunft nicht toll vordenken. Bekommt das, was ist, jetzt von dir die Erlaubnis da zu sein?
Mein Mann kann nicht zuhören. Das ist so. Aber ich kann ihn immer wieder darauf hinweisen, dass er das jetzt in diesem Augenblick tun kann. Mein Kind ist kein Aufräumer. Das ist einfach so. Und mein Kind ist trotzdem in Ordnung. Die Welt wird nicht untergehen, wenn es nicht aufräumt und es bleibt mein Kind. Mein Arbeitgeber ist blind für die Leistungen der Angestellten. Das ist einfach so! Aber ich kann für mich würdigen, was ich leiste. Und ich leiste was! Und das fühlt sich stark an! Egal, ob es der Chef sieht oder nicht.
Ich warte nicht bis zur Rente, damit ich mehr Zeit habe. Jetzt in diesem Augenblick nehme ich mir die Zeit. Es ist meine Zeit, meine Lebenszeit. Heute schmecken mir die Brötchen und außerdem bin ich ein toller Bäcker. Und heute noch werde ich tun, was ich immer schon gerne tun wollte.
Spürst du wie es ist, wenn du ein Gespür für deine Freiheit wieder findest und entwickelst? Wenn du unerfüllten Sehnsüchten hinterherträumst kann es dich viel Kraft und Energie kosten und irgendwann bist du weg! Du bist nicht mehr da. Gedankenverloren schlürfst du deinen Kaffee und weißt gar nicht, was du getrunken hast. Was kannst du jetzt in diesem Moment hören und sehen?

Die zweite Freiheit: Die Freiheit das auszusprechen, was ich wirklich fühle und denke, und nicht das, was von mir erwartet wird.

Was wird von dir erwartet? Von einer Mutter wird erwartet dass sie empört ist, wenn das eigene Kind ungerecht behandelt wird. Von einem Kind wird erwartet, dass es auf  seine Eltern hört.
Was wird von dir in einer Beziehung erwartet? "Wenn du mich wirklich liebst, dann wüsstest du jetzt wie es mir geht!" "Wenn ich wirklich wichtig für dich wäre, dann würdest du dich heute nicht mit deinen Freunden treffen sondern bei mir bleiben!"
Ich kenne solche Merkwürdigkeiten zur Genüge aus meiner Kindheit. Häufig hatte ich so Fragen und

Freitag, 7. Mai 2021

Auf der großen Zeituhr steht ein einziges Wort »Jetzt«. Auf der Straße »Nachundnach« erreicht man das Haus »Niemals«. (Cervantes)

 

So nach und nach gestalte ich mir den Arbeitsplatz so, dass ich es dort gut aushalten kann. Ich brauche noch ein paar Montate. Aber dann ist alles so, wie ich es immer haben wollte. Dann wird es den Augenblick geben wo ich sagen werde: "Jetzt ist es genau richtig!"

Und so nach und nach werde ich mich an das Haus gewöhnen, in dem ich lebe. Ich werde irgendwann nicht mehr wahrnehmen, dass die Sonne die Innenräume nicht gut erreicht. Und so nach und nach werde ich das Haus renovieren. So, dass ich irgendwann mich hinsetze und sagen werde: "Jetzt ist es genau richtig!"

Und so nach und nach werde ich es schaffen, mich mit meiner Familiengeschichte auszusöhnen. Ich mache noch die eine oder ander hilfreiche Therapie. Ich schätze mal, in zwei bis drei Jahren werde ich das dann erfolgreich abschließen können. Dann setze ich mich hin und sage mir: "Jetzt ist es genau richtig!" 

Auf der großen Zeituhr steht ein einziges Wort: "Jetzt". Auf der Straße "Nachundnach" erreicht man das Haus "Niemals". "Lieber und verehrter Herr Cervantes, auf der Straße "Nachundnach" musst du noch an dem Haus "Niemals" vorbeilaufen. Leider erweckt dieses Haus den Einruck, als befände sich dort eine Sackgasse. Aber direkt hinter dem Haus "Niemals" befindet sich das Haus "Alles". Wie kannst du es erreichen? Indem du auf die große Zeituhr schaust und auf das "Jetzt" vertraust."

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