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Dienstag, 31. Oktober 2017

Absolut!


Ich habe an einer Weiterbildung teilgenommen. Der Referent hatte ein Lieblingswort: "Absolut!"
"Ist es in Ordnung, dass ich einem Klienten etwas so sagen kann?" - "Absolut!"
Jegliches "Ja" wurde zu einem "Absolut". Schade! Ich mag die Unterschiede. Auch bei einer Zustimmung.
Da gibt es doch die vielen "Ja" - Möglichkeiten wie vielleicht, ein wenig, richtig, genau, ich stimme zu, ganz gut, ja mit einer kleinen Einschränkung, jein, nein mit einer Ausnahme...
Wenn es nur ein "Absolut" gibt, gibt es auch keine Steigerung mehr. Alles und jedes ist "Absolut!"
"Liebst du mich?" - "Absolut!"
"Gefällt dir mein neuer Pullover?" - "Absolut!"
Das Absolute in der Philosophie meint die Loslösung von allen Einschränkungen. Ein völliges Ja ohne jeden Funken von Nein. Manche sehen darin eine göttliche Qualität. Nur Gott ist der "Absolute!" Alles Menschliche hat immer eine Einschränkung, wenigstens eine kleine!
Meine Freundin sitzt gerade neben mir und findet das "absolut" von dem Referenten ganz toll! Sie sieht es als wunderbare Wertschätzung und setzt ein breites Strahlen auf. Sie mag schon jetzt den Referenten - ohne dass sie ihn kennt. Er muss "absolut" nett sein. Die Westwestfalen und übrigens auch die Ostwestfalen sind eher sparsam mit "absoluten" Wertschätzungen. "War nicht schlecht!" ist die westfälische Art von "absolut toll."
Ich finde es übrigens absolut in Ordnung, wenn du meinen Gedanken nicht teilst! ;-)

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Samstag, 28. Oktober 2017

Rede wie Silber und schweige wie Gold!


So geht ja das Sprichwort eigentlich: "Reden ist Silber. Schweigen ist Gold!" Ein feierliches Abschlusswort eines Menschen, der nicht zum Kreis der Schwätzer, Denunzianten und Intriganten gehört. Ein Mensch, der auf die Kraft des Schweigens vertraut! Reden ist ganz in Ordnung, aber Schweigen ist auf jeden Fall besser. Silber ist wertvoll, aber Gold ist noch wertvoller.
Dadurch, dass "reden" und "schweigen" in einem Zusammenhang gesetzt werden geschieht zugleich eine Wertung.
Silber hat doch eine ganz eigene und besondere Qualität. Silber ist sehr kostbar. Manche Menschen können sehr gut Silberschmuck tragen. Sie sehen damit wunderbar und würdig aus! Eine Augenweide! Alte Menschen mit "silbernem" Haar wirken erfahren und weise!
Gold hat auch eine ganz eigene und besondere Qualität. Gold ist sehr kostbar. Manche Menschen können sehr gut Goldschmuck tragen. Sie sehen damit wunderbar und außergewöhnlich aus! Eine Augenweide! Menschen mit Gold in der Stimme erfreuen das Herz der Zuhörer!
Reden hat eine wunderbare Qualität! Darin besteht die Hälfte der Kommunikation! Reden auf der einen Seite und zuhören auf der anderen Seite. Toll, wenn jemand über seine Gefühle sprechen kann! Einladend, wenn jemand wohltuende Worte findet! Was täten wir ohne die Geschichtenfinder- und erzählerInnen! Durch das Reden werden ganze Welten erfunden. "Am Anfang war das Wort!" steht schon in der Bibel. Du kannst natürlich auch einfach drauflos quatschen! Darum wäre das schon wichtig, "Reden" mit "Silber" in einen Zusammenhang zu bringen. Etwa so: "Rede wie Silber!" Geh sorgfältig mit deinen Worten um! Achte darauf, was dein Reden beim Zuhörer auslösen kann! Finde ein gutes Maß! Zu wenig ist manchmal eben zu wenig. Und zu viel ist zu viel!
Schweigen hat eine wunderbare Qualität! Verteilt auf die vielen Stunden des Tages schweigst du lange Zeiten. Wenn du nachts im Bett deine Augen schließt trittst du ein in das große Schweigen! Im Schweigen kommt eine ganz neue Welt zu dir! Im Schweigen findest du Ruhe und Kraft! Es ist möglich, im Schweigen sich jenseits aller Worte zu verstehen. Du kannst aber auch schweigen, weil du gekränkt bist. Du verweigerst dich der Kommunikation bzw. des Redens. Du hältst den Mund, damit du nichts falsches sagen willst! Du schweigst halt lieber in Streitsituationen. Darum macht es Sinn, auf die Qualität des Schweigens zu achten! "Schweige wie Gold!" Werde dir dessen bewusst, dass es Art des Schweigens gibt, die wir Meditation oder Kontemplation nennen. Im Schweigen nimmst du das "Ganze" wahr. In der Bibel wird erzählt wie Gott am siebten Tag der Schöpfung ins Schweigen ging. Er ruhte aus! Auch Jesus ging für 40 Tage in die Wüste um eine "goldene" Schweigezeit mit Gott zu erleben.
Doch in der Kombination von "Reden wie Silber" und "Schweigen wie Gold" wird der Wert der einzelnen Qualitäten zerstört. Hilfreicher wäre es, ein Gespür dafür zu entwickeln, was zu welcher Zeit dran ist. Und dass du zugleich darauf achtest, dass deine Art zu reden und zu schweigen sich gut weiterentwickelt zu einer silbernen und goldenen Qualität.
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Samstag, 21. Oktober 2017

Wo liegt dein Venedig?


Vor ein paar Tagen las ich von Lippstadt als dem Venedig Westfalens. Kannte ich noch nicht! Dann begann ich zu recherchieren und fand heraus, dass es die Venedig des Nordens gibt mit Giethoorn in Holland. Dazu kommen noch Amsterdam, Brügge, Kopenhagen und Friedrichstadt. Im Osten tummeln sich als Venedig Städte wie Dresden, Breslau und St. Petersburg. Im Westen gibt es auch Orte mit dem gleichen Beinamen wie Westport in Irland und Nantes in Frankreich. Um die Venedigs zu komplettieren wandern wir in den Süden nach Recife, Puerto de Mogan auf Gran Canaria und nach Bangkok.
Ergänzen wir dann noch die Vendigs für die Städte, die sich ein wenig zurücknehmen, dann gelangen wir zu den "Kleinvenedigs" nach Berlin, Colmar und Bamberg. Und mitten drin: Lippstadt, das Venedig in Westfalen! Herrlich!
Ein paar Venedigs habe ich bestimmt noch vergessen. Mir geht es jedoch um das Thema, das sich dahinter verbirgt. Wir möchten alle im Paradies leben. Ein paar Kanäle, schöne Häuser, Orte des Verweilens, ein Straßencafé. Einfach im Sein sein! Manchmal entscheiden wir uns für diesen Ort und fahren nach Venedig im Original. Wir haben die Hoffnung, dass sich da unsere Träume und Sehnsüchte erfüllen.
Die Sehnsucht treibt uns voran und zieht uns an sich. Das lässt sich auch gut vermarkten. Sobald eine Stadt ein wenig Venedig ausstrahlt, lässt sich das mit der Sehnsucht der Menschen verknüpfen nach dem Motto: "Komm nach Lippstadt und deine Seele findet, was sie sich wünscht!" Und so nebenbei lässt du den einen oder anderen Euro im dahinsiechenden emotionalen Sehnsuchtszustand fallen.
Das erinnert stark an die ersten Geschichten im Buch Genesis. Die Menschen verlieren ihr Paradies, weil sie von der verbotenen Frucht essen. Sie werden vertrieben, aber die Erinnerung bleibt und die Sehnsucht auch, wieder dahin zu finden.
Im psychologischen Sinn war unser erstes Paradies der Mutterleib. Den mussten wir verlassen bei der Geburt. Jeder Mensch trägt also eine Geschichte der Verlassenheit in sich. Und zugleich eine Geschichte der Sehnsucht. Ich will zurück! Zurück an dem Ort des Glückes.
"Venedig" wird zu einem modernen Bild unserer Sehnsucht. An das Paradies glaubt ja keiner mehr. Mit dem lässt sich auch kein Geld verdienen.
Wo liegt dein Venedig, wenn wir schon einmal bei dem Thema sind? Wann kannst du entspannen. Wo und was brauchst du dafür, wenn du etwas brauchst? Siechst du noch dahin in deiner Sehnsucht? Bist du also "süchtig" oder bist du schon angekommen? Bist du vielleicht noch verführbar? Wenn ja, wie stark? Welches "Venedig" steht dir zur Verfügung und nach welchem "Venedig" schmachtest du?
Wenn du magst, dann öffne doch mal dein Herz und schau da rein. Vielleicht entdeckst du, dass ein Stück Venedig dort verortet ist und du aufhören kannst mit dem Suchen. Frohes Entdecken!
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Freitag, 20. Oktober 2017

Heilsame Töne


Eigentlich würde ich hier lieber eine Audiodatei veröffentlichen, denn bei der Betonung geht es ja um den Ton und um das Hören. Auf den Ton kommt es an!
"Was du gesagt hast, stört mich nicht! Aber wie du es sagst! Da hast du dich wohl im Ton vergriffen!" Im Schwingen der Stimme hören wir mehr als nur Worte wie von einem neutralen Sprachcomputer. Da möchte jemand etwas von dir. Mit welchem Wort fängt er an? "Anna,... könntest du mal..." "Martin,... das finde ich jetzt...." Du wirst also mit deinem Namen angesprochen. Und oft vermutest du schon beim Aussprechen deines Namens, dass da jemand von dir etwas möchte. Kennst du auch solche Sätze wie: "Du meldest dich auch nur, wenn du etwas willst!" Jemand möchte "etwas" von uns, aber wir als Personen sind selbst oft gar nicht gemeint. Dein Auto ist interessant, dein Wissen, dein Rasenmäher oder dein Grill. Aber du?
Ja klar, du wirst mit deinem Namen angesprochen, aber du bist nicht gemeint. Jetzt stell dir einmal einen Menschen vor, der dich mag! Er spricht dich an und sagt deinen Namen. Er will nichts von dir. Er ruft nur deinen Namen! In seiner Stimme schwingt Wohlwollen, Aufmerksamkeit, Neugier und Freude. Da gibt es auf einmal einen völlig anderen "Ton". Die Vokale in deinem Namen fangen an zu schwingen. Die M's und S's, F's und W'S beginnen zu surren und zu vibrieren. Im "Tönen" deines Namens spürst du ein großes Willkommen. "Schön, dass du da bist!"
Auf den Ton kommt es wirklich an! Nicht, wenn jemand etwas von dir will. Einen höflichen und freundlichen Ton finde ich eher selbstverständlich. Mir geht es um den Ton, der da drunter und da drüber liegt. Die Ober- und Untertöne! Das ganze Spektrum deines Daseins! Ob du deinen Namen liest oder aussprichst - ein Riesenunterschied! Geh doch mal in den Wald und rufe deinen eigenen Namen. Summe ihn! Singe ihn! Dehne die Vokale und lasse es klingen! Verlocke dich selbst, lade dich ein und lege ein schelmisches Glucksen mit hinein. Dann geh in eine Kirche, stelle dich mitten in den Raum und wiederhole das Ganze noch einmal. Bemerkst du einen Unterschied? Du im Wald oder du in der Kirche?
Dann gehst du mit einem lieben Menschen in den Wald oder in die Kirche und "betönst" diesen. Du wirst merken, wie du da in Schwung kommst. Alle deine Körperzellen werden aktiv werden. Dein Gegenüber wird vor Freude und vielleicht auch vor Scham erröten. Aber es wird zu einem unvergesslichen Ereignis und Fest werden.
Nach der Bibel erschuf Gott die Welt durch das Wort. Er tönte auch! Durch die Schwingungen aus seinem Herzen, ausgedrückt in Töne und Worte wurde die Schöpfung! Für ihn kam es auch darauf an, dass er den Ton fand, der das Leben hervorbrachte. Auf den Ton kommt es an, weil er eine ganze Welt erschafft!
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Montag, 16. Oktober 2017

Bitte hängen sie hier Ihre anprobierte Ware ab.

Du gehst in eine Boutique und probierst ein Kleidungsstück an. Wenn es nicht gefällt oder passt, was machst du dann? Du hängst es an einen Ständer direkt an der Umkleide. Dieses Prozedere musste ich erst einmal verstehen. Mir ist das bislang nie aufgefallen.
Ja, ich habe an der Umkleide mal einen Ständer gesehen mit lauter Anziehsachen. Meistens in einem Durcheinander. Aber erst dieses Schild hat mich aufgeklärt. "Bitte hängen Sie hier Ihre anbrobierte Ware ab."
Bisher habe ich meine Waren immer sorgfältig gefaltet und dahin zurückgebracht, wo ich es hergenommen habe. Die Verkäufer machen das auch so. Sie falten und bringen zurück. Für mich war das einfach selbstverständlich. Ich habe es dort weggenommen, also bringe ich es dorthin zurück. Ich mache das wie in meinem Haushalt. Ich benutze das Geschirr. Wasche es ab und stelle es zurück an den Ort, wo es hingehört.
Das gibt mir Halt und Sicherheit. Alle Dinge haben ihren Platz. Dort gehören sie hin. Da finde ich sie wieder und sie stehen dort, bis sie von mir gebraucht werden. Da gibt es so viele Diener in meinem Leben. Teller und Tassen, Lappen und Eimer, Hosen und Hemden, Konservendosen und Tüten. Hunderte von Dingen bleiben geduldig an ihrem Platz bis ich sie greife.
Wenn ich meine anprobierten Waren an diesen "Ständer" hänge - wann werden sie wohl an ihrem Platz zurück gebracht? Vielleicht sucht ein Kunde gerade nach einem Teil, das an diesem Ständer hängt. Es hängt dort und findet nicht den Weg zum Kunden. Ich werde auch in Zukunft meine Pullover, Hemden und Hosen wieder an ihren Platz zurückbringen. Nicht, um die Verkäufer zu entlasten. Die stehen sowieso oft nur herum. Ich tue das für mich und für die Sachen, die ich anprbiere. Und ich erinnere mich daran, dass ich selber auch einen Platz brauche, wo ich sein darf. Ein Platz, den mir niemand streitig macht. Ich möchte auch nicht entsorgt werden und an einem Ort landen, den ich mir nicht ausgesucht habe. Und? Hast du deinen Platz schon gefunden?
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Samstag, 7. Oktober 2017

Hetz dich nicht ab!


Das wünschen sich viele Menschen vor allem am Wochenende nach einer anstrengenden und nervenaufreibenden Woche.  Zeit und Ruhe, in sich gehen, mal ein gutes Buch lesen, gemütlich beim Kerzenlicht sitzen, ein gutes Gespräch mit einem lieben Freund, ein besinnliches Konzert besuchen und die Seele baumeln lassen.
Das ist jedoch die Realität am Wochenende: Nachholen, was liegen geblieben ist; den Großeinkauf machen; Verwandte besuchen; den Garten bearbeiten und vieles mehr. Eigentlich wie immer: ein voller Terminkalender.

Ein ägyptisches Wort sagt: Wer sich abhetzt, wird nie Vollkommenheit erlangen. Dazu gehören Ruhe und Stille.

Die meisten Menschen werden es nicht verhindern können, den einen oder anderen auch schönen Termin zusätzlich zu haben. Aber du kannst alle Dinge etwas gelassener angehen und entgegennehmen. Du lässt dich in deiner Arbeit nicht antreiben vom inneren Unruhestifter. Du nimmst dir vor, vollkommener zu werden in einer ganz speziellen Weise. Vollkommener zu sein in deiner Gelassenheit, die Dinge hinzunehmen, die du nicht ändern kannst. Vollkommener zu werden, barmherzig mit deiner Unfähigkeit umzugehen, deine Termine gut zu koordinieren. Vollkommener zu werden, all deine Unzulänglichkeiten zu akzeptieren und dabei der glücklichste Mensch der Welt zu sein. Ich wünsche dir einen gesegneten Tag.

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Montag, 2. Oktober 2017

Sich hingeben - oder die Kunst, Kastanien zu sammeln



Ich mag Kastanien. Wenn sie am Boden liegen weiß ich, dass der Herbst Einzug gehalten hat. Es kommen auch Erinnerungen hoch an meine Kindergarten und Schulzeit, wo wir aus diesen Kastanien und Streichhölzern Tiere gebastelt haben. Aber irgendwie ist diese Erinnerung nicht mit einer großen Emotion verbunden. Eigentlich könnte ich darum auch nicht viel zum Thema Kastanien schreiben und müsste hier einen Punkt machen. Bisher haben sie mich nicht wirklich angesprochen oder meine Aufmerksamkeit erregt. Im Augenblick beschäftigen sie mich dennoch vielleicht wegen der Zeit der Ernte.
Susanne berührt dieses Thema auf eine ganz besondere Weise und davon möchte ich gerne aus einem bestimmten Grund erzählen. Der Anlass sind natürlich die Kastanien, die du jetzt in der Natur finden kannst. Doch jetzt lasse ich einmal Susanne sprechen.
„Also, wenn ich Kastanien finden will, muss ich schon im Sommer anfangen. Wenn ich zum Beispiel umgezogen bin, dann weiß ich zunächst nicht, wo in meiner Umgebung Kastanienbäume stehen und ob sie frei zugänglich sind. Wenn ich im Herbst welche finden will, dann muss ich schon im Sommer Ausschau danach halten. Wichtig ist, dass ich sie dann auch kontinuierlich im Blick behalte. Wie weit sind sie? Wann fallen wohl die ersten zu Boden? Schließlich gibt es oft viele Interessenten dafür. Erzieherinnen, Kinder und andere Herbstsammler.
Da gibt es zunächst einmal diese Vorfreude, die plötzlich auftaucht. Bald ist es so weit! Der Zeitpunkt rückt immer näher. Die Bäume sind voll, aber noch will keine fallen. Ich muss mich noch gedulden. Zugleich muss ich ab einem bestimmten Zeitpunkt regelmäßig wiederkommen sonst verpasse ich den Augenblick, wo es losgeht.
Und irgendwann ist es so weit. Ich gehe zu den Bäumen hin und blicke erwartungsvoll auf den Boden. Ich sehe die ersten Kastanien in der stacheligen Hülle.
Mein Herz hüpft vor Freude über diesen Augenblick. Ich habe so lange gewartet und jetzt werde ich belohnt. Ich darf die erste Kastanie nehmen und sie auspacken. Und wenn ich Glück habe, erwische ich eine „Zwillingskastanie.“ Ich packe sie aus und sie glänzt in der Sonne. Ich halte dieses glänzende Etwas in meinen Händen und befühle es und streichle es und – stecke diesen Schatz schnell in meine Tasche. Meine erste Kastanie in diesem Jahr. Ich habe sie entdeckt! Niemand sonst! Es ist mein ganz persönlicher Schatz!
Davon möchte ich mehr! Das Ereignis möchte ich wiederholen. Ich sehe noch eine frische Kastanie auf dem Rasen  und noch eine. Eine um die andere stecke ich in meine Jackentasche und fühle mich glücklich und beseelt.
Diejenigen, die schon länger daliegen, interessieren mich nicht. Wenn sie auf die Straße fallen haben sie oft  schon eine Macke oder ihren Glanz verloren. Mich interessieren die heilen und glänzenden – und vor allem die eingepackten!
Es darf mir auch niemand beim Finden helfen oder Hinweise geben. Ich möchte selbst entdecken. Ich befinde mich in einem Finderausch. Es ist mein Finderausch und ich möchte mich dem hingeben. Irgendwann bin ich satt und die Kastanien liegen als Herbstdeko auf meinem Tisch. Und ich weiß, ich bin im Herbst angekommen.“
Ich stehe daneben und staune. Ich staune darüber, dass es möglich ist, eine solche Leidenschaft zu entwickeln für das Kastaniensammeln. Ich staune über die Details und das Ausmaß der Freude. Und es ist ein Geschenk, teilnehmen zu dürfen.
Es gibt noch einen tieferen Sinn, warum ich dir diese Geschichte erzähle. Ich sehe Kastanien zwar, aber ich empfinde relativ wenig dabei. Sie sind halt da. So wie Eicheln am Boden liegen oder das Wasser im Bach fließt. Susanne hingegen geht schon das Herz auf, allein wenn sie an das erste Sammeln denkt oder darüber spricht. Das ist der Unterschied!
Im Herbst richtet sich die Aufmerksamkeit vieler Menschen auf das, was wir geerntet haben.  Aus diesem Anlass feiern wir Erntedank. Wir sagen Dank für die Ernte und für das, was eigentlich nicht selbstverständlich ist. Aber das sind Sätze für den Kopf und Sätze für die Moral nach dem Motto: „Sei dankbar!“ Was ist jedoch, wenn du diese Dankbarkeit nicht spürst? Wenn die Dankbarkeit nicht mit einer tiefen Freude verbunden ist. Es geht mir also nicht um den Appell: „Sei dankbar!“ Es geht mir um die Freude, die du spüren kannst, wenn du die frischen Kastanien siehst oder die duftenden Äpfel riechst.
Du nimmst mit allen Sinnen wahr. Du riechst die Kräuter, du siehst die Kartoffeln, du schmeckst die Birnen, du befühlst die Nüsse. Du tauchst ein in die Fülle von allem, was ist. Du bist ein Teil der Schöpfung!
Meine Leidenschaft dreht sich weniger um die Kastanie sondern mehr um die Kartoffel. Kartoffeln sprechen mit mir. Sie sagen mir: „Wir wollen zu dir!“ Ich sehe eine Kartoffel an und es kommt ein klares „Ja!“ oder ein „Nein!“ Bei Kartoffeln geht mein Herz auf. Ob gebraten oder gekocht, aus dem Ofen oder als Bestandteil im Eintopf ist egal. Allein die Vorstellung und das Bild davon lässt mich ein ganzes Buch darüber schreiben.
Und, wie steht es mit dir? Wenn du jetzt im Herbst das Obst und Gemüse siehst! Wo geht dein Herz auf? Wo wird deine Leidenschaft geweckt? Wo wirst du lebendig? Wo verlässt du den moralischen Appell an die Dankbarkeit und findest den Weg zur puren Lebensfreude? Welche Geschichte würdest du mir erzählen mit leuchtenden Augen?
Wenn ich diese Frage stelle kommt mir noch ein anderes Wort in den Sinn: „Hingabe!“ Sich der Freude hingeben, sich den Kastanien hingeben, sich einem tollen Essen hingeben, sich der Liebe hingeben. Das ist für mich ein zutiefst spirituelles und religiöses Erlebnis. Du wendest dich mit deiner ganzen Aufmerksamkeit und deinem Dasein etwas hin und gehst darin auf. Für einen Augenblick wirst du zur Kartoffel oder zur Kastanie oder zu deiner Geliebten.
Du lässt dein Sicherheitsbedürfnis los und deine Ängste. Du gehst hinein wie in einen Prozess von Auflösung und Ganzwerdung zugleich. Wenn du dich hingibst, dann machst du das ganz freiwillig. Ganz von dir aus und mit deinem ganzen Wesen. Und darin kommt etwas Göttliches zum Vorschein.
Gott selbst erlebe ich als leidenschaftlich und hingebungsvoll. Vielleicht kannst du dir vorstellen, dass es da zu einer tollen göttlichen Begegnung kommen könnte. Du und deine „Kastanie“ oder „Kartoffel“ oder was immer du auch liebst und für Wert erachtest, dich hinzugeben. So wünsche ich es dir, ganz in dieser „Erntefreude“ zu sein. 
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