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Mittwoch, 12. Mai 2021

Alles was uns an anderen missfällt, kann uns zu besserer Selbsterkenntnis führen. (Carl Gustav Jung)

Mir gefällt nicht, wenn jemand schlecht über andere spricht. Ich fühle mich unwohl und da stockt etwas in mir. Da spricht eine Stimme im Hintergrund, die sagt: "Hör auf damit! Das ist nicht in Ordnung. Sprich nicht über andere wenn sie nicht dabei sind." Ich folge dieser Stimme aber nicht immer. Wenn sich viel Ärger in mir angesammelt hat dann wirkt das Lästern wie eine Reinigung. Ich spüle meinen Ärger hoch und werde ihn los. Aber immer verbunden mit einem schlechten Gefühl. So, als ob ich illegal Müll entsorge. Ärger loswerden ist gut, aber der Weg dahin?
Wenn mir ein anderer Mensch missfällt löst das etwas in mir aus. Ein Gefühl, einen Gedanken oder den Wunsch, jetzt unbedingt etwas zu tun. Ich trete in Resonanz. Beim "schlecht reden" trete ich in Resonanz. Bei anderen Themen überhaupt nicht. Manche regen sich auf, wenn sich im Kühlregal des Supermarktes noch abgelaufene Produkte befinden. Da bleibe ich völlig gelassen. Aber wehe, es drängelt sich jemand vor. Damit habe ich ein Thema. Wenn mein Gewissen mich nicht bremsen würde, würde ich mich selbst ständig vordrängeln. Warum nicht? Wenn du dich nicht vordrängelst am Buffet gehst du am Ende vielleicht leer aus. Du ärgerst zwar andere, hast aber auch Vorteile.
Wenn jemand anders sich vordrängelt dann sollst du mal miterleben wie ich mich ärgere. Ich gehe damit in Resonanz. Und das ist gut so! Ich lerne dadurch diese dunklen Seiten in mir kennen und werde damit konfrontiert. Ich spüre: "Ach, das bin ja ich!" Nicht der andere drängelt sich vor, sondern da ist jetzt dieses Ärgergefühl in mir. Es ist mein Thema, was da anschwingt.
Anstatt mich über den anderen zu ärgern und mein Missfallen zum Ausdruck zu bringen kann ich auch mal überprüfen, welches Bedürfnis ich da im Moment habe. Fühle ich mich übergangen? Nicht beachtet? Habe ich gerade vor etwas Angst? Wenn ich dem nachgehe, dann lerne ich mehr über mich kennen. Ich weiß mehr von mir und kann mich dafür entscheiden, diese dunkle Seite in mir zu bejahen.
Vielleicht werde ich mich dann nicht mehr so doll ärgern in Zukunft. Oder ich werde dem anderen gegenüber höflicher und gelassener sein. Oder auch entschieden, aber mit einem befriedeten Herzen. Wenn ich mich weiterentwickeln möchte, dann brauche ich dich. Und dich auch. Und dich auch. Ich brauche dafür ganz viele Menschen. Je mehr mir missfällt, desto mehr Möglichkeiten habe ich zur Vermehrung meiner Selbsterkenntnis. Vielen Dank Herr Jung für diese Erkenntnis.
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Dienstag, 11. Mai 2021

Alle Häuser würden nur Gräber sein, wären sie nicht für Gäste. (Khalil Gibran)


Ohne Gäste werden Häuser zu Gräbern! Das erschreckt mich. Mein Haus ein Grab, wenn es keine Gäste gibt?
Ich dekoriere die Räume. Ich stelle Blumen hin. Ich hänge Bilder an die Wand. Ich mache es mir gemütlich. Ich fühle mich wohl in meinen vier Wänden. Bei mir ist es doch schön und total wohlig. Und ohne Gäste wird mein Haus zu einem Grab?
Ich kann mich einrichten in meinen vier Wänden und dort warten, bis der Tod eintritt. Mein Haus wird zu einer Wartehalle des Todes. Es passiert nichts mehr! Manchmal ein neues Sofa! Die Blumen wechsel ich auch jede Woche. Ich wasche die Tischdecken und ich putze durch.
Aber im Wesentlichen ist alles im Haus geregelt. Und dadurch ist es vielleicht toter als ich dachte. "Khalil Gibran, du bist sehr streng. Du sprichst nicht einmal von einem Museum, sondern von einem Grab. Warum?" Lebendig wird etwas erst, wenn es zur Begegnung kommt. Gäste bringen Freude mit. Ihre Lebenserfahrungen. Ihr Interesse, ihre Aufmerksamkeit. Gäste bringen das Leben ins Haus.
Im letzten Urlaub war ich Gast in meinem Haus. Ich tat so, als sei es meine Ferienwohnung. Da "musste" ich auf einmal nichts mehr. Nichts reparieren, nichts putzen, nichts aufräumen. Nichts! Ich war Gast in meinem Haus. Es gehörte mir nicht mehr und ich musste kein Grab oder Museum hüten. Da kam auf einmal Leichtigkeit durch die Haustüre herein. In einer Ferienwohnung bleibe ich für eine begrenzte Zeit und breche wieder auf.  Meine "Heimat" ist woanders.
Alle Häuser würden nur Gräber sein, wären sie nicht für Gäste. So kommt mir das Leben in Deutschland oft vor. Wie ein großer Freiedhof. Gräber unter Gräbern. Magst du Gäste? Bist du gern zu Gast? Besuche mich doch mal, damit mein Haus nicht zu einem Grab wird!
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Montag, 10. Mai 2021

Auch das glücklichste Leben ist nicht ohne ein gewisses Maß an Dunkelheit denkbar. Carl Gustav Jung

Wer ist glücklicher als du? Bist du selbst glücklich genug? Betrachtest du dein Leben wohlwollend und kannst feststellen, dass du sehr mit dir übereinstimmst? Dass du tief im inneren Frieden mit dir bist? Wie schön, wenn du das über dein Leben sagen kannst.
Ich kenne viele Menschen wo ich einen anderen Eindruck bekomme. Da gibt es immer so eine Spur von Mangel und Traurigkeit. Eine Sehnsucht und einen Wunsch nach einem glücklicheren Leben. Und interessanterweise finden sie viele Menschen, die glücklicher aussehen als sie selbst. "Ich hätte gerne das Leben meiner Freundin. Sie ist viel schöner als ich und sie lebt in einer wunderbaren Beziehung. Ihr Mann ist so zauberhaft. Und sie wohnen so außergewöhnlich schön in einer perfekten Umgebung. Das hätte ich auch gerne." Oder: "Wenn mein Arbeitgeber mich sehen würde in dem, was ich so kann, dann säße ich nicht hier. Ich bin zu höheren Aufgaben berufen. Und da sehe ich den Kollegen, der immer bevorzugt wird. Der hat so eine Ausstrahlung. Ist einfach ein Gewinnertyp. Der weiß gar nicht, wie Leiden geht. Und ich? Hocke seit Jahren hier und quäle mich durch das Leben."
C.G. Jung sagt, dass auch das glücklichste Leben nicht ohne ein gewisses Maß an Dunkelheit denkbar sei. Da denke ich an Menschen, die zu mir in die Beratung kommen und von ihrem Leid erzählen. Von außen betrachtet müssten sie die Glücklichsten aller Menschen sein. Wunderbarer Mann und wunderbare Frau. Ein wunderbares Haus und Supereinkommen. Zwei prächtig geratene Kinder und eine heile Nachbarschaft. Und das drücken sie auch nach außen hin aus. Wer zum Neid neigt, findet reichlich Futter.
Dann kommt in der Beratung heraus, dass es kaum noch Zärtlichkeiten gibt. Dass das Leben langweilig geworden ist im goldenen Käfig. Dass es allen an Selbstbewusstsein fehlt. Dass er oder sie nicht genug gewürdigt wird. Da sieht etwas aus wie Paradies und fühlt sich an wie die Hölle. Und von außen siehst du nichts.
Manchmal ist der Wunsch und die Umsetzung eines glücklichen Lebens sehr anstrengend. Du arbeitest intensiv daran, dass dir das Glück erhalten bleibt. Und in der Anstrengung merkst du gar nicht, wie sich das Glück davon gemacht hat. Alles nur noch Hülle. Wenn du aufhörst unbedingt glücklich sein zu müssen, könntest du es dir ein wenig leichter machen. Jeder braucht zum Leben ein Maß von Dunkelheit. Ohne diesen Teil hört deine Entwicklung auf. Es kommt darauf an, dass du diese Dunkelheit nicht negativ bewertest, dich dagegen auflehnst und mit aller Macht versuchst, dieser Dunkelheit in deinem Leben keinen Platz einzuräumen. C.G. Jung stellt ganz nüchtern fest: So ist das im Leben, es gibt kein glückliches Leben ohne ein gewisses Maß an Dunkelheit.
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Samstag, 8. Mai 2021

Die fünf Freiheiten nach Virginia Satir



Virginia Satir war eine wichtige systemische Familientherapeutin und lebte von 1916 - 1988. Sie hat wertvolle Impulse gesetzt für familäre Strukturen und sehr wertschätzend und ressourcenorientiert gedacht und gehandelt. Sehr bekannt geworden sind ihre "fünf Freiheiten", die ich gerne nach und nach erschließen möchte.

Die erste Freiheit: Die Freiheit zu sehen und zu hören was im Moment wirklich da ist, anstatt was sein sollte, gewesen ist oder erst sein wird. 

Mein Mann sollte mir besser zuhören können. Dann wäre das Leben viel schöner. Mein Kind sollte mehr aufräumen, dann wäre ich viel entspannter. Mein Arbeitgeber sollte sehen, was ich alles leiste, dann würde ich viel lieber arbeiten.
Oder: Früher war doch alles besser. Die Bahn war pünktlicher. Die Brötchen schmeckten frischer und waren günstiger. Die Milch kam noch von der Kuh. Ich war körperlich fit. Die Welt war einfach schöner. Die Leute hatten alle mehr Zeit.
Oder: Wenn ich in Rente gehe, dann werde ich mehr Zeit haben. Wenn meine Kinder groß sind, dann werde ich endlich tun können was ich immer schon tun wollte.
Du denkst oft mit den Worten: "sollte" du gehst in die "gute Vergangenheit" oder phantasierst dich in eine "bessere" Zukunft. Du machst das schon automatisch, ständig oder mehrmals am Tag. Du verlässt die Gegenwart und den Augenblick und merkst nicht, wie unfrei du dadurch wirst. Du wirst wie ein Sklave, der sich die Freiheit wünscht: Wenn ich erst einmal diese Fesseln los werde, dann wird alles anders! Pustekuchen!
Virginia Satir lädt dich ein zu einem ganz bestimmten Aspekt der Freiheit. Du entscheidest dich für das "sollte" "die tolle Vergangenheit", die "bessere Zukunft". Du trägst die Verantwortung dafür, wohin deine Phantasie, Sichtweise, dein Ohr und deine Gedanken gehen.
Und du hast die Freiheit, dich jetzt neu zu entscheiden! Du kannst dich dafür entscheiden und hast die Freiheit das zu sehen und zu hören, was im Moment wirklich da ist. Du musst dir nichts vormachen. Du brauchst nichts beschönigen. Du musst dir die Zukunft nicht toll vordenken. Bekommt das, was ist, jetzt von dir die Erlaubnis da zu sein?
Mein Mann kann nicht zuhören. Das ist so. Aber ich kann ihn immer wieder darauf hinweisen, dass er das jetzt in diesem Augenblick tun kann. Mein Kind ist kein Aufräumer. Das ist einfach so. Und mein Kind ist trotzdem in Ordnung. Die Welt wird nicht untergehen, wenn es nicht aufräumt und es bleibt mein Kind. Mein Arbeitgeber ist blind für die Leistungen der Angestellten. Das ist einfach so! Aber ich kann für mich würdigen, was ich leiste. Und ich leiste was! Und das fühlt sich stark an! Egal, ob es der Chef sieht oder nicht.
Ich warte nicht bis zur Rente, damit ich mehr Zeit habe. Jetzt in diesem Augenblick nehme ich mir die Zeit. Es ist meine Zeit, meine Lebenszeit. Heute schmecken mir die Brötchen und außerdem bin ich ein toller Bäcker. Und heute noch werde ich tun, was ich immer schon gerne tun wollte.
Spürst du wie es ist, wenn du ein Gespür für deine Freiheit wieder findest und entwickelst? Wenn du unerfüllten Sehnsüchten hinterherträumst kann es dich viel Kraft und Energie kosten und irgendwann bist du weg! Du bist nicht mehr da. Gedankenverloren schlürfst du deinen Kaffee und weißt gar nicht, was du getrunken hast. Was kannst du jetzt in diesem Moment hören und sehen?

Die zweite Freiheit: Die Freiheit das auszusprechen, was ich wirklich fühle und denke, und nicht das, was von mir erwartet wird.

Was wird von dir erwartet? Von einer Mutter wird erwartet dass sie empört ist, wenn das eigene Kind ungerecht behandelt wird. Von einem Kind wird erwartet, dass es auf  seine Eltern hört.
Was wird von dir in einer Beziehung erwartet? "Wenn du mich wirklich liebst, dann wüsstest du jetzt wie es mir geht!" "Wenn ich wirklich wichtig für dich wäre, dann würdest du dich heute nicht mit deinen Freunden treffen sondern bei mir bleiben!"
Ich kenne solche Merkwürdigkeiten zur Genüge aus meiner Kindheit. Häufig hatte ich so Fragen und

Freitag, 7. Mai 2021

Auf der großen Zeituhr steht ein einziges Wort »Jetzt«. Auf der Straße »Nachundnach« erreicht man das Haus »Niemals«. (Cervantes)

 

So nach und nach gestalte ich mir den Arbeitsplatz so, dass ich es dort gut aushalten kann. Ich brauche noch ein paar Montate. Aber dann ist alles so, wie ich es immer haben wollte. Dann wird es den Augenblick geben wo ich sagen werde: "Jetzt ist es genau richtig!"

Und so nach und nach werde ich mich an das Haus gewöhnen, in dem ich lebe. Ich werde irgendwann nicht mehr wahrnehmen, dass die Sonne die Innenräume nicht gut erreicht. Und so nach und nach werde ich das Haus renovieren. So, dass ich irgendwann mich hinsetze und sagen werde: "Jetzt ist es genau richtig!"

Und so nach und nach werde ich es schaffen, mich mit meiner Familiengeschichte auszusöhnen. Ich mache noch die eine oder ander hilfreiche Therapie. Ich schätze mal, in zwei bis drei Jahren werde ich das dann erfolgreich abschließen können. Dann setze ich mich hin und sage mir: "Jetzt ist es genau richtig!" 

Auf der großen Zeituhr steht ein einziges Wort: "Jetzt". Auf der Straße "Nachundnach" erreicht man das Haus "Niemals". "Lieber und verehrter Herr Cervantes, auf der Straße "Nachundnach" musst du noch an dem Haus "Niemals" vorbeilaufen. Leider erweckt dieses Haus den Einruck, als befände sich dort eine Sackgasse. Aber direkt hinter dem Haus "Niemals" befindet sich das Haus "Alles". Wie kannst du es erreichen? Indem du auf die große Zeituhr schaust und auf das "Jetzt" vertraust."

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Donnerstag, 6. Mai 2021

An einem kleinen Muster können wir oft das ganze Stück beurteilen. (Cervantes)

 

Zu mir kommt ein Mann in die Beratung. Sein erster Satz: "Das war wieder einmal einfach nur unmöglich." Er erzählt mir ausführlich von dieser Unmöglichkeit. Es war wirklich unmöglich! Dann steigert sich seine Empörung, weil es nicht das erste Mal war. Es wiederholte sich. Nicht nur jetzt, sondern überhaupt. Es passiert ihm immer wieder, dass da etwas unmöglich ist. 

Du interessierst dich, was denn da so unmöglich war? Ich erinnere mich nicht mehr daran. Nur an das Unmögliche, das ständig möglich wird. Aufgrund des Schicksals, der Umstände, des Karmas, der Persönlichkeit des Ratsuchenden. An einem kleinen Muster können wir oft das ganze Stück beurteilen. Im Kleinen findet sich das Ganze wieder. Die erste Geste in der Beratung. Der erste Satz. Der erste Blick. In der Ouvertüre einer Oper findet sich das ganze Stück wieder. 

Manchmal stelle ich mir bewusst die Frage: "Ist ein Muster erkennbar?" Muster gibt es in Stoffen, an Gebäuden, bei Tieren, im Verhalten von Menschen. Ein Muster macht für mich etwas verstehbar. Ich habe für den Umgang mit Mustern Strategien. Ich bekomme Sicherheit. Eine Kirche hat einen hohen Turm und steht mitten in der Stadt. Wenn ich die Mitte suche, orientiere ich mich an den Kirchturm. Auch Dörfer und Städte haben ein Muster. 

Dann gibt es Wohnviertel ohne Kirchturm. Manchmal haben sie trotzdem ein Zentrum. Manchmal kommen Menschen zu mir in die Beratung und die ersten Minuten lassen kein Muster erkennen oder führen mich in die Irre. Neben den Mustern gibt es auch das Chaos und die Abweichungen. Cervantes spricht zum Glück auch davon, dass wir anhand eines kleinen Musters oft das ganze Stück beurteilen können. Aber nicht immer. 

Im Corona Muster suchen wir auch nach den Konstanten für das große Ganze. Impfen und testen ist ein Muster, welches das Chaos bändigen soll. Wird es das? Wird es funktionieren? Was geschieht mit uns, wenn die chaotischen Elemente größer werden. Wenn es unberechenbar bleibt. Wenn wir uns permanent in Gefahr begeben. Zurück in die Steinzeit. Töten wir den Tiger oder werden wir getötet. Es steht 50 zu 50. Heute habe ich in einem Podcast gehört, dass Corona eine zivilisatorische Kränkung ist. Wir haben doch alles im Griff. Seit vielen Jahren. Das Leben ist sicher geworden. Wir haben die wissenschaftlichen Muster erkannt. Wir wissen, was wir tun müssen. Ein Virus kann das nicht durcheinanderbringen.

Macht er doch und kränkt uns damit. Macht uns deutlich, wo wir als Menschen unsere Grenzen haben. Wir denken, dass wir bis zum Zeitpunkt des Todes alles gestalten können nach unseren Vorstellungen. Linear. Aus A folgt B. Cervantes erinnert uns daran, dass wir oft das Stück beurteilen können an einem kleinen Muster. Eben nur oft und nicht immer. Immer wieder gibt es die Überraschung. Das Unvorherehbare. Das nicht Geplante. 

Grund genug für Angst, Ohnmacht und Resignation? Die Erfahrung zeigt, dass im Chaos etwas neues entsteht. Wir neugierig darauf ist, bekommt jetzt sein Abenteuer nach langen Jahren von bekannten Mustern und vertrauter Sicherheit. Wir schreiben gerade alle mit an einem neuen Muster. Es entsteht ein neuer Roman und wir wissen noch nicht, zu welchem Genre er gehört. Krimi, Drama, Komödie, Oper? Oder werden wir Zeug*innen eines neuen Genres? Ich wäre gerne dabei und ehrlich gesagt schon jetzt lieber am Ziel. Der Raum zwischen vertrauten Mustern ist nicht immer leicht zu ertragen. Da braucht es die Qualität des Aushaltens. Und die Fähigkeit, hinzuspüren, was gefragt ist. Aushalten, verändern, mitmachen, anpassen, rebellieren? Jede und jeder macht es auf die Weise, wie es der eigenen Persönlichkeit entspricht. Ich lasse geschehen und gestalte zugleich mit.

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Mittwoch, 5. Mai 2021

Sag, wie sich die Liebe nährt? Sie gewährt. (Cervantes)


 

Gestern stand ich mit meinem Einkaufswagen in der Schlange vor dem Supermarkt und wartete darauf, hereingelassen zu werden. Während ich wartete dachte ich daran, dass es im Krieg wenig zu essen gab und dass viele Menschen hungern mussten. Kein Nachschub an Nahrung. Jetzt stand ich an und in mir tauchten Phantasien auf. Könnte das wieder passieren? Mein Supermarkt ohne Nachschub? Wie im Anfang der Corona Krise? Kein Mehl mehr da und keine Hefe? 

Der Körper braucht seine Nahrung, sonst stirbt er. In bestimmten Abständen braucht er seinen Teil. Ich kann mal ein paar Stunden warten oder ein paar Tage fasten. Ich habe gehört, dass es Menschen gibt, die von Lichtnahrung leben können, also von Biophotonen. Das ist nur eine andere Art der Versorgung.

Ich als Mensch, der liebe und geliebt wird, brauche auch Nahrung auf der emotionalen und psychischen Ebene. Sonst verhungert meine Seele. Wie kann ich ein Liebender bleiben? Wo finde ich den Supermarkt für Liebe? Cervantes meint, dass die Liebe sich nährt indem sie gewährt. Das gefällt mir. Ich muss nicht aktiv irgendwo etwas kaufen. Ich muss auch nicht betteln und hoffen, dass ich etwas bekomme. Gewähren heißt für mich zulassen, geschehen lassen, Raum geben, Freiräume schaffen. Wenn die Liebe da sein darf, reicht es ihr völlig aus zum Wachsen und sich nähren. Liebe kann sich vermehren ohne Anstrengung. Ohne künstliche Zugaben. Ich lasse einfach nur zu. "Darf ich dich berühren?"- "Oh ja, gerne!" "Magst du eine Umarmung?"-"Danke, das Geschenk nehme ich gerne an." 

Vielleicht ist eine gewährende Liebe besser als jede sonstige Aktion, die wir bislang geschaltet haben, um das Virus zu bekämpfen. Wo überall könnten wir gewähren lassen? Wie fühlt es sich an, wenn ich gewähre und dann kommen so kleine Angstimpulse und Sicherheitsbedürfnisse? Die Liebe wünscht sich und mag es sehr, wenn sie sich nähren darf. Ich wünsche dir reiche Quellen für deine Liebe!

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Dienstag, 4. Mai 2021

Ich besuche mich...


Heute besuche ich mich.

Ich mache es mir schön.

Ich setze mich hin.

Ich mache es mir bequem.

Ich lege ein Buch auf den Tisch.

Ich stelle ein Glas Wasser daneben.

Dann sitze ich...

...mal schauen...

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Montag, 3. Mai 2021

Du bist deine eigene Grenze, erhebe dich darüber. Hafis (Ḥāfeẓ)

Ich spüre nach, was dieser Satz von Hafis in mir auslöst. Ich spüre immer wieder die Grenzen in mir. Da gibt es die Angst, wenn ich meine Bedürfnisse anspreche. Da mache ich mir Sorgen, ob ich in meiner Not gesehen werde. Da habe ich die Phantasie, nicht erwünscht zu sein und nicht dazu zu gehören. Diese Grenzen, die ich mir ständig selber setze und mir dadurch das Leben schwer mache.
Dann schiebe ich es auf die Grenzen im Außen. Klar gibt es die verschlossenen Türen und die Kreise, die mich nicht haben wollen. Da gibt es Grenzen zwischen den Grundstücken und zwischen den Ländern. Die Welt ist voller Grenzen. Ich darf nicht einfach hin, wohin ich gerne möchte.
Damit kann ich mich abfinden. Die eigentliche Herausforderung besteht für mich in den Grenzen, die ich mir im Kopf setze. Meine Befürchtungen, Ängste und Phantasien. Manchmal überliste ich mich oder ich entlarve meine Gedanken als schädliche Gedanken. Manchmal trickse ich mich aus oder erteile mir trotzdem eine Erlaubnis.
Da kommt Hafis daher und sagt: Du bist deine eigene Grenze, erhebe dich darüber. Das ist doch unglaublich. Oben ist Platz! Die Grenze hört an einer bestimmten Stelle auf. Erhebe dich darüber. Das fühlt sich weiter an! Wie setze ich das um? Was mache statt des anstrengenden Kämpfens?
Ich gehe in das Bewusstsein, dass ich ein Gott bin! Ich dehne mich aus! Ich werde mir dessen bewusst, dass diese Welt nur für mich erschaffen wurde. Ich gehe in das Bewusstsein der Freiheit. Ich spüre den Freiraum über mir und lege den Fokus meiner Aufmerksamkeit auf die Möglichkeiten. Ich habe keine Grenze im Außen, die ich bekämpfen müsste. Ich bin meine eigene Grenze! Wenn ich diese Grenzenstimmen in mir höre frage ich manchmal, wer da spricht. Bin das ich oder wer ist das? Oft ist es mein Vater, manchmal meine Mutter, dazu kommen noch Lehrer und Pfarrer. Wenn ich diese Grenzen identifiziere gebe ich diesen Menschen die Zäune und Grenzsteine zurück. "Hallo Papa! Das bist du, das bin nicht ich!" Du bekommst deinen Zaun mit Schleife zurück.
Ich lade dich ein, diesen Satz von Hafis wie Balsam in dich einsickern zu lassen. "Du bist deine eigene Grenze, erhebe dich darüber." Wenn dir mal jemand druckvoll entgegentritt, sprich diesen Satz wie ein Mantra und du wirst staunen, was mit dir geschieht :-)
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Samstag, 1. Mai 2021

Wenn alles neu wird!





So lautet der erste Vers mit dem gleichnamigen Gedicht von Hermann Adam von Kamp. Am letzten Apriltag spukte dieser Satz in meinem Kopf. Da stimmt doch was nicht! Alles neu macht der Mai. Der Mai kann doch aktiv gar nichts machen. Menschen können etwas machen aber nicht ein Monat. Der Dezember macht keinen Schnee und eine Schwalbe macht keinen Sommer. Außerdem soll der Monat Mai die Fähigkeit besitzen, gleich alles neu zu machen. Alle Achtung! Was wir dem Mai da so alles zutrauen!
Der Hintergrund des Gedichtes ist sicherlich verständlich. Der Frühling ist endgültig und unwiderruflich da. Die Schwelle des Winters ist unwiderruflich überschritten. Der Sommer steht vor der Tür. Das knospende und neu erblühende Leben ist sichtbar und spürbar erwacht und lässt dich staunen.
Das hätten wir also geklärt, dass der Mai nicht alles neu macht. Dennoch liegt eine Verlockung und eine Idee in dem Vers, sonst wäre er nicht bei mir kleben geblieben.  Im Augenblick betrachte ich meine „Besitztümer“.  Das Auto stammt aus dem Baujahr 1999, die Waschmaschine hat mehr als 20 Jahre auf dem Buckel und verweigert das automatische Schleuderprogramm. Mein Netbook mit Windows XP hat seinen Geist aufgegeben und die Stühle um den Esszimmertisch gehen aus dem Leim.
Da wünsche ich mir einen Zauberer, der mit den Fingern schnippt und sagt: „Abrakadabra, alles neu.“ Leider funktioniert das nicht und ich muss andere Wege finden, die defekten Dinge zu ersetzen. Umgekehrt kenne ich aber auch das Staunen, wenn mir eine Freundin die Küche zeigt mit dem Kommentar: „Alles neu!“ Die Geräte sind noch voll funktionstüchtig. Es gibt keine Macken und Schrammen. Wir erhoffen uns von jedem Gerät, dass es ohne jede Beeinträchtigung zu hundert Prozent zu unserer Verfügung steht.  Schon nach kurzer Zeit stellst du jedoch fest: Die erste Macke und die ersten kleinen Defekte stellen sich ein. Das ist bei den Gebrauchsgegenständen auch ganz normal so und wenn du genügend Geld hast, dann tauschst du halt aus.
Ich möchte aber gerne noch einen Schritt weiterdenken in Richtung unserer menschlichen Beziehungen. Du lernst jemanden kennen und findest ihn oder sie nett. Du knüpfst Kontakt und erlebst die Beziehung als neu, erfrischend, bereichernd, wohltuend... und wünschst dir mehr davon. Der Kontakt wird intensiver und tiefer. Es geht etwas Zeit ins Land und irgendwann tritt es unweigerlich ein: Du enttäuschst oder wirst enttäuscht. Erwartungen werden nicht erfüllt, du bist gekränkt, du verletzt und merkst es vielleicht gar nicht. Du wirst verletzt, die Beziehung stagniert und du kannst nicht über deinen Schatten springen. Es droht der Stillstand oder das Ende. Leider kannst du wieder nicht mit den Fingern schnippen und sagen: „Alles neu!“ Deine Geschichte bleibt deine Geschichte. Die Erlebnisse kannst du nicht auslöschen! Du kannst dich aussprechen, versöhnen, vergeben, neu beginnen. Die Narbe bleibt. Alle Narben im Leben bleiben. Du kannst dein Leben nicht auswechseln wie ein Auto oder eine Waschmaschine. Du entwickelst dich eher wie ein antikes Möbelstück. Du polierst mal wieder, reparierst,  machst eine Generalüberholung, fügst etwas hinzu und entfernst etwas. Deine Grundsubstanz bleibt. Du kannst lernen, mit Verletzungen und Narben versöhnlich umzugehen, so dass du dir sagen kannst: „Ja, es geht ganz gut so!“  Deine Erfahrungen dienen dir letztlich dazu, menschlich zu reifen. Wachsen wirst du nur mit deinen sogenannten Fehlern.
Auch wenn du negative Erlebnisse nicht wegwischen kannst gibt es vielleicht doch den verborgenen Wunsch, einmal noch mal von vorne zu beginnen. Du wünschst dir die Möglichkeit, deine Geschichte neu zu schreiben. Deine verkorksten Anteile, die dich verfolgen wären dann einfach nicht mehr da.
Da lese ich in der Bibel beim Propheten Jesaja (43,19) den Vers: „Denkt nicht mehr an das, was früher war, auf das, was vergangen ist, sollt ihr nicht achten. Seht her, nun mache ich etwas Neues.“ Dieser Vers wird aufgegriffen in der Offenbarung des Johannes, wo es heißt: „Der Tod wird nicht mehr sein keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal. Denn was früher war, ist vergangen. Er, der auf dem Thron saß, sprach: Seht, ich mache alles neu.“
Da gibt es jemanden, der einen solch großartigen Satz sagt! Einer, der alles neu macht. Jemand, der mehr ist als der Mai. Jemand, der anders mit der Geschichte umgeht, jemand der in der Lage ist, aus Narben und Wunden etwas Neues zu gestalten. „Siehe, ich mache alles neu.“ Ich gebe diesen Satz bei Google ein und stelle fest: Kein Mensch traut sich das zu, keine Behörde, keine Firma. Niemand behauptet von sich: „Ich mache alles neu!“ Die ersten zehn Seiten finde ich immer die Anspielung auf diese zwei Bibelstellen.
Wenn ich allerdings das Kollektiv eingebe: „Wir machen alles neu“ dann finde ich Bauunternehmer und Renovierungsbetriebe. Aber kein Mensch behauptet das von sich allein, dass er alles neu macht, weder der beste Psychotherapeut noch der Papst.
Es scheint zu den exklusiven Eigenschaften und Fähigkeiten Gottes zu gehören, ein völlig neues Kapitel im Leben aufzuschlagen. Aber auch er wird meine Geschichte nicht wegwischen, sie gehört zum meinem Leben dazu. Dennoch oder zugleich sagt er: „Neben deinen Narben und Wunden, darin und dadurch entsteht etwas, womit du noch nicht gerechnet hast. Dein Leben schreibt ein neues Kapitel, eine ermutigende und überraschende Wendung. Das war noch nicht das Schlusskapitel.“
In eine ähnliche Richtung geht ein Gedanke von Paolo Coelho. In seinem Buch „Die Schriften von Accra“ entwickelt er die Idee, dass du dein Leben so lebst, als sei es dein erster Tag. Ich kannte bislang nur die Version vom letzten Tag. Bei der Vorstellung von der Aufmerksamkeit für den letzten Tag geht es eher darum, angesichts der zeitlichen Begrenzungen sich nur für die wichtigen Dinge im Leben zu entscheiden. Bei der Idee vom ersten Tag geht es um das Erleben des Staunens an sich.
Stell dir einmal vor, du wachst auf und es ist ein jungfräulicher Tag. Du verlässt den Bauch deiner Mutter und alles, was du erlebst ist neu. Jeden Tag! Diese Vorstellung gefällt mir.
Ich lege für einen Moment den Ballast an die Seite und öffne mich mit allen Sinnen für das Wunder des Augenblickes. Der Mai macht zwar nicht alles neu, aber er lädt ein, wieder einmal aufmerksam zu werden für die Kraft des Neubeginns. 

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