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Samstag, 28. September 2024

Und doch ist Herz bei Herz tausendmal köstlicher als Blume bei Blume! Hafis (Ḥāfeẓ)

Wie köstlich ist Blume bei Blume. In meinem Garten wachsen und blühen gerade die Frühlingsblumen. Da stehen viele kleine bunte Blümchen und winken der Sonne zu. Ich freue mich darüber und es ist mir, als ob die Blumen sich mitfreuen und mir zuwinken. Als ob sie mir sagen würden, dass sie das nur für mich tun. Wie köstlich ist Blume bei Blume. Und ich stelle mir vor, dass es nichts Köstlicheres gibt als diesen Anblick.
Dann gehe ich ins Haus und koche mir einen Kaffee und hole mir einen selbstgebackenen Mandelkeks aus der Dose. Wie köstlich ist Kaffee an Mandelgebäck. Gibt es etwas, was dem gleicht? Ja, Schokolade und Kaffee ist auch köstlich. So viele Köstlichkeiten, die mich umgeben. Wie reich gesegnet ich doch bin! Blumen an Blumen, auf einem Stuhl sitzend und Kaffee schlürfen mit einem Stück Schokolade oder Mandelkeks.
Und doch ist Herz bei Herz tausendmal köstlicher als Blume bei Blume! Wie herrlich! Da gibt es noch den köstlichen Quantensprung. Mehr als Fülle! Herz an Herz spüren, wie lebendig ich bin. Wie lebendig mit jemand anderem. Herz an Herz hat einfach eine besondere Qualität. Du bist nicht mehr Zuschauer von Blumen, sondern selbst beteiligt. Da schlägt ein Herz und du spürst es.
Ich war einmal auf einer Fortbildung und wir durften eine Übung machen. Ich stellte mich einer Partnerin gegenüber, so nah, dass wir den anderen auf der Herzebene spüren konnten. Wir schlossen die Augen und ich dachte an etwas. Ich durfte mir aussuchen, ob ich an einen Ärger dachte oder an etwas ganz schönes. Und meine Partnerin sollte nur erspüren, ob es positiv oder negativ war. Es war echt magisch. Sie hatte es immer sofort gemerkt, wie ich mich fühlte und umgekehrt konnte ich es auch genau spüren. Ich hatte keine Ahnung, wie fähig unser Herz ist. Das ist nicht einfach eine mechanische Pumpe, die dafür sorgt, dass ich lebendig bleibe. Probier die Übung einmal aus!
Herz bei Herz zu sein ist tausendmal köstlicher als Blume bei Blume! Wenn du dein Gegenüber magst und umgekehrt. Wir Menschen können uns den Himmel bereiten oder die Hölle. Es ist unsere Herzensentscheidung. Dabei kann es so köstlich sein!
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Freitag, 27. September 2024

In einem Garten ging das Paradies verloren – in einem Garten wird es wiedergefunden. (Blaise Pascal)

Dieses Zitat habe ich im Zusammenhang von Gartenausstellungen gefunden. Es soll von Blaise Pascal stammen, was ich nicht prüfen konnte. Ist auch nicht so wichtig. Aber die Idee, die dahinter steckt.
Das erste Buch der Bibel erzählt ja vom Leben im Paradies. Das Paradies nach damaliger Vorstellung war kein Schloss oder ein sonstiges Gebäude. Das Paradies war ein Garten und zugleich ein Bild von Symbiose und Verbundenheit. Mann und Frau waren mit sich selbst, miteinander und mit der Natur und zugleich mit Gott verbunden. Diese Verbundenheit von allem mit allem bewirkte diesen unglaublichen Glückszustand. Dieses Paradies ist uns verloren gegangen. Dazu gäbe es viel zu sagen aus der Sicht der Theologie und vor allem auch aus der Sicht der Psychologie. Dazu hat Eugen Drewermann wegweisend geforscht und geschrieben.
Wenn du und ich heute leben, dann nützt uns wenig die Erinnerung an ein damaliges Paradies. Hilfreicher ist der Garten im Hier und Jetzt. Du hast die Möglichkeit, das Paradies wiederzufinden. Wenn du dich in einen Garten setzt, ist es leichter als in der U-Bahn oder in einer umtriebigen Fußgängerzone.
Ich sitze gerne in unserem Garten und beobachte die Hummeln, wie sie sich auf die Blüten stürzen. Die Amseln und Meisen, die emsig nach Futter suchen. Die wechselnden Farben von Blumen und Sträucher, das Wachsen von Zucchini und den Reifegrad der Tomaten. Es ist immer etwas los. Und sei es, dass nur der Wind durch die Sträucher weht oder es ganz still wird. Und jedes mal fühlt es sich an wie ein Bild meiner eigenen Seele. Was im Außen sich zeigt ist zugleich ein Teil in meinem Inneren. Und so komme ich mir selbst näher. Auf einmal gibt es die Erkenntnis von Verbundenheit. Vor meinem geistigen Auge erscheint neben den Amseln und Hummeln meine Arbeitskolleginnen, meine Familie und Freunde, meine vergangenen Ichs und der Rest der Welt.
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Donnerstag, 26. September 2024

Die fünf Freiheiten nach Virginia Satir



Virginia Satir war eine wichtige systemische Familientherapeutin und lebte von 1916 - 1988. Sie hat wertvolle Impulse gesetzt für familäre Strukturen und sehr wertschätzend und ressourcenorientiert gedacht und gehandelt. Sehr bekannt geworden sind ihre "fünf Freiheiten", die ich gerne nach und nach erschließen möchte.

Die erste Freiheit: Die Freiheit zu sehen und zu hören was im Moment wirklich da ist, anstatt was sein sollte, gewesen ist oder erst sein wird. 

Mein Mann sollte mir besser zuhören können. Dann wäre das Leben viel schöner. Mein Kind sollte mehr aufräumen, dann wäre ich viel entspannter. Mein Arbeitgeber sollte sehen, was ich alles leiste, dann würde ich viel lieber arbeiten.
Oder: Früher war doch alles besser. Die Bahn war pünktlicher. Die Brötchen schmeckten frischer und waren günstiger. Die Milch kam noch von der Kuh. Ich war körperlich fit. Die Welt war einfach schöner. Die Leute hatten alle mehr Zeit.
Oder: Wenn ich in Rente gehe, dann werde ich mehr Zeit haben. Wenn meine Kinder groß sind, dann werde ich endlich tun können was ich immer schon tun wollte.
Du denkst oft mit den Worten: "sollte" du gehst in die "gute Vergangenheit" oder phantasierst dich in eine "bessere" Zukunft. Du machst das schon automatisch, ständig oder mehrmals am Tag. Du verlässt die Gegenwart und den Augenblick und merkst nicht, wie unfrei du dadurch wirst. Du wirst wie ein Sklave, der sich die Freiheit wünscht: Wenn ich erst einmal diese Fesseln los werde, dann wird alles anders! Pustekuchen!
Virginia Satir lädt dich ein zu einem ganz bestimmten Aspekt der Freiheit. Du entscheidest dich für das "sollte" "die tolle Vergangenheit", die "bessere Zukunft". Du trägst die Verantwortung dafür, wohin deine Phantasie, Sichtweise, dein Ohr und deine Gedanken gehen.
Und du hast die Freiheit, dich jetzt neu zu entscheiden! Du kannst dich dafür entscheiden und hast die Freiheit das zu sehen und zu hören, was im Moment wirklich da ist. Du musst dir nichts vormachen. Du brauchst nichts beschönigen. Du musst dir die Zukunft nicht toll vordenken. Bekommt das, was ist, jetzt von dir die Erlaubnis da zu sein?
Mein Mann kann nicht zuhören. Das ist so. Aber ich kann ihn immer wieder darauf hinweisen, dass er das jetzt in diesem Augenblick tun kann. Mein Kind ist kein Aufräumer. Das ist einfach so. Und mein Kind ist trotzdem in Ordnung. Die Welt wird nicht untergehen, wenn es nicht aufräumt und es bleibt mein Kind. Mein Arbeitgeber ist blind für die Leistungen der Angestellten. Das ist einfach so! Aber ich kann für mich würdigen, was ich leiste. Und ich leiste was! Und das fühlt sich stark an! Egal, ob es der Chef sieht oder nicht.
Ich warte nicht bis zur Rente, damit ich mehr Zeit habe. Jetzt in diesem Augenblick nehme ich mir die Zeit. Es ist meine Zeit, meine Lebenszeit. Heute schmecken mir die Brötchen und außerdem bin ich ein toller Bäcker. Und heute noch werde ich tun, was ich immer schon gerne tun wollte.
Spürst du wie es ist, wenn du ein Gespür für deine Freiheit wieder findest und entwickelst? Wenn du unerfüllten Sehnsüchten hinterherträumst kann es dich viel Kraft und Energie kosten und irgendwann bist du weg! Du bist nicht mehr da. Gedankenverloren schlürfst du deinen Kaffee und weißt gar nicht, was du getrunken hast. Was kannst du jetzt in diesem Moment hören und sehen?

Die zweite Freiheit: Die Freiheit das auszusprechen, was ich wirklich fühle und denke, und nicht das, was von mir erwartet wird.

Was wird von dir erwartet? Von einer Mutter wird erwartet dass sie empört ist, wenn das eigene Kind ungerecht behandelt wird. Von einem Kind wird erwartet, dass es auf  seine Eltern hört.
Was wird von dir in einer Beziehung erwartet? "Wenn du mich wirklich liebst, dann wüsstest du jetzt wie es mir geht!" "Wenn ich wirklich wichtig für dich wäre, dann würdest du dich heute nicht mit deinen Freunden treffen sondern bei mir bleiben!"
Ich kenne solche Merkwürdigkeiten zur Genüge aus meiner Kindheit. Häufig hatte ich so Fragen und

Mittwoch, 25. September 2024

Alles was uns an anderen missfällt, kann uns zu besserer Selbsterkenntnis führen. (Carl Gustav Jung)

Mir gefällt nicht, wenn jemand schlecht über andere spricht. Ich fühle mich unwohl und da stockt etwas in mir. Da spricht eine Stimme im Hintergrund, die sagt: "Hör auf damit! Das ist nicht in Ordnung. Sprich nicht über andere wenn sie nicht dabei sind." Ich folge dieser Stimme aber nicht immer. Wenn sich viel Ärger in mir angesammelt hat dann wirkt das Lästern wie eine Reinigung. Ich spüle meinen Ärger hoch und werde ihn los. Aber immer verbunden mit einem schlechten Gefühl. So, als ob ich illegal Müll entsorge. Ärger loswerden ist gut, aber der Weg dahin?
Wenn mir ein anderer Mensch missfällt löst das etwas in mir aus. Ein Gefühl, einen Gedanken oder den Wunsch, jetzt unbedingt etwas zu tun. Ich trete in Resonanz. Beim "schlecht reden" trete ich in Resonanz. Bei anderen Themen überhaupt nicht. Manche regen sich auf, wenn sich im Kühlregal des Supermarktes noch abgelaufene Produkte befinden. Da bleibe ich völlig gelassen. Aber wehe, es drängelt sich jemand vor. Damit habe ich ein Thema. Wenn mein Gewissen mich nicht bremsen würde, würde ich mich selbst ständig vordrängeln. Warum nicht? Wenn du dich nicht vordrängelst am Buffet gehst du am Ende vielleicht leer aus. Du ärgerst zwar andere, hast aber auch Vorteile.
Wenn jemand anders sich vordrängelt dann sollst du mal miterleben wie ich mich ärgere. Ich gehe damit in Resonanz. Und das ist gut so! Ich lerne dadurch diese dunklen Seiten in mir kennen und werde damit konfrontiert. Ich spüre: "Ach, das bin ja ich!" Nicht der andere drängelt sich vor, sondern da ist jetzt dieses Ärgergefühl in mir. Es ist mein Thema, was da anschwingt.
Anstatt mich über den anderen zu ärgern und mein Missfallen zum Ausdruck zu bringen kann ich auch mal überprüfen, welches Bedürfnis ich da im Moment habe. Fühle ich mich übergangen? Nicht beachtet? Habe ich gerade vor etwas Angst? Wenn ich dem nachgehe, dann lerne ich mehr über mich kennen. Ich weiß mehr von mir und kann mich dafür entscheiden, diese dunkle Seite in mir zu bejahen.
Vielleicht werde ich mich dann nicht mehr so doll ärgern in Zukunft. Oder ich werde dem anderen gegenüber höflicher und gelassener sein. Oder auch entschieden, aber mit einem befriedeten Herzen. Wenn ich mich weiterentwickeln möchte, dann brauche ich dich. Und dich auch. Und dich auch. Ich brauche dafür ganz viele Menschen. Je mehr mir missfällt, desto mehr Möglichkeiten habe ich zur Vermehrung meiner Selbsterkenntnis. Vielen Dank Herr Jung für diese Erkenntnis.
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Dienstag, 24. September 2024

Laufe nicht der Vergangenheit nach und verliere dich nicht in der Zukunft. Die Vergangenheit ist nicht mehr. Die Zukunft ist noch nicht gekommen. Das Leben ist hier und jetzt. (buddhistische Weisheit)


Manchmal klebe ich in meiner Vergangenheit fest. Ich bedaure, dass ich dieses oder jenes so und nicht anders gemacht habe. Hätte ich doch nicht... Ich kann mich in einen solchen Gedanken ganz tief eingraben und werde traurig.
Manchmal klebe ich aber auch in der Zukunft fest. Ich muss einen Vortrag halten und spüre schon Tage vorher die Angst. Es fühlt sich so an, als ob die vielen Menschen mich schon jetzt erwartungsvoll anschauen.
Die Vergangenheit ist vorbei, die Zukunft noch nicht da. Leider sind die Ereignisse der Vergangenheit oft noch im gegenwärtigen Erleben präsent. Ich hole sie mir immer wieder herbei. Und auch, wenn die Zukunft noch nicht sattgefunden hat. Wenn ich daran denke wird sie gegenwärtig.
Das Leben ist hier und jetzt. Wenn ich mich auf das Jetzt konzentriere verschwinden vergangene Gedanken und Gefühle. Wenn ich mich auf des Jetzt fokussiere gibt es keinen Platz für die Zukunftsangst. Doch wie schnell wandert der Gedanke wieder zurück und nach vorne.
Ich lade dich ein zu einem Experiment. Denke doch einmal an ein Ereignis der Vergangenheit, das dich belastet. Warte, bis du ein Gefühl dazu bekommst. Dann springst du in die Zukunft und holst dir ein Ereignis ins Herz, das dir Angst macht. Wenn du es fühlst springst du wieder zum gleichen Ereignis zurück in die Vergangenheit. Von dort aus wieder zum gleichen Ereignis in die Zukunft. Beobachte dabei, was in dir geschieht. Verlangsame das Tempo und dann mache wieder schneller. Switche von der Zukunft in die Vergangenheit und wieder zurück.
Verwirrt es dich? Stellst du einen inneren Beobachter oder Gestalter fest, der das vollbringt? Ein "Ich", dass in die Vergangenheit gehen kann und in die Zukunft? Bemerkst du, dass du im Wechseln immer mehr die Gestaltungshoheit übernimmst? Die Vergangenheit "überfällt" dich nicht mehr? Ist die Verwirrung heilsam?
matthias-koenning.de