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Dienstag, 27. September 2016

Stolpern, hinfallen, auf de Bauch legen, den Moment genießen

Wenn ich im übertragenen Sinne stolpere, dann schäme ich mich. Ich habe versagt. Ich habe mich blamiert. Das hätte nicht sein dürfen. Wenn ich gekränkt bin, dann liege ich auch am Boden. Ich liege nicht gerne freiwillig am Boden. Da liege ich dann mit meiner Kränkung und mit meiner Scham. Das fühlt sich schrecklich an.
Als Kind habe ich mich in solchen Situationen ins Zimmer zurückgezogen und bin unter die Bettdecke gekrochen. Da konnte mich wenigstens niemand sehen. Dort habe ich dann gewartet. Manchmal verging die Kränkung. Manchmal bekam ich auch Besuch. Leider eher selten.
Stolpern und hinfallen möchte ich lieber nicht. Nicht am Boden liegen. Und da lese ich diese Spruchkarte. Sie lädt mich doch tatsächlich ein, den Moment zu genießen. Mich auf den Bauch zu legen und zu genießen.
Das könnte ich doch mal probieren. Wenn ich mich schon schlecht fühle und voller Scham, könnte ich diesen Moment doch innerlich umdrehen. Wenn ich schon liege, dann auch mit den Vorteilen, die das Liegen so mit sich bringt. Ich müsste nicht mehr stehen und aushalten. Ich könnte liegen und loslassen. Ich müsste mich nicht länger anstrengen. Abtauchen, eine Runde schämen und sich kränken und dann hinübergehen in das Loslassen. Und dann einen tiefen Heilschlaf machen und schön genießen.
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Montag, 26. September 2016

Ich bin nicht zickig!

Da steht es weiß auf rot. Ich bin nicht zickig! Und etwas kleiner drunter: "Du machst nur nicht das, was ich will."
Hat dir schon mal jemand gesagt, dass du zickig bist? Hast du das selbst schon mal zu jemandem gesagt? Bist du eine Frau oder ein Mann. Sind Frauen zickig von "Zicke" und Männer bockig von "Bock"? Was zeichnet so eine Zicke aus? Heißt sie so, weil sie etwas nicht will? Weil sie sich verweigert? Weil sie schlecht drauf ist, wenn sie etwas nicht will? Oder auch er?
Manchmal kommt da so ein Gefühl hoch. Jemand will etwas von dir und du willst nicht. Da kommt jemand mit ganz tollen Gründen. Alles sehr verständlich. Sehr rational. Und du kannst einfach nicht verständnisvoll sein. Du bist schlecht drauf. Mit oder ohne Grund. Mit Grund findest du vielleicht selbst noch in Ordnung. Ohne Grund ist noch schlimmer. Dann bist du zickig ohne Begründung. Vielleicht leidest du auch noch darunter. Dann bist du zickig mit einem schlechten Gefühl, dass das nicht in Ordnung ist.
Schlimm ist, dass es sich einfach Scheiße anfühlt. Du bist viel lieber lustig und gelassen. Aber du lehnst es ab, auch noch so bezeichnet zu werden. Es reicht aus, wenn du dich zickig fühlst. Das muss dir nicht auch noch jemand aufs Brot schmieren. Das ist auch blöd, wenn jemand deine Idee nicht toll findet. Wenn jemand auf deine Wünsche nicht eingeht. Sie nicht sieht.
Wenn du zickig bist, dann befindest du dich im Land der Trennung. Du fühlst dich unverbunden. Isoliert. Allein. Ich habe mir vorgenommen, wenn ich mal zickig oder bockig bin, da mehr Verständnis für mich zu haben. Gnädiger mit mir umzugehen. Bislang war das in meinem Leben immer nur eine Phase. Ich bin da immer wieder rausgekommen. Ich werde nicht im Zustand des getrennt Fühlens bleiben und wieder zurückgehen in die Verbindung. Und ich werde das immer öfter, immer schneller und immer leichter schaffen. Alle zehn Jahre werde ich die Veränderung bemerken. Spätestens auf dem Sterbebett werde ich fragen: "Was ist zickig sein für ein Gefühl? Kenne ich nicht!"
Wenn ich besonders zickig bin heute und da eine schlimme Phase habe, kann ich mir einfach vorstellen, dass ich probeweise auf dem Sterbebett liege. Ich liege dort und lache über das komische Bild. Ich sterbe und bin zickig. Das wäre doch sehr überflüssig. Obwohl - wenn ich so richtig zickig bin, dann fühlt sich das sterbensmäßig schlecht an.
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Samstag, 24. September 2016

Ohne Whats App kann das Leben auch schön sein!

Ich lebe ohne Whats App. Immer noch! Manchmal schaue ich neidisch auf alle vernetzten Freunde. Ich sitze in einer Runde und gehöre nicht dazu. Alle paar Minuten klingelt es und immer schaut jemand auf sein Smartphone. Lächelt. Runzelt die Stirn. Vertieft sich in die Botschaften. Mein Smartphone schweigt. Beharrlich. Es gibt keinen Ton von sich. Es lohnt sich für mich nicht, das Gerät auch auf den Tisch zu legen.
Da findet etwas statt und ich gehöre nicht dazu. Ich bin ausgeschlossen. Ich sollte dies App auch bei mir installieren und Gruppen bilden. Inzwischen bekomme ich von Freunden über Freunden Grüße. "Wenn du mal Matthias siehst, grüße ihn. Sage ihm dieses oder das. Und er ist auch eingeladen." Niemand grüßt mich mehr direkt. Ich bekomme keine Einladungen face to face mehr ausgesprochen.
Jetzt lese ich auf dieser schönen Spruchkarte: "Warum 5 min telefonieren, wenn man es auch per Whats App in 8 Stunden klären kann?" Ja, genau so kommt es mir vor. Die Klärungsprozesse dauern Stunden. Die Nachrichten sind ja kurz und gehen schnell hin und her. Aber der ganze Prozess dauert. Man macht das halt so zwischendurch. Mal eben schnell eine Whats App verschicken.
Ich gehöre noch zu denen, die telefonieren müssen. Nicht ganz. Ich kann auch SMS oder eine Mail verschicken. Bis vor kurzer Zeit gehörte ich damit völlig zum Mainstream. Heute bin ich damit schon ein Dinosaurier.
Ich will auch nicht die moralische Keule herausholen nach dem Motto: "Die Whats App ist dir wichtiger als meine Anwesenheit. Da kann ich ja auch gleich gehen. Du schaust immer nur auf dem Display und ich bin nicht mehr wichtig." Das Smartphone kann schnell für ganz viel Kränkung sorgen. Pling - und ich bin raus. Ich wollte ja nicht moralisch werden, aber weh tut es doch manchmal. Es braucht halt seine Zeit, bis sich Whats App in eine bestimmte Kultur integriert. Und nicht dominiert.
Mich beschäftigt aber eine weiterführendere Idee. Noch brauchen wir zum Gedankenaustausch technische Geräte. Briefe für die Dinosaurier, Mails für die Großeltern, SMS für die Gestrigen und Whats App für die Heutigen. Was wird morgen sein? Damit hoffe ich schon sehr bald. Morgen werden wir für die schnelle Kommunikation keine Geräte mehr benötigen. Ich sende einfach einen Gedanken aus und du wirst in der Lage sein, diesen Gedanken aufzunehmen. Blitzschnell geht es hin und her und niemand merkt etwas. Mit Whats App üben wir für den Tag, wo wir uns ohne Technik austauschen und verstehen.
Wir werden viel tiefer eintauchen in die unsichtbaren Netze, die uns miteinander verbinden. Manchmal klappt das schon heute. Ich bekomme ein Signal von meiner Schwester und schon ruft sie an. Es funktioniert nur noch nicht so zuverlässig. Aber sie wird kommen. Die Zeit, in der wir keine App mehr brauchen. In diese Klammer (  ) habe ich jetzt einen Gedanken gepackt. Kannst du ihn lesen? Willkommen in der neuen Zeit!
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Montag, 19. September 2016

Von alten Frauen lernen, die Zug fahren


Im Zug gibt es ja immer noch die Viererplätze, an denen man sich gegenüber setzen kann. Das erinnert mich an die geschlossenen Zugabteile für sechs Personen, von denen es immer weniger gibt.
Vor ein paar Tagen wurde ich Zeuge einer interessanten Begegnung. Ich saß so, dass ich ein solches Viererquadrat gut sehen konnte. Da saß eine Frau und ihr schräg gegenüber ein Mann. Beide um die vierzig, vermutlich wie ich auf dem Weg zur Arbeit. So wie ich sprachen sie nicht miteinander. Im Zug sprechen ja nur Menschen miteinander, die sich kennen. Ansonsten ist jeder vertieft in sein Smartphone, sein Buch oder sonst was.
Dann stieg ein alte Dame ein mit einem Einkaufswagen. Mühsam stieg sie die paar Treppenstufen herunter und blieb vor dem Quadrat stehen. Ein Rucksack blockierte einen Sitz. "Darf ich mich da hinsetzen?" Klar durfte sie. Normalerweise setzen sich dann die Fahrgäste und - schweigen. Nicht so die alte Dame. Ich war wie elektrisiert. Ich erinnerte mich an die alten Damen zu meiner Studienzeit, die mit mir im Abteil saßen. Sie fingen immer Gespräche mit mir an. Sie konnten es nicht lassen. Ich hatte keine Möglichkeit mehr, meine Bücher zu lesen. Ich dachte, diese Menschen seien inzwischen ausgestorben. Sind sie aber nicht.
In wenigen Sekunden hatte die alte Dame ihre beiden Mitreisenden in ein Gespräch verwickelt. "Fahren Sie auch nach Bielefeld?" "Nein, nach Minden." "Ach, Sie arbeiten da?" "Ja." "Was denn?" "In einem Büro dort." "Mein Mann hat auch in einem Büro gearbeitet, aber in Bad Sassenberg. Kennen Sie Bad Sassenberg? Ist schön dort, nicht wahr? Da kann man auch Urlaub machen. Wo machen Sie denn Ihren Urlaub. Und wo kommen Sie her?" Sie plauderte und erzählte von sich und so ganz nehbenbei erfuhr sie alles von dem Mann und der Frau. Und ich auch! Er war Chemiker und wohnte in Dortmund, aber erst seit ein paar Monaten. Viele weiterere Details. Und unüberhörbar.
Ich mag die Anonymität im Zug. Ich bin bei mir und kann meine eigenen Dinge machen. Zugleich aber bewundere ich diese Frauen aus der alten Welt. Die besaßen noch die Kunst der gepflegten Gesprächsführung. Die konnten noch wildfremde Menschen zusammenbringen und Kommunikation machen. Ohne es je gelernt zu haben. Unterhaltsamer als jedes Fernsehprogramm und für ganz umsonst.
Wenn du jetzt diese Zeilen liest könnte ich ja mal so nebenbei fragen. Liest du meine Texte öfter mal? Was denkst du dann so? Wo liest du meine Texte und bist du verheiratet? Findest du nicht auch, dass Züge pünktlicher sind als ihr Ruf und kennst du solche älteren Damen auch? Schöne Grüße!
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Samstag, 17. September 2016

Die Kunst, nicht mehr als das Beste aus allem zu machen!


Du hast etwas versemmelt! Du hast etwas nicht hinbekommen! Dein Kuchen wurde nicht richtig gar. Dein Brief enthält viele Rechtschreibfehler. Du hast dich blamiert bei deinen Freunden. Du hast schlecht über jemanden gesprochen und der hat das "zufällig" mitbekommen.
Du hast einen Auftrag bekommen und dein Auftraggeber ist mit dem Ergebnis unzufrieden. Egal, was du versemmelt hast, du kannst immer noch das Beste daraus machen. Den Kuchen schiebst du wieder in den Ofen, den Brief korrigierst du, bei den Freunden entschuldigst du dich. Du kannst das Beste daraus machen.
Wenn du vor einer Prüfung stehst oder dein Kind vor einer Klassenarbeit zur Schule schickst kannst dir oder deinem Kind sagen: "Mach das Beste daraus!" So einfach und so banal! Du kannst immer und in jeder Situation noch irgend etwas "Bestes" finden. Glück im Unglück. Das Schlimmste verhindern. Dem Ganzen die Spitze nehmen. Retten, was zu retten ist. So weit, so gut! Oder auch, so schlecht?!
Geh mit mir noch einmal zu der Situation, in der du über jemanden schlecht gesprochen hast. Und diese Person hat das mitbekommen! Du versuchst also, das Beste daraus zu machen. Aber innerlich läuft ein dramatischer Vorgang ab. Du fühlst dich ertappt! Du wirst rot im Gesicht! Dir geht es schlecht! Du möchtest es rückgängig machen, im Boden versinken, dich unsichtbar machen! Es sei denn, du bist in der Lage, fehlerfreundlich mit dir umzugehen und dir deine Fehler nicht so zu Herzen zu nehmen. Wobei Fehler einfach entstehen können durch Unachtsamkeit oder Unvermögen. Aber schlecht über jemanden reden und dabei erwischt werden als "Fehler" interpretieren?
Ich will dir heute eine meiner peinlichsten Geschichten erzählen aus meiner Schullaufbahn. Im Englischunterricht schrieb ich mit vierhzehn Jahren auf einen Zettel über meine Lehrerin: "I love she!" Diesen Zettel zeigte ich meinen Freunden. Die lachten natürlich und meine "Offenbarung" sorgte für eine heitere Stimmung. Die Lehrerin wurde prompt auf mich aufmerksam und las diesen Zettel. Ihr einziger Kommentar war: "Das heißt: I love her." War mir das peinlich! Erst nach dreißig Jahren mag ich diese Geschichte öffentlich erzählen.
Da war nichts mehr zu retten. Ich konnte nichts rückgängig machen. Ich wurde erst erlöst, als wir einen neuen männlichen Englischlehrer aus Bayern bekamen. Das Beste konnte ich daraus machen, indem ich so tat, als hätte ich diesen Satz nie geschrieben. So nebenbei, die Lehrerin war wirklich sehr nett und sah auch toll aus.
Doch jetzt komme ich zu der Kunst, nicht mehr als das Beste aus allem zu machen. Eigentlich möchtest du mehr als das Beste aus allem machen, wenn du versuchst, deine Peinlichkeiten rückgängig zu machen. Du möchtest etwas ungeschehen machen. Das ist dein eigentlicher Wunsch! Du kannst es zwar nicht, aber du möchtest es! Fallen dir Situationen im Leben ein, die du rückgängig machen möchtest? Ein Streit mit deinem Mann, deiner Frau? Ein furchtbares Wort deinen Kindern gegenüber? Klebt an dir so ein Wort oder ein Satz, der bis heute Auswirkungen auf dein Leben hat und dein Glück einschränkt?
Die Kunst, nicht mehr als das Beste aus allem zu machen besteht darin, grundsätzlich einverstanden zu sein mit allem, was du gemacht hast. Du übernimmst die Verantwortung für dein Leben, für deine Gefühle, deine Gedanken und deine Taten. Du stehst einfach dazu. Du stehst zu deiner Scham, zum Rot werden und zu allem, was dir peinlich ist. Wenn du versuchst, mehr als das Beste aus allem zu machen, bewegst du dich in einen Bereich der Phantasie. Da kannst du alles rückgängig machen. Da ist dann nichts geschehen. Dann musst du aber gut im Verdrängen sein!
Nicht mehr als das Beste aus allem zu machen! Die Perfektionisten leben nach diesem Motto. Das Beste ist nicht gut genug. Es geht noch besser! Stress und Burnout sind da vorprogrammiert. Wenn du die Kunst beherrscht, nicht mehr als das Beste aus allem zu machen kannst du sogar anfangen, deine Fehler zu lieben. Du bist dir selbst von Herzen gut und gehst ganz wohlwollend mit dir um. Dann stehst du vor dem Herd und sagst zum Kuchen: "Ach ja! So ist es jetzt." Und gut!
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