Es gibt ein paar Geheimnisse in meinem Leben, die sollte möglichst niemand erfahren. Das sind Erlebnisse, die mit Scham behaftet sind. Oder unangenehme Gefühle hervorrufen. Oder aber auch tolle Geheimnisse, die ich nicht öffne, um einen anderen Menschen oder einen Gegenstand zu schützen. Ich selbst bin der Hüter von Geheimnissen und habe dafür eine Schatzkammer, die ich gut bewache. Ich verrate auch nicht meine Schutzmechanismen damit es niemand erst versucht. Allein, dass ich sage, dass ich Geheimnisse haben, ist ja schon gefährlich genug. Demnächst wird mich bestimmt jemand ansprechen und sagen: "Hey, du hast doch geschrieben, dass du Geheimnisse hast. Willst du mir nicht eines davon kurz erzählen?" Besser wäre es, ich würde mich ganz in Schweigen hüllen.
Eines ist klar. Ich bin der Hüter und der Herr über meine Geheimnisse. Jetzt wird es aber sehr unheimlich. C.G. Jung spricht von Geheimnissen, die mich haben. Da gibt es etwas, das auf meinem Leben einen Einfluss hat, von dem ich keine Ahnung habe. Er spricht dabei von dem, was ich im Laufe des Lebens verdrängt habe oder gar nicht erst weiß. Ich habe als kleines Kind bestimmt etwas erlebt, was mich sehr erschreckt oder geängstigt hat. So stark, dass mein System aus Selbstschutz mich in den Mantel des Vergessens und Verdrängens hüllt. Manchmal rumort es im Herzen oder im Bauch oder auch im Hals. Es hat etwas Schleichendes und Unsichtbares. Ich spüre eine Wirkung und weiß nicht, wo der Auslöser sitzt. Ich habe aber die Ahnung, dass das etwas mit meiner Geschichte zu tun hat.
Manchmal lerne ich Menschen kennen und im Verlauf des Gespräches kommen wir darauf, dass es ein Geheimnis bei den Vorfahren gab. Da hat sich der Urgroßvater das Leben genommen und niemand spricht darüber. Das Geschehene wird mit einem großen Tabu behängt und alle denken, ist ja schon lange her. Aber das Geheimnis hat sich schon längst selbständig gemacht und beschleicht die nächste und übernächste Familiengeneration. Das sind dann die Geheimnisse, die uns haben. Die uns im Griff haben. Bist du ganz sicher, dass es in deinem Leben kein einziges Geheimnis gibt, welches dich hat statt umgekehrt? Du wirst es vielleicht nie erfahren weil das Geheimnis alles dafür tut, sich dir nicht bekannt zu machen. Aber du merkst die Auswirkungen.
Und nun? Bist du ohnmächtiges Opfer deiner alten Geheimnisse? Bist du ihnen willenlos ausgeliefert und kannst gar nichts machen? Nein, allein das Wissen darum gibt dir die Macht zurück. Das Geheimnis möchte nicht entdeckt werden auf der inhaltlichen Ebene und möchte auch nicht, dass du überhaupt weißt, dass es existiert. Die größte Macht der Geheimnisse liegt darin, ganz im Verborgenen zu sein. Jetzt weißt du, dass die wirklichen Geheimnisse dich noch haben. Du spürst sie aber an den Auswirkungen. Vor allem in deinem Körper. Wenn du ein mulmiges Gefühl hast und es nicht zuordnen kannst. Wenn du ganz plötzlich mit Angst reagierst obwohl der Anlass gar nicht so heftig war. Es hat in der Regel etwas Schwelendes, Namenloses und zugleich Spürbares. Du kannst auch einfach die Augen schließen und dich in deinen Herzraum versenken. Dort bittest du das Geheimnis, dass es sich dir zeigen möge. Lade es ein und versprich, vorsichtig und wohlwollend zu sein. Vielleicht zeigt es sich dir nicht so ganz klar sondern eher wie ein Märchenbild oder wie ein Gefühl oder wie ein Symbol oder ein Gedanke. Es kommt vielleicht nicht in deinen Herzraum weil es Angst hat. Aber es wird dich bemerken und reagieren. Eigentlich wartet es darauf, von dir entdeckt zu werden. Es wartet auf Erlösung und hat zugleich Angst davor. Und du bleibst wohlwollend bei deiner Einladung, geduldig und wenn es sein muss für den Rest deines Lebens. Allein, wenn du deine
Geheimnisse einladen kannst bist du nicht mehr ausgeliefert und ohnmächtig. Du hast die Initiative ergriffen und gestaltest.
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Freitag, 12. April 2024
Donnerstag, 11. April 2024
Es ist besser, das zu überschlafen, was du zu tun beabsichtigst, als dich von dem wachhalten zu lassen, was du getan hast. (Igbo)
Bevor du eine Entscheidung triffst, von der Glück oder Unglück anderer Menschen abhängt, schlaf mal eine Nacht drüber. Nicht alles muss sofort entschieden werden. Bedenke alles, wiege es hin und her und dann lass es wieder los. Schiebe es in den kosmischen Brutkasten und belass es dort für eine Weile.
Wenn du zu schnell handelst und dabei Menschen verletzt oder kränkst, nur weil du es zu eilig hattest, musst du den Preis der schlaflosen Nächte zahlen.
Die Art deiner Nächte kann ein wichtiger Hinweis sein, wie gelassen du mit deinem Leben umgehst. Kannst du gut loslassen? Deine Gedanken, deine Pläne, dein möglicherweise schlechtes Gewissen?
Es ist besser, das zu überschlafen, was du zu tun beabsichtigst, als dich von dem wachhalten zu lassen, was du getan hast.
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Mittwoch, 10. April 2024
Deine Not-to-do Liste!
Machst du auch solche Listen, auf die du schreibst, was du noch alles zu tun hast? Wie viele Punkte stehen denn da so drauf? Priorisierst du oder schreibst du einfach wahllos alles herunter. Machst du so eine Liste, weil du nur einfach vergesslich bist? Oder brauchst du Strategien, um den inneren Schweinehund zu überwinden. Oder liebst du einfach nur die vielen durchgestrichenen Sätze, wenn du am Ende alles erledigt hast? Bist vielleicht angetrieben von dem inneren Glaubenssatz:"Wenn ich meine To-do-Liste abgearbeitet habe geht es mir gut und ich fühle mich frei?"
Dann solltest du dir überlegen, ob du doch ein Sklave deines Ehrgeizes oder deines schlechten Gewissens oder deiner Verantwortungsübertreibung bist. Vielleicht bist du aber auch einfach nur ein Listenjunkie. Du machst eine Liste für den Einkauf, für den Koffer, für die Woche und für das Jahr. Dann schaust du auf deine Listen und arbeitest sie ab und bist dabei sehr wichtig. Oder du freust dich einfach, wenn etwas erledigt ist und der Druck in deinem Kopf und in deinem Körper verschwindet. Du liebst es, in dir ein reines und ruhiges Gewissen zu erzeugen.
Mach das ruhig so. Das ist ganz in "Ordnung"! Es hilft dir und kann ein Geländer sein in der Unübersichtlichkeit des Lebens. Ich lade dich trotzdem ein, mal eine "Not-to-do Liste" zu machen. Da steht drauf: Ich muss nicht aufräumen. Ich muss mein Konzept nicht fertig bekommen. Ich muss nicht einkaufen gehen. Ich muss nicht die Wäsche waschen... Also eine lange Liste von Dingen, die du nicht machen musst. Und wenn du diese Liste nicht abarbeiten musst, musst du diese Liste auch gar nicht erst schreiben. Es würde ausreichen, wenn du auf einen Zettel schreibst: Not-to-do! Und? Wie fühlt es sich an, wenn du durch die Wohnung läufst und überall einen Post-it hinklebst mit der Überschrift "Not-to-do". Spürst du, wie dein Freiraum wächst? Oder spürst du eher das schlechte Gewissen, das dir sagt: "So geht das aber nicht!" Nein, so geht das wirklich nicht. So funktioniert leider eine solche Liste auch gar nicht. Du würdest an alle deine "To dos" vorbeilaufen, wo jetzt klebt: "Not to do" und du wärest ständig konfrontiert mit den unerledigten Dingen.
Ich selbst mache das so. Ich setze mich hin und schließe die Augen. Dann sehe ich nicht mehr die "To dos". Sie sind noch nicht verschwunden, weil ich sie ja noch denken kann. Aber ich sehe sie nicht mehr. Ich gehe in mein Herz und schreibe dort in schönen Buchstaben flüsternd: "Not to do!" Mein Herz genießt für einen Augenblick den Freiraum, der entsteht. Und mit diesem Freiraum im Inneren mache ich dann manche Sachen von der "To-do Liste". Ich arbeite weiter mit solchen Listen aber nie ohne die andere Liste, die genauso wahr ist. Es gibt nichts zu tun!
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Dann solltest du dir überlegen, ob du doch ein Sklave deines Ehrgeizes oder deines schlechten Gewissens oder deiner Verantwortungsübertreibung bist. Vielleicht bist du aber auch einfach nur ein Listenjunkie. Du machst eine Liste für den Einkauf, für den Koffer, für die Woche und für das Jahr. Dann schaust du auf deine Listen und arbeitest sie ab und bist dabei sehr wichtig. Oder du freust dich einfach, wenn etwas erledigt ist und der Druck in deinem Kopf und in deinem Körper verschwindet. Du liebst es, in dir ein reines und ruhiges Gewissen zu erzeugen.
Mach das ruhig so. Das ist ganz in "Ordnung"! Es hilft dir und kann ein Geländer sein in der Unübersichtlichkeit des Lebens. Ich lade dich trotzdem ein, mal eine "Not-to-do Liste" zu machen. Da steht drauf: Ich muss nicht aufräumen. Ich muss mein Konzept nicht fertig bekommen. Ich muss nicht einkaufen gehen. Ich muss nicht die Wäsche waschen... Also eine lange Liste von Dingen, die du nicht machen musst. Und wenn du diese Liste nicht abarbeiten musst, musst du diese Liste auch gar nicht erst schreiben. Es würde ausreichen, wenn du auf einen Zettel schreibst: Not-to-do! Und? Wie fühlt es sich an, wenn du durch die Wohnung läufst und überall einen Post-it hinklebst mit der Überschrift "Not-to-do". Spürst du, wie dein Freiraum wächst? Oder spürst du eher das schlechte Gewissen, das dir sagt: "So geht das aber nicht!" Nein, so geht das wirklich nicht. So funktioniert leider eine solche Liste auch gar nicht. Du würdest an alle deine "To dos" vorbeilaufen, wo jetzt klebt: "Not to do" und du wärest ständig konfrontiert mit den unerledigten Dingen.
Ich selbst mache das so. Ich setze mich hin und schließe die Augen. Dann sehe ich nicht mehr die "To dos". Sie sind noch nicht verschwunden, weil ich sie ja noch denken kann. Aber ich sehe sie nicht mehr. Ich gehe in mein Herz und schreibe dort in schönen Buchstaben flüsternd: "Not to do!" Mein Herz genießt für einen Augenblick den Freiraum, der entsteht. Und mit diesem Freiraum im Inneren mache ich dann manche Sachen von der "To-do Liste". Ich arbeite weiter mit solchen Listen aber nie ohne die andere Liste, die genauso wahr ist. Es gibt nichts zu tun!
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Dienstag, 9. April 2024
Login
Ständig musst du dich anmelden. Beim Arzt, beim Friseur, bei der Behörde oder bei der Versicherung. Online meldest du dich an mit dem Login. Du gibst einen Namen ein und dann ein Passwort.
Der Name allein reicht nicht. Es könnte viele solcher Namen geben und andere könnten in deinem Namen auf ein Portal kommen, wo sich deine sensiblen und persönlichen Daten befinden.
Name und Passwort. Wenn beides stimmt, darfst du rein. Du solltest dir auch ein sicheres Passwort wählen. Die Schar der Betrüger tummelt sich vor den Portalen um Zugriff zu bekommen auf deine Ressourcen. Früher führte man in der Postkutsche Degen und Pistolen mit sich. Heute reichen gewaltfreie Passwörter.
Hinter Passwort und Name verbirgt sich ja schließlich ein kleiner oder großer Schatz. Zugang zu wichtigen Daten oder zu deinem Konto. Du könntest dich dir selber auch vorstellen wie jemand mit Namen und Passwort.
Ich trage einen Namen und besitze ein Passwort. Nicht jeder, der meinen Namen ruft, bekommt etwas von mir. Ich besitze auch so etwas wie eine Schutzzone. Und das ist sehr hilfreich und zugleich sehr gefährlich.
Hilfreich ist es, dass mich nicht jeder einfach so angreifen, kränken oder verletzen kann. Ich kann mich gut schützen. Ich habe das im Laufe vieler Jahre gelernt. Ich habe gute Strategien entwickelt. Arbeite an meinem Selbstwertgefühl, an den Gefühlen sowieso und weiß, was ich gut machen kann.
Gefährlich wird es, wenn ich mich zu sehr schütze. Wenn ich mich so schütze, dass ich eine riesige Mauer aufbaue. So, dass niemand mehr zu mir durchdringen kann. Wenn es diese einsamen Momente gibt, dann denke ich darüber nach, ob mein Passwort nicht zu lang und zu kompliziert geworden ist.
Es ist wie immer eine Frage des Vertrauens. Viel Kontrolle und wenig Vertrauen. Oder viel Vertrauen und wenig Kontrolle. Viel Kontrolle bedeutet viel Sicherheit und viele Hürden bei den Verbindungen. Viel Vertrauen bedeutet Gefahr von Kontrollverlust und zugleich viele Verbindungen. Und irgendwie liegt wohl ein gesundes Maß dazwischen.
Obwohl: So ganz heimlich wünsche ich mir eine Welt, wo Passwörter überflüssig sind. Wo ich mein Herz öffnen kann und es geschieht einfach nur viel Heilsames und Gutes. Ich könnte ja so tun, als hätte ich ein schweres Passwort für alle Betrüger. Aber eigentlich ist der Zugang zu mir ganz leicht. Du klopfst an und ich öffne. Du fragst, ob du hereinkommen darfst und ich antworte: "Gerne!"
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Der Name allein reicht nicht. Es könnte viele solcher Namen geben und andere könnten in deinem Namen auf ein Portal kommen, wo sich deine sensiblen und persönlichen Daten befinden.
Name und Passwort. Wenn beides stimmt, darfst du rein. Du solltest dir auch ein sicheres Passwort wählen. Die Schar der Betrüger tummelt sich vor den Portalen um Zugriff zu bekommen auf deine Ressourcen. Früher führte man in der Postkutsche Degen und Pistolen mit sich. Heute reichen gewaltfreie Passwörter.
Hinter Passwort und Name verbirgt sich ja schließlich ein kleiner oder großer Schatz. Zugang zu wichtigen Daten oder zu deinem Konto. Du könntest dich dir selber auch vorstellen wie jemand mit Namen und Passwort.
Ich trage einen Namen und besitze ein Passwort. Nicht jeder, der meinen Namen ruft, bekommt etwas von mir. Ich besitze auch so etwas wie eine Schutzzone. Und das ist sehr hilfreich und zugleich sehr gefährlich.
Hilfreich ist es, dass mich nicht jeder einfach so angreifen, kränken oder verletzen kann. Ich kann mich gut schützen. Ich habe das im Laufe vieler Jahre gelernt. Ich habe gute Strategien entwickelt. Arbeite an meinem Selbstwertgefühl, an den Gefühlen sowieso und weiß, was ich gut machen kann.
Gefährlich wird es, wenn ich mich zu sehr schütze. Wenn ich mich so schütze, dass ich eine riesige Mauer aufbaue. So, dass niemand mehr zu mir durchdringen kann. Wenn es diese einsamen Momente gibt, dann denke ich darüber nach, ob mein Passwort nicht zu lang und zu kompliziert geworden ist.
Es ist wie immer eine Frage des Vertrauens. Viel Kontrolle und wenig Vertrauen. Oder viel Vertrauen und wenig Kontrolle. Viel Kontrolle bedeutet viel Sicherheit und viele Hürden bei den Verbindungen. Viel Vertrauen bedeutet Gefahr von Kontrollverlust und zugleich viele Verbindungen. Und irgendwie liegt wohl ein gesundes Maß dazwischen.
Obwohl: So ganz heimlich wünsche ich mir eine Welt, wo Passwörter überflüssig sind. Wo ich mein Herz öffnen kann und es geschieht einfach nur viel Heilsames und Gutes. Ich könnte ja so tun, als hätte ich ein schweres Passwort für alle Betrüger. Aber eigentlich ist der Zugang zu mir ganz leicht. Du klopfst an und ich öffne. Du fragst, ob du hereinkommen darfst und ich antworte: "Gerne!"
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Montag, 8. April 2024
Wieder ganz werden!
Kommt dir die Überschrift eigenartig vor? Wieder ganz werden? Du würdest vielleicht sagen, dass du ein ganz und gar vollständiger Mensch bist. An dir fehlt nichts. Vielleicht doch ein Körperteil? Wenn du keinen Blinddarm mehr hast wie ich, wirst du den nicht wieder in deinem Körper einsetzen können, genauso wie eine entfernte Schilddrüse oder Zähne. Dann bist zwar körperlich nicht mehr so ganz vollständig, aber irgendwie doch. Es ist noch genug da, um gut durch das Leben zu kommen. Du würdest also doch sagen, dass du ganz und vollständig bist.
In der Bibel
spricht Gott einen merkwürdigen Satz zu Abraham. „Wandle einher vor meinem
Antlitz und sei ganz!“ (Gen 17,1) Damals war Abraham hoch betagt mit 99 Jahren.
Also kurz vor seinem hundertsten Geburtstag. Gott meinte mit dem Wort „ganz
sein“ so etwas wie „vollständig sein“ und sprach es zugleich wie einen Segen
aus. Gott schaut also auf Abraham und stellt einen Mangel fest nach 99 Jahren.
Hat Abraham Einbußen erlitten? Körperliche Gebrechen? Enttäuschungen? Haben seine
Kräfte nachgelassen?
Übertrage ich die
Vorstellung Gottes einmal auf dich und mich. „Geh deinen Weg vor Gott und sei
vollständig.“ Das würde ja bedeuten, dass ich tatsächlich unvollständig sein
könnte. Dass etwas an mir fehlen würde. Dass ich mich in einem Mangel befinde.
Und darüber möchte ich mit dir hier gerne weiter nachdenken.
Mein Vater
erzählte mir an Weihnachten von einer Begegnung, die bis heute in ihm
nachwirkte. Da hat ihm ein Freund mächtige Vorwürfe gemacht und ihn damit tief
gekränkt und erschüttert. Diese Begegnung hängt bis heute in seinen Knochen.
Wenn er davon erzählt fühlt er sich sofort kleiner, schwächer und ohnmächtig.
Eben nicht mehr aufrecht und ganz.
Wenn ich auf mein
eigenes Leben zurückblicke, dann gibt es auch ein paar Ereignisse, die eine
bleibende Auswirkung hatten. Ich meine so richtige Brüche in der
Lebensbiographie. Ein Bruch, der in mir etwas zerbrochen hat. Ich denke an
einen Freund, der mich abgelehnt und verlassen hatte. Oder an meinen Abschied von meiner Tätigkeit
in der Kirche. Oder eine vernichtende Bewertung eines Lehrers über ein Fach,
das ich nie verstehen würde.
Von den kleinen
Angriffen und Kränkungen konnte ich mich gut erholen. Wenn ich daran jetzt denke
und mich da reinfühle gibt es keinen Rest. Keine elektrische Ladung mehr drauf.
Ich bin klar mit mir, mit der Situation und mit allen Beteiligten. Ich habe
vergeben, jemand hat mir vergeben und danach fühle ich mich wieder ganz und
vollständig wie vorher.
Aber ein paar
Ereignisse haben dauerhafte Spuren hinterlassen. Narben, die schnell wieder
aufbrechen können. Wunden, die auf den ersten Blick geheilt sind, aber nicht in
der Tiefenschicht. Wenn ich daran denke kommen alte Gefühle wieder hoch. Schmerzhafte
Gefühle. In einem geflügelten Wort sagen wir ja: „Da habe ich Federn gelassen!“
Das fühlt sich immer noch nackt und ohnmächtig an. Da habe ich meine Würde und
meine Schönheit verloren. Seitdem bin ich angeschlagen. Ich kann nicht mehr so
viel aushalten. Ich bin dünnhäutiger geworden.
Was ich
menschlich tun konnte, habe ich getan. Ich kann alle Aspekte durchdenken und
mir selbst gegenüber Verständnis entwickeln. Ich kann in meiner Trauer Trost
bei Freunden suchen. Ich kann mich auf etwas Neues ausrichten und ich kann ein
Gesamtpaket schnüren, dass am Ende alles wieder „in Ordnung“ ist. Was aber wäre
mehr als „nur in Ordnung“? Was wäre so befriedet, dass es auf einer höheren
Ebene zu einem „Mehr“ an Leben führt nach dem Motto: Durch die Krise und die Wandlung
hin zu einer höheren Lebensqualität.
Gott sagt zu
Abraham: „Wandle einher vor meinem Antlitz und sei ganz.“ Einschneidende
Ereignisse, die mich zutiefst treffen, bewirken, dass ich mich nicht mehr ganz
fühle. Als ob ein Teil von mir während der Krise auf der Strecke geblieben ist.
Du merkst das manchmal an Kommentaren wie: „Seit seine Frau gestorben ist, ist
er nicht mehr so wie vorher. Das wird er bis zu seinem Tod nicht überwinden.“
„Mit ihr ist gar nichts mehr los. Alles ist weg!“
Im schamanischen
Denken spricht man davon, dass uns während unseres Lebens Seelenanteile
verloren gehen können. Ich kann zum Beispiel das Vertrauen verlieren, wenn mich
mal jemand tief enttäuscht hat. Bei einer großen Enttäuschung kann ich zugleich
die Fähigkeit verlieren, überhaupt je wieder vertrauen zu können. Und jetzt
laufe ich ohne diesen wichtigen Persönlichkeitsanteil durch das Leben, der
vertrauen kann. Mir fehlt also jetzt ein Seelenanteil.
Zugleich geht das
schamanische Denken davon aus, dass der Schamane diese verlorenen Anteile zurückholen
und in die Seele integrieren kann. Auf diese Weise geschieht nicht nur
irgendwie „Ordnung“, sondern Heilung.
Jesus versteht
seine Mission in ähnlicher Weise, wenn er davon spricht, dass er das Verlorene
sucht, das Verwundete heilt und das Darniederliegende aufrichtet. Ich kann mir
also vorstellen, dass es grundsätzlich möglich ist, wieder ganz zu werden.
Bei Abraham kommt
es ja zu einer Begegnung. Abraham begegnet Gott und Gott spricht. Der Zöllner
kommt zu Jesus und Jesus spricht. Oder jemand geht zum Schamanen und dieser
besucht die jenseitige Welt und wird zum Botschafter der Heilung. Es gibt also
eine Begegnung mit einem Gegenüber. Dieses Gegenüber ist angebunden an etwas,
das heilsam, wirksam und größer ist.
Gott muss nur
etwas aussprechen und schon wirkt es. Er fordert Abraham nicht auf, irgendetwas
zu denken oder zu arbeiten. Er sagt: „Sei ganz!“ Er wirkt durch sein Wort. Gott
erinnert Abraham daran, dass dieser aus der göttlichen Quelle kommt und von je
her „ganz“ ist. Sein Körper und seine Erlebnisse mögen darauf hinweisen, dass
Abraham sein Leben gelebt und fast verbraucht hat. Aber in seinem Bewusstsein
kann er realisieren, dass er ganz und gar aus Gott kommt und nie etwas
verlieren kann.
Ich kann also in meine
Kränkungen und Enttäuschungen gehen und mich darin eingraben und festmachen.
Ich kann mich als zusammengesetzten Scherbenhaufen betrachten, der noch so
ungefähr kann. Ich kann mich aber auch mit meinem Geist, mit meiner Seele auf
eine Ebene bewegen, auf der ich alle Kränkungen in Segen verwandeln kann. Mit
meiner körperlichen, irdischen Existenz fällt mir das schwer. Die zerbrochene
Freundschaft kann ich kitten, aber das Ereignis nie auslöschen.
Ich kann jedoch
meine Erlebnisse auswerten und auf der Seelenebene verwandeln. Wie meine ich
das? Gott spricht zu Abraham: „Wandle einher vor meinem Antlitz und sei ganz.“
Abraham möge sich vor dem Antlitz Gottes bewegen. Er geht also in den heilenden
Raum Gottes hinein. Er verlässt seinen enttäuschenden, menschlichen Lebensraum
und stellt sich hinein in den göttlichen Raum. So, als würde eine Mutter zum
weinenden Kind sagen: „Komm her zu mir. Ich tröste dich!“ Gott spricht eine
Einladung aus, dass in seiner Nähe Heilung passieren kann.
Abraham muss
nichts weiter machen, als sich quasi unter die „göttliche Dusche“ zu stellen. Da
geschieht etwas, nur weil er sich in die göttliche Nähe begibt. Fern von Gott
bleibt das Leid an ihm kleben. Er wird es nie ausradieren können. In der
göttlichen Nähe geschieht etwas Unerwartetes. Abraham muss nur näher kommen.
Wenn er Gott nahe kommt, dann kommt er auch der Erinnerung nahe, wo sein
eigener Urgrund sich befindet. Abraham kommt Gott nahe und „weiß“ innerlich:
„Ich gehöre ja zu Gott! Wie konnte ich das vergessen!“
Ich kann es also
wie Abraham machen oder wie die Menschen, die zu Jesus gegangen sind. Ich
verändere meinen Ort und bewege mich in die Nähe Gottes. Wie mache ich das? Ich
schließe die Augen und konzentriere mich auf meinen Herzensraum. Ich vergegenwärtige
mir dort, dass ich aus dem Göttlichen komme und mich darin bewege. Ich
visualisiere die Ereignisse, die für mich krisenhaft waren und bis heute
nachwirken. Ich fühle die Gefühle von Trauer, Angst und Wut. Aber ich fühle sie
im Herzensraum. Ich gedenke des Ereignisses im Herzensraum. Ich lade alle
Beteiligten meiner Konflikte dorthin ein. Der Herzensraum ist wie ein Tempel
oder wie ein Krankenzimmer oder wie der tröstende Arm meiner Mutter. Ich dehne
mich in diesen Raum hinein aus und spüre die göttliche Weite, die entsteht.
In der Bibel
spricht Gott eine Einladung aus an Abraham: „Komm mal her und probiere es aus!“
Auch, wenn wir den Eindruck haben in einer Zeit zu leben, in der Gott nicht
mehr spricht, gilt die Einladung. In deinem Herzensraum spricht Gott auch heute
noch. Er hat sich dahin zurückgezogen, weil die Intimität und Wirksamkeit höher
ist. Wenn ich dich einlade, deine Augen zu schließen und dir das einfach so
vorzustellen, dann meine ich es genau so! Es ist eine Einladung, es einfach mal
zu machen. So wird das Wort Gottes auch heute noch für dich erfahrbar: „Wandle
einher vor meinem Antlitz und sei ganz!“
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