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Sonntag, 10. Mai 2015

Das Leben als Weg vom Ganzen zum Detail und zurück zum Ganzen



1. Der Ausgangspunkt: Erkenntnisse aus einer Bilderausstellung

Während meiner Zeit als Pfarrer in einer katholischen Kirchengemeinde sprach mich ein Künstler an. Ihn faszinierte unsere alte gotische Pfarrkirche und er wollte dort eine Ausstellung mit neuen Bildern veranstalten. Zwischen Kreuzwegstationen und Steinfiguren erschuf er einen Fries, der sich wie ein durchgängiges Band an der Wand in der Kirche entlang zog.
Der Besucher, der die Kirche betrat, sah also zuerst dieses langgezogene Band, das aus der Entfernung wie ein einziges großes Gemälde wirkte verteilt auf vier Wände. Wenn er dann näher herantrat an eine Wand entdeckte er, dass sich das lange und schmale und scheinbar einzige Bild aufteilte in lauter kleine selbständige Abschnitte. Und wenn er dann noch näher herantrat konnte er auf diesem kleinen Abschnitt auch die winzigen Details erkennen. Da gab es eher abstrakte Strukturen und Streifen oder Segel und andere wiedererkennbare Gegenstände.
Wenn der Besucher quasi mit der Nase an einem kleinen Bildausschnitt klebte verlor er aber den Blick auf den ganzen Fries. Das Auge sah nur den kleinen Ausschnitt und war nicht in der Lage das zu sehen, was sich weit entfernt an der Seite oder im Rücken des Betrachters befand.
Wichtig wäre noch zu erwähnen, dass der Besucher am Eingang einen Wanderstab erhielt. Die Ausstellung war so konzipiert, dass man mit dem Stab in der Hand zuerst das Große und Ganze sah und dann von Bild zu Bild schlenderte, sich die Details ansah und dann das Ganze wieder von einem anderen Standort in der Kirche her betrachtete.
Diese Ausstellung brachte mich ins Nachdenken und animierte mich, als Seelsorger und Coach diese Erfahrung auf das Beratungsabläufe zu übertragen.

2. Die Übertragung in die Beratungspraxis: Der Weg vom Ganzen ins Detail und wieder zurück zum Ganzen

Wenn ein Mensch zu mir in die Beratung kommt gibt es zunächst eine Auftragsklärung. Was möchten Sie? Wobei soll ich Sie unterstützen? Was sind Ihre Ziele? Dann kommt vielleicht die Antwort: „Ich habe Probleme in meiner Ehe.“ Das nenne ich den Blick auf das Ganze. Es geht um das Thema „Ehe“ und  das „Gelingen von Beziehung“. Das gibt mir die Möglichkeit, dass ich mich auf ein Thema fokussieren kann. Ich muss nicht nachdenken über Arbeitskonflikte oder gesundheitliche Schwierigkeiten. Zuerst blicken wir also auf das Thema und klären den Auftrag. „Was ist das Ziel, das Sie erreichen möchten? Was wünschen Sie sich für die Beratung?“ Wenn das ausgesprochen und geklärt ist geht es ins Detail. In welchen Bereichen gibt es Schwierigkeiten? Wo genau? Wer sagt was in welcher Situation? Wer fühlt sich wann gekränkt und was macht er oder sie dann? Ist es immer so oder gibt es Ausnahmen? Die vielen Details ergeben dann ein Gesamtbild der Beziehung und auch der Probleme und möglicher Lösungsansätze.

Dann gibt es eine merkwürdige Erfahrung. Im Gespräch werde ich nie alle Details erfahren. Die Zeit reicht nie dafür aus. Es werden immer nur einzelne Aspekte sichtbar. Viele Erlebnisse wurden vergessen. Und die meisten Kränkungsgefühle reichen bis weit in die Kindheit zurück und bleiben für die aktuelle Situation unbewusst. Außerdem verlocken die Details dazu voreilig Schlüsse zu ziehen, die am Ende doch nicht stimmen. Auf der einen Seite ist es wichtig, einige Details zu kennen um sich ein genaueres Bild zu machen. Auf der anderen Seite ist es wichtig, zu einem bestimmten Zeitpunkt zurückzutreten und wieder den Blick auf das Ganze zu werfen. Das Ganze ist mehr und manchmal auch völlig anders als die Summe der Details. Um auf unser Eheproblem zurückzukommen könnte das folgendermaßen aussehen.
Die Details würden  vielleicht heißen: „Wir streiten uns ständig. Dabei geht es um Kleinigkeiten. Wir schaukeln uns gegenseitig hoch. Wenn er das sagt, dann mache ich das usw.“ Wenn dann der Schritt innerlich zurückgehen soll stelle ich vielleicht folgende Frage: „Wenn Sie das jetzt alles so erzählen und insgesamt auf sich einwirken lassen was geschieht da mit oder in Ihnen?“  Der Blick geht auf das Ganze und dann kommt vielleicht ein alles zusammenfassender Satz: „Ich bin unglücklich!“ oder „Ich bin frustriert und enttäuscht!“ Die ganze Wucht und Schwere kommt auf einmal mit Macht zum Vorschein.
Was geschieht, wenn die Bewegung weg vom Detail hin zum Ganzen nicht geschieht? Dann gibt es vielleicht praktische Lösungen für eine bessere Streitkultur oder andere Tipps für eine gute Kommunikation. Dann mag der eine oder andere Hinweis für diese einzelne Frage hilfreich sein, aber es fehlt etwas. Das „große und ganze Beziehungsunglück“ benötigt noch eine „tiefere“ eigene Antwort. 

Dazu gehe ich noch einmal zurück zu der Ausstellung. Der Besucher bekommt einen ersten Eindruck vom Gesamtwerk und sagt: „Wie schön!“ oder „Wie eindrucksvoll!“ Es ist ein Gefühl, das sich im ganzen Körper und im Herzen ausbreitet mit dem Wunsch: „Das will ich näher betrachten!  Das macht mich neugierig!“ Der Antrieb besteht in einem inneren starken und eher emotionalen Impuls.
Übertragen auf die Eheberatung braucht es  etwas Ähnliches. Nach der Feststellung: „An diesem und jenem Punkt muss ich an meiner Beziehung arbeiten,“ braucht es einen ganzheitlichen Impuls. Ich könnte ihn Hoffnung, Vertrauen, Bereitschaft oder Zuversicht nennen.

Dieser Prozess vom Ganzen zum Detail und zurück geschieht nicht nur einmal. Er geschieht immer wieder. In der Ausstellung tritt der Besucher zurück mit den Erfahrungen der Details und spürt dem nach: Wie ist jetzt der Gesamteindruck? Hat sich etwas verändert? Vielleicht hat er mehr verstanden und bekommt die Bestätigung: „Diese Bilder sind wirklich toll!“ Dann entdeckt er neue Details und tritt wieder zurück. Irgendwann kommt dann der Punkt, wo alles zur Ruhe kommt. „Jetzt ist es genug!“
In einer Beratung ist es ähnlich. Es ist ein Prozess, ein Weg, ein Pendel, eine Bewegung. Auch hier bis zum Punkt: „Jetzt ist es genug!“

3. Dein persönliches Ganzes, Deine Details und dein Weg zurück zum Ganzen

Jetzt lade ich dich ein, einmal dein eigenes Leben auf diese Weise zu betrachten. Schau dir doch einmal dein ganzes bisheriges Leben an und beschreibe dein Grundgefühl. Welche Überschriften findest du? Zu welchem Gesamteindruck kommst du? Gibt es ein großes „Ja!“ oder eher ein „Naja!“ oder ein „Ich bin zufrieden!“
Dann gehe mit deiner Aufmerksamkeit in die verschiedenen Altersphasen deines Lebens. Du kannst das  z. B. in Siebenjahresschritten machen. Du beginnst mit der Lebensspanne von deiner Geburt bis zu dem Zeitpunkt, wo du sieben Jahre alt warst. Welche Erinnerungen steigen auf? Welche Gefühle kommen da hoch? Dann gehst du wieder in deine jetzige Gegenwart und blickst erneut auf das Ganze deines Lebens. Vielleicht stellst du fest: „Damals mit fünf Jahren durfte ich auf der Straße nicht mitspielen. Ich war frustriert. Heute erlebe ich das auch manchmal. Ich darf nicht dabei sein. Da kommt dann das alte Gefühl wieder hoch. Aber ich habe dazu gelernt. Heute mache ich das anders.“
Du bleibst aber nicht bei diesem Eindruck stehen sondern du gehst dann zur nächsten Lebensphase von sieben bis vierzehn - deine Jugendzeit. Dann trittst du wieder ein in das Hier und Jetzt. Du gehst nun in die Phase des Erwachsenwerdens, dann in die Berufsverdichtungszeit, die Familiengründung. Du schaust dir die Details an und nach jedem Besuch wirfst du einen Blick auf dein ganzes Leben. Was verändert sich? Was verändert sich, wenn du das Detail anschaust und was geschieht, wenn du wieder das Ganze auf dich wirken lässt?
Vielleicht musst du dich noch mit bestimmten Phasen aussöhnen. Vielleicht entsteht auch ein Gefühl von Dankbarkeit für all das Gelungene. Möglicherweise gibt es auch einen Schmerz oder es  braucht noch ein paar Tränen für unglückliche Zeiten.
Dann wirst du irgendwann einen Schlusspunkt setzen und dir sagen: „Jetzt ist es genug!“ Du machst eine Pause und wirst still.
Ich kann mir vorstellen, dass dein Weg vom Ganzen zum Detail und wieder zurück zum Ganzen zu einer heilsamen spirituellen Übung werden kann. Vielleicht erschreckt dich jetzt mein letzter Satz, wenn ich dich auffordere, an deine Todesstunde zu denken. Was denkst du, wirst du da machen? Vielleicht genau dies! Deinen Lebensweg in Gedanken noch einmal gehen. Und? Was soll dir passieren? Du hast ja schon geübt! Du weißt, wie es geht! Du siehst dein Ganzes und sagst „Ja“! Du siehst deine Details mit einem Lächeln und mit Liebe und sagst „Ja“! Du siehst wieder das Ganze und sagst am Ende: „Jetzt ist es genug. Ich kann gehen.“ 

Samstag, 9. Mai 2015

Die vierzehn österlichen Ermutigungen




Die vierzehn österlichen Ermutigungen

1. Lebe!
Es kann vorkommen, dass du des Lebens müde wirst. Manchmal ist es einfach zu viel! Du rackerst dich ab. Du tust und machst! Du übernimmst eine Aufgabe und dann noch eine Aufgabe. Du läufst und läufst und irgendjemand sagt dir: "Du bist gar nicht mehr da! Du bist nur noch im Funktionsmodus!"
Irgendwann merkst du, dass du nicht mehr stoppen kannst. Dein Körper kommt nicht mehr zur Ruhe. Deine Gedanken kreisen. Du befindest dich im Hamsterrad. Während der Hamster sich dort scheinbar wohlfühlt geht es dir schlechter und schlechter in deinem Rad. Dein Energiepegel sinkt und sinkt und du hoffst, dass du diesen Tag irgendwie bewältigst.
Du begegnest letztlich deinem eigenen inneren Tod. Oft merkst du es leider viel zu spät. Letztlich schreit dann dein Körper auf und signalisiert: "Ich kann nicht mehr." Ständige Grippen, Rückenschmerzen, Migräne, Erschöpfungszustände und Schlaflosigkeit bestimmen deinen Alltag.
Wie kommst du aus dem Hamsterrad heraus? Dein Kopf sagt: „Immer weiter! Nicht nachdenken! Immer weiter! Ich finde schon einen Weg!" Unterbrich deine Kopfgedanken und sage:"Stopp!" Aus dem Hamsterrad kommst du erst, wenn du "STOPP" machst. Innerlich gehst du aus dich heraus und beobachtest dich von außen: Was ist aus dir geworden? Willst du das alles so? Was wäre, wenn du jetzt sterben müsstest? Dann müsstest du dich von deinem Hamsterrad radikal verabschieden. Es gibt keine einzige Umdrehung mehr. Nicht eine! Du müsstest also für einen Moment sterben, alle Aktivitäten sterben lassen. Du müsstest dich von deiner Identität verabschieden. Vielleicht sogar von allen Identitäten!
Und dann? Dann braucht dein Körper, dein Geist und deine Seele Zeit! Es geht sozusagen in die Erde, in die Dunkelheit, in den Tod. Dir wird bewusst, was alles in dir eigentlich schon tot ist. Du hast nur noch funktioniert. Aber der Sinn ist dir abhanden gekommen, die Freude - und - vor allem "DAS LEBEN".
Ostern würde an dieser Stelle dir sagen: "Lebe!" Höre auf zu funktionieren! Verabschiede dich von überflüssigen und falschen Identifikationen! Überprüfe deine Beziehungen und deine Aufgaben! Schau den Menschen in die Augen und vergewissere dich, dass sie da sind. Und dass du da bist. Spüre die Freude in deinem Herzen, dass dein Herz pocht und schlägt und hüpft! Streife den Tod ab wie eine verbrauchte Haut und lebe!

2. Vertraue!
Du bist enttäuscht! Dein Kind hat gelogen. Dein Mann verschweigt, dass er beim Arzt war. Deine Arbeitskollegin spricht schlecht über dich wenn du nicht da bist. Die Politiker halten nicht ihr Versprechen. Deine Eltern besuchen dich nicht zum Geburtstag. Dein Arbeitgeber entlässt dich obwohl du gut arbeitest. Du nimmst Medikamente gegen deine Krankheit und sie helfen nicht. Du bist enttäuscht! Du hast dich getäuscht! Du hast dich täuschen lassen!
Ständig verspricht uns jemand etwas und wir glauben es. Wir freuen uns wenn sich das Versprechen erfüllt. Die Freunde von Jesus glaubten auch, dass sich mit diesem Menschen alles ändern wird. Jeder hatte da seine eigenen Wünsche, Ideen und Projektionen. Der eine Jünger hoffte, dass Jesus die Römer aus dem Land jagt. Der andere Jünger hoffte, dass die Armen endlich an die Macht kommen. Andere hofften auf Heilung von körperlichen Gebrechlichkeiten oder Befreiung von Sünden.
Du hast deine Wünsche, Vorstellungen und Erwartungen. Es sind deine Wünsche und Erwartungen. Du wünschst dir, dass dein Kind nicht lügt. Du erwartest, dass dein Mann erzählt, dass er beim Arzt war. Du denkst, dass deine Arbeitskollegin im Beisein von anderen nicht schlecht über dich sprechen darf. Es sind DEINE Wünsche und Erwartungen. Manchmal verspricht dein Gegenüber ja sogar etwas. "Ja, ich lüge nicht!" "Ja, ich war beim Arzt!" Dann bist du noch enttäuschter wenn du die Lüge entdeckst.
Immer geht es jedoch um eine Täuschung! Es geht um deine Täuschung! Du trägst insofern die Verantwortung, dass du diese Täuschung zugelassen hast. Weil du dir manchmal etwas so sehr wünschst, lässt du dich gerne täuschen und hältst diese Täuschung lange aufrecht.
Wenn dann die Enttäuschung kommt könntest du eigentlich froh sein. Du bist von einer Täuschung befreit worden. Du kannst jetzt die Wahrheit erkennen. Die Wahrheit, dass du dich getäuscht hast oder dich hast täuschen lassen.
Manche Menschen sagen: „Ich bin so oft enttäuscht worden. Ich kann nicht mehr vertrauen.“ Wenn du so denkst, dann schiebst du die Verantwortung von dir fort. Dreh doch einmal diesen Gedanken um und sage: "Ich passe auf, dass ich mich nicht mehr so oft täuschen lasse. Oder, Täuschungen gehören zum menschlichen Leben dazu. Es ist in Ordnung! Ich gehe einfach in die Enttäuschung hinein und bin anschließend wieder klar!" Du kannst dankbar sein für jede Enttäuschung, weil sie dein Inneres klärt. Dein Vertrauen kannst du bewahren und weiterentwickeln jenseits von Enttäuschungen. Vertrau deinem Kind und deinem Mann und deinen Arbeitskollegen, den Politikern und vertrau jedem Menschen. Tue es einfach! Du wirst überrascht sein, was geschieht. Wenn du vertraust wird sich der Blickwinkel deiner Wirklichkeit verändern. Du wirst freundlicher, gelassener und wohlwollender. Du gibst deinem Mann und deinem Kind die Erlaubnis dich enttäuschen zu dürfen. Sie dürfen dich enttäuschen, dich von der "Täuschung" befreien.
Das bedeutet einen völlig anderen Umgang mit Enttäuschungen als bislang. Bislang hast du eine Enttäuschung negativ gedeutet. Enttäuschungen sind heilsam. Sie sind durchaus schmerzhaft, ärgerlich und unangenehm. Wenn du jedoch bereit bist, die Schmerzen anzunehmen dann bleibt dein Vertrauen von dieser Erfahrung unberührt. Du erlebst eher das Gegenteil. Eine "willkommene" Enttäuschung stärkt dein Vertrauen. Aber überprüfe das einmal! Glaube mir nicht! Es ist zunächst einmal nur meine Idee.
Vertraue! Vertrauen ist völlig unabhängig von deinen Vorerfahrungen und Enttäuschungen. Vertrauen ist eine Grundsatzentscheidung, die du einmal triffst und in jeder Situation deines Lebens wieder erneuerst. Eine wahrhaft österliche Erfahrung. Enttäuschungen "töten" deinen irrigen Blick und Vertrauen stellt den Anfang wieder her. Tod und Auferstehung!

3. Du kannst!
Entweder haben unsere Eltern es uns eingetrichtert oder wir haben es von uns selber gedacht: "Du kannst das nicht! Du bist noch zu klein! Komm, lass mich mal machen!"
Ob du ein kleines Kind bist oder schon lange erwachsen. Wenn du etwas machen musst, was du noch nie zuvor getan hast, kannst du das möglicherweise noch nicht. Du bist ja schließlich unerfahren. Vielleicht musst du es erst noch lernen. Als Kind kannst du nicht laufen und lernst es im Laufe der Zeit. Du musst viele Dinge koordinieren. Auf deinen zwei Füßen stehen, das Gleichgewicht halten, gleichzeitig einen Fuß bewegen und mit dem anderen den Stand wahren. Das braucht seine Zeit. Zu Beginn kannst du fast nichts und am Ende läufst du ausgezeichnet. Wenn du verstanden hast, wie das Lernen geht dann überträgst du diese positive Erfahrung auf andere Situationen. Du siehst einen PC und hast keine Ahnung. Dann wagst du dich daran mit deinen Vorkenntnissen, mit Begleitung von außen, mit schriftlichen Anweisungen und du startest bis du es kannst. Es ist also ganz normal, etwas Neues nicht zu können, und nach einer gewissen Zeit seine Kenntnisse zu erweitern.

Freitag, 8. Mai 2015

Die Kunst, Perlen zu fädeln


Du hast einen Faden und eine Perle. Du möchtest diese Perle auf den Faden fädeln und besitzt dann eine hoffentlich schöne Kette, die dein Herz erfreut. Und nun? Wo ist das Problem!
Der Faden ist zu dünn? Das Loch in der Perle ist zu klein? Deine Augen sind zu schwach? Das Licht nicht hell genug? Deine Hand zittert?
Dafür gibt es Lösungen. Eine feste Nadel verstärkt den Faden. Eine Lupe vergrößert das kleine Loch. Eine Brille unterstützt deine Augen. Du kannst mit einer Lampe deinen Arbeitsplatz ausleuchten und deine Hände legst du auf diese Arbeitsfläche ab. Dann bekommst du die Perle auf deinen Faden.
Soweit der Grundgedanke.
Jetzt geht es zur Kunst! Ich habe mich durch ein paar "Perlenseiten" durchgegoogelt und kein Wort verstanden. Da wurden Perlen eingehäkelt, Schnüre zusammengefügt und kunstvoll ausgerechnet und in Muster arrangiert. Echte kleine Kunstwerke! In mir tauchte die Frage auf, welche Menschen geben sich solch einer Arbeit hin! Wie musst du beschaffen sein, damit du eine "Perlenfädelkünstlerin" wirst. Du merkst schon, dass meine Vermutung dahin geht, dass fast ausschließlich Frauen sich dieser Kunst widmen.
Was gibt es für Voraussetzungen, diese Kunst auszuüben und was kannst du davon lernen? Du brauchst Geduld. Jede Perle bekommt einen festen Platz. Du brauchst einen Sinn für Schönheit und Ordnung. Du kannst nur kleine Schritte gehen. Du musst sorgfältig sein. Du brauchst auf bestimmter Ebene eine gute körperliche und psychische Verfassung. Hilfreich sind bewegliche Finger, ein klarer Blick und vorausschauendes Denken.
Alle diese Fähigkeiten brauchst du, wenn du meditieren willst! Perlenfädelkünstlerinnen bringen die besten Voraussetzungen mit zur Meditation. Auch da kommt es auf die kleinen Dinge an. Du brauchst Achtsamkeit und gehst behutsam und vorsichtig mit dir um. Du gehst den Weg Schritt für Schritt und freust dich über jede Lebenserfahrungsperle, die du am Lebensfaden einfügen kannst.
Vielleicht besteht die Kunst des Perlen fädeln sogar darin, das Leben überhaupt zu verstehen und zu bestehen. Du denkst oft an die ganz großen Ziele wie Haus und Karriere, dabei kommt es auf die kleinen aber kostbaren Erlebnisse und Erfahrungen an. Das Glück braucht nicht viel! Ein wenig Ordnung und dass alles seinen Platz findet. Wie die Perlen an einer Kette besteht dein Leben aus einer Fülle von bunten Erlebnissen, die jetzt alle zu dir gehören.
Im übertragenen Sinne ist jeder schöpferische Mensch ein Perlenfädelkünstler. Wie schön!
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Donnerstag, 7. Mai 2015

Die Kunst, im Regen zu tanzen


Wenn es regnet, ziehe ich die Schultern ein. Ich laufe unter meinem Regenschirm oder ziehe die Mütze tief ins Gesicht. Ich schaue auf die Erde und vermeide alle Pfützen. Ich hoffe, dass ich einigermaßen trocken an mein Ziel ankomme. Der Regen hat auch Auswirkungen auf meine Psyche. Wenn der Himmel zu lange grau verhangen ist und die Sonne sich mehrere Tage nicht zeigt. Wenn mein Leben auf Regen ausgerichtet ist dann macht das was mit mir.
Der Regen erinnert mich an all die Tränen, die ich bislang unterdrückt habe. Ich frage den Regen wie er das einfach macht, dass er so loslassen kann. Ich kann es nicht. Ich bin eher wie die grauen Wolken am Himmel, die den Regen nicht loslassen können. Jeden Augenblick könnte es losgehen, aber es geht nicht los. Die grauen Wolken bleiben. Graue Wolken und Regen können deine depressiven Momente ganz schön verstärken und beeinflussen.
In der Sonne zu tanzen ist keine Kunst. Die Sonne beflügelt dich! Sie macht dein Leben leicht! Sie nährt dich. Aber mir geht es um die Kunst, im Regen zu tanzen. Manche Menschen können einfach so im Regen tanzen. Sie mögen den Regen und lassen sich nicht davon beeindrucken. Mir geht es um die Menschen mit depressiven Anteilen. Mir geht es darum, dass die "Verstärker" wie graue Wolken und Regen nicht mehr eine solche Macht über dich bekommen. Wenn deine Seele sich verdüstert dann nimmst du auch im Außen alles wahr, was "düster" ist.  Der Regen wird zu einem ordentlichen Depressionsverstärker. Wie bei einer Spirale rutscht du nach und nach tiefer und tiefer.
Ich glaube, dass du lernen kannst, mit dem Regen anders umzugehen. Ich glaube auch, dass du zugleich mit deiner Seele anders umgehen kannst. Der Regen selbst kann dabei helfen. Stell dir vor, dass es regnet. Bislang suchst du Schutz unter deiner Mütze oder dem Schirm. Nur für einen Augenblick hältst du dein Gesicht in den Regen. Nur für ein paar Tropfen. Dann kehrst du wieder zurück in deine Burg. Und? Es ist nichts passiert. Du lebst noch. Es waren nur ein paar Tropfen. Vielleicht spürst du deinen Durst. Du riechst das Wasser. Du atmest es ein. Du beobachtest, wie die Tropfen springen. Du hörst die Geräusche und entdeckst einzelne Töne darin. Der Regen fängt an zu singen. Du hältst dein Gesicht noch einmal in den Regen. Für einen Augenblick länger. Du stellst dir vor, dass du experimentierst. Du wirst zu einem Pfadfinder des Regens. Du wagst dich das neue Land. Du kannst jederzeit zurück unter deinen Schirm. Du hast die Freiheit!
Natürlich willst du wieder ins Trockene. Dafür musst du aber gehen. Und wenn du schon gehst, dann kannst du hin und wieder auch mal einen kleinen Hüpfer machen. Und siehe da! Auf einmal fängst du an, ein wenig mehr dich zu bewegen und du tanzt. Dann hältst du für einen Moment inne und fragst dich: "Bin ich das wirklich, die da tanzt?!" Ja, du bist es wirklich!
Was hindert dich daran, mit deinen depressiven Gedanken und Gefühlen ähnlich umzugehen. Du willst den Regen nicht? Du willst auch diesen Zustand nicht. Nimm ihn wahr in einer "homöopathischen" Dosis. Heiße diesen Zustand für einen Moment willkommen. Dann vergräbst du dich wieder. Das ist dir vertraut! Du hast dieses Gefühl willkommen geheißen und du bist nicht gestorben. Du hast es überlebt. Geht noch ein wenig mehr? Vielleicht lässt du noch ein wenig mehr von deinen bedrückenden Bildern zu. Du fängst an, genauer hinzuschauen, hinzuspüren, dich darauf einzulassen. Der trübe Regen zeigte dir seine liebenswerten Seiten. Das ließ dich tanzen. Und deine depressiven Gedanken? Besitzt er auch liebenswerte Seiten? Auf keinen Fall? Dann geh zurück zur homöpathischen Dosis. Wenn du lernst, im Regen zu tanzen, dann beginnst du mit dem ersten Schritt. Die Kunst wird kommen, wenn du dich damit vertraut gemacht hast.
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Mittwoch, 6. Mai 2015

Die Kunst, sich die Schuhe zu binden


Die Überschrift kommt von einem Filmtitel, wo es darum geht, dass Menschen mit einer geistigen Behinderung nicht nur das irgendwann stupide Schuhe binden lernen sollten sondern sich kreativ ausdrücken dürfen im Theater spielen.
Kannst du dich daran erinnern in welchem Alter du das Schuhe binden gelernt hast? War es für dich schwer oder leicht? Wer hat dir die Schuhe gebunden? War es dein Vater, deine Mutter, die Erzieherinnen im Kindergarten? Ich kann mich nicht mehr daran erinnern. Aber ich habe in den Zeiten vor Klettverschluss Mütter dabei beobachtet. "Deine Schuhbänder sind auf! Du stolperst gleich! Warte!" Ich kann mich wohl noch daran erinnern, dass meine Schuhe immer stramm an meinen Füßen saßen. Meine Eltern banden kräftige Schleifen, die sich nie von selbst auflösten.
Es hatte zugleich etwas Unangenehmes. Da greift jemand in deinen Körper ein. Das liegt auf einer Linie wie Fingernägel schneiden, füttern oder Hintern abputzen. Ein fremder Mensch kann nie nachempfinden, wie es für dich angenehm ist.
Irgendwann wolltest du diese Dinge selber machen. Autonomie! Nur du weißt, was dein Körper braucht, dass es sich angenehm und richtig anfühlt. Die ersten Schleifen waren mühsam. Die Koordination der Bewegungen haben dich vielleicht überfordert. Schnell fielen sie wieder auseinander und du musstest von vorne beginnen. Wie ging das nochmal? Kannst du es mir noch einmal zeigen? Jetzt musst du es doch mal endlich begriffen haben! Du bist doch schon groß!
Irgendwann hast du es gekonnt. Du kannst bis heute Schleifen binden. Du kannst deine Schuhe schnüren! Niemand muss es für dich tun! (Es sei denn, du bist gehandicapt für eine Zeit oder auf die Dauer.)
Du findest das selbstverständlich? Wenn du jetzt in diesem Augenblick eine Schleife bindest dann wirst du feststellen, wie viele Handlungsabläufe es dazu braucht. Und wenn sie noch schön sein soll wird es zu Kunst! Was kannst du sonst noch als Erwachsener, was du als Kind nicht konntest? Was hast du im Laufe deines Lebens alles gelernt? Du bist eine Meisterin und Künstlerin im Schleifenbinden. Eine Meisterin, ein Meister im Fingernagelbehandeln, ein Profi im Hintern reinigen. Ist das nichts?
Wenn du manchmal zweifelst an deinen Fähigkeiten im Beruf und im Alltag, dann geh einmal in dich und würdige all das, was du im Laufe deines Lebens gelernt hast. Beim Schuhe binden fängst du an und wirst erstaunt sein, wohin dich deine Erkenntnisse führen.
Übrigens: Ich kann mit meinen Fingern Rhythmen trommeln. Mich auf jeder Stelle meines Rückens kratzen. Kirschen im Mund vom Kirschkern befreien und sie über hohe Sträucher ausspucken. Und sowohl mit dem linken als auch mit dem rechten Zeigefinger auf andere Menschen zeigen.
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