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Freitag, 27. März 2015

Wunder Leben!

Als im vergangenen Winter viel Schnee lag, hing ich in einem Strauch einen Meisenknödel auf. Es brauchte ein paar Tage, bis die Meisen daran gingen. Auch eine Taube und eine Amsel hatten Interesse an diesn Körnern. Sie waren aber zu groß und zu schwer und konnten sich nicht an dem Netz festhalten. "Die Trauben hingen zu hoch." Als jedoch die Meisen kamen und kraftvoll in dem Knödel herumpickten, fiel immer ein Bröckchen auf den Boden. Da waren Taube und Amsel gleich zur Stelle und pickten sich ihren Teil. So erreichten sie doch noch ihr Ziel, etwas vom großen Kuchen abzubekommen. Ich glaube, das gilt auch für uns Menschen. Wenn du aufmerksam bist, fällt immer etwas ab, auch für dich. Schau nur genau hin! Dabei geht es um die Aufmerksamkeit und das Gewahrsein.
Jetzt im Frühjahr wärmt die Sonne die Natur und bringt sie zum aufwachen. Ein paar Sonnenstrahlen fallen auch für dich ab. Du brauchst nichts dafür tun. Stell dich einfach in die Sonne und es geschieht. Du erwachst, wie die Natur!
Du kannst dir auch die Weisheit von Taube und Amsel aneignen und dir zu Herzen nehmen. Immer fällt irgendwo etwas für dich ab. Im Karneval die Kamelle, im Winter die Wärme in einem Kaufhaus, hier und da ein paar Rabatte und Peisnachlässe, ein Probierstand im Supermarkt, eine kleine Gabe auf dem Wochenmarkt, ein Hustenbonbon und ein Paket Taschentücher in der Apotheke, eine Scheibe Wurst beim Metzger und ein freundlicher Hinweis einer Verkäuferin im Modegeschäft. Vielleicht lässt du selber mal hier und da etwas liegen für einen anderen Menschen. Ein kleines Bildchen, einen Aufkleber, eine Dose Futter für das Tierheim. So funktioniert der Kreislauf. Du empfängst und du gibst, du bist ein Teil vom Ganzen. Du kannst es bewusst mitgestalten und erlebst Wunder über Wunder! Faszinieren, nicht?

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Donnerstag, 26. März 2015

Steh auf!

Jesus befindet sich in guter Gesellschaft mit Marius Müller-Westernhagen, Bushido, Culcha Candela, Betontod und den Toten Hosen. Sie alle und noch einige Künstler mehr sangen oder sprachen diese Aufforderung aus: „Steh auf!“ 
Das sind energische Worte! „Steh auf!“ Mit Ausrufezeichen! Jesus richtet diese Worte an den verstorbenen Sohn einer Witwe. Dieser wird gerade auf der Bahre liegend weggetragen. „Steh auf!“ ruft Jesus in einem eindeutigen Befehlston. Man stelle sich einmal vor, er würde folgendes sagen: „Junger Mann, es wäre doch schön für deine traurige Mutter und für alle anderen Verwandten, wenn du es dir mit dem Sterben noch einmal überlegen würdest. Die ganze Zukunft liegt noch vor dir! Willst du das alles wegwerfen? Ist deine Zeit denn wirklich schon gekommen?“ Das wären zwar sehr einfühlsame Worte gewesen und sicherlich angemessen für einen Toten und zugleich tröstlich für die Mutter. Hätten solche Worte jedoch ausgereicht, einen Toten aufzuwecken? Jesus entscheidet sich für die harte Tour. „Steh auf!“ 
Die Band Betontod singt in ihrem Lied: „Ich will Dich nie wieder am Boden sehen, es ist Zeit aufzustehen und nach vorne zu sehen! Ich will Dich nie wieder am Boden sehen, steh auf!“ Interessant, dass sowohl „Betontod“ als auch die „Toten Hosen“ das Wort „Tod“ im Namen tragen. Musiker mit solchen Namen werden so zu Verkündern des Evangeliums vom Aufstehen! „Am Boden liegen – und aufstehen“ – darüber möchte ich gerne noch ein wenig intensiver nachdenken. Als kleines Kind bin ich mit meinen Eltern und Geschwistern am Sonntag spazieren gegangen. Mein Vater erzählt mir heute manchmal, dass ich mich einfach zwischendurch auf die Straße setzte und nicht wieder aufstand. Alle seine Bitten und Appelle halfen nichts. Ich blieb da einfach sitzen und die ganze Familie wartete, bis ich von selbst wieder aufstand. Aus der Perspektive des am Boden liegenden zeigt sich: Der muss auch aufstehen wollen. Die Aufforderung muss das Ziel zuerst einmal erreichen. 
Wir Menschen können nicht früh genug damit beginnen, das wieder Aufstehen einzuüben. Wir alle haben irgendwann gelernt, das erste Mal auf eigenen Füßen zu stehen und bewegten uns haltsuchend und wackelig auf den Beinen an den Objekten im Wohnzimmer entlang. Dann gingen wir freihändig ohne „Objektschutz“ zwischen Mama und Papa hin und her, strahlten über die ersten wirklich freien Schritte und … wir fielen! Das Fallen gehört zum Laufen lernen dazu. 

Mittwoch, 25. März 2015

Erhol dich gut!



Das Wort „erholen“ kommt ursprünglich aus der Medizin. Nach einer Phase der Krankheit geht es darum, wieder gesund zu werden.  Der Körper soll nach einer Anstrengung wieder Zeit bekommen zur Regenerierung, vielleicht nach dem Motto: „Hole dir deine Gesundheit wieder.“
Wenn wir uns vor dem Urlaub wünschen: „Erhol dich gut!“ dann verbinden wir damit den Wunsch nach einer Regeneration. Das setzt ja voraus, dass der entsprechende Mensch tatsächlich krank war oder eine anstrengende Phase hinter sich gebracht hat.
Es wäre schön, wenn wir auch die Arbeitsphasen im Leben so gestalten, dass wir nicht erholungsbedürftig werden. Interessanterweise sprechen wir auch nicht von Erholungsbedürftigkeit nach einem anstrengenden Sport. Ein anstrengender Sport führt zur Erholung und eine anstrengende Arbeit zur Erholungsbedürftigkeit.
Ich glaube, da stimmt was nicht.
Statt „Erholung“ rede ich lieber von „Pause“. Untersuchungen zeigen, dass wir Menschen uns nur 90 – 120 Minuten konzentrieren können und dann eine Unterbrechung brauchen. Einfach für ein paar Minuten nichts tun und Körper und Geist zur Ruhe kommen lassen. Wenn wir am Tag genug pausieren, wird der Urlaub nicht zu einer Art selbstfinanzierter Reha Maßnahme.  Der Urlaub wird zur zweckfreien Zeit und zu einer ausgedehnten Pause.
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Dienstag, 24. März 2015

Werde wesentlich



Auch diesen Vers habe ich gefunden bei Angelus Silesius im „cherubinischen Wandersmann.“
„Mensch, werde wesentlich; denn wenn die Welt vergeht,
So fällt der Zufall weg, das Wesen, das besteht.“

Es gibt das „Wesen“ und das,  was „dazu fällt“.  Es gibt einen unzerstörbaren Kern, und es gibt die vergängliche Geschichte. Es geht etwas und es bleibt etwas. Jeden Tag fällt uns etwas zu. Ein Mensch kreuzt unseren Weg, wir sitzen am Frühstückstisch, wir erledigen die Alltagsgeschäfte. Wir regen uns auf, wir werden erschüttert. Wir geben den „vorübergehenden“ Erlebnissen unendlich Bedeutung. Nicht zuletzt besetzen uns manche Ereignisse so stark, dass wir über Jahre traumatisiert werden.
„Mensch, werde wesentlich!“ Das, was wir erleben soll uns dazu dienen, dass wir daran wachsen und reifen. Häufig bleiben wir jedoch bei den Dingen stehen und nicht beim Wesentlichen.
Als Kind kommst du z.B. zu deiner Mutter und beschwerst dich: „Mama, der Bernd hat mich gehauen!“ Dann hörst du deine Mutter sagen: „Ach du Armer, das hat er bestimmt nicht mit Absicht gemacht.“ „Doch, hat er...!“ Ihr Beide bleibt in der Szene, bis sie sich irgendwann friedlich oder sonst wie auflöst.
Sinnvoll ist es, wenn du dich irgendwann als Erwachsener mit den dahinter verborgenen Themen auseinandersetzt. Wie erlebst du den Umgang mit Macht und mit Gewalt? Wie gehst du um mit Schmerzen, Kränkungen und Ablehnungen? Wer ist dieses „Du“, dass das da gerade erlebt? Wenn du das machst, trägst du etwas dazu bei, wesentlich zu werden.
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Montag, 23. März 2015

Angeschlagenes Geschirr hält gut zwei Menschenalter. (aus Russland)

Ich hänge an meinen Töpfen, an meinem Geschirr, an meinem Besteck. Ich brauche nicht alle Jahre davon etwas Neues. Neues Geschirr im Laden lacht mich nicht an. Ich gehe gleichgültig daran vorbei. Mit meinen Tellern und Tassen bin ich sehr zufrieden. Die Tassen sind schlicht, sie sind rundum dicht und halten jede Flüssigkeit. Auf den Tellern passt so viel, dass ich locker davon satt werden kann. Mein Geschirr lässt sich gut spülen und ist äußerst pflegeleicht. Auch die Jahre im Geschirrspüler haben sie schadlos überstanden. Die Teller haben noch keine einzige Macke, denn ich bin sorgfältig damit umgegangen. Nach so vielen Jahren mute ich dieses Geschirr auch meinen Besuchern zu. Bislang hat sich noch niemand darüber beschwert und alle essen brav von diesem Geschirr ohne Anzeichen von Ekel oder Ablehnung.
Zugegeben, die eine oder andere Tasse ist nicht mehr ganz heile. Von zwölf Tassen sind drei angeschlagen, wie man so schön sagt. Ich habe sie nicht nach hinten gestellt. Ich entscheide nach dem Zufallsprinzip. So müssen auch Gäste aus diesen Tassen trinken. Mir fällt das nicht einmal mehr auf. All dieses Geschirr gehört zu mir und ich habe mir fest vorgenommen, sie bis zum letzten Tag meines Lebens zu benutzen. Meine Möbel halten nicht so lange aus. Stoffe verschleißen sichtbarer als Porzellan.
Wir werfen viel zu früh viel zu viel weg. Trödelmärkte machen mich traurig. Da stehen all die Dinge, die angeschlagen und aussortiert sind. Ich will sie nicht haben, denn ich bin mit meinen Dingen ganz zufrieden. Ich möchte sie auch nicht zum Trödel bringen. Wenn ich diese Welt verlasse mögen meine Erben entscheiden, ob mein Geschirr noch taugt für ein weiteres Menschenalter.
Mein Geschirr ist zuverlässiger als meine Berufslaufbahn und meine Beziehungen. Sie sind treuer als das Geld auf meinem Konto und meine zunehmenden Alterskennzeichen. Sie stehen gleichmütig und treu in ihrem Schrank und warten auf den nächsten Einsatz, ohne Klage und ohne sich über das Alter zu beschweren.
Sie sind es sogar wert, darüber zu meditieren und darüber in eine Meditationshaltung zu kommen. Das ist ein wichtiger Aspekt: Es geht mir um das Würdigen, Werschätzen und Anerkennen. Wer dem angeschlagenen Geschirr noch zwei Menschenalter schenkt, dem kann man sich gut mit seinen Sorgen anvertrauen. Der wird sorgsam und liebevoll damit umgehen.
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