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Dienstag, 20. Dezember 2022
Die fünf Freiheiten nach Virginia Satir
Virginia Satir war eine wichtige systemische Familientherapeutin und lebte von 1916 - 1988. Sie hat wertvolle Impulse gesetzt für familäre Strukturen und sehr wertschätzend und ressourcenorientiert gedacht und gehandelt. Sehr bekannt geworden sind ihre "fünf Freiheiten", die ich gerne nach und nach erschließen möchte.
Die erste Freiheit: Die Freiheit zu sehen und zu hören was im Moment wirklich da ist, anstatt was sein sollte, gewesen ist oder erst sein wird.
Mein Mann sollte mir besser zuhören können. Dann wäre das Leben viel schöner. Mein Kind sollte mehr aufräumen, dann wäre ich viel entspannter. Mein Arbeitgeber sollte sehen, was ich alles leiste, dann würde ich viel lieber arbeiten.
Oder: Früher war doch alles besser. Die Bahn war pünktlicher. Die Brötchen schmeckten frischer und waren günstiger. Die Milch kam noch von der Kuh. Ich war körperlich fit. Die Welt war einfach schöner. Die Leute hatten alle mehr Zeit.
Oder: Wenn ich in Rente gehe, dann werde ich mehr Zeit haben. Wenn meine Kinder groß sind, dann werde ich endlich tun können was ich immer schon tun wollte.
Du denkst oft mit den Worten: "sollte" du gehst in die "gute Vergangenheit" oder phantasierst dich in eine "bessere" Zukunft. Du machst das schon automatisch, ständig oder mehrmals am Tag. Du verlässt die Gegenwart und den Augenblick und merkst nicht, wie unfrei du dadurch wirst. Du wirst wie ein Sklave, der sich die Freiheit wünscht: Wenn ich erst einmal diese Fesseln los werde, dann wird alles anders! Pustekuchen!
Virginia Satir lädt dich ein zu einem ganz bestimmten Aspekt der Freiheit. Du entscheidest dich für das "sollte" "die tolle Vergangenheit", die "bessere Zukunft". Du trägst die Verantwortung dafür, wohin deine Phantasie, Sichtweise, dein Ohr und deine Gedanken gehen.
Und du hast die Freiheit, dich jetzt neu zu entscheiden! Du kannst dich dafür entscheiden und hast die Freiheit das zu sehen und zu hören, was im Moment wirklich da ist. Du musst dir nichts vormachen. Du brauchst nichts beschönigen. Du musst dir die Zukunft nicht toll vordenken. Bekommt das, was ist, jetzt von dir die Erlaubnis da zu sein?
Mein Mann kann nicht zuhören. Das ist so. Aber ich kann ihn immer wieder darauf hinweisen, dass er das jetzt in diesem Augenblick tun kann. Mein Kind ist kein Aufräumer. Das ist einfach so. Und mein Kind ist trotzdem in Ordnung. Die Welt wird nicht untergehen, wenn es nicht aufräumt und es bleibt mein Kind. Mein Arbeitgeber ist blind für die Leistungen der Angestellten. Das ist einfach so! Aber ich kann für mich würdigen, was ich leiste. Und ich leiste was! Und das fühlt sich stark an! Egal, ob es der Chef sieht oder nicht.
Ich warte nicht bis zur Rente, damit ich mehr Zeit habe. Jetzt in diesem Augenblick nehme ich mir die Zeit. Es ist meine Zeit, meine Lebenszeit. Heute schmecken mir die Brötchen und außerdem bin ich ein toller Bäcker. Und heute noch werde ich tun, was ich immer schon gerne tun wollte.
Spürst du wie es ist, wenn du ein Gespür für deine Freiheit wieder findest und entwickelst? Wenn du unerfüllten Sehnsüchten hinterherträumst kann es dich viel Kraft und Energie kosten und irgendwann bist du weg! Du bist nicht mehr da. Gedankenverloren schlürfst du deinen Kaffee und weißt gar nicht, was du getrunken hast. Was kannst du jetzt in diesem Moment hören und sehen?
Die zweite Freiheit: Die Freiheit das auszusprechen, was ich wirklich fühle und denke, und nicht das, was von mir erwartet wird.
Was wird von dir erwartet? Von einer Mutter wird erwartet dass sie empört ist, wenn das eigene Kind ungerecht behandelt wird. Von einem Kind wird erwartet, dass es auf seine Eltern hört.
Was wird von dir in einer Beziehung erwartet? "Wenn du mich wirklich liebst, dann wüsstest du jetzt wie es mir geht!" "Wenn ich wirklich wichtig für dich wäre, dann würdest du dich heute nicht mit deinen Freunden treffen sondern bei mir bleiben!"
Ich kenne solche Merkwürdigkeiten zur Genüge aus meiner Kindheit. Häufig hatte ich so Fragen und
Montag, 19. Dezember 2022
Im Advent der Sehnsucht Nahrung geben!
Haben sich alle deine Lebenswünsche erfüllt? Möchtest du noch
irgendetwas unbedingt erleben? Fühlst du dich satt und zufrieden oder gibt es
da manchmal so einen unbestimmten Hunger, den du gar nicht so genau benennen
kannst? Was wohnt unter deinem Ärger, unter deiner Trauer, unter deiner Angst
und unter deinen Schmerzen und dann noch eine Etage tiefer? Hast du jemals
dorthin gespürt? Der Advent lädt dich und mich ein, genau dort einmal
hinzugehen.
Für mich ist der Advent so etwas wie eine Sehnsuchtszeit. Gott sehnt
sich so sehr nach dem Menschen, dass er ihm näher kommen möchte. Der
„körperlose“ entfernte Gott möchte aus Liebe in die körperliche Erfahrung
kommen. Geistig und spirituell verbinden konnte er sich schon immer. Aber das
Abenteuer Mensch ist doch eine andere Hausnummer. Was trieb Gott an? Die
Sehnsucht nach uns?
Manchmal erlebe ich den Alltag als sehr alltäglich. Ich stehe auf und
frühstücke. Ich fahre zur Arbeit und erledige meine Aufgaben. Ich komme zurück
und kaufe ein. Ich koche und esse und erhole mich. Ich pflege meine sozialen
Kontakte in der Familie und im Freundeskreis und blicke im November auf den
Kalendertag und denke: „Bald schon ist wieder ein Jahr vorüber. Wo ist die Zeit
nur geblieben.“ Wenn ich dann auf das vergangene Jahr zurückblicke und auf das
Jahr davon, dann stelle ich fest, dass es keine großen Unterschiede gab. Einen
anderen Urlaubsort, neue Menschen kennengelernt, die eine oder andere Aufgabe
angepackt und erledigt. Aber ich bin immer noch in meiner Lebensgeschichte drin
und nicht ausgestiegen.
Dann stelle ich mir vor, dass ich irgendwann einmal vor diesem Leben in
der körperlosen Welt einen Entschluss gefasst habe. Ich wollte Mensch werden
und in das Leben hinein, für das ich mich dann entschieden habe. Aber was war
davor? Was war vor meinem Leben? Gab es da eine Sehnsucht? Etwas, was mich
angetrieben hat? Warum sollte ich denn in einen so zerbrechlichen Körper hinein
als wehrloses Baby bei kriegsgebeutelten Eltern. Ich gehe nicht davon aus, dass
ich einfach so zufällig da bin. Ei und Samen von Vater und Mutter verbinden
sich und dann entstehe ich irgendwie? Das kann ich mir nicht vorstellen. Ich
schaue in mich hinein und nehme einen komplexen Körper wahr. Eine Geist und eine
Seele. Das alles nur zufällig? Kann ich mir nicht vorstellen. Vor diesem Leben
war ich in einem Bewusstseinszustand und habe eine Entscheidung getroffen. Und
ich hatte eine Idee. Einen Plan. Einen Wunsch. Eine Absicht. Ein Ziel und eine
Aufgabe. Und es gab eine Kraft, die mich antrieb. Die Sehnsucht!
Die Bibel spricht ja davon, dass wir Gottes Ebenbilder sind. Das
Phänomen Sehnsucht verbindet und mit ihm. Das Wort kommt aus dem Mittelhochdeutschen
und meint übersetzt „Krankheit des schmerzlichen Verlangens.“
Da gibt es ein Verlangen, das mich so mit Schmerzen erfüllt, dass ich
mich wie krank fühle. Wenn der Herbst lange dauert, die Tage dunkel und trübe
werden, dann gibt es plötzlich das unbändige Verlangen nach Sonne und Wärme.
Wenn ich dann meinen Urlaub plane, schaue ich nicht mehr auf die Kosten, dann
ist mir alles egal. Fast. Ich will unbedingt weg, dahin, wo die Sonne und die
Wärme sind.
Als mich als Kind die vielen asthmatischen Anfälle plagten hatte ich
eine unglaubliche Sehnsucht nach Atem. Ich schaute auf die Sportler und darauf,
wie sie ihren gesamten Körper beatmen konnten und wollte das auch. Immer und
dauerhaft viel Atemluft.
Das, was wir haben, können wir nicht ersehnen. Es ist ja schon da. Wir
können nur ersehnen, was noch nicht da ist. Eine Frau sehnt sich nach ihrem
Mann oder umgekehrt, wenn beide getrennt sind. Manche Menschen sind sogar so
süchtig nach dem Sehnen, dass sie das besser finden als die Erfüllung. Der
klassische Seemann sehnt sich in der Ferne nach seiner Braut, und wenn er bei
ihr ist, wieder nach der Ferne. Er liebt den Zustand von Sehnsucht an sich.
Andere Menschen mögen diesen Zustand überhaupt nicht, weil es mit
Schmerzen verbunden ist. Was, wenn du es einfach nicht aushalten kannst? Die
Flucht in ein pragmatisches und handfestes Leben ist dann die Lösung.
Aber wenigsten vier Wochen im Jahr bekommt die Sehnsucht einen eigenen
Patz, einen eigenen Zeitraum. Stell dir vor, dass du alkoholkrank bist und
müsstest ein paar Wochen in einem Spirituosenladen verbringen. Ein Rückfall
wäre doch vorprogrammiert.
Was geschieht da eigentlich mir dir und mir in diesen „sehnsuchtsvollen
Adventswochen“? Du kannst die Zeit betäuben mit Weihnachtsmärkten und
geschäftigem Treiben. Bloß nicht die tiefen Schichten der Seele fühlen. Lieber
ein paar emotionale Impulse mit Kerzenlicht, betrieblichen Weihnachtsfeiern und
Geschenkesuche. Das ist kalkulierbar und nach vier Wochen ist der Spuk vorbei.
Der Ort im Körper, wo die Sehnsucht entsteht und wohnt, ist dein Herz.
Du kannst also die vier Wochen auch für dich nutzen, dich mit deinem
Bewusstsein in diesen Raum zu versenken und deiner eigenen Sehnsucht
Aufmerksamkeit zu schenken.
Was wirst du spüren? Was denken? Welche Bilder werden hochkommen? Woran
wirst du dich erinnern? Die Sehnsucht ist so etwas wie ein Energiefeld das dich
beatmen wird. Vielleicht bekommst du plötzlich einen Zugang zu deinem
Bewusstsein vor deiner jetzigen körperlichen Existenz. Auf einmal erinnerst du
dich daran, warum du auf die Welt gekommen bist und was du hier erleben und
erfahren möchtest. In deinen Alltagsabläufen bleibt gar nicht die Zeit dafür.
Das Mönchtum und die Meditierenden haben schon immer gewusst, dass es
einen Wechsel braucht von Arbeit und Gebet. Wenn die Kontemplation fehlt, dann
werden wir Menschen zu bewusstlosen Akteuren. Erst, wenn wir gewollt und
entschieden nichts tun und in die Stille gehen, entsteht ein Raum, wo wir uns
unserer selbst bewusst werden.
Nichts gegen Weihnachtsmarkt, Geschenke, Feiern und Trubel. Für
Abenteuer und Vergnügen sind wir ja auch auf die Welt gekommen. Es geht nur um
diese andere Seite, die auch ihre Berechtigung hat.
Es gab ja mal eine Zeit vor Elektrizität, Digitalisierung und Mobilität.
Es gab eine Zeit, wo die Dunkelheit des Abends uns einlud in die Stille. Die
Sehnsucht kommt gerne, wenn es dunkel wird. Und auch, wenn die Angst eine
Chance hat, uns zu erreichen. Ich habe Angst vor dem Sterben und sehne mich
nach dem erfüllten Leben. Wenn es aber immer hell ist und wenn unsere Gedanken
pausenlos mit dem Kontrollieren und Planen beschäftigt sind, kommt unser System
nicht mehr zur Ruhe.
In der Dunkelheit der Nacht, in der Fülle und Tiefe deines
Herzensraumes, inmitten von Angst und Leere kann etwas geschehen, was jenseits
des Planens liegt. In diesem Zustand ereignet sich Schöpfung. Und so etwas muss
es gewesen sein, dass Jesus Christus entstehen ließ. Ein Mensch, der uns daran
erinnert, dass wir aus dem Göttlichen kommen und dahin zurückkehren.
Ab und zu braucht es eine Zeit und einen Raum, wo wir uns erinnern
können und wo wir neu den Entschluss fassen dürfen, wofür wir leben möchten.
Deine Sehnsucht liebt die Stille, die Dunkelheit, das Fühlen und die Leere.
Möge deine Adventszeit segensreich sein!
Freitag, 9. Dezember 2022
Anfang und Ende!
Im Flur meiner Eltern hängt seit meiner Kindheit der Teil eines Gedichtes zum neuen Jahr von Eduard Mörike. Dort heißt es im Schlussvers:
Herr, dir in die Hände
sei Anfang und Ende,
sei alles gelegt!
Jedes Leben hat einen Anfang und ein Ende. Alles Irdische ist dadurch gekennzeichnet, dass es begrenzt ist. Auch sehr stabile Häuser fallen irgendwann zusammen. Zwar stehen die Pyramiden in Ägypten schon seit einigen Tausend Jahren, aber irgendwann standen sie noch nicht und der Zahn der Zeit nagt unaufhörlich daran. Es mag noch viele viele Jahrtausende dauern, bis sie wieder zerfallen. Aber sie werden zerfallen. Mir fällt nichts ein auf dieser Welt, das keinen Anfang und kein Ende hat.
Eudard Mörike schafft in seinem Gedicht jedoch eine Erweiterung: Anfang und Ende legt er in die Hände Gottes. Damit deutet er an, dass es noch etwas gibt, das über den Anfang und das Ende hinausgeht.
Anfang und Ende gehören zu den begrenzenden Zeiterfahrungen der irdischen Existenz. Leben geschieht immer in einem Zeitraum von Anfang bis Ende. Das sind die Grenzmarkierungen. Aber es gibt eine Dimension, die nicht dieser Beschränkung unterliegt. Unser Bewusstsein kann "Zeitempfindungen" überwinden. Ich kann mich jenseits von Zeit und Raum denken. Menschen mit einer Nahtoderfahrung erzählen davon, wie im Bruchteil einer Sekunde das ganze Leben wie ein Film noch einmal abläuft.
Wir Menschen sind in unserem zeitlichen Empfinden von Begrenzungen, Tod und Ende noch einmal aufgehoben in etwas jenseits von Zeit. Darin liegt eine sehr befreiende Botschaft. Auch und jenseits von Tod und Ende bekommst du noch neue Möglichkeiten. Du bist bildlich gesprochen ein begrenzter Teil in Gottes unbegrenzter Hand.
Wir denken uns "anfänglich" und "endlich" und zugleich können wir uns "ewig" denken. Wie verändert sich dein Leben wenn du das praktisch umsetzt? Wie verändert sich dadurch dein Denken und deine Haltung?
Wenn du dich zeitlich begrenzt erlebst dann bist du im ständigen Mangel alles hier und jetzt noch erleben zu müssen. Die Zeit ist knapp und du hast noch viel zu tun. Wenn du im "Ewigkeitsbewusstsein" bist, dann hört die Hektik auf! Du kannst, aber du musst nicht mehr! Eduard Mörike noch einmal zur Erinnerung: "Herr, dir in die Hände sei Anfang und Ende, sei alles gelegt." Es geht also neben dem Bedenken von Zeit und Ewigkeit noch darum etwas zu tun. Das "Ablegen"! Es geht darum loszulassen, nicht festzuhalten! Wenn ich dem Ewigen das gebe, was ihm eh gehört, dann hört der Kampf auf, unbedingt etwas festzuhalten, was du sowieso nicht festhalten kannst. Kannst du deinen Mann festhalten? Deine Kinder? Deine Gesundheit? Dein Geld? Halte mal mit deinen Händen über einen Zeitraum viele Dinge fest. Du wirst verkrampfen, die Kraft wird dich verlassen und vor allem - du wirst die Dinge nicht mehr genießen können. Wenn du den Geliebten festhältst und nicht loslässt verwandelt er sich in ein Monstrum oder eine Schaufensterpuppe. Im Loslassen der Dinge gewinnst du die Freiheit, damit Erfahrungen zu machen und danach "Danke" zu sagen.
Ob wir "Ja" sagen können zu unserem Leben hängt genau davon ab, ob wir loslassen können. Ohne Angst zu verlieren; nur im Vertrauen, dass schon gut für mich gesorgt ist. In der Übereinstimmung von Atem holen und Atem lassen. In diesem Sinne wünsche ich dir einen ausgewogenen Rhythmus!
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Donnerstag, 8. Dezember 2022
Manches Ende wird ein neuer Anfang.
Manchmal gestalte ich eine Abschiedsfeier für einen Verstorbenen und sehe mit den Angehörigen auf das Ende dieses Lebens. Da geht etwas zu Ende. Für manches gibt es keine Fortsetzung in gleicher Weise. Eine Fernsehserie geht zu Ende. Ein altes Gleis. Ein Arbeitstag und ein Arbeitsleben.
Eigentlich wäre das ja völlig neutral. Ich könnte sagen: Na und? So ist das halt. Logisch! Alles hat ein Ende. Grundlage dieser Welt.
Ich denke an das Ende und mir wird bewusst, dass ich dann etwas oder jemanden nicht mehr habe! Ich verliere etwas. Und das macht mich traurig, wütend oder ängstlich. Und erfüllt mich mit Schmerz. Diese Gefühle möchte ich nicht. Und wenn ich kann, vermeide ich sie. Ich zögere das Ende hinaus. Ich verlängere noch einmal. Ein weiterer Arbeitstag. Noch eine Schleife mit den medizinischen Geräten. Vor dem Abschied noch einmal umarmen und sich dann noch einmal umdrehen und zum Schluss noch einmal winken und in der Ferne noch einmal hupen.
Während ich mich noch im Abschiedsschmerz befinde bahnt sich jedoch schon ein neuer Anfang. Es gibt kein Vakuum! Am Ende des Bahngleises beginnt irgend etwas neues. Eine Straße oder ein Feld oder eine Weide! An meinem letzten Arbeitstag bahnt sich schon der Weg für den ersten Tag "ohne Arbeit". Aber es ist kein Tag "ohne". Es wird etwas alternativ geschehen. Und sei es, dass ich "nur" herumsitze. Es gibt kein Vakuum - also ein "Nichts".
Ich kann mich am Ende von etwas also in den Schmerz hineinbegeben oder mir ins Bewusstsein rufen, dass da jetzt etwas neues anfängt. Der Anfang von etwas kann Angst machen. Aber vielleicht auch Freude oder Spannung, oder...
Es gibt das Ende von etwas, das zugleich der Anfang von etwas ist. Wenn ich damit einverstanden bin, kann ich mich da hinein entspannen. Ich sperre mich nicht gegen das Grundgesetz des irdischen Lebens. Es ist wie bei einem Ballspiel. Du nimmst den Ball auf und gibst in weiter. Bei dir ist nur eine Durchgangsstation. Wenn du den Ball festhältst ist das Spiel vorbei. Du empfängst und gibst weiter. Wie die Liebe. Du empfängst und schenkst. Du folgst einem Rhythmus. Anfang und Ende und wieder ein Anfang. Nichts als ein Rhythmus. Du atmest ein und du atmest aus und gibst dein Einverständnis.
www.matthias-koenning.de
Eigentlich wäre das ja völlig neutral. Ich könnte sagen: Na und? So ist das halt. Logisch! Alles hat ein Ende. Grundlage dieser Welt.
Ich denke an das Ende und mir wird bewusst, dass ich dann etwas oder jemanden nicht mehr habe! Ich verliere etwas. Und das macht mich traurig, wütend oder ängstlich. Und erfüllt mich mit Schmerz. Diese Gefühle möchte ich nicht. Und wenn ich kann, vermeide ich sie. Ich zögere das Ende hinaus. Ich verlängere noch einmal. Ein weiterer Arbeitstag. Noch eine Schleife mit den medizinischen Geräten. Vor dem Abschied noch einmal umarmen und sich dann noch einmal umdrehen und zum Schluss noch einmal winken und in der Ferne noch einmal hupen.
Während ich mich noch im Abschiedsschmerz befinde bahnt sich jedoch schon ein neuer Anfang. Es gibt kein Vakuum! Am Ende des Bahngleises beginnt irgend etwas neues. Eine Straße oder ein Feld oder eine Weide! An meinem letzten Arbeitstag bahnt sich schon der Weg für den ersten Tag "ohne Arbeit". Aber es ist kein Tag "ohne". Es wird etwas alternativ geschehen. Und sei es, dass ich "nur" herumsitze. Es gibt kein Vakuum - also ein "Nichts".
Ich kann mich am Ende von etwas also in den Schmerz hineinbegeben oder mir ins Bewusstsein rufen, dass da jetzt etwas neues anfängt. Der Anfang von etwas kann Angst machen. Aber vielleicht auch Freude oder Spannung, oder...
Es gibt das Ende von etwas, das zugleich der Anfang von etwas ist. Wenn ich damit einverstanden bin, kann ich mich da hinein entspannen. Ich sperre mich nicht gegen das Grundgesetz des irdischen Lebens. Es ist wie bei einem Ballspiel. Du nimmst den Ball auf und gibst in weiter. Bei dir ist nur eine Durchgangsstation. Wenn du den Ball festhältst ist das Spiel vorbei. Du empfängst und gibst weiter. Wie die Liebe. Du empfängst und schenkst. Du folgst einem Rhythmus. Anfang und Ende und wieder ein Anfang. Nichts als ein Rhythmus. Du atmest ein und du atmest aus und gibst dein Einverständnis.
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Mittwoch, 7. Dezember 2022
Pflücke den Tag!
"Carpe diem!" Diesen Satz habe ich bislang so verstanden:
Nutze den Tag!
Die Zeit ist kostbar!
Handle nicht unüberlegt!
Mach keine überflüssigen Dinge!
Wer weiß, ob du morgen noch lebst!
Was du heute kannst besorgen...
Morgenstund hat Gold im Mund...
Immer geht es darum, möglichst viel hineinzupacken. Jeden Zeitraum auszunutzen. Die Vorstellung ist mir nicht sehr sympathisch.
Jetzt habe ich eine andere Übersetzung gehört.
Pflücke den Tag!
Der Tag ist wie eine Blume!
Lebendig!
Farbig!
Duftend!
Freude auslösend!
Bejahend!
Zustimmend!
Ein Geschenk!
Du darfst!
"Nutzt" du noch oder "pflückst" du schon? Stell dir vor, dass du diese Welt und diesen Körper verlässt. Wirst du dann auch noch "nutzen" in der Dimension der Zeitlosigkeit? Pflücken wirst du ganz bestimmt - das Leben, die Liebe, die Freude...
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