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Freitag, 14. Juli 2017

Schluss mit den ewigen Vorwürfen!


Stell dir vor, dass du am Morgen aufwachst. In der Nacht ist ein Wunder geschehen. Eine Fee kam und hat dieses Wunder bewirkt. Die Fee hat das Wunder bewirkt, dass niemand in deiner Familie dir mehr Vorwürfe macht. Es gibt keine Sätze wie: "Du hättest aber..." "Du solltest..." "Du müsstest..." "Hast du noch nicht..." Woran würdest du merken, dass dieses Wunder eingetreten ist? Was würden deine Familienmitglieder stattdessen sagen. Wie würden sie aussehen? Wie auf dich wirken?

Vielleicht kommt dir dein Heim freundlicher vor. Zugewandter? Wohlmeinender? Und wenn dir niemand einen Vorwurf mehr macht und alle sich gegenseitig ermutigen und bestätigen - wie würdest du dann reagieren? Was würde sich bei dir ändern? Welche Sätze würdest du sagen? Wie würdest du dich fühlen?

Jetzt stell dir vor: Du gehst morgen ins Bett und wachst am nächsten Morgen auf. Du stellst fest, dass die Fee tatsächlich in der Nacht dieses Wunder bewirkt. Du wirst am Morgen aufwachen und dieses Wunder an dir bemerken. Du wirst keine Vorwürfe mehr machen. Es ist geradezu unmöglich für dich, einen Vorwurf zu formulieren. Du bist voller Verständnis und Mitgefühl. "Wir alle brauchen jemanden, der uns keine Vorwürfe macht!" las ich auf einer Spruchkarte. Zunächst dachte ich an einen anderen Menschen, der uns so annimmt wie wir sind. Und einer, der uns keine Vorwürfe macht. Diesen Menschen zu finden ist nicht leicht. Ist eher ein Geschenk! Und wenn du keinen Menschen mit dieser Qualität hast? Gehst du in den Mangel?

Wenn die Fee kommt und das Wunder bewirkt, dass du morgen in dir keine Vorwürfe mehr hörst dann hast du einen Menschen gefunden, der dir keine Vorwürfe mehr macht. Du selbst! Du machst dir keine Vorwürfe mehr! Fängt nicht alles damit an, dass wir gnädig mit unserem inneren Kritiker umgehen? Wenn wir aufhören mit unseren Selbstvorwürfen wird das etwas verändern. Die anderen werden auch aufhören, uns Vorwürfe zu machen. Wir alle brauchen jemanden, der uns keine Vorwürfe macht! Fang doch einfach mit dir selber an!
www.matthias-koenning.de

Dienstag, 11. Juli 2017

Ferien vom Ich


Wie wäre es einmal mit „Ferien vom Ich?“ Immerhin steht die Urlaubszeit vor der Tür und die Urlaubsziele stehen hoffentlich fest. Den Alltag hinter sich lassen. Keinen Stress mehr! Keine Termine im Kalender! Super! Wirst du es genießen können? Bist du frei von Sorgen und Aufgabenpaketen? Fühlst du dich frei im Herzen? Oder wirst du deinen ganzen Gedankenmüll mit auf die Reise nehmen. Vielleicht möchtest du ja auch verreisen in der Hoffnung, am Urlaubsort dein Zeug loszuwerden. Der Nordseestrand sozusagen als Sammelplatz von Sorgenhaufen! ;-)
In meiner Erinnerung tauchte vor ein paar Tagen der Gedanke auf: „Ferien vom Ich“. Bei meiner Recherche stellte ich fest, dass so der Titel eines Buches von Paul Keller heißt. Eine Idee daraus wurde dreimal verfilmt. Ein gesundheitlich lädierter Milliardär steigt aus seinem reichen Leben aus und macht anonym eine Art Reha. Pause von den lästigen Kakerlaken, die nur sein Geld wollen. Flucht vor denen, die sich in der Sonne seines Reichtums mit bescheinen lassen möchten.
„Ferien vom Ich!“ Geht das überhaupt? Und wenn ja – wie? Und vor allem: Was hätte ich davon, wenn ich es täte?
In dem Spielfilm gehört ja zur Identität des Milliardärs sein Geld. Er macht also mal Ferien von seinem Reichtum und taucht ein in die einfache bürgerliche Welt. Bis zur armen Hütte reicht es allerdings nicht. Er bleibt „gutbürgerlich“.
Wenn ich Ferien vom Ich machen wollte müsste ich zuerst wissen, was denn zu meinem „Ich“ so dazu gehört? Ist das ein Ganzes? Besteht es aus Teilen? Wenn ich mit meinem Namen gerufen werde, dann rufe ich: „Das bin ich!“ Und ich meine mich irgendwie ganz. Ein Namensvetter könnte sich zur gleichen melden mit dem gleichen Satz. „Das bin ich!“ Ich bin dann immer irritiert wenn ich nicht gemeint bin. Für den Bruchteil einer Sekunde versinke ich in die Existenzlosigkeit. Ich bin für einen Moment nicht mehr da. Ich wache auf und denke: Menschen mit meinem Namen gibt es also viele.
Zu meinem „Ich“ gehören zugleich viele Teile. Mein Aussehen und das Bild, das ich selbst von mir habe. Da gehören meine Familienangehörigen zu und meine Freunde. Meine Ausbildungen und mein Beruf. Meine guten und meine schwierigen Kindheitserlebnisse. Meine Fähigkeiten und Eigenschaften, Meine Werte und meine Persönlichkeit. Meine Wünsche, meine Träume und meine Scham. All dieses und noch viele Teile mehr würden ein buntes Mosaik ergeben. Ich könnte da die Überschrift hinsetzen und sagen: „Das bin Ich!“ Auch wenn es mehrere Menschen mit meinem Vornamen gibt unterscheide ich mich doch recht deutlich. Ich stelle mich vor den Spiegel und erkenne mich wieder. Da sehe ich niemanden, der so ähnlich ist wie ich. Ich sehe mich selbst.
Wenn ich mein Lebensmosaik betrachte könnte ich auf die Idee kommen, dass das Mosaik irgendwie willkürlich ist. Gebastelt. Könnte auch anders aussehen. Mehr davon oder sogar weniger? Ich könnte im Urlaub mal reduzieren. Ganz schön viel, was ich da vom „Ich“ mit herumschleppen muss. Ständig erwartet jemand etwas von mir. Und ich möchte zugleich meinem eigenen Bild entsprechen. Es gehört ja zu meinem Ich dazu. Ich gehe regelmäßig zur Arbeit. Ich möchte mich selber so sehen und auch, dass die anderen mich so wahrnehmen. Ich bleibe nicht einfach so zu Hause! Ich bin ein Freund und entscheide mich nicht, mal jeden zweiten Tag ein Feind von meinem Freund zu sein. Die vielen Puzzleteile meines „Ich“ stärken meine Identität und geben mir Halt und Sicherheit. Sie bilden einen Rahmen, so dass ich nicht auseinanderfalle. Wer wäre ich denn ohne all diese Teile meines Ich-Mosaikes?
In meinen Beratungen fällt mir auf, dass manche Menschen sich auf eine eigenartige Weise selbst beschreiben. Sie sagen zum Beispiel nicht direkt und einfach: „Ich mag gerne Milch.“ Oder „Ich komme oft zu spät.“ Sie sagen stattdessen: „Ich gehöre zu den Menschen, die immer noch Milch trinken.“ Sie fühlen sich einer Art Gruppe zugehörig. Die Gruppe der „Milchtrinker “ oder der „Zuspätkommer“. In einer Gruppe kann man gut abtauchen oder sich verstecken. Oder durch die „Gruppe“ fühlt sich der Mensch nicht mehr so allein und unverstanden. Zugleich klingt es wie eine Rechtfertigung oder Aufklärung. Ich selbst höre allerdings immer auch mit: „Ich gehöre zwar zu den Menschen, aber ich weiß nicht, ob das wirklich so stimmt. Und ich schäme mich ein wenig dafür!“ Ich höre also eine gewisse Unsicherheit mit. So jemand könnte ja auch mal diese Gruppe verlassen. „Ich gehöre zu den Menschen, die Milch trinken. Aber jetzt verlasse ich die Gruppe, weil es für mich nicht mehr so notwendig ist.“
Wenn ich mir mein „Ich-Mosaik“ betrachte komme ich zugleich auf die Idee, dass es da Teile gibt, die schon lange nicht mehr so richtig passen. Teile, die früher mein „Ich“ ausgemacht haben, die ich immer noch mit mir herumschleppe, obwohl ich es nicht mehr bin. Wenn ich meine Eltern besuche, dann bin ich immer noch „Sohn“. Ich fühle mich dann auch manchmal wie 10 oder 15 Jahre. Ich finde das nicht angemessen. Klar bin ich immer noch Sohn für meine Eltern, aber erwachsener Sohn und nicht kindlicher Sohn. Dieser hilflose „Ich“-Anteil ist aber immer noch lebendig und wartet auf einen angemesseneren Platz.
In meinem „Ichmosaik“ kommen manchmal Dinge hinzu und manchmal verschwindet auch was. Mein „Kirchen-Ich“ hat sich im Laufe der Zeit stark reduziert. Manchmal leuchtet er noch auf. Aber vor ein paar Jahren machte der noch einen ganz großen Teil meines Lebens aus. Mein „Ich“ ist also gar nicht so starr festgelegt. Ich dachte lange Zeit, dass ich alle diese Anteile brauchte. Sie gehören zu mir dazu. Ich brauche sie. Dann stellte ich fest, dass ich weiter existierte, auch wenn bestimmte Ich-Anteile verschwunden sind. Trotz weniger „Kirchen-Ich“ existiere ich noch. In die freigewordene Lücke findet sich schnell ein neuer Anteil. Mein Mosaik ist selten leer.
„Ferien vom Ich!“ Ich könnte mal anonym irgendwo Urlaub machen. Da könnte ich dann meine Geschichte verbergen, meinen Namen, meinen Beruf und meine sozialen Verbindungen. Wer wäre ich dann stattdessen? Was bliebe von mir noch übrig? Würde es mir damit gut gehen? Immerhin bekomme ich ja ganz viel Zuwendung für mein „Ich-Mosaik“. „Toll, dass du so ein schönes Haus hast!“ „Du hast ein tolles Brot gebacken. Schmeckt fantastisch!“ Der Zuspruch und die Anerkennung stärken mein „Ich!“ Wenn ich jetzt anonym in den Urlaub fahren würde, bekäme ich möglicherweise keine Anerkennung mehr. Mein Ich würde nach und nach verhungern. Demnach müsste ich dich warnen, Ferien vom Ich zu machen. Das wäre ein höchst riskantes Unternehmen. Du müsstest jemanden mitnehmen, der auf dich aufpasst!
Auf der anderen Seite gibt es aber auch Menschen, die bewusst in die Einsamkeit, in die Wüste gehen. Da wird das „Ich“ entlarvt. Ausgehungert! Da zählt nicht mehr, was du kannst und wer du bist! Kannst du dir vorstellen, Ferien vom Ich zu machen? So wie Jesus – vierzig Tag ab in die Wüste?
Ich brauche also mein Ich. Es hält mich aufrecht, gibt mir Identität und stabilisiert mich. Nicht umsonst ist es schwer für einen Ehepartner, wenn nach vielen Jahren die „andere Hälfte“ geht. Wer ist die Frau ohne den Ehemann und umgekehrt? Bei der Trauer geht es nicht nur um den Abschied, sondern auch um die Aufgabe, sich wieder selbst zu finden. Wer bin ich ohne den anderen?
„Ferien vom Ich!“ Macht es nun Sinn? Unter bestimmten Voraussetzungen schon. Dann kann es sogar heilsam sein. Es kann ja passieren, dass ich mich einfach zu sehr in meine Arbeit vergraben habe nach dem Motto: „Arbeit ist alles!“ Dann kann ich mich in den Ferien für eine Auszeit entscheiden um wieder in einen Normalmodus schalten zu können. Oder ich hatte gedacht, dass zu meinem „Ich“ gehört, dass ich ständig mit vielen Leuten im Kontakt sein muss. Hier ein Anruf, da ein Treffen, noch ein Whatsapp. Ich mache Ferien von meinen Kontakten und ... stelle fest, dass ich vielleicht ein Junkie bin. Ich bin abhängig davon, dass das Leben um mich herum zirkuliert. Ich bin, weil die anderen sind. Ich könnte Ferien machen von diesem Teil meines Ich. Vielleicht wird es auf einmal still. Beängstigend still. Ich spüre die Leere. Halte das Schweigen aus. Überlebe es. Merke meine Abhängigkeiten. Mache einen ordentlichen Entzug und nehme mir die Zeit, wieder mich selber mehr zu spüren. Ich kann es mit mir aushalten, auch wenn nichts läuft.
Ab und zu einmal Teile meines Ich in die Ferien schicken. Um Platz zu schaffen für neue Impulse. Ich erlaube mir eine Weiterentwicklung. Gebe auf, was ich nicht mehr wirklich brauche und halte mal eine Lücke aus.
Wir müssen ständig Teile unseres Ich aufgeben. Eines Tages verabschieden wir uns vom Beruf, von den Kindern, von Freunden und Verwandten, von der Gesundheit, von Gepflogenheiten, von Häusern... Was bleibt von mir, wenn alle Ich-Anteile sich verabschieden? Breche ich zusammen? Löse ich mich auf? Gibt es etwas hinter allen „Ich-Anteilen“, was mit mir zu tun hat? Auf einer tieferen oder höheren Ebene? Verschwinden die Teile und es bleibt trotzdem das Ganze?
Wenn ich nach und nach meine Ich-Anteile loslassen kann werde ich vielleicht erfahren, dass ich mich nicht auflöse sondern auf einer tieferen Ebene mehr zu mir selbst komme. Zu meinem Selbst. Zu meinem Ursprung und Ziel, zu dem, was jenseits meiner Masken und der Materie liegt. Dort, wo ich „eigentlich“ bin. In meinem Eigenen.
„Ferien vom Ich?“ Eine interessante Ergänzung zu dem Satz „Ich mache Ferien!“ Wir legen ja viel Wert auf die „Ferien“. Wo fahre ich hin? Wie lange und mit wem? Viel weniger fragen wir: „Wer ist das Ich, das Ferien macht..“ oder „Welches Ich macht da jetzt Ferien?“ Da gibt es ja ein „Ich“, das sich ständig überlastet und gestresst fühlt. Dieses Ich braucht eine Pause. Aber das „Ich“ der Beziehungen hat das vielleicht gar nicht nötig. Das braucht keine Ferien. Das „Ich“ der Freundschaft findet Urlaub vielleicht völlig überflüssig oder sogar bedrohlich. Früher machten die Menschen auch keine Ferien und haben nichts vermisst. Vielleicht bekommst du jetzt eine Ahnung, warum reisen für dich unangenehm ist. Du hast es nur nie zugegeben oder zugelassen, weil alle Welt Urlaub toll findet. Dein „Geborgenheits-Sofa-Ich“ will nicht weg!
Für das „Ich“ der Beziehungen kann Urlaub ganz schädlich sein. So weit weg von den Menschen, die du liebst! Wir sollten nicht die Menschen bedauern, die nicht wegfahren. Die pflegen ihre anderen „Ich“-Anteile, welche auch immer das sind.
Ich besaß bislang übrigens kein „Garten–Ich“. In meiner Kindheit war das die Aufgabe meiner Eltern. Gartenarbeiten fand ich furchtbar. Später im Leben wohnte ich immer zur Miete ohne Garten. Jetzt entwickle ich seit ein paar Wochen ein Garten-Ich. Ich hätte nie gedacht, dass das zu einer Facette meines Lebens gehören würde. Noch schaue ich ein wenig irritiert dabei zu und schüttle den Kopf. Ich benutze lauter Geräte, zu denen ich bislang kein Verhältnis hatte.
Aber besteht nicht das Abenteuer des Lebens darin, ständig neue Ich-Anteile zu entdecken und zu entwickeln? Das bin ich und das bin ich auch. Das eine war ich einmal und das andere bin ich nicht mehr. Das könnte ich noch werden, muss es aber nicht. Und alle diese Anteile vom Ich sind nur vorläufig und keines davon ist endgültig. Und viele werden zusammengehalten von der Angst.
Die Angst, dass ich aufhören könnte zu existieren, wenn das „Ich“ nicht mehr da ist. Und das ist wohl die größte Herausforderung an mich.  
Und? Machst du Ferien? Möchtest du Ferien machen vom Ich? Von einem Teil davon? Oder ist dieser Gedanke für dich abwegig und fremd? Ich wünsche dir auf jeden Fall eine Ferienzeit, in der du gut mit dir sein kannst, mit welchen Anteilen oder welchem Ich auch immer. Die Fußballvereine nutzen die Zeit, ihre Mannschaft neu zu sortieren. Nach dem Sommer fängt eine neue Saison an. Wer wird dabei sein?  

Freitag, 7. Juli 2017

Das Staunen ist der Anfang der Erkenntnis (Platon)


Alles hat einen Anfang! Auch die Erkenntnis fängt mit etwas an. Wie läuft ein Erkenntnisprozess? Ich werde zuerst mit einer Idee konfrontiert oder einem Ereignis. Das Erlebte verarbeite ich und ich denke darüber nach. Am Ende des Denkprozesses gibt es ein Ergebnis: Die Erkenntnis.
Jetzt hat Platon eine interessante Idee. Am Ende steht die Erkenntnis und am Anfang ist das Staunen. Das "Staunen" ist eine wunderbare Gabe für uns Menschen. Wann hast du das letzte Mal gestaunt? Kinder staunen ständig! Wenn du ihnen etwas erzählst, dann werden die Augen ganz groß und sie sperren den Mund auf. Sie sagen laut: "Oooooh!" und "Aaaaaah!" Sie sind ganz außer sich und völlig erfüllt von dem Erleben. Sie saugen das Gesehene oder Gehörte förmlich in sich auf. Sie erschaudern und sind tief bewegt. Sie wollen mehr davon. Sie wollen es tiefer erfassen.
Wir Erwachsenen sind da schon viel abgebrühter. Es muss schon ein Smartphone mit besonderen technischen Raffinessen sein, das uns staunen lässt. Wenn ich im Urlaub ans Meer fahre dann staune ich über die Weite! Wenn ich in die Berge fahre dann staune ich über die Erhabenheit! Wenn ich dann jeden Tag aufs Meer schaue verändert es sich schon. Das Staunen wird geringer, die Selbstverständlichkeit wächst. Wir tauschen das "Staunen" gegen die "Macht der Gewohnheit." Ja, die Gewohnheiten sind auf die Dauer mächtiger als das Staunen. Schade eigentlich! Wenn wir nicht mehr staunen können nach Platon, dann hören auch die Erkenntnisse auf. Wir nehmen ja nichts mehr wirklich wahr. Wir gehen daran vorbei.
Du kannst ja auch nicht immer ans Meer oder in die Berge fahren damit du mal staunen kannst. Manche Menschen brauchen immer den letzten Kick damit sie sich das Staunen erhalten können, und das "Ooooh"-Gefühl. Wenn ich heute wieder verstärkt staunen möchte dann braucht es mehr Aufmerksamkeit. Ich blicke in den Garten und schaue mir die Eibe an. Das mache ich über einen längeren Zeitraum. Ich beobachte die Meisen, die darin herumhüpfen und Beeren picken. Ich nehme die Schönheit des Baumes wahr und vertiefe mich in das immerwährende Grün. Ich merke, wie das Staunen sich so langsam im Körper ausbreitet. Ich lebe Seite an Seite mit einem Baum, der jeden Tag ganz zuverlässig an seinem Platz steht. Jahr für Jahr! Jeden Tag und ohne Ausnahme steht er da in seinem Grün und gibt mir Schatten und den Vögeln Nahrung.
Meine Aufmerksamkeit geht jetzt am Frühstückstisch zu meinem Lieblingsbäcker. Ich mag sein Brot. Ich kann es jeden Tag essen. Mir wird es nicht überdrüssig. Er backt es zuverlässig jeden Tag für mich. Ich staune über die Kontinuität. Kuchen kann ich nur ab und zu genießen. Frisches Brot mag ich jeden Tag. Und wiederum breitet sich ein langsames und stetiges Staunen aus.
"Das Staunen ist der Anfang der Erkenntnis." Das hieße für mich, bei jedem Anfang dem Staunen mehr Chancen zu geben, wenn sich in mir so ein Gewohnheitsgefühl breitgemacht hat. Ich lade dich ein zum Staunen über all die vielen Anfangssituationen, die dir geschenkt werden im Leben.
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Dienstag, 4. Juli 2017

Mein inneres Kind


Wenn ich aus dem Haus gehe dann nehme ich natürlich meine Schlüssel mit. Ich überprüfe auch, ob ich die Schlüssel wirklich dabei habe. Ich befühle die Schlüssel und bekomme ein Gefühl von Sicherheit. Erleichterung! Ich werde wieder hereinkommen wenn ich wiederkomme.
Wenn ich die Tür hinter mir zugezogen habe überprüfe ich es noch einmal. Ja, die Schlüssel sind immer noch da! Mein Verstand sagt mir, dass das völlig unnötig war. Ich hatte doch schon vorher geprüft. Damit erledigt sich dann auch das Prüfen. Noch einmal ist nicht notwendig. "Zwangsgedanken?" - "Krankhafter Wiederholungszwang?" Vielleicht. Vielleicht gehört das aber auch zu einer Geschichte, die weit zurückliegt. Ich habe mich irgendwann hingesetzt und bin dem Gefühl im Bauch von Angst nachgegangen. Ich habe mir vorgestellt, dass ich ohne Schlüssel losgehe. Schon war die Angst da. Im Bereich des Herzens. Da habe ich meine Hand hingelegt und einfach gewartet. Es tauchte ein Bild auf, wie ich als kleiner Junge nach dem Spielen an unersere Haustür schellte. Niemand öffnete. Meine Mutter war nicht da. Da stieg Panik in mir auf. Dann verschwand das Bild.
Seit diesem Tag weiß ich, dass da in mir ein kleines Kind wohnt. Mein "Kleiner". Immer, wenn da plötzlich eine Angst auftaucht, meldet er sich. Und ich kümmere mich um ihn. Ich lege meine Hand an diese Stelle und wende mich ihm zu. Ich flüster ganz leise und habe Verständnis. Dann kommen ein paar Wellen und ich warte geduldig, bis sie abebben. Jetzt nehme ich die Schlüssel und halte meine Hand auf mein Herz und der Kleine weiß Bescheid. Schlüssel dabei! Alles in Ordnung!
Hast du schon Kontakt aufgenommen mit deiner Kleinen? Deinem Kleinen! Falls du es noch nicht getan hast empfehle ich es dir sehr! Du wirst erstaunt sein, wie sich dein Leben verändern wird. Du wirst nicht weniger erleben als ein Wunder!
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Montag, 3. Juli 2017

Mein innerer Totengräber


Ich bin ein Sammler. Ich sammle vor allem Gedanken. Und ich sammle Kränkungen. Gesammelte Kränkungen machen mich krank. Das ist nicht gut für meinen Körper und für mein Wohlbefinden. Es fühlt sich sehr vergiftet an.
Manche Kränkungen kann ich schnell vergessen. Vor allem die kleinen Kränkungen im Alltag. Aber wie ist das mit den großen Kränkungen wie die Brüche von langen Freundschaften. Ich kann mich jetzt zurückerinnern an eine Freundschaft, die bis vor zwanzig Jahren noch sehr schön war. Dann kam der Bruch und wochenlang Schmerzen, Frust, Trauer, Wut und Enttäuschung. Die Gefühle wurden im Laufe der Jahre schwächer. Aber ich kann mich ganz schnell da wieder reinsteigern. Und plötzlich ist es wie vor zwanzig Jahren. Ein Ereignis, das Jahre zurückliegt, wird wieder aktiv. Wie eingelagerte Viren, die nur auf den richtigen Augenblick warten.
Ich koche mir einen Tee und trinke ihn. Dann hänge ich diesen gleichen Teebeutel wieder in die nächste Tasse, weil der Tee so gut geschmeckt hat. Ich hänge diesen Teebeutel wieder und wieder in die Tasse und bin nicht bereit, den Teebeutel wegzuwerfen. Wie eine Sucht! Wie ein Zwang! Mein ehemaliger Freund würde jetzt bestimmt sagen: "Das wünsche ich dir. So wie du mich behandelt hast..."
Jetzt habe ich vor ein paar Tagen gehört, dass Fußballfans friedlicher werden, wenn sie vor dem Spiel an einem Friedhof vorbeifahren müssen. Der Friedhof mit dem Thema Tod führt die Menschen zur Besinnung. Das brachte mich auf eine schöne Idee. Der Totengräber begräbt die Toten. Er entsorgt die Leichen in ein Grab, damit sie nicht überirdisch ihren Gestank verbreiten.
Kränkungen stinken auch. Sie hören nicht einfach so auf! Ich muss aktiv etwas machen. Erst, wenn ich die Kränkungen zu Grabe trage, kann Frieden einkehren. Dann habe ich meine Augen geschlossen und in mir geforscht, ob es dort einen Totengräber gibt. Da stand doch tatsächlich so ein Kerl da rum und lehnte sich entspannt auf seinen Spaten. Ich fragte ihn, ob er nichts zu tun hätte. Da sagte er zu mir: "Zu tun hätte ich schon genug. Aber du willst ja deine stinkenden Kränkungen lieber behalten. Seit Jahren stehe ich hier herum und habe einen total sauberen Spaten. Ich habe nichts zu tun. Aber es stinkt gewaltig. Du müsstest mir nur einen Auftrag erteilen und dann würde ich sofort loslegen." Super, dachte ich! Weg mit dieser zwanzig Jahre alten Kränkung!
Zugleich merkte ich aber auch, dass ich diese Kränkung gar nicht wirklich loswerden wollte. Ich hatte mich so gewöhnt an dieses Scheißgefühl. Da konnte ich mich so richtig drin eingraben und meinen Weltschmerzgefühl aufrecht halten. Dieser Freund hatte doch meine Ansicht bestätigt, dass es in der Welt nur Verrat gäbe. Sollte ich wirklich dieses Gefühl loslassen und dem inneren Totengräber sagen: "Prima! Vielen Dank! Vergrabe diese stinkende Kränkungsbrühe!"
Ich habe mich entschieden! Weg damit! Das war echt eine Entscheidung! Da ist auf einmal ein Loch. Was mache ich jetzt, wo das Kränkungsgefühl weg ist. Das hat doch mein Überleben gesichert. Es hat mich zwar vergiftet, aber es war sicher. Jetzt ist mein Leben unsicher. Mein Totengräber will es aber nicht wieder ausbuddeln, das Kränkungsgefühl. Er hat mir gesagt, dass er dafür nicht zuständig sei. Er buddelt nur ein. Ich solle einfach ein paar Wochen warten, dann verwandelt sich die stinkende Brühe in wunderbarem Humus.
Wow! Meine Kränkung soll zu Humus werden. Völlig neue Perspektiven! Jetzt warte ich mal ab und vertrau dem Meister der Verwesung! Und? Wie sauber ist die Schüppe deines inneren Totengräbers?
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