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Samstag, 15. April 2017

Am frühen österlichen Morgen




Sicherlich hörst du manchmal den wohlmeinenden Rat in einer Krise: „Schlaf mal eine Nacht drüber, dann sieht alles schon anders aus.“ 
Die Tage vor Ostern laden dich ein, angesichts der Erfahrung von Kreuz und Tod im Leben von Jesus zugleich in deinen eigenen inneren Karfreitag zu gehen. Wie beruhigend und wohltuend, wenn alles glatt läuft! Keine Probleme am Arbeitsplatz, Friede in den Beziehungen, genug Geld auf dem Konto zum Erfüllen von allen Bedürfnissen. Du wünschst dir, dass diese Zufriedenheit anhält bis zum Abschied auf deinem Totenbett. Du gibst sogar viel Geld für Versicherungen aus, damit dir diese Sicherheiten lange gewährt werden.
Leider gibt es neben Sicherheit und Zufriedenheit auch eine andere mitunter bittere Realität. Ich kenne viele Menschen, die wenigstens einen großen Karfreitag im Leben erfahren haben. Das fängt manchmal ganz harmlos an. Da gibt es ein scheinbar nebensächliches Problem in der Ehe, hier und da ein kleiner Streit. Die Unstimmigkeiten werden überspielt, abgetan und nehmen unerklärlicherweise zu. Die Schwierigkeiten häufen sich, schwelende Konflikte werden nicht angesprochen aus Angst vor Kränkung und Verletzungen. Irgendwann bricht entweder der Vulkan aus und die Konflikte liegen offen auf dem Tisch. Oder eine tiefe lähmende Leere der Sprachlosigkeit macht sich breit.
Und wenn es „zufällig“ an einer Stelle brennt entsteht allzu leicht ein Flächenbrand. Die Probleme am Arbeitsplatz zeigen sich gleichzeitig, beängstigende Krankheitssymptome machen sich bemerkbar und du siehst ohnmächtig zu, wie sich zu dem dicken und unlösbaren Paket noch etwas dazugesellt. Zum Glück ist ein solches Bündel von Einbrüchen eher selten. Dennoch kenne ich von vielen Menschen solche oder ähnliche Gedanken und Sorgen als Befürchtung im Hinterkopf. „Möge Gott mich vor solchem Unglück verschonen!“
Mit solchen Erfahrungen sind wir Gott sei Dank nicht allein. Ähnlich wird es Jesus auch ergangen sein. Konfliktgespräche im eigenen Freundeskreis während der Wandertätigkeit durch Galiläa über seine Person und sein öffentliches Wirken, Auseinandersetzungen mit den verschiedenen religiösen Gruppierungen in Jerusalem, die aufgeheizte Stimmung vor einem großen Fest, die übergroßen Erwartungen an einen messianischen Heilsbringer... Irgendwann spitzte sich die Situation zu und es endete in einer tiefen Krise.
So kann es manchmal kommen, bei Jesus, bei dir, bei mir und bei jedem anderen Menschen. Das Fass läuft über, das System bricht zusammen. Der Ofen ist aus. Nichts geht mehr. Aus und vorbei.
Wenn du dich in der äußeren oder inneren Dunkelheit befindest, siehst du kaum noch etwas. Du verlierst die Orientierung. Auswege sind versperrt, die üblichen Lösungsstrategien greifen nicht mehr. Hinzu kommt manchmal eine namenlose Angst und eine drohende Panik, die dir den Boden unter den Füßen wegzieht. Vielleicht denkst du jetzt: „Muss der das Leben denn so schwarz malen? Karfreitage sind schlimm genug, die muss man nicht auch noch bewusst in sich wachrufen!“ Ja, genau so ist der Karfreitag: Nicht zum Aushalten und zum Davonlaufen.
Und dann gibt es noch die Phase nach den Krisenhäufungen, der Angst, der Panik, dem Davonlaufen, dem Kampf und dem Suchen nach Lösungen. Ich spreche von dem Moment des Loslassens, der Resignation, des Aufhörens mit allem Kampf. Es taucht der Gedanke auf, das Scheitern einzugestehen und die Stille zu empfangen, die dann entsteht. Es gibt nichts mehr zu tun. Du legst die Hände in den Schoß und überlässt dich dem Augenblick und dem Hier und Jetzt.
Da lese ich im Matthäusevangelium die Auferstehungsgeschichte. Sie fängt völlig unspektakulär an: „Nach dem Sabbat kamen in der Morgendämmerung des ersten Tages der Woche Maria aus Magdala und die andere Maria, um nach dem Grab zu sehen.“ Ich halte an bei dem Bild der Morgendämmerung. Ja, so ist das! Die Nacht geht einfach irgendwann zu Ende, völlig ohne dein Mitwirken. Die Nacht geht vorbei und ein neuer Morgen bricht an. Zwischen der Nacht und dem Morgen liegt die Dämmerung. Sie verkündet ohne Worte und ohne Pathos: Die Nacht ist vorbei! Das Schlimmste ist überstanden. Und so sicher, wie jede Nacht vorübergeht und der Morgen anbricht, so wird es auch in deinem Leben sein. Die Nacht mag sich unendlich lange anfühlen, aber sie findet ein Ende, immer, ohne Ausnahme. Ohne Ausnahme bricht nach der Nacht der neue Tag an. Das Gesetz ist unumstößlich. Die Morgendämmerung weist dich darauf hin. Du befindest dich schon im Übergang, in der Phase der Veränderung, in die Bewegung hin zum Morgenlicht.
Ich glaube, ich muss gar nicht den Rest der Ostergeschichte lesen. Ich wüsste, die Frauen des Ostermorgens finden einen neuen Weg oder besser gesagt: Ihnen eröffnet sich eine neue Perspektive wie ein Geschenk. In vielen beratenden Gesprächen geht es für mich darum, mit den Fragenden die Morgendämmerung zu suchen. Die Schwierigkeiten liegen oftmals nicht darin, diese zu finden, sondern sie wahrzunehmen. Was nützt es, wenn das Licht schon scheint, aber dein inneres Auge auf Dunkelheit ausgerichtet ist?
Mein österlicher Wunsch für dich: Mögest du in den Nächten deiner inneren Dunkelheit das Vertrauen bewahren, dass die Morgendämmerung für dich spürbar und sichtbar wird und du aufatmest und tief durchatmen kannst, wenn die ersten Sonnenstrahlen des Ostermorgens dich aufwecken. 

www.matthias-koenning.de

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